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Rathaus am Markt

Das Foto entstand  möglicherweise am 11. März 1934 aus Anlass der Eingliederung der Evangelischen Jugend in die Hitlerjugend.

Foto:
Stadtmuseum Naumburg

 

 

 

 








Markt

 

Kommunale Diktatur   Zusammenfassung

Gliederung
Details
Personen
Unter MackensenKZ LichtenburgZeitschel verhaftet
Repression und TerrorKPD schweigt (Polizei)Adolf-Hitler-Spende
SchutzhaftSo haben sie es gern!Beförderung
Reichstagswahlen 5. MärzSPD widersetzt sichStadtverordnete
StadtverordnetenwahlenKommunisten in HaftBürgermeister Roloff
Tag von Potsdam Der Jude ist schuld!Unbesoldete Stadträte
ErmächtigungsgesetzFaschismus gezüchtetSteuerausschuss
... läutern und stärkenMarxismus zertretenMagistratsmitglieder
Aufschwung KreistagHandwerksinnung
KonstituierungKongress abgebrochenPfarrer
Stadtverordnetenvers.Bücher verbrannt!Karl Forwergk
BürgermeisterwahlGemeindeverfassungHitlers Göttinger Rede
GemeindeordnungUnrecht durch ....Erich Dietze
Arbeitervereine verbotenVereine nationalOtto Wels  2
Parteien verbotenSPD-VerbotHausbesitzer und ...
Legalität der MachtAlle machen mitErnst Pinder
Macht und MoralAutoritäre ErziehungAlfred Pape
EintopfsonntagSelbstlügeGemeinderat
Kongressstadt?Preisgabe des ....Auswahl Mitglieder
Wahlen 1933 bis 1938Meckerer zur WacheStraßennamen

 

 

„Am 30. Januar 1933 bekam ich das Extrablatt mit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler auf dem Eis; die Proklamation der Regierung hörten wir abends nach 22 Uhr im Physiksaal am Radio.“ Zur Feier des Wahlsieges vom 5. März erhielten wir schulfrei. An diesem Tag wehte über dem Portal zum ersten Mal eine riesige Hakenkreuzfahne, erinnert sich der Pforta-Schüler G. Fliedner 1935.

Es ist der Anfang der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Reichspräsident Paul von Hindenburg (1847-1934) in der Rolle des Ersatzmonarchen ernennt an diesem Tag Adolf Hitler (1889-1945) zum Reichskanzler der Regierung der nationalen Konzentration.

 

Unter Mackensens Führung  nach oben

"Naumburger Tageblatt",
11./12. Februar 1933

Der "Wahlkampf um Deutschlands Schicksal, um Deutschlands Zukunft, um die Entscheidung am 5. März ist nun eröffnet", erklärt das Naumburger Tageblatt am 11./12. Februar 1933. "Der greise

Generalfeldmarschall von Mackensen"
übernimmt "in dieser Stunde noch einmal die Führung",

"um die Einigkeit im Kampfe und den siegreichen Ausgang zu verbürgen.

Die Führer der nationalen Front rufen über den Rundfunk das ganze Volk auf, der neuen Regierung Hitler-Papen-Hugenberg-Seldte in Einigkeit und Zuversicht zu folgen."

August von Mackensen

1849-1945

Was die Zeitung nicht sagt, der nach Hindenburg beliebteste Soldat Deutschlands ist ein Kriegsverbrecher. Wie sich nach der Liquidierung der SA-Führung am 30. Juni 1934 herausstellte, ein Mann ohne Haltung und Prinzipien gegenüber seinen Kameraden. Schon einmal, im Februar 1920, als die Diskussion über die Auslieferung der deutschen Kriegsverbrecher an Frankreich aufbrandete, bekam das lebende Soldatendenkmal Kratzer. Doch den Generalfeldmarschall mit dem freundlich zerknirschten Soldatengesicht in Husarenuniform braucht man für die militaristische Propaganda. Als Einziger neben Hindenburg besitzt er die Ehrenmitgliedschaft im Bund des Stahlhelms. "Der Stahlhelm und der Generalfeldmarschall von Mackensen verstehen sich einander, sind eines Sinnes und Willens in Trotz und Treue und Kameradschaft" (Feldmarschall 53), schreibt Franz Seldte, Gründer und I. Bundesführer des Stahlhelm. Wer seinen Verstand unverkümmert nutzen konnte, wusste, Unter Mackensen Führung ist nichts Gutes zu erwarten. Doch den meisten Naumburgern diktieren der Zeitgeist, die vaterländische Kriegsliteratur und deutschnationale Geschichtspropaganda das politische Urteil. Und so flogen dem auf einem Schimmel reitenden Husaren die Sympathien nur so zu.

 

 

Unterdrückung, Repression und Terror   nach oben

Hitler-Papen verbrauchen sich genauso schnell wie ihre Vorgänger, war eine damals in der Stadt öfter anzutreffende Meinung. Aus heutiger Sicht ist dies schwer verständlich. Denn die Massnahmen der neuen Regierung und Verwaltung, die jetzt folgen, unterscheiden sich grundsätzlich von den ihrer Vorgänger. Zügig konstituiert sich die kommunale Diktatur.

Am 22. Februar macht Hermann Göring 40 000 SA- und SS-Leute sowie 10 000 Stahlhelmleute zu Hilfspolizisten. Sondergerichte werden eingerichtet. Dann am 27. Februar 1933 der Reichstagsbrand. Für die NSDAP war es ein Aufstandsversuch der KPD, was den folgenden Terror rechtfertigen soll. Marinus van der Lubbe (1909-1934) und Ernst Torgler (1893-1963, KPD-Mitglied, 1949 Mitglied der SPD) werden als Brandstifter beschuldigt. Zuerst der Terror gegen die Kommunisten, dann das Verbot der Gewerkschaften und SPD. Schliesslich die Repression gegen die Widerspenstigen, die sich nicht in die Volksgemeinschaft integrieren wollen oder können.

Paul von Hindenburg erlässt am 28. Februar die Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat. Sie bestimmt: "Die Artikel 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153 der Verfassung des Deutschen Reiches werden bis auf weiteres außer Kraft gesetzt. Es sind daher Beschränkungen der persönlichen Freiheit, des Rechts der freien Meinungsäußerung [...] auch außerhalb der sonst hierfür bestimmten gesetzlichen Grenzen zulässig." Elementare rechtsstaatliche Sicherungen, wie die Vorführung des Verhafteten vor einen Richter, sind jetzt außer Kraft. Das Grundgesetz des Dritten Reiches dient der schrankenlosen Ausweitung der Instrumente der nationalsozialistischen Herrschaft. Oppositionelle, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und Kommunisten werden verhaftet, ihre Abgeordnetenmandate kassiert und Konten beschlagnahmt.

Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold wird am 7. März verboten.

Auf Grund es Paragraphen 1 der Verordnung des Reichspräsidenten vom 28. Februar 1933 ist die periodisch erscheinende Handzeitung der KPD Naumburgs "Rote wacht für die Dauer von acht Monaten verboten. "Wer hat die Verteiler geshehen?", fragt die Stadtzeitung in der Ausgabe am 4. März.

Es beginnt, wie es offiziell heißt, der

"Vernichtungskampf der geheimen Staatspolizei
gegen die Volksschädlinge".

Die Verhaftungswelle erreicht Naumburg. In Schutzhaft werden genommen:  nach oben

  • Doktor Artur Samter  1
    Parkstraße 21,
    (KPD), Rechtsanwalt, am 3. März 1933, Einlieferung in das Gefängnis Naumburg

  • Paul Reissweck  1
    Schulstraße 26 (1904-1918), Weissenfels Straße (1918-1952), Oststraße 11, Tischler, am 11. März 1933, Einlieferung in das Gefängnis Naumburg

  • Paul Zeitschel  1 2 3 4
    Große Neustraße 13, KPD, am 11. März 1933, Einlieferung in das Gefängnis Naumburg

  • Gustav Thate  1
    Marienplatz 17, Schmiedegeselle, KPD-Funktionär, Redner, am 11. März 1933, Einlieferung in das Gefängnis Naumburg angeordnet durch Hauptwachtmeister Blietz in Nebra, Freilassung am 22. März 1934 verfügt, aber Verlängerung der Haft

  • Karl Krause
    Jahrgang 1908, verhaftet am 21. März 1933, bis Dezember 1933 KZ Lichtenburg, dann Polizeiaufsicht

  • Fritz Burkhardt  1
    Kanalstraße 21, Wirker, Unterbezirksleiter der KPD, am 25. März 1933, angeordnet von Bürgermeister Roloff, Freilassung verfügt am 22. März 1934

  • Paul Noack  1
    Kleine Jakobsstraße 11, Arbeiter, Funktionär der KPD, organisierte illegalen Schriftenvertrieb, am 25. März 1933, angeordnet von Bürgermeister Roloff, Freilassung verfügt am 22. März 1934

  • Max Saupe
    Steinweg 25, Schuhmacher, KPD, Redner, am 25. März 1933, angeordnet von Bürgermeister Roloff, Freilassung verfügt am 22. März 1934

  • Adolf Schuster  1 2 3 4
    Altenburg, KPD, am 27. März 1933; angeordnet von Bürgermeister Roloff

  • Eugen Wallbaum  1 2 3 4 5
    Brunnengasse 9, Kaufmann, SPD, am 1. April 1933

    Am 3. April 1933 meldet das Naumburger Tageblatt die Verhaftung von Eugen Wallbaum und teilt weiter mit: "Am gleichen Abend wurde ein linksstehender Zettelverteiler verhaftet, der Handzettel verteilte, die sich gegen die Regierung Hitler richteten; eine gleich Verhaftung wurde heute Morgen vorgenommen. Weiter wurde ein in der Kl. Wenzelgasse wohnender Anhänger der Linksparteien, D., aus seiner Wohnung heraus verhaftet. Ausserdem wurden heute Morgen verschiedene Hausdurchsuchungen durch Polizeibeamte vorgenommen."

  • Felix Zeitschel 1 2   nach oben
    Gartenstraße 11 (20er Jahre), Gartenstraße 28 (30erJahre), Spechsart 60 (1946), KPD, am 6. April 1933 verhaftet. 
    Nach dem Krieg berichtet er darüber:

"Am 4. April fuhr ich mit Genossen Paul Müller per Rad in den Unterbezirk, übernehme die Beiträge zur Weiterführung der illegalen Arbeit. 5. April. Ich erhalte von zwei Genossen der Bezirksleitung Besuch. Ausweise, alles in Ordnung … Mein Auftrag, Fortführung der Partei war erfüllt, ich hatte nur das Gefühl einer Verhaftung. Wir trafen Vereinbarung für den 6. April Treffpunkt 9 Uhr auf dem Markt. Am gleichen Tage erhalte ich von dem Polizeimeister Helbig [eine] Vorladung für 9.00 Uhr zur Kriminalpolizei. Meine Frau geht mit. Genosse Meissner ist da ….

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Alfred Meissner, geboren am 6. April 1902 in Kasekirchen, Naumburg, Burgstraße 40, Volksschule, Landarbeiter, Arbeiter im Kohlebergbau in Mücheln (bei Zeitz), Bauarbeiter, Leuna-Arbeiter, arbeitslos von Mai 1931 bis März 1935, Mitglied des RGO und der KPD. Im Prozess gegen Georg Faber und Genossen vom 15. und 17. Juni 1935 im Schwurgerichtsgebäude Naumburg zu 3 Jahren und 6 Monaten Zuchthaus verurteilt. Strafbataillon 999, seit 20. Februar 1945 verschollen.

Siehe auch Erinnerungen der Ehefrau

 

Um 10.00 Uhr werde ich in Schutzhaft genommen, es wird mir vorgeworfen, die verbotene KPD weiter geführt zu haben. ... In der Haftzelle stand Genosse Müller, er war bereits am 4. April in Haft genommen, eine Vernehmung hatte nicht stattgefunden."  nach oben

 

"Am Mittwoch wird in der Nähe von Dachau das 1. Konzentrationslager mit einem Fassungsvermögen für 5 000 Menschen errichtet werden. Hier werden die gesamten kommunistischen und soweit ... notwendig ist, Reichsbanner- und sozialdemokratischen Funktionäre, die die Sicherheit des Staates gefährden, zusammengezogen, da es auf die Dauer nicht möglich ist ... diese Funktionäre in den Gerichtsgefängnissen unterzubringen ..."

Völkischer Beobachter,
21. März 1933

 

"Dreißig Kommunisten in Naumburg in Schutzhaft",

meldet die Stadtzeitung am 17. März 1933. Sie wurden aus der Schutzhaft der Merseburger Polizei in das Naumburger Gerichtsgefängnis überführt.

Am gleichen Tag verkündet der Oberbürgermeister öffentlich das Verbot für den Druck, die Herstellung, Verbreitung oder Einführung kommunistischen Schriften aller Art.

In Berlin besetzt die SA in Berlin die Zentrale des Deutschen Freidenker-Verbandes (Verbandsverbot und Vermögenseinzug).

Auf der Burg Hohnstein in der Sächsischen Schweiz werden, meldet das Naumburger Tageblatt am 21. März 1933, 150 politische Gefangene interniert. Es ist die (erste?) Nachricht über die Einrichtung eines der frühen Konzentrationslager.  nach oben

Bürgermeister Karl Roloff triumphiert in der Festschrift zur 4. Reichsführertagung des Stahlhelm-Studentenrings Langemarck vom 8. bis 11. Juni 1933 in Naumburg über die verhassten Linken:

"Der Marxismus liegt zerschmettert am Boden. Stolz flattern die alten sieggekrönten schwarz-weiß-roten Fahnen neben den Hakenkreuzfahnen. Die innere Befreiung ist erreicht."

Polizeiobermeister Weißenborn von der Ortspolizeibehörde Naumburg meldet am 7. Juli 1933 an den Oberbürgermeister:

"Die Führer der KPD befinden sich noch weiterhin in Schutzhaft. Von einer Straßentätigkeit ist nichts zu bemerken. Die Bezirksbeamten sind angewiesen, irgendwelche Wahrnehmungen sofort schriftlich zu melden."

Am 20. November 1933 erstattet er wieder Bericht:

"Die KPD ist ganz zum Schweigen gekommen. Die örtlichen Führer befinden sich noch weiter in Schutzhaft. Von einer Straßentätigkeit ist nichts wahrgenommen worden." nach oben

Nun konnten die Parteigenossen endlich wieder ihren gemütlichen Schulungsabenden mit NSDAP Ortsgruppenführer Curt Schröter im Goldenen Hufeisen (Marienstraße) ungestört entgegensehen. Nun aber ohne die Raufereien mit dem Reichsbanner und den Kommunisten und der Antifa …  nach oben

All die schönen Erfolge bei der Verfolgung der Hitler-Gegner können über die eben für 621,34 Reichsmark installierte Lautsprecheranlage auf dem Markt hinausposaunt werden.

In den Tagen der nationalen Revolution erklimmt der irrationale, militante Antikommunismus und -sozialismus bisher unerreichte Höhen. Die politischen und moralischen Implikationen spricht Vollrad Hagen (geboren 1874), seit 1919 Direktor des Landgerichts Naumburg, im Schwurgerichtsgebäude von Naumburg aus Anlass des Führer-Geburtstages 1933 klar aus:

"Da ist nun ein Mann gekommen, unser neuer Reichskanzler Adolf Hitler, der mit eiserner Faust dieses Lügengebäude zusammengeschlagen hat. Er hat uns von dieser

roten Pest

befreit, die uns wirtschaftlich an den Rand des Abgrunds gebracht hat. Er hat durch sein

rücksichtloses Zupacken

uns noch im letzten Augenblicke

vor dem Bolschewismus

bewahrt, der drauf und dran war, uns russische Zustände zu bescheren. Hitler ist es, der uns wieder die Reinlichkeit in unseren gesamten Staats- und Privatbetrieb gebracht hat, bei der Korruption rücksichtslos zu Leibe geht, der uns auch befreit von der

unglaublichen Ueberfremdung

des deutschen Volkes durch fremdrassige Einwanderer. Wir Deutschen haben diesem Manne ganz ausserordentliches zu verdanken. Endlich kann man sich wieder mit Stolz Deutscher nennen." (Potsdam 1933)

Die moralische Lehre zur Rechtfertigung von Repression und Unterdrückung lautet: Vor dem Bolschewismus und der unglaublichen Überfremdung des deutschen Volkes durch fremdrassige Einwanderer rettet uns nur das rücksichtlose Zupacken gegen die rote Pest und die Volksschädlinge.

Auf Schloss Neu-Augustusburg Weißenfels, 15 Kilometer nordöstlich von Naumburg gelegen, richten die Nationalsozialisten ab 4. März 1933 ein Konzentrationslager für Schutzhafthäftlinge ein. Tätigkeit, Aufgabe und Schliessung des Gefangenensammellagers Weißenfels erforschte Ramona Ehret (2003, 2005, 2013). In der ehemaligen Residenz des sächsischen Herzogs von Sachsen-Weissenfels werden Kommunisten, Sozialdemokraten, Stadtverordnete, Mitglieder des Reichsbanners und Unterstützer der Roten Hilfe aus Zeitz, Merseburg und Weißenfels und interniert. Am 21. April 1933 waren hier bereits 85 Männer aus der Stadt und dem Landkreis Weissenfels interniert. (Ehret 2003, 243)

Max Benkwitz (1889-1972) aus Zeitz schildert 1972 (35-37) die Haftbedingungen. Albert Bergholz (Zeitz) erzählt von Misshandlungen. Am 12. August 1933 wird das Lager geschlossen und die Häftlinge in das KZ-Lichtenburg bei Prettin verfrachtet, worüber Felix Zeitschel (Naumburg) berichtet.

 

 

„Schon bald nach dem 30. Januar 1933 war auch das Strafgefängnis Halle durch die zusätzliche Belegung mit „Schutzhaft“-Gefangenen überfüllt. Diese Häftlinge wurden ab Ende Juni 1933 in das KZ Lichtenburg in Prettin gebracht. In der Folgezeit blieb der Rote Ochse praktisch ständig überbelegt. Zunächst verfolgte die NS-Justiz konsequent alle politischen Gegner des Regimes und verurteilte sie zu hohen Haftstrafen. Nachdem der politische Widerstand gegen das NS-Regime weitgehend zerschlagen war, führten die Verschärfung des Strafrechts, die Einführung rassistischer Gesetze und die harte Bestrafung von Bagatelldelikten währen des Krieges zu einer Unmenge an Verurteilungen zu hohen Haftstrafen und zunehmend Todesstrafen.“ (Jacobs M. A. 33)

„Das abgelegene, leer stehende Gebäude mit seiner ungenutzten Gefängniseinrichtung bot den Nationalsozialisten ideale Möglichkeiten, um hier im Mai 1933 eines der frühen Konzentrationslager einzurichten. In der Zeit zwischen dem Reichstagsbrand am 27./28. Februar 1933 und April 1933 verhafteten die Nationalsozialisten, ihre SA war zur Hilfspolizei ernannt worden, mehr als 50.000 ihrer politischen Gegner. Diese Schutzhaft führte über eilig eingerichtete Folterstätten in SA-Sturmlokalen und anderen Gebäuden in die ersten Konzentrationslager des Dritten Reiches. Eines dieser Lager war Schloss Lichtenburg in Prettin [siehe Bild].“ (Ebenda 44)

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Das System der Unterdrückung funktioniert. Die Konzentrationslager sind überlastet. Es droht die Überinanspruchnahme der zuständigen Dienststellen durch Schreibarbeit. Deshalb ist die erforderliche Bewegungsfreiheit der Polizeibehörden gefährdet, stellt der Preußische Innenminister am 19. September 1933 fest. nach oben

 

Brief des Regierungspräsidenten
an die Landräte
und Oberbürgermeister - 1934

„Ich ermächtige ausnahmsweise Gemeindepolizeiver-waltungen, Beförderung von Gemeindepolizei-vollzugsbeamten, die sich um die nationalsozialistische Revolution besonders verdient gemacht haben nach Maßgabe freier und Min. Rd. Erlass vom 14.8.1933 …, zulässiger Stellen zum 20. ds. Mts. vorzunehmen.“

(Funkspruch 17.4.1934)

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Für die Ausführung unrechtmäßiger und repressiver Maßnahmen erhalten die Diener des nationalsozialistischen Staates eine Belohnung. "Gemeindepolizeivollzugsbeamten, die sich um die nationalsozialistische Revolution besonders verdient gemacht haben" können, instruiert der Regierungspräsident die Landräte und Oberbürgermeister im Brief vom April 1934, befördert werden. Es lohnt sich das Mittun bei der Unterdrückung der politischen Opposition.

1929 umfasst die uniformierte OPB (Ortspolizeibehörde) 29 Beamtenstellen. Sie gliedert sich in die Aufgabenbereiche Vollzugspolizei mit Polizeioberkommissar Mollenhauer, Polizeisekretariat (Strafverfolgung, Kraftfahrzeug-Angelegenheiten, Gewerbepolizei), Einwohnermeldeamt, die Verwaltungspolizei und Kriminalpolizei (Strafgefängnis, Waffenschein, Überwachung). Dazu kommen 6 Beamtenstellen für die Kriminalpolizei.

Am 26. April 1933 wird das Gesetz über die Errichtung des Geheimen Staatspolizeiamtes (Gestapo) erlassen. In Preußen heisst sie Gestapa, Geheime Staatspolizeiamt. Aus den Landeskriminalstellen im Regierungsbezirk entstehen Stapa Stellen. Die Staatspolizeistelle für den Regierungsbezirk Merseburg (Halle, Merseburg, Naumburg, Weißenfels, Wittenberg-Lutherstadt, Zeitz) nimmt ihren Sitz in Halle (Saale). In Weissenfels, Bitterfeld und Merseburg entstehen Aussenstellen. Es sind Organe des Nationalsozialistischen Staates zu brutalen Unterdrückung und Repression der politischen Opposition.

 

Gesetz über die Geheime Staatspolizei 10. Februar 1936

§1
Das Staatsministerium hat das folgende Gesetz beschlossen: § 1. (1) Die Geheime Staatspolizei hat die Aufgabe, alle staatsgefährlichen Bestrebungen im gesamten Staatsgebiet zu erforschen und zu bekämpfen, das Ergebnis der Erhebungen zu sammeln und auszuwerten, die Staatsregierung zu unterrichten und die übrigen Behörden über wichtige Feststellungen auf dem Laufenden zu halten und mit Anregungen zu versehen. Welche Geschäfte im Einzelnen auf die Geheime Staatspolizei übergehen, bestimmt der Chef der Geheimen Staatspolizei im Einvernehmen mit dem Minister des Innern.
…..

Berlin, den 10. Februar 1936.
Der Preußische Ministerpräsident, gezeichnet Göring


Mit dem Gesetz über die Geheime Staatspolizei vom 10. Februar 1936 ändern sich die Aufgaben der Ortspolizeibehörde. Der stellvertretende Chef der Preußischen Geheimen Staatspolizei teilt dazu am 9. März 1936 mit:

"Durch das Gesetz … ist klargestellt, daß die Aufgaben der Geheimen Staatspolizei in der Zentralinstanz von dem Geheimen Staatspolizeiamt, in der Mittelinstanz von den Staatspolizeistellen und in der unteren Instanz von den Kreis- und Ortspolizeibehörden als Hilfsorgane der Staatspolizeistellen wahrzunehmen sind. Nach § 7 a. a. O. unterliegen Verfügungen in Angelegenheiten der Geheimen Staatspolizei nicht der Nachprüfung durch die Verwaltungsgerichte." (Gestapo 1936)

Die Ortspolizeibehörde nimmt damit Stapo-Aufgaben wahr. Sie erfüllt nicht nur eine ordnungspolitische und repressive Funktion. Sie betätigt sich ebenso als Integrationshelfer für das System.

 

 

Die Wahlen vom 5. März  nach oben

Am 5. März 1933 finden die Wahlen zum Reichstag statt. Die Propaganda nennt ihn den Tag der erwachenden Nation. Am Vorabend marschieren SA, SS-Standarte 4, Schulklassen und viele andere zur Kundgebung auf. Tausende stehen auf dem Markt in Reih und Glied. Von 20.30 bis 21.30 Uhr brüllen Lautsprecher die Kampfrede von Adolf Hitler gegen den Marxismus und seine Helfershelfer aus Königsberg in die Menge. Zum Abschluss auf Kommando ein dreifaches Sieg-Heil und das absingen des Horst-Wessel-Liedes. Dann kriecht aus der Menge ein Fackelzug durch die Stadt. Am Jägerdenkmal legt eine Abordnung einen Kranz zu Ehren der Toten des Ersten Weltkrieges nieder.

Am Morgen des Wahltages marschieren die Kapelle des Stahlhelms und ein Trommelkorps mit Musik durch die Stadt. Die Mitglieder der nationalen Verbände gehen in feldgrauer Uniform oder im Braunhemd zur Wahl. An den Eingängen der Wahllokale postierte man ausgesuchte Personen. Mittags spielt die Stahlhelmkapelle zum Platzkonzert auf. Nebenher schleppen Stahlhelm- und SA-Leute die Wahlmüden an die Urne.

Im Reich votieren 43,9 Prozent der Wähler für die NSDAP. Sie koaliert mit der Deutschnationalen Volkspartei. Von den ersten dreizehn Ministern in Hitler-Kabinett sind lediglich drei Mitglieder der NSDAP. Für die Wahlsieger ist es der Durchbruch der nationalen Revolution und eine Revanche für 1918. Schnell wird die ungeliebte Republik demontiert. Das Naumburger Tageblatt jubelt über die "Wendung in Deutschlands Geschichte".

 

 

Wahlen zum Reichstag am 5. März 1933 und
der
Stadtverordneten am 12. März 1933

- Naumburg (Saale) -

 

 
Reichstagswahl
Stadtverordnetenwahl
 
Naumburg
Reich
Naumburg
1929
 
Stimmen
Prozent
Prozent
Stimmen
Prozent
Prozent

NSDAP

8 927
44,7
43,9
6 124
37,0
14,7

SPD

2 369
11,9
18,3
2 083
12,6
15,6

KdgM

   
1 453
8,8
 

KPD

2 489
12,5
12,3
1 654
10,0
11,4

DNVP / KSWR

5 342
26,8
8,0
3 927
23,7
18,6

DVP

336
1,7
1,1
   

DStP

153
0,7
0,9
   

Christl-Soz.

36
0,2
    

Bauernpartei

13
     

Dt. Hann. Partei

0
     

Haus- u. Grund.

   
1 263
7,6
10,8

Wehrwolf

   
59
0,4
 

Andere

  
2,7
  
28,9*

Zentrum

302
1,5
11,3
   

Gesamt

19 967
100
 
16 563
100
  
 
Wahlbeteiligung 79,4 %


* Darunter Wirtschaftspartei mit 12,9 Prozent und Bürgerliche Arbeitsgemeinschaft mit 9,1 Prozent

Erklärung der Abkürzungen:
KdgM - Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes
KSWR - Kampffront Schwarz-Weiss-Rot

 

 

Im Stadtkreis Naumburg triumphiert die NSDAP mit 44,7 Prozent der abgegebenen Stimmen über alle anderen Parteien. Für den nationalsozialistisch-deutschnationalen Machtblock (NSDAP/DNVP) votieren gar 71,5 Prozent. Bei den Stadtverordnetenwahlen am 12. März sind es 60,7 Prozent.

Bei den Wahlen zum Reichstag am 5. März und der Stadtverordneten am 12. März werden die Mitglieder und Sympathisanten der Arbeiterparteien durch Massnahmen der Regierung (Verhaftungen), symbolische Drohungen und unterschwellige Schikanen bei der Ausübung ihres Wahlrechts behindert. Die Stadtzeitung, das Naumburger Tageblatt, kündigt am 1. März 1933 auf der ersten Seite Die Zwangsmassmaßnahmen gegen die rote Gefahr an. Einen Tag vor den Reichstagswahlen finden politisch begründete Hausdurchsuchungen statt. Um die Wahllokale halten sich kleine SA-Trupps auf. Einen Tag vor der Stadtverordnetenwahl verhaftet die Polizei in der Stadt Artur Samter (KPD), Paul Reiszweck (KPD) und Paul Zeitschel (KPD). Das waren keine Kriminellen. Es sind entschiedene Gegner des Nationalsozialismus. Was ist das für ein Signal in einer Kleinstadt, wenn am Vortag der Wahl politische Gegner der Regierungspartei verhaftet werden? Sind das freie Wahlen? "Zum ersten Male war von der Agitation der Linken nichts zu sehen", registriert ein veröffentlichter Wahlbericht. Hingegen verfügt der nationalsozialistisch-deutschnationale Machtblock über vorzügliche Bedingungen. Symbolisch dafür überall die Fahnen mit Hakenkreuz und in den Reichsfarben Schwarz-weiss-rot an den Fenstern. Faire und gleiche Bedingungen der Wahl waren nicht gegeben. Die streng nationale Familie dominiert die politische Stimmung, und sei es mit Gewalt, der Verhaftung politischer Gegener.

 

Stadtverordnetenwahlen vom 12. März  nach oben

Faktisch kündigt Adolf Hitler am 21. Juli 1932 in der Göttinger Rede, wenn die NSDAP die Macht erhält, die Zerstörung des Mehrparteiensystems an. Horcht man in die Wahlversammlungen, Reden und Diskussionen in Vorbereitung der Reichstagswahlen am 5. März und der Stadtverordnetenwahlen am 12. März hinein, so scheint die bevorstehende Wende von der Demokratie zur Diktatur niemanden zu interessieren.

Der langjährige Vorsitzende des Naumburger Haus- und Grundbesitzervereins, Papierhändler Karl Becker, eröffnet am 8. März im Großen Ratskellersaal die Kundgebung zur Vorbereitung der Stadtratswahlen. Als Referent ist der Syndikus des Provinzialverbandes der Grundbesitzervereine Bürgermeister Gerber bestellt. Für ihn sind die Wahlen von "allergrösstem Interesse", weil es um die Wiedererlangung der Selbstverwaltung geht. Vor dem Krieg bestand das Stadtparlament wenigstens zur Hälfte aus Hausbesitzern. Die neue Zeit brachte die Aufhebung dieser Vorschriften und damit begann der Schwund in der Gemeindefinanzierung. Die neuen Herren im Stadtparlament waren sehr bewilligungsfreudig. "Das Bezahlen überließen sie anderen." "Die Not im Hausbesitz ist sprichwörtlich geworden. Der Hausbesitz ist ausgepresst bis aufs letzte. Und damit ist ein Auftraggeber für das Baugewerbe ausgeschaltet worden ...." " … der Hausbesitz ist und bleibt das Rückgrat der Städte und Gemeinden."

Am 10. März befasst sich im Hotel Zur Post der Mittelstand mit der "Bekämpfung der jüdisch-liberalistisch-kapitalistischen Weltanschauung". Seine Protagonisten fordern: "Allerschärfsten Kampf gegen die Warenhäuser", "höhere Besteuerung jüdischer Geschäfte". "Die Beamten" sollen bei der Auftragserteilung "nur die Geschäftswelt am Orte berücksichtigen"

Niemanden scheint in diesen Tagen die Stabilität der demokratischen Ordnung umzutreiben. Und die Deutschnationalen schon gar nicht, obwohl sie vor dem Bürger Ruhe und Ordnung, Recht und Gesetz immer hochhalten. Drei Tage vor der Stadtverordnetenwahl treffen sie im Ratskellersaal mit den Vertretern der Kampffront Schwarz-Weiss-Rot zu einer Bürgerversammlung zusammen. Eine gute Gelegenheit die antidemokratischen und monarchistischen Sottisen vorzuführen. Sogleich beginnt der Vorsitzende der DNVP-Ortsgruppe Doktor Wolfgang Schöbel mit dem Gedenken an den 45. Todestag von Kaiser Wilhelm I.. Alle erheben sich von den Plätzen. Dann diskutiert man weiter, völlig unberührt von den aktuellen politischen Gefahren.

Vorliegende Berichte über die politischen Versammlungen im Februar / März 1933 in Naumburg sind natürlich unvollständig und inhaltlich oft als problematisch einzuschätzen. Es fehlen für diesen Zeitraum besonders detaillierte Äusserungen von SPD-Genossen. Deshalb muss man die Urteile, die man daraus ableitet, unbedingt kritisch hinterfragen. Trotz dieser erheblichen methodischen Einschränkungen, kann man sich dem Eindruck nicht entziehen, dass die Gefahren für die Demokratie im öffentlichen Bewusstesin keine Rolle spielen.

Detaillierte Darstellung der Ergebnisse
siehe Tabelle oben (Wahlen zum Reichstag am 5. März 1933 und der Stadtverordneten am 12. März 1933)

Die Nationalsozialisten gewinnen die Stadtverordnetenwahl. Für sie entscheiden sich 6 124 (37 %) Bürger. Vor vier Jahren waren es noch 2 185 Stimmen. Ein "Großer Regierungssieg", kommentiert das Naumburger Tageblatt. SPD und KPD erhalten 12,6 beziehungsweise 10,0 Prozent. Das sind 226 Stimmen weniger als 1929. Für die Kampfront Schwarz-Weiss-Rot, ein Wahlbündnis von Deutschnationaler Volkspartei (DNVP), Stahlhelm und Landbund, votieren 3 927 Bürger. 23,7 Prozent bestätigen die Erwartungen. Stahlhelm und DNVP sind die großen Meinungsbildner in Naumburg. Bemerkenswert, aber für keinesfalls überraschend, ist das Ergebnis der Wählervereinigung Haus- und Grundbesitzer. Ihnen sind 1 263 Bürger politisch zugeneigt. Am 29. März 1933 beginnt in dem seit etwa 40 Jahren bestehenden Haus- und Grundbesitzerverein in der Gaststätte zur "Post" der Personalaustausch nach NSDAP Vorgaben (oder Diktat ?: Sattlermeister Schröter, Eisenhändler Forwergk, Reichsbahnbeamter Krüger, Kaufmann Allstedt). Die Erschliessung des Wählerreservoirs von Stahlhelm, Landbund und Hausbesitzerverein folgt einen strategischen Plan der NSDAP. Dr. Hans Fabricius (1891-1945), Mitglied des Reichstages, referierte am 22. Juli 1932 für die NSDAP im Ratskeller zu Naumburg über die Stellung zur Hausbesitzerfrage und zum Berufsbeamtentum. Die Ankündigung war mit dem freundlichen Satz versehen: "Wir laden auch die deutschnationalen Hausbesitzer hiermit besonders ein."

Gesellschaftliche Moral deformiert. Rassismus im Vormarsch. Judenfeindlichkeit akzeptiert. Rechtsbewusstsein verkrüppelt. Rachegelüste interiosiert. Antisozialismus hochgepeitscht. Das ist die Lage. Und deshalb sind die 12,6 Prozent der SPD und die 10 Prozent der KPD ein formidables Wahlergebnis. Unter den Bedingungen eines fairen politischen Wettbewerb hätten sie vielleicht ein etwas besseres Ergebnis erreicht. Aber eine politische Wende gewiss nicht.

 

 

Die 30 Stadtverordneten von Naumburg
Stand: 13. März 1933 und 6. April 1933  
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NSDAP
(1) Friedrich Uebelhoer, Oberleutnant a. D.,
Buchholzstraße 48
(2) Georg Schmidt, Kaufmann, Dechants Grund 3
(3) Otto Lehmann, Buchhalter,
Bergstraße 11
(4) Robert Leonhardt, Schlosser, Oststraße 35
(5) Max Richter, Postamtmann, Pfortastraße 39
(6) Ernst Flachsbarth, Rechtsanwalt,
Luisenstrasse 14
(7) Alfred Goldschmidt, Koch, Steinweg 15
(8) Walter Schmöller, Postschaffner, Linsenberg 21
(9) Hermann Wohlleben, Arbeiter, Blumenstraße 15
(10) Kurt Müller, Kaufmann,
Weissenfelserstrasse 43

(11) Ernst Rudloff, Wachtmeister
(12) Rudolf Müller, Reichsbahnassistent,
Unterm Georgenberg 3

Lehmann, Flachsbarth und Kurt Müller
verzichten Ende März auf ihr Mandat.

An ihre Stelle treten:
Roland Langermann, Zeichenlehrer, Mägdestieg 8
Paul Gotter, Buchhalter, Große Jakobsstraße 31
Georg Gerhardt, Schlosser, Kallische Straße 23

SPD
(1) Otto Grunert, Tischler, Steinweg 14
(2) Wilhelm Schwencke, Schriftsetzer, Lindenhof 3
(3) Gottfried Rublack, Gewerkschaftssekretär,
Siedlungsstraße 35
(4) Friedrich Blüthgen, Lehrer, Lützowstraße 17

Kampffront Schwarz-Weiss-Rot
(1) Moritz Starke, Landwirt, Weißenfelser Str. 14
(2) Dr. Martin Grüneisen, Arzt, Wenzelsring 8
(3) Karl Wehner, Böttcherobermeister, Wendenplan 8
(4) Dr. Herbert Burkhardt, Rechtsanwalt, Claudiusstraße 8
(5) Ernst Hochstein, Kaufmann,Burgstraße 58
(6) Gustav Wenzel, Architekt, Jägerstraße 12/14
(7) Georg Günther, Studienrat, Kaiser-Wilhelm-Platz 4

Haus- und Grundbesitz
(1) Julius Eix, Ingenieur, Burgstraße 28
(2) Fritz Hagemann, Kaufmann, Jägerplatz 16

Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes
(1) Martin Schmidt, Kaufmann, Lindenring 13
(2) Kurt Dassler, Drogerist, Engelgasse 11

Kurt Dassler nimmt sein Mandat nicht an.
An seine Stelle tritt:
Erich Dietze, Rechtsanwalt, Jacobsring 2.

Kommunistische Partei Deutschlands
(1) Paul Zeitschel, Bildhauer, Große Neustraße 16
(2) Franz Neubert, Schriftsetzer, Windmühlenstraße 6
(3) Dr. Artur Samter, Rechtsanwalt, Parkstraße 21

Die Kommunisten werden von der Teilnahme
am Stadtparlament ausgeschlossen.

Quelle: Amtliche Bekanntmachung.
Amtliches Ergebnis der Stadtverordnetenwahl.
Naumburg, den 30. März 1933. Der Magistrat.


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Weg mit den Kommunisten

Bereits Anfang März rechnet man in Preußen mit einer Anordnung "nach der die Kommunisten nicht nur aus dem Landtag, sondern auch aus den Provinziallandtagen, Kreistagen, Stadtverordnetenversammlungen und Gemeindeversammlungen ausgeschlossen werden." Am 18. März erreicht die Stadtverwaltung Naumburg die Ankündigung von Reichsinnenminister Frick: Keine Kommunisten mehr in deutschen Parlamenten. Den Hintergrund für die politische Begründung lieferte der Reichstagsbrandprozess vom 27. / 28. Februar 1933. Die Kommunisten, das ist jetzt öffentliche Meinung, zerstören die gesellschaftliche Ordnung. Also, weg mit ihnen. Hingegen stellte Heinrich Hacker, NSDAP-Fraktionsführer in der Stadtverordnetenversammlung von Naumburg, offenbar keine Gefahr für die Bürger dar, wenn er am 25. April 1930 öffentlich ankündigte: "Wir wollen die Judenknechte nur an den Baum hängen und Schwenke [SPD, Naumburg] und Wallbaum [SPD, Naumburg] als abschreckendes Beispiel für die andern als Erste dazu verwenden." Und Paul Hinkler aus Freyburg (Unstrut), ehemaliger Gauleiter der NSDAP, durfte in seiner Wut über den Widerstand des Naumburger Reichsbanners im Schützenhaus von Freyburg (Unstrut) zum Schutz ihrer eigenen Versammlung am 10. April 1932 ungestraft ausrufen: "Die Kerle schlagen wir noch tot, die hängen wir noch auf."

Jedenfalls dürfen die drei Abgeordneten der KPD ihr durch Wahl vom 12. März 1933 erteiltes Mandat nicht wahrnehmen. Es ist eine Missachtung des Wählerwillens und demokratischer Regeln. Damit verliert die Stadtverordnetenversammlung ihre demokratische Legitimation.

Den sozialdemokratischen Stadtrat Otto Grunert (Tischler, Steinweg 14) beurlaubt Bürgermeister Karl Roloff bereits am 28. März 1933. Aber in der Stadtverordnetenversammlung am 11. Mai tritt er erneut in Erscheinung.

 

 

Heldengedenktag


 

Friedrich Uebelhoer
(1893-1950) um 1934

Zum Heldengedenktag am 16. März schliesst sich die NSDAP der Kreisgruppe des Stahlhelms Naumburg Stadt zur Kranzniederlegung auf dem neuen Friedhof an. Treffpunkt ist der Holzmarkt. Friedrich Uebelhoer hebt zur Rede an:

" … und 14 Jahre haben wir gekämpft, um den Marxismus zu zertreten und unser Volk freizumachen. Heute läuten die Siegesglocken über ganz Deutschland ..."  nach oben

 


Der Tag von Potsdam
als deutsche Einigung (Mackensen)  nach oben



"Im Domgymnasium versammeln sich die Schüler und Lehrer, um gemeinsam die Rundfunküber-tragung aus Potsdam zu hören. Der stellvertretende Direktor Studienrat Dr. Hedicke sprach eindrucksvolle Worte zur Eröffnung der Feier."

(Domschule 1933)

 

Eine ungestüme Begeisterung entfacht bei den Naumburgern die feierliche Eröffnung des Reichstages am 21. März in der Garnisonskirche Potsdam, als die letzten Schranken zwischen den Nationalsozialisten und Deutschnationalen fallen. Ein Triumph der nationalen Revolution. Aus Freude veranstalten sie am Abend durch die geschmückten Strassen einen grossen Fackelumzug mit: NSDAP, SA, SS, Hitlerjugend, Stahlhelm (Kreisgruppe), Jungstahlhelm, Jungmarine, Pfadfinder, Kolonialgruppe Rochus Schmidt, Kolonialmädchengruppe Hedwig von Wissmann, Scharnhorstbund, Turnerschaft, Schüler und Schülerinnen des Städtischen Reform-Realgymnasiums, Landesschule Pforte und Bund deutscher Jungmannen. Auf dem Markt angekommen, verstummen die deftigen Märsche der NSDAP-, Stahlhelm- und Bergkapelle Zeitz. Vier- bis fünftausend Menschen nehmen Aufstellung. Schon längst hatten der Stahlhelm, Wehrwolf, SA, Hitlerjugend und Kampfbünde mit diesen Ritualen den politischen Raum für die nationale Erhebung präpariert. "Wir dürfen es sagen: Wir haben im Dritten Reich, im nationalsozialistischen Staat, uns nicht umzustellen brauchen", stellt der Direktor der Städtischen Oberschule für Jungen (ab 1937 Walter-Flex-Schule) Heinrich Lemcke bei der Verabschiedung der Schulabgänger in der Aula am 8. April 1933 fest. Unsere "Feiern, auf die wir immer großes Gewicht gelegt haben, legen davon Zeugnis ab; ihr Geist konnte derselbe bleiben, der er auch in schwerster Notzeit unseres Volkes und Staates immer gewesen war, der Geist der bedingungslosen Hingabe und Opferbereitschaft für Volk und Vaterland." (Walter-Flex-Schule 34) Zeichenlehrer Robert Langermann vom Reformrealgymnasium führt das autosuggestive Zeremoniell mit einem Feuerspruch fort:

"Wir bitten, dass uns der Allmächtige den Sieg des Wollens gebe und die Liebe zur Heimat von neuem. Hebe deine Hände schützend über den greisen Führer unseres Vaterlandes, schütze unseren Führer, den jungen Reichskanzler, schütze sein Leben, bis es vollbracht. Siegend führ uns dein Ruf bis in den Tod, gib uns zum Sieg auch die Kraft, die uns ein neues Deutschland schafft, bis du dein heiliges Amen unter den Sieg gesetzt."

Dann spricht Lehrer Knehans aus Wethau über den Geist von Potsdam. Kamerad Loewe vom Stahlhelm [12] stösst ein Hurra auf Hindenburg aus. Großer Zapfenstreich und das Gebet Ich bete an die Macht der Liebe. Nach dem Singen des ersten und vierten Verses vom Deutschlandlied zieht der Tross geordnet in Richtung Vogelwiese, um sich dort aufzulösen. Anschliessend treffen sich im Schwarzen Ross die Protagonisten und Anhänger der streng nationalen Familie zum Siegestrunk.

Zu den Provinzial- und Stadtverordnetenwahl 1929 versprach die NSDAP-Ortsgruppe unter anderen die Beseitigung der Arbeitslosigkeit, Schutz der Inflationsgeschädigten und Verbesserung der Lebenslage der Sozial- und Kleinrentner. Viele glauben nun, dass mit der "Wiedergewinnung" der "neuen deutschen Einheit" (Hitler) ihre Hoffnungen in Erfüllung gehen.

 

 

NSDAP-Kreisparteitag

Am Sonntag, den 19. März 1933 finden sich die Mitglieder der NSDAP zum Kreisparteitag im Saal des Ratskellers ein. Zuvor hält Pfarrer Korn (NSDAP) aus Gröst für sie in der Garnisonskirche St. Othmar den Gottesdienst ab. Er beschreibt die Lage als nationale Revolution, die bis zum erfolgreichen Ende fortgeführt werden muss. Es folgt ein Propagandamarsch durch die Michaelisstraße und Neuengüter, weiter über den Markgrafenweg hin zum Jägerdenkmal (Bergstraße). Hier hält Kreisleiter Friedrich Uebelhoer eine Ansprache.

 

 

Ermächtigungsgesetz  nach oben

Die Annahme des Ermächtigungsgesetzes durch den Deutschen Reichstag am 23. März 1933 öffnet den Weg zur Diktatur. Denn damit kann Hitler nun, zunächst begrenzt auf vier Jahre, ohne Mitwirkung des Reichstages Gesetze erlassen. Mit ihren 93 anwesenden Abgeordneten stimmt die SPD-Fraktion gegen das Ermächtigungsgesetz. Zehn SPD-Reichstagsabgeordnete sind bereits inhaftiert. Die 81 Abgeordneten der Kommunistischen Partei Deutschlands sind zur Abstimmung nicht zugelassen. Ihre Mandate sind mit der Reichstagsbrand-Verordnung annulliert worden. Der Sündenfall der deutschen Demokratiegeschichte. Ein Schock, der im politischen Selbstbewusstsein der Deutschen bis heute nicht verwunden ist. Die bürgerlichen Parteien stimmen dem Gesetz zu. Darunter Doktor Reinhold Maier (1889-1971), nach 1945 Landespräsident von Baden-Württemberg, Theodor Heuss (1884-1963), später Bundespräsident, Doktor Michael Horlacher (1888-1957), nach 1945 Landtagspräsident in Bayern, oder Ernst Lemmer (1898-1970), ab 1952 Mitglied des Bundestages.

 

Ausschnitt aus der
Ansprache von Otto Wels (1873-1939)
vor dem Reichstag am 24. März 1924

hier hören
1:06 Minuten (mp3)

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Allein der sozialistische Oppositionsführer Otto Wels (SPD) erhebt gegen das Ermächtigungsgesetz seine Stimme.

Weder mit dem Ermächtigungsgesetz, noch später mit dem Verbot der Parteien bricht in der Stadt eine Protestwelle los. Kein Murren, kein Knurren. Stattdessen eine Welle deutschnationaler Euphorie. Aus stadtgeschichtlicher Sicht zeigt sich überhaupt nichts Geheimnisvolles. Sahen wir doch wie Wehrwolf, Stahlhelm, die militanten Deutschnationalen um Georg schiele und die NSDAP-Ortsgruppe Antisemitismus schürten, das Revanchedenken einübten, den Kampf gegen die (Parteien-) Demokratie führten, das Führerprinzip verherrlichten und einen neurotischen Antisozialismus und -kommunismus huldigten. Die politische Katastrophe nimmt Fahrt auf.

 

 

Naumburger Haus- und Grundbesitzerverein  nach oben

Einen Wendepunkt der vierzigjährigen Geschichte des Naumburger Haus- und Grundbesitzervereins markiert ihre Generalversammlung am 29. März im Hotel zur Post. Die altgedienten Vorstandsmitglieder Allstedt, Hagemann, Kutke und Böckler scheiden aus. Der Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes möchte mit Sattlermeister Schröter und Eisenhändler Forwergk angemessen im Vorstand vertreten sein, meldet der Nähmaschinen und Fahrradhändler Martin Schmidt die NSDAP-Ansprüche an. Es ist der richtige Weg, wenn der Hausbesitzerverein mit den Nationalsozialisten im Stadtparlament zusammengehe, antwortet der Vereinsvorsitzende Becker. Tags darauf kündigt das Naumburger Tageblatt "Neue Steuererleichterung für den Hausbesitz" ab 1. April 1933 an.

 

 

Den Nationalsozialismus läutern und stärken  nach oben

Evangelisch-lutherische Stadtkirche St. Wenzel mit Marktplatz (um 1930)

Im März 1933 weht auf dem Turm des St. Wenzel (Karte) die Hakenkreuzfahne, obwohl das Preußische Staatsministerium in seiner Anordnung vom 2. März 1933 die Kirchentürme von der Pflicht zur Hissung der Schwarz-Weiß-Roten- und Hakenkreuzfahne ausnahm.

Die neue Zeit kündigt sich mit "Frühlingsstürmen" an, kommentiert der Naumburger Kirchenbote in seiner Aprilausgabe die Ereignisse. Eine merkwürdig prosaische Umschreibung für Ungesetzlichkeiten, Drohungen, politische Lügen, Verhaftungen, Schikanen, Judenboykott, Misshandlungen der NS-Gegner und ihre Internierung in Konzentrationslagern.

Mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (7. April 1933) entfernt man alle Ungehorsamen und politisch wie rassisch Unliebsamen aus dem öffentlichen Dienst. Der Kirchenkreis Naumburg begrüßt diese Personalpolitik im April 1933 mit den Worten:

"Christen erwarten und erhoffen von einer Staatsleitung, daß sie ihnen ermöglicht, nach ihren Überzeugungen zu leben. Das war in den Jahren seit 1918 oft kaum möglich. Wenn das jetzt anders ist, wenn jemand nicht vorher aus der Kirche ausgetreten sein muß, um eine wichtige Stelle zu erreichen - die kommunistische Partei verlangte von ihren Funktionären den Austritt aus der Kirche, und in der sozialdemokratischen Partei ist die große Mehrheit der Abgeordneten Dissident - dann ist das der Freude wert." (Frühlingssturm)

Das Kirchliche Amtsblatt der Kirchenprovinz Sachsen erteilt in der Nummer 18 vom August 1934 ihren Hirten folgenden Rat:

"Darum muss der Pfarrer stets von dem Gesichtspunkt ausgehen: Ich habe dem Dritten Reich in meinem Beruf damit zu dienen, dass ich vom Glauben her die Totalität der Staatsführung fördere."

Und:

"Die Nationalsozialisten einer Gemeinde müssen hier die unbedingte Überzeugung gewinnen, dass der Geistliche nichts anderes will, als vom Letzten her (…) den Nationalsozialismus zu läutern und zu stärken." [Ausführlich]

 

 

Er "hatte nicht begriffen, daß die Idee des Christentums, die Vernichtung der Sinnlichkeit, gar zu sehr in Widerspruch war mit der menschlichen Natur", wirft 1834 Heinrich Heine in zur Geschichte der Religion und Philosophie Deutschlands Martin Luther vor. Die hieraus entspringende Entweltlichung der Kirche bricht nun in den zwanziger Jahren zusammen mit der Gleichgültigkeit gegenüber den massiv aufkommenden sozialen Problemen - Armut, Erwerbslosigkeit, Wirtschaftskrise - verstärkt hervor. So entfremdet sie sich von den alltäglichen Bedürfnissen vieler Naumburger. Es verkümmert die Empathie, sie verrät die Schwachen und Kranken, tut mit bei Sterilisation und Euthanasie.

Die Institution Kirche unterstützt den Nationalsozialismus, hat maßgeblichen Anteil an seinem Aufstieg und der Festigung der Macht. Typisch war das Unverständnis der Geistlichen gegenüber der parlamentarischen Demokratie oder der Hang zum militant deutschnationalen Denken. Sie übernimmt die Rassenideologie und verniedlicht die massive Unterdrückung Andersdenkender als Frühlingsstürme (1933). Der Eingliederung der evangelischen Jugend in die Hitlerjugend setzen die Geistlichen - außer Pfarrer Albert Mielke (Oberschmon) - keinen Widerstand entgegen. Deshalb konnten sie sich den Deutschen Christen - außer Pfarrer Lorenz Bertheau (Bad Kösen) - nicht erwehren oder wirkten gar in dieser Bewegung mit.

Mit dem Festhalten an der Zwei-Reiche-Lehre von Martin Luther legt sich die Evangelische Kirche selbst in Fesseln. Die weltliche Obrigkeit - der Staat - schafft die Gesetze und die geistige Obrigkeit kümmert sich gefälligst ausschließlich um das Seelenheil. Gemäß dem Brief des Apostels Paulus an die Römer nimmt man die faschistische Diktatur als normalen Staat wahr, gegen den kein Widerstand, solange nur der Glaube ausgeübt werden kann, möglich ist. Karl Barth (1886-1968) trat dieser Lehre in Deutschland ziemlich allein, dafür sehr mutig entgegen.

Im Rahmen der Entnazifizierung stellt man 1945 fest, dass viele evangelische Pfarrer nicht der NSDAP als Mitglieder beigetreten waren.

 

Folgende Pfarrer waren nicht Mitglieder der NSDAP:  nach oben

Moehring (geboren 11. Februar 1877) Domgemeinde (Naumburg) und Superintendent des Kirchenkreises Naumburg

Dalichau (geboren 14. April 1893) - St. Wenzel Naumburg

Maruhn (geboren 10. April 1889) - St. Wenzel Naumburg

Lange (geboren 2. Mai 1902) - St. Othmar-Gemeinde Naumburg

Wagner (geboren 21. Februar 1891) - St. Moritz Naumburg

Becker (geboren 5. März 1910) - Flemmingen (Naumburg)

Werner (geboren 31. Juli 1893) - Großjena

Bertheau (geboren 5. Januar 1896) - Bad Kösen

Arndt (geboren 20. Juni 1881) - Mertendorf, Wethau, Wettaburg

Koehn (geboren 26. Oktober 1889) - Saaleck, Kleinheringen, Altlöbnitz.

Von Pfarrer Rakowski (geboren 31. Juli 1912) - Roßbach und Kleinjena - wissen wir es nicht genau.

Die katholischen Priester Karl Hesse (geboren 31. März 1868) - Naumburg,

Georg Hauke (geboren 24. August 1918) - Bad Kösen -und

Karl Fromme (geboren 12. Februar 1911) - Eckartsberga - gehörten ebenfalls nicht der NSDAP an.

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Dies steht nicht im logischen Widerspruch zum Charakter der Tätigkeit der evangelischen Kirche von 1933 bis 1945 in Naumburg. Denn zu beachten ist, als Institution darf sie weder mit der Summe der Kirchenmitglieder noch mit dem Christenmenschen verwechselt werden. Ausserdem öffnet uns, was manchmal vergessen wird und dann zu undifferenzierten Urteilen führt, die Parteimitgliedschaft nur ein winziges Fenster zur Persönlichkeit. Wir wissen viel zu wenig aus den Biografien der Geistlichen - bis auf Lorenz Bertheau (Bad Kösen) und Albert Mielke (Oberschmon), um daraus weitergehende analytische Schlussfolgerungen ziehen zu können.  nach oben

Und was sagt die NSDAP-Mitgliedschaft schon im Hinblick auf die Machtergreifung, dass heist für die Formierung des nationalsozialistisch-deutschnationalen Machtblocks. Wohl ist Kirche politisch neutral, aber sie wählt deutschnational!

Wie soll man sich als Bürger nun aber gegenüber der Diktatur, dem Hitler-Faschismus, verhalten? Pfingsten `33, am Tag der Masse (!), instruiert die evangelische Kirchenleitung Naumburg ihre Mitglieder wie folgt:

"Der Führer will´s, es wird gehorcht! und das ist gut so. Das ist jetzt unerlässlich, damit die Spannung wiederhergestellt, die das Leben selber ist."

Das fällt den meisten nicht besonders schwer, präsentiert sich doch die neue Macht als Garant für Ruhe, Ordnung und Aufschwung. "Naumburg wurde aus einem Schwung- und lustlosen Dahinwelcken geweckt" (Feise 1938), stellt die Stadt-NSDAP propagandistisch ihre Leistung heraus.

 

 

Aufschwung  nach oben

 

In der Eisenwarenhandlung von Karl Forwergk, Große Jacobstraße 6, arbeiten in guten Zeiten fünf Angestellte und sechs Lehrlinge. In der Krise aber verkaufen sich Nägel, Schrauben, Haken, Stabeisen, Bleche, Röhren, Haus- und Küchengeräte schlecht, weshalb die Firma am 24. Juni 1931 beim Amtsgericht Naumburg zur Abwendung des Konkurses ein Vergleichsverfahren anmelden muss. Die Stadtverordnetensitzung vom 13. Juni 1933 kürt Karl Forwergk zum Mitglied des Steuerausschusses für die Grundbesitz- und Gewerbeabteilung. Der Umsatz seines Geschäftes steigt von 3 804,76 Reichsmark im Jahre 1932 auf 58 064,25 Reichsmark im Jahr 1934. Ab 1. Oktober 1935 sitzt er im Gemeinderat. Forwergk verstand sich durchaus nicht als politisch neutraler Geschäftsmann. Er positionierte sich beispielsweise 1935 öffentlich als Stoßtruppführer gegen die Kämpfer des Aktionsausschusses im März 1920.

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Tatsächlich schienen nun die Träume von einer besseren und sicheren wirtschaftlichen Zukunft endlich Wirklichkeit zu werden. Bald errichtet man Wohnungen - auch für Arbeitslose. Blaumänner finden eine bezahlte Beschäftigung beim Kasernen- und Wohnungsbau sowie der dafür notwendigen Infrastruktur. Außerdem stellt die Regierung am 11. Oktober mit dem zweiten Gesetz zur Minderung der Arbeitslosigkeit 500 Millionen Reichsmark zur Gewährung von Zuschüssen für Instandsetzungs-, Ergänzungs- und Umbauarbeiten an Gebäuden zur Verfügung. Mit der grossen Arbeitsschlacht sinkt die Erwerbslosigkeit. Die Angestellten der Banken, Gerichte, der Stadtverwaltung und ihrer Einrichtungen - geplagt von der Brüningschen Sparpolitik - erhalten das Versprechen auf eine bessere und gerechte Bezahlung. Das Immobilien besitzende Bürgertum der Stadt kann mit der sofort einsetzenden Militarisierung der Stadt auf mehr Einnahmen durch Vermietung und Verpachtung hoffen. Die Kleinindustriellen erwarten regulative Eingriffe des Staates zum Schutz der deutschen Industrie. Für die vielen Selbstständigen und Handwerker sowie Händler besteht die Aussicht auf Belebung ihres Geschäfts und steigende Umsätze.

Im Zeitraum von 1934 bis Mitte 1938 stieg die Zahl der Personenkraftwagen in der Stadt von 477 auf 798, der Motorräder von 460 auf 595, der Zugmaschinen von 8 auf 20 und der Omnibusse von Null auf 7. Am Ende der Inflation 1923/24 verwaltete die Sparkasse Naumburg noch ganze 40 000 Goldmark. Jetzt nehmen die Spareinlagen wieder zu. Pro Einwohner betragen sie etwa 348 Reichsmark (=RM). Die Gesamteinnahmen der Stadtsparkasse Naumburg erhöhten sich von 12,824 Millionen RM im Jahr 1935 auf 14,229 Millionen RM im Jahr 1936.

Eine Stadt in Hochstimmung. Zeit für eine Geschäftsidee. Wohin tendiert der Geschmack des Kunden? Käthe Kruse (1883-1968) in Bad Kösen, die ihre ersten handgefertigten Puppen 1910 im Kaufhaus Tietze in Berlin ausstellte, entwirft einen HJ-Jungen und den SA-Mann Friedebald.

Lederfabrik Freytag am Reussenplatz (1938)

Zu ihrem 150jährigen Bestehen jubelt die Lederfabrik Johannes Freytag am Reussenplatz: "Erst das Jahr der Machtübernahme durch den Führer gewährte, wie auf allen anderen Lebensgebieten, auch der Lederfabrik Freytag die ersehnte Rettung und Hilfe. … Dankbar und freudigen Herzens erkennt die Fabrik den Segen der ersten fünf Jahre nationalsozialistischer Staatsführung an."

 

 

Hetze gegen die Juden  nach oben

Massnahmen und Aktionen zur Erniedrigung, Unterdrückung und Schikane treffen besonders die Juden. Gegen die Geschäftsleute unter ihnen organisiert die NSDAP ein Boykott. Das

Aktionskomitee zur Abwehr der jüdischen Gräuel
und Boykotthetze

ruft am 1. April, 8 Uhr abends zur Kundgebung gegen das Judentum auf. Der Jude ist an der Arbeitslosigkeit schuld, schallt es über den 17 Ar grossen Markt.

 

 

Konstituierende Sitzung
der Stadtverordneten 
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Blick zur Marienkirche
am Domplatz (2007)

Die konstituierende Sitzung des Stadtparlaments findet am Donnerstag, den 6. April, 17 Uhr, in der Marienkirche statt. "Den wichtigsten Punkt der Tagesordnung wird die Verleihung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Naumburg an den Reichskanzler Hitler bilden", teilt die Stadtzeitung mit.

Zur Eröffnung der Versammlung spricht der 1. Bürgermeister Karl Roloff folgende Worte:

„Meine sehr verehrten Herren Abgeordneten,

im Namen des Magistrats heiße ich Sie als die von der Bürgerschaft am 12. März berufenen Vertreter der städtischen Verwaltung herzlich willkommen. In dieser feierlichen Stunde der ersten Sitzung der neu gewählten Stadtverordnetenversammlung wollen wir uns alle mit ganzer Person hinter die Arbeit der Reichs- und Staatsregierung stellen …“



Karl Roloff (1884-1939)

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Karl Roloff
wird am 24. September 1884 in Hückeswagen südwestlich von Remscheid geboren. Studium der Staats- und Rechtswissenschaften in Bonn. Seit 12. Oktober 1907 städtischer Beamter. 1913 Gerichtsassessor in Remscheid. Danach in den Kommunalverwaltungen von Hückeswagen, Dortmund und Köln tätig. Vom 15. Januar 1917 bis 1918 als Landsturmmann im Krieg. Mit Beschluss des Magistrats von Naumburg ab 27. Februar 1919 Einsetzung als Bürgermeister in Naumburg (Saale). Seine Wiederwahl am 26. August 1930  zum Bürgermeister mit der gesetzlichen Wahlzeitverlängerung für 12 Jahre verdankt er der NSDAP-Fraktion. Die SPD-Genossen lehnten ihn geschlossen ab.

Als Oberbürgermeister Dietrich 1932 stirbt, tritt er dessen Nachfolge an.

Der erfahrene Kommunalpolitiker marschiert im Gleichschritt mit der "nationalen Erhebung". Er ist nicht nur ein "den Nazis nahe stehender Bürgermeister", wie der Volksbote aus Zeitz 1933 feststellt. Sondern willfährig und mit Eifer betreibt er Kommunalpolitik im Sinne und im Dienst des Nationalsozialismus. Rücksichtslos geht er gegen die Juden der Stadt vor. Gegen viele seiner Bürger ordnet der Jurist aus politischen Gründen die "Schutzhaft" an.

Unter der Nummer 4 475 788 führen ihn die Nationalsozialisten (wahrscheinlich seit 1937) als Mitglied ihrer Partei.

Er wohnte in der Jenaerstrasse 32 (1935).

Karl Roloff stirbt im März 1939.

 

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Aber zu den von der Bürgerschaft am 12. März berufenen Vertreter zählen ebenso die gewählten SPD- und KPD-Stadtverordneten. So beginnt die kommunale Diktatur mit der Roloff-Lüge. Denn die drei kommunistischen Abgeordneten

Paul Zeitschel (Große Neustraße 16),

Franz Neubert (Windmühlenstraße 6a) und

Dr. Artur Samter (Parkstraße 21)

sind bereits ausgeschlossen. Hierzu vermerkt das Sitzungsprotokoll:

„Ich [Karl Roloff] habe die Sitzung nach feierlichem Kirchgang gegen 5 Uhr 10 Minuten eröffnet und die gewählten Stadtverordneten, mit Ausnahme der Kommunisten, durch Handschlag verpflichtet.“

Laut Fortsetzung des Protokolls über die Stadtverordnetensitzung vom 6. April 1933 werden ebenso die vier gewählten SPD-Stadtverordneten

Otto Grunert
(Steinweg 14),

Wilhelm Schwencke
(Lindenhof 3),

Gottfried Rublack
(Siedlungsstraße 35) und

Friedrich Blüthgen
(Lützowstraße 17).

ausgeschlossen. Sie alle: Grunert, Schwenke, Rublack, Blüthgen und Samter, - sie alle waren politische Schwergewichte, stemmten sich mit ihrer ganzen Kraft seit über 10 Jahren gegen die nationalsozialistische Bewegung.

Stadtverordneter Uebelhoer (NSDAP) "erklärte, dass die sozialdemokratische Fraktion auf die ihr zukommenden Sitze in den Ausschüssen verzichtet und Mitarbeit bei der Wahl abgelehnt haben" (GR 6.4.1933). In Wahrheit ist es etwas anders: Weil die Regeln der Demokratie missachtet, anerkennt die SPD-Fraktion die Konstituierung der Ausschüsse nicht.

Nicht alle widersetzen sich. Einige ziehen es vor sich anzupassen. "Eine ganze Anzahl [von SPD-] Mitglieder trug doppelte Mitgliedsbücher in der Tasche. In der Hauptsache waren es Magistrat[s-] und staatliche Beamte. Nach der Wahl [am 5. März 1933] zerrissen sie ihre SPD-Mitgliedsbücher," erzählt Eugen Wallbaum (9), "und waren so legale Mitglieder der Nazipartei." Zu ihnen gehört der ehemalige SPD-Stadtrat und -Verordnete, der selbständige Schneidermeister Robert Manthey, geboren am 8. Juli 1869 in Langenhof, wohnhaft Jägerstrasse 5 (NSDAP Mitgliedsnummer: 3 841 727). Dies bewahrt ihn nicht vor Nachstellungen und Beobachtung durch die Polizei (und Gestapo?), die 1944 einschätzt: "Er ist trotz seines Alters rüstig und lagerfähig [!]."

Nominell besteht die Stadtverordnetenversammlung aus 30 Mitgliedern. Mit Ausschluss der KPD- und SPD-Stadtverordneten reduziert sie sich auf 23 Personen. Die Koalition von NSDAP und Kampffront Schwarz-Weiß-Rot verfügt über 19 Sitze.

In der ersten Stadtverordnetenversammlung nach der Wahl vom 12. März wird Georg Schmidt (NSDAP) zum ersten, Dr. Burkhardt (Kampffront Schwarz-Weiß-Rot) zum zweiten und Martin Schmidt (Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes) zum dritten Stadtvorsteher gewählt. Erich Dietze wird Schriftführer. Für sie stimmen laut Protokoll jeweils 23 Abgeordnete.

Anschließend werden die Bau-, Betriebs-, Feuerwehr- und Finanzdeputation und so weiter gewählt.

Martin Schmidt erklärt auf dieser Sitzung, dass der Stadtverordneter Eix vom Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes der Fraktion des geeinten Mittelstandes beigetreten ist. Und das sich die Fraktion (Eix, Hagemann, Schmidt, Dietze) mit der NSDAP zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen hat. (Der Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes wurde auf Anordnung von Adolf Hitler am 15. Dezember 1932 gegründet. Seine Auflösung ordnet der Staatsleiter Politische Organisation der NSDAP Doktor Robert Ley am 7. August 1933 an.)

In der Sitzung am 6. April befasst sich die Versammlung weiter mit der Vorbereitung des Baus von Kasernen und des Krematoriums.

Georg Schmidt (NSDAP) teilt mit, dass der Magistrat der Stadt Naumburg auf Vorschlag von Karl Roloff am 27. März 1933 beschlossen hat, Adolf Hitler zum Ehrenbürger von Naumburg zu ernennen. Erst 1991 wurde dieser Beschluss gestrichen.

Nach der Stadtverordnetenversammlung am 6. April zieht am Abend ein Fackelzug durch die Stadt.

 

 

Tagung der Hitlerjugend

Im Kurhotel von Bad Kösen tagen am 12. April unter Leitung von Baldur von Schirach die Führer der Hitlerjugend aus ganz Deutschland.

 

 

Eröffnung des Kreistages  nach oben

Am 12. April 1933 tagt in Weissenfels das erste Mal der NSDASP dominierte Kreistag. Alfred Pape (NSDAP) erklärt in seiner Eröffnungsrede die nächsten Aufgaben der Regierung wie folgt:

"Das oberste Ziel des neuen Kurses ist die Niederringung und Zertrümmerung des Marxismus, der Organisation, die 14 Jahre lang das deutsche Volk geknechtet und geknebelt hat. Die Niederringung des Marxismus ist nicht allein dadurch möglich, daß man die Organisation zerschlägt, daß man die marxistischen Parteien von der politischen Tätigkeit ausschaltet, sondern diese Niederringung des Marxismus ist nur zu erreichen, wenn die marxistische Ideologie aus den Herzen des Volkes gerissen und durch eine neue Staatsidee ersetzt wird. … Die neue Reichsregierung hat es sich als oberstes Ziel gesetzt, die Idee des nationalen Sozialismus an die Stelle des internationalen Marxismus zu setzen und dem deutschen Volke einen neuen Staat für Freiheit und Brot zu geben."

 

 

Landkreis Weissenfels

(Hervorgegangen aus der Zusammenlegung der Landkreise
Weissenfels und Naumburg am 1. August 1932)

Sitzverteilung nach den Wahlen vom 12. März 1933:

NSDAP 13
(24 615)

SPD 7
(13 166)

KPD 5
(9 693)

Kampffront Schwarz-Weiß-Rot 3
(5 783)

Gemeinschaftsliste 1.
(1 791)

Die Kommunisten werden in der konstituierenden Sitzung des Kreistages am 12. April 1933 in Weißenfels ausgeschlossen.

Bald erfährt den Sozialdemokraten
dasselbe.

 

 

 

Hitlerhöhe

Den 157 Meter hohen Köppelberg (oder Käppelberg) bei Schulpforta nennt die Stadtverordnetenversammlung ab 1. Mai 1933 in Adolf-Hitler-Höhe um. Dem Kunstinteressierten ist die Berghöhe vielleicht vom Gemälde Das einsame Haus (1893) von Paul Schultze-Naumburg bekannt.

 

 
Köppelberg, dann
Adolf-Hitler-Höhe
 
Blick zum Köppelberg (2012)

 

NSDAP-Kreisleiter Friedrich Uebelhoer weiht dem Volkskanzler den Gedenkstein

Hitlerhöhe 1. Mai 1933.

Erschienen sind Abordnungen von SA, SS, BDM, HJ, SA und Stahlhelm. Nie zuvor sah man hier auf der kleinen Bergkuppe einen derartigen Massenansturm von Menschen. Der NSDAP-Führer hält eine Eloge zu den Verdiensten des Volkskanzlers. Anschliessend salbt er fünf Fahnen von Betriebszellen.

 

 

Führer Geburtstag

"Aus Anlass des Geburtstages des Reichskanzlers Adolf Hitler hatten sich am Donnerstag [20. April 1933] die Richter, die Handelsrichter, die Beamten, Angestellten und Arbeitnehmer des Landgerichts und der Staatsanwaltschaft sowie Vertreter der Rechtsanwaltschaft und der Beamten des Amtsgerichts im Sitzungssaal des Schwurgerichts [Bild, historisch] zu einer schlichten, eindrucksvollen Feier zusammengefunden, um den Geburtstag des Reichskanzlers in würdiger Weise zu feiern. … Im Auftrag der Versammelten übergab der Landgerichtsdirektor Hagen vier aus freiwilligen Spenden beschaffte Bilder des Reichspräsidenten v. Hindenburg und des Reichskanzlers Hitler, die zur Ausschmückung der Sitzungssäle des Landgerichts bestimmt waren." (Potsdam 1933)

 

 

Gleichschaltung der Handwerksinnungen  nach oben

Der Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes ist mit der Gleichschaltung der Handwerksinnungen beauftragt. Ihre Vorstände sind mit mindestens 51 Prozent NSDAP-Mitglieder zu besetzen. Einige Innungen stehen unter Verdacht des Widerstandes und werden deshalb durch einen Kommissar überwacht.

 

 

SS-Mann ermordet

"Ganz Naumburg ist noch voller Schauer und Entsetzen", beschreibt das Naumburger Tageblatt die Stimmung als in der Nacht zum 1. Mai 1933 der 23-jährige SS-Mann Siegfried Güthling ermordet worden war. "Man nimmt an, dass es sich um kommunistische Provokateure handelt", gibt die Todesanzeige am 2. Mai 1933 bekannt. Als damit die Tat in der Wohnung Medler Straße 21 zu mindestens für die Öffentlichkeit unversehens den Kommunisten zugeschoben, fand sie in der Stadt nie wieder eine öffentliche Erwähnung. Für den "Kämpfer um Deutschlands Freiheit" findet im Dom die Totenfeier statt. Superintendent Möhring hält die Gedenkrede.

 


Die Stadtverordnetenversammlung
in den Händen der NSDAP  
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Schritt für Schritt festigt die NSDAP unter Führung von NSDAP-Kreisleiter Friedrich Uebelhoer die nationalsozialistischen Machtverhältnisse in der Kommune. Systematisch reorganisiert er die personelle Zusammensetzung Stadtverordnetenversammlung nach seinem Gusto. Stadtverordnetenvorsteher und Kreisgeschäftsführer der NSDAP-Kreisleitung Naumburg (1935) Martin Schmidt lädt am

Donnerstag, den 11. Mai 1933, nachmittags 6 Uhr,

zur Sitzung der Stadtverordnetenversammlung ein. Eine umfangreiche Tagesordnung ist abzuarbeiten: Wahlen des Wohlfahrtsausschusses, Unterbringung der 3. Volksschule in der Mittelschule, Entlastung von der Jahresrechnung, Rückgabe eines früheren Strassengeländes, Freilegung des Flemminger Weges, Freimachung der Kasernen, Stadtrats-, Schiedsmann-, und Neuwahl der Siedlungsgesellschaft sowie der Schuldeputation, Berufsschule wie des Sparkassenvorstandes - und anderes mehr.

Zunächst werden durch den Versammlungsleiter drei neue Stadtverordnete (Siegel, Schneider und Keil) per Handschlag aufgenommen. Damit erhöht sich die Zahl der Wahlberechtigten Stadtverordneten wieder auf 26 Personen.

Bereits im Vorfeld dieser Stadtverordnetenversammlung wandte sich Oberbürgermeister Roloff am 24. April 1933 wegen des "Ausscheidens von Abgeordneten aus der Stadtverordnetenversammlung … " an den Regierungspräsidenten von Merseburg. Es handelt sich hierbei um den Stadtrat Otto Grunert (SPD, Mitglied des Magistrats), Gewerkschaftssekretär Gottfried Rublack (SPD, Mitglied des Vorstandes der Allgemeinen Ortskrankenkasse, Studienrat Georg Günther (Lehrer am Städtischen Luisenlyzeum) und Dr. med. Grüneisen (vertraglich angestellter Spezialarzt am städtischen Krankenhaus). - Stadtrat Grunert legte laut Roloff am 21. April 1933 sein Amt als Stadtrat nieder.

 

Unbesoldete kommissarische Stadträte
der Stadt Naumburg
11. Mai 1933

Victor Artes, NSDAP, Kaufmann, Naumburg, Herrenstraße 19

Franz Andacht, KSWR, Kaufmann, Oberkramermeister, Naumburg, Herrenstraße 15

Kurt Daßler, NSDAP, Drogist, Naumburg, Engelgasse 11

Ernst Flachsbarth, NSDAP, Rechtsanwalt und Notar, Naumburg,
Luisenstraße 14

Paul Kröber, KSWR, Rechtsanwalt, Naumburg, Kösenerstr 15

Otto Lehmann, NSDAP, Buchhalter, Naumburg, Mägdestieg 6 (1935)

Georg Schmidt, NSDAP, Kaufmann, Naumburg, Dechants Grund 3

Friedrich Uebelhoer, NSDAP, Oberleutnant a.D., Naumburg, Buchholzstraße 48

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Unter Tagesordnungspunkt 10. erfolgt in geheimer Sitzung die Wahl der Stadträte. Nach dem Ortsstatut vom 10. März 1915 besteht der Magistrat neben den besoldeten Magistratsmitgliedern aus acht unbesoldeten Stadträten. Laut Protokoll der Stadtverordnetensitzung liegen drei Wahlvorschläge vor: von der NSDAP (Vorschlag 1), der Kampffront Schwarz-Weiss-Rot (Vorschlag 2) und der SPD (Vorschlag 3: Otto Grunert, Wilhelm schwenke, Walter Keil).

Vom Vorschlag 1 gelten als gewählt: Friedrich Uebelhoer (Buchholzstrasse), Georg Schmidt (Hallescher Anger), Otto Lehmann (Bergstrassse 11), Ernst Flachsbarth (Markt 19), Kurt Dassler (Engelgasse 11), Viktor Artes (Herrenstrasse); vom Vorschlag 2: Paul Kröber (Kösener Strasse 15) und Franz Andacht (Herrenstrasse 15).

Auf Vorschlag des Stadtverordneten Ingenieur Julius Eix (Burgstraße 19), ehemals Bürgerwirtschaftsblock (1924), beschliesst die Versammlung den Vorschlag 3 (SPD) nicht zu behandeln, weil dieser keine Chance hat, vom Regierungspräsidium Merseburg anerkannt zu werden. Die NSDAP-Abgeordneten unterstützen dies. Es kommt zu einem heftigen Streit zwischen Otto Grunert und Friedrich Uebelhoer (NSDAP). In einer hoffnungslosen Situation bietet der Sozialdemokrat den Nazis die Stirn und vertritt den Anspruch auf ein demokratisches Verfahren.

Man schreitet zur Zettelwahl. Danach verkündet Vorsteher Eix das Abstimmungsergebnis: 22:4! 15 Stimmen für den Vorschlag der NSDAP (Vorschlag 1), sieben Stimmen für den Vorschlag der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot (Vorschlag 2) und vier Stimmen für die Kandidaten der Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschland (Vorschlag 3). Vorschlag 3 wird als ungültig erklärt. Demokratie nach Art des Nationalsozialismus in der Kommune. Gewählt sind folgende Personen: Friedrich Uebelhoer, Georg Schmidt, Otto Lehmann, Ernst Flachsbarth, Kurt Dassler, Viktor Artes, Paul Kröber und Franz Andacht.  nach oben

Mit Bürgermeister Karl Roloff gibt es noch ein formales Problem. Er war am 7. Februar 1933 durch die Stadtverordneten für weitere zwölf Jahre als erster Bürgermeister gewählt worden. Am 12. Juni 1933 erlassen die Nazis das Gesetz über die Bestätigung von Beamten der Gemeinden und Gemeindeverbände. Hiernach sind die Bestätigungen von Wahlen aus den alten Vertretungskörperschaften ausnahmslos zu versagen. Es ist an Hand von Dokumenten nicht genau nachzuvollziehen was daraufhin geschieht. Aber Roloff bleibt Bürgermeister. Und am 23. August 1933 wählen die Stadtverordneten auf Vorschlag von Schmidt (NSDAP) Friedrich Uebelhoer (NSDAP) zum Ersten Bürgermeister der Stadt Naumburg.

 

 

Steuerausschuss
Grundbesitz- und Gewerbeabteilung

laut Stadtverordnetensitzung
vom 13. Juni 1933

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Vorsitzender
Oberleutnant a. D. Ribbentrop, Claudiusstraße 7

Stellvertreter
Dr. Ludwig, Spahr, Buchholzgraben 3
Louis Wetzel, Kösenerstraße 4
Kaufmann Schindler, Kösenerstraße 26
Max Albertus, Kaiser-Friedrich-Straße 6
Fritz Gebhardt, Arbeitnehmer
Moritz Starke, Windmühlenstraße 9
Hugo Altenburg, Landwirt
Rudolf Schotte, Markt 17
Kaufmann Tanere (?), Kösenerstraße 3
Walter Furcht, Markt 3
Karl Forwergk, Große Jakobsstraße 6
Otto Lehmann, Bergstraße 11
Friedrich Schubert, Buchholzstraße 7
Kurt Prietzsch, Steinweg 11
Karl Schulze, Parkstraße 24
Reichenbach, Badstraße 14

Neukonstituierung
laut Stadtverordnetensitzung
vom 14. Juli 1933


Rechtsanwalt Dr. Rieling
Kaufmann Erhard Wenzel
Konditormeister Walter Furcht
Zahnarzt Dr. von Tigerström
Kaufmann Gustav Kühnl
Kaufmann Kurt Hofmann
Böttchermeister Karl Mehner
Bäckermeister Artur Goßmann

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Im Juni 1933 landet bei den Naumburger Firmen der Aufruf zur Adolf Hitler-Spende der deutschen Industrie ein. Er trägt die Unterschrift von Krupp von Bohlen und Halbach (1907-1967) für den Reichsverband der Deutschen Industrie und Carl Köttgen (1871-1951) für die Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Alle Unternehmen sind verpflichtet, jährlich 5 Promille der Lohn- und Gehaltssumme des Vorjahres an die NSDAP abzuführen. Auch die städtischen Betriebe leisten einen Beitrag. Dies bringt der Nazi-Partei im Reich bis 1945 schätzungsweise 700 Millionen Reichsmark an Einnahmen.  nach oben

 

Kommissarische Einsetzung
der Magistratsmitglieder

Naumburg, am 16. Juni 1933


Andacht, Franz, KSWR Kaufmann
Oberkramermeister, Naumburg, Herrenstraße 15

Daßler, Kurt, NSDAP, Drogist, Naumburg, Engelgasse 11

Flachsbarth, Ernst, NSDAP, Rechtsanwalt und Notar, Naumburg, Luisenstraße 14

Lehmann, Otto, NSDAP, Buchhalter, Naumburg, Mägdestieg 6 (1935)

Uebelhoer, Friedrich, NSDAP, Oberleutnant a. D, Naumburg, Buchholzstraße 48

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In der Stadtverordnetensitzung vom 13. Juni, eröffnet um 18.10 Uhr, sind alle Mitglieder außer Schneider, Rudloff und Hochstein, die entschuldigt fehlen, anwesend. Diesmal werden die Vertrauensmänner Schmöller, Gerhardt, Wohlleben und Bücherrevisor Zimmermann (Markt 9) für den Ausschuss zur Wahl von Schöffen und Geschworenen gewählt. Wilhelm Zilz (Bürgergartenstraße 16) hievt man in das Jugendamt und wählt den Steuerausschuss.

Für den 16. Juni beruft der stellvertretende Vorsteher der Naumburger Stadtverordnetenversammlung Doktor Burkhardt die nächste außerordentliche Sitzung ein. Rudloff, Goldschmidt, Eix, Grunert und Schwencke fehlen entschuldigt. Der einzige Tagesordnungspunkt: Verpflichtung und Einweisung der neuen Magistratsmitglieder durch den Bürgermeister Roloff. Die alten Magistratsmitglieder scheiden aus. Der Regierungspräsidenten in Merseburg genehmigt die "kommissarische Einsetzung der neuen Magistratsmitglieder" Franz Andacht, Kurt Dassler, Ernst Flachsbarth, Otto Lehmann und Friedrich Uebelhoer.

In der Stadtverordnetensitzung am 22. Juni, gegen 18.20 Uhr eröffnet durch Doktor Burkhardt, werden Albertus und Brenner als Stadtverordnete aufgenommen, die in der Stadtverordnetensitzung am 14. Juli als Ersatz für die kommissarischen Stadträte Friedrich Uebelhoer und Georg Schmidt gewählt werden. Stadtverordneter Schmidt teilt in der Sitzung am 22. Juni mit, dass die Liste 30, Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes, sich mit der NSDAP vereint habe. Es erfolgt eine Neuwahl des Stadtvorstehers mit Zettel. Erich Dietze erhält 22 Stimmen.


Erich Dietze,

geboren am 27. Februar 1904 in Oldenburg, wohnhaft Jakobsring 2, dann (ab 1. Oktober 1935) Luisenstraße 12; übernahm in Naumburg die Aufgabe des Präsidenten der Rechtsanwaltskammer und des Kreisrechtsamtsleiters der NSDAP-Kreisleitung Naumburg. Mit seinem akademischen Examen tat er sich schwer. 1. Staatsexamensprüfung: "ausreichend" (13. Juli 1926, Celle). 2. Große Staatsexamensprüfung: "ausreichend" (14. Januar 1930, Berlin). Am 16. Juli 1930 erhielt er die Zulassung als Rechtsanwalt am Oberlandesgericht Naumburg. Sein Gesamtjahreseinkommen beträgt 1934 15 231 RM.

Erich Dietze benennt Ende April 1933 Dr. Samter und Dr. Otto Hollaender als zu entfernende kommunistische Rechtsanwälte.

(Nach Prick100)

Auf Vorschlag der NSDAP-Fraktion wird in dieser Versammlung weiterhin beschlossen: "Sämtlichen Beamten und Angestellten, die sich noch im Dienst befinden, allen Empfängern die von Ruhe- und Wartegeldern aus städtischen Mitteln ist es untersagt, irgendein weiteres Einkommen aus Nebenbeschäftigung, gleich welcher Art zu beziehen. Der eigenen Tätigkeit ist gleichgestellt die Tätigkeit der Ehefrau." (Vorlage GR 22.6.1933)

Bereits am 27. März 1933 (!) erhält die Stadtverwaltung Naumburg vom Wehrkreisverwaltungsamt des IV. Armeekorps die Aufforderung, alle Kasernen in der Weißenfelser Straße für den Bezug der Truppen frei zu machen. Auf dieser Stadt-verordnetensitzung berät man nun den Erwerb des Kasernengeländes von der Firma Schubert. Bürgermeister Roloff trägt die Vorlage vor und teilt mit, dass die Verhandlungen mit dieser gescheitert sind. Er bittet einzuwilligen, dass die Verhandlungen abgebrochen werden und dem Reichswehrministerium anheimgestellt wird, sich das Eigentum durch Enteignung zu verschaffen. Die Kosten der Vereidigung übernimmt die Stadt. Die Vorlage wird angenommen. (Vgl. GR 22.6.1933)

 

 

Pfingstkongress des KSCV abgebrochen  nach oben

Unter den Klängen der Stahlhelm-Bundeskapelle treten am Morgen des 31. Mai 1933 vor dem Bahnhof in Bad Kösen die Chargen des KSCV (Kösener Senioren-Convents-Verband) an, um anschliessend mit den Sonderzug nach Naumburg zu fahren. Die Teilnehmer des Pfingstkongresses nehmen im Dom St. Peter und Paul am Dank- und Gedenkgottesdienst teil. Anschliessend beginnt in der Reichskrone die Huldigungsfeier für die neuen Führer Deutschlands. Der Vorortsprecher eröffnet den Kongress mit einem feierlichen "Bekenntnis zum neuen Staat". Karlfriedrich Mohr distanziert sich im Namen der Korpsstudenten vom zersetzenden Liberalismus und bekundet den Willen, am Aufbau der Volksgemeinschaft mitwirken zu wollen. Die Studentenverbindung wurde am 15. Juli 1848 in Jena gegründet und versteht sich von jeher als bedeutende deutsche Kulturinstitution. Jetzt verlangt die NSDAP den Eintritt aller Korpsstudenten in die SA, die Einführung des Führerprinzips und den Ausschluss der Juden. Die Regierung gab bereits durch Freigabe der Mensuren der waffenstudentischen Gemeinschaft Rückhalt. Zum Ende hin legen die Korpsstudenten einen Schwur ab, in dem es heisst: " .... Ich schwöre dem Volk und dem Lande, / Ohn` Wanken und Schwanken zu halten die Treu` ..." Dann erklingt die Egmont-Ouvertüre, gespielt vom Gewandhausorchester Leipzig unter der Leitung des Dirigenten Gustav Adolf Schlemm (1902-1987). Ein niederländisches Dankgebet beschliesst die Huldigungsfeier. Am Bahnhof Naumburg wartet ein Sonderzug der die Teilnehmer zurück nach Bad Kösen bringt. In geschlossener Kolonne machen sie sich dem Weg, vorbei an einem Spalier Winkender und an blumengeschmückten Häusern. Im Mutigen Ritter, dem traditionellen Tagungsort des SC, setzen sie den Kongress fort. Über die Arierfrage und den Ausschluss der jüdischen Mitglieder erzielt man keine Einigkeit. Der Hintergrund ist nicht ganz klar. (Denn die Statuten des KSCV von 1927 bestimmen im Paragraf 48 I und II: "Die Aufnahme von Juden in ein Corps ist ausgeschlossen" und "bei jeder Aufnahme hat die Rasseprüfung bis auf die Grosseltern zurückzugehen. Die Aufnahme ist unzulässig, wenn sich unter den vier Grosseltern ein Jude befindet." - Thullen)

Die Eingliederung in die nationalsozialistische Bewegung "ohne jede Vorbehalte" läuft nicht reibungslos. Der auf dem Kongress artikulierte Wunsch nach einem föderalistischen Aufbau des KSCE widerspricht dem Führerprinzip. Laut Erklärung vom Vorort, des jährlich wechselnden Leitungsgremiums, liegen zur Umformung des Verbandes von der Reichsregierung und Reichsparteileitung (NSDAP) nebst Reichsleitung des Nationalsozialistischen Studentenbundes (NSDStB) widersprüchliche Vollmachten vor. Im Interesse der Erhaltung des Verbandes, wünscht er aber die wahren Wünsche der Reichsregierung kennenzulernen. Deshalb bricht der Vorort den Kongress in den frühen Abendstunden ab und vertagt die Fortführung auf unbestimmte Zeit. Der Rechtsanwalt und Nationalsozialist Max Blunck (1887-1957) wird zum Führer der Korpsstudenten erkoren.

Am 1. Oktober 1935 erfolgt die Zwangsauflösung des KSCV.


 

Bücherverbrennung  nach oben

In den Abendstunden des 1. Juli (1933) organisiert die NSDAP am Napoleonstein eine Bücherverbrennung.

 

 

Es wirken Bürgermeister Karl Roloff und die Vertreter der NS-Organisationen mit. Eine NS-Kapelle spielt den Badenweiler Marsch, den Lieblingsmarsch des Führers. NSDAP-Kreisleiter Friedrich Uebelhoer begleitet die Verbrennung der Bücher mit dem Feuerspruch:

"Wir wollen heute Bücher diesen Flammen übergeben, Bücher von solchen, die da meinten, den deutschen Geist und die deutsche Jugend damit vergiften zu können, und die deutschen Frontsoldaten damit besuldeten."

Übertroffen wird diese symbolische Präsentation der Macht nur noch von der Einweihung des Langemarck-Denkmals am 6. September 1933.

 

 

Wahl des NSDAP-Bürgermeisters  nach oben

Die Stadtverordnetenversammlung am 17. August 1933 befasst sich mit Personal-, Finanz- und Steuerproblemen, Grundstücksfragen und der Wasserversorgung.

 

Stadt Naumburg
Beschluß des Magistrats vom 22. August 1933

Anwesend: Bürgermeister Roloff, Stadtbaurat Schröter, die Stadträte Artes, Keiner, Kröber, Schmidt, Andacht, Daßler, Flachsbart, Lehmann, Uebelhoer

in der heutigen Sitzung wurde zum Punkt 1 außerhalb der Tagesordnung, betr. Ortssatzung über die Zusammensetzung des Magistratskollegiums, folgender Beschluß gefasst:

auf Antrag der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei wird das Ortsstatut, betreffend der Zusammensetzung des Magistratskollegiums, die Zahl seiner Mitglieder vom 10. März 1815 aufgehoben und an dessen Stelle folgendes Ortsstatut, betreffend die [richtig: der] Zusammensetzung des Magistratskollegium, beschlossen: auf Grund § 11 und 29 der Städteordnung vom 30. Mai 1853 und dem § 3 des Gesetzes zur Erzielung weiterer Ersparnisse in der gemeindlichen Verwaltung vom 6. März 1933 wird mit Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung folgende Ortssatzung für die Stadtgemeinde Naumburg a. S. erlassen:

Der Magistrat besteht aus dem Bürgermeister, einem Beigeordneten oder 2. Bürgermeister als dessen Stellvertreter, einem besoldeten Stadtrat, der die Staatsprüfung für den höheren Justiz- oder Verwaltungsdienst
bestanden haben muß, und 8 unbesoldeten Stadträten.

Diese Ortssatzung tritt durch den Bezirksausschuß in Kraft.

Naumburg / S., den 22. August 1933
Magistrat
Roloff.

(Vgl. Beschluß, 22. August 1933)

 

Die nächste Stadtverordnetenversammlung findet am 23. August, gegen 20.10 Uhr statt. Vorsteher Dietze eröffnet sie.

Die Abgeordneten der Kampffront Schwarz-weiss-rot (Moritz Starke, Dr. Martin Grüneisen, Karl Mehner, Dr. Herbert Burkhardt, Ernst Hochstein, Gustav Menzel, Georg Günther)
nehmen nicht teil. Die Gründe dafür können nicht genau ermittelt werden.
Möglicherweise stehen sie im Zusammenhang mit der Wahl des Ersten Bürgermeisters. Anwesend ist Bürgermeister Karl Roloff. Die 16 NSDAP-Stadtverordnete sichern die Arbeitsfähigkeit und fassen mit ihrer Mehrheit von einer Stimme Beschlüsse.Auf ihren Antrag hin wird die Ortssatzung, betreffend der Zusammensetzung des Magistrats vom 10. März 1913 aufgehoben.

Auf der Tagesordnung steht die Wahl des Ersten Bürgermeisters. Die NSDAP-Mehrheit votiert geschlossen für den Vorschlag Oberleutnant a.D. Friedrich Uebelhoer. Er erhält laut Beschluss das Höchstgehalt in Gruppe I C der preussischen Besoldungsordnung plus 1 000 Reichsmark Aufwandsentschädigung, dazu freies Licht und Heizung und Wohngeld.

Die Sitzung am 23. August befasst sich weiter mit der Ausbesserung der Reichskrone, wo sich seit 30. April 1933 im zweiten Stockwerk die Geschäftsstelle der NSDAP-Kreisleitung mit der Anschrift: Naumburg - Saale, Parteihaus, Bismarckplatz 5, befindet. Rudolf Jordan (1902-1988), NSDAP-Gauleiter von Halle-Merseburg, weiht das Schmuckstück zum NSDAP-Kreisparteitag am 18. November 1934 ein.

Das Preußische Gemeindeverfassungsgesetz (GVG) vom 15. Dezember 1933 sichert die Diktatur der NSDAP auf kommunaler Ebene, indem der Oberbürger- und Bürgermeister vom Minister des Inneren "durch Vertrauen von Partei und Staat in ihr Amt berufen" werden. Von alters her vertraut klingende Begriffe wie Gemeindeschulze und Gemeindeälteste sollten uns nicht täuschen. Denn dieses Gesetz verfügt den Ausschluss der Bürger von allen Formen politischer Mitbestimmung! Faktisch gibt es mit diesem Gesetz und dem Parteienverbot keine frei gewählte und demokratisch legitimierte Stadtverordnetenversammlung mehr.  nach oben

Als verantwortlicher Leiter der Ortsbehörde gilt allein der Bürgermeister, der die Gemeinde nach dem Führerprinzip leitet, heißt es im GVG. Dem Gemeinderat kommt lediglich eine beratende Aufgabe zu. Er hat keine Entscheidungsbefugnis. § 6 (1) des GVG sagt:

 

Die Auslese der Gemeinderatsmitglieder

"Die Aufsichtsbehörden und Gauleiter müssen sich bei der Berufung der Gemeinderäte bewußt sein, daß die richtige Auswahl der Gemeinderäte für die Gewährung der neuen Gemeindeverfassung von entscheidender Bedeutung ist. Nach dem Gesetz sind in jeden Fall der in der Ortsinstanz oberste örtliche Leiter der NSDAP. und der in der Ortsinstanz rangälteste Führer der Sturmabteilung oder der Schutzstaffel der NSDAP. zu berufen. Daneben sind solche Persönlichkeiten als Gemeinderäte zu berufen, die über besondere Erfahrungen und Verdienste verfügen. So selbstverständlich es ist, dass die unbedingt nationale Einstellung dieser Persönlichkeiten über jeden Zweifel erhaben sein muss, so wenig würde es dem Sinn des Gesetzes entsprechen, die Mitglieder der NSDAP, SA oder SS zur Voraussetzung ihrer Berufung zu machen."

(Regierungspräsident 13. Januar 1934)

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"Leiter der Gemeinde ist der Bürgermeister. Er wird von den Beigeordneten vertreten. (2) Bürgermeister und Beigeordnete werden durch das Vertrauen von Partei und Staat in ihr Amt berufen. Zur Sicherung des Einklangs der Gemeindeverwaltung mit der Partei wirkt der Beauftragte der NSDAP bei bestimmten Angelegenheiten mit."

Am 30. Januar 1935 wird das GVG durch die reichseinheitliche Deutsche Gemeindeordnung (DGO) ersetzt.

In der Stadtverordnetenversammlung am 20. Dezember werden die Beiträge der Betriebe zur Adolf-Hitler-Spende kontrolliert. Die städtischen Gas-, Elektrizitäts- und Wasserwerke führen drei Prozent der Lohnsumme ab. Im Juli 1934 sind dies 443,90 Reichsmark.

Mit dem Kirchengesetz vom 6. September 1933 sind die Ämter des Generalsuperintendenten aufgehoben. Neue Bistümer werden errichtet, darunter das Bistum Merseburg-Naumburg. Die Stadt bemüht sich um den Sitz einer Propstei. Als Dienstwohnung für den Probst schlägt sie die Domkurie vor. (Stand Dezember 1933)

Die Stadt übernimmt die Trägerschaft der Stadtrandsiedlung. Sie plant außerdem den Bau eines Landgerichtsgebäudes am Roonplatz.

Bei Schellsitz friert die Saale zu. Groß und Klein amüsiert sich beim Eislaufen.

Mit dem 25. Januar 1934 erfolgt die feierliche Inaugurierung von Friedrich Uebelhoer als Oberbürgermeister der Stadt Naumburg im Auftrage des Ministers des Inneren durch den Regierungspräsidenten Dr. Sommer. Die Stelle war seit dem 26. Oktober 1932 unbesetzt.

Das Gesetz über den Neuaufbau des Reiches vom 30. Januar bringt das Ende der Länderhoheit. Die Regierung hat das Recht, neues Verfassungsrecht zu setzen und damit die Bestimmungen oder Einrichtungen der Weimarer Verfassung aufzuheben (siehe zum Beispiel unten das Gesetz über das Staatsoberhaupt vom 1. August 1934 und die Volksabstimmung am 19. August 1934). Nach nationalsozialistischer Staats- und Rechtsauffassung ist damit das Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 aufgehoben. Das Gesetz wird vom Reichstag - wie nicht anders zu erwarten - einstimmig beschlossen.

Jetzt geht es anders rum. Die nächste Sitzung des Gemeinderats im Februar 1934 erfolgt unter Hinzuziehung des Rangältesten Führers der SA Obersturmbannführer Franz Schröder. - Die Machtübergabe an die NSDAP ist abgeschlossen.

Bürgermeister Karl Roloff starb im März 1939. Stadtassessor Werner Schröder (*5. Oktober 1904, gefallen am 20. August 1942) tritt am 7. Dezember 1939 seine Nachfolge an. Stadtbaurat Schröter nimmt als dienstältester Beigeordneter die Amtseinführung vor. Martin Schmidt, Kreisgeschäftsführer der NSDAP-Kreisleitung Naumburg, überbringt die Glückwünsch der NSDAP.

 

 

Gemeinderat und Gemeindeordnung (1935)  nach oben

Das Preußische Gemeindeverfassungsgesetz (GVG) vom 15. Dezember 1933 bestimmt die Einsetzung eines vom Minister des Inneren eingesetzten "starken" Bürger- oder Oberbürgermeisters als Gemeindeleiter. Diesem tritt der Gemeinderat ohne jede Entscheidungsbefugnis gegenüber. Die Legislaturperiode des 1933 gewählten Gemeinderates endet laut Gesetz Mitte 1934. Also muss ein neuer präsentiert werden. Sein Konstituierung verläuft in Naumburg folgendermaßen.

 

 

Der Regierungspräsident bittet den Oberbürgermeister der Stadt Naumburg mit Schreiben vom 29. August 1934 im Auftrag des Gauamtsleiters der NSDAP für Kommunalpolitik des Gaues Halle-Merseburg um eine Vorschlagsliste der Gemeindevertreter, die einvernehmlich mit der NSDAP-Kreisleitung erstellt werden soll. Der Oberbürgermeister der Stadt Naumburg, gleichzeitig NSDAP-Kreisleiter, erstellt die Vorschläge mit dem 1. Oktober 1934 (siehe Übersicht oben) und übersendet diese an den Regierungspräsidenten. Sie enthält siebzehn Personen. Max Albertus und Alex Brenner sind als "Ersatz" gekennzeichnet.

 

Carl Julius Dohmgoergen (1885-1945). Studium der Rechtswissenschaft und Nationalökonomie in Halle. 1928 Geschäftsführer der BARMER-Ersatzkasse in Halle. Seit 1930 NSDAP-Mitglied. 1933 NSDAP-Kreisleiter Halle.

Anschrift
Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, Gauleitung, Gaugeschäftsstelle, Halle an der Saale, Thielenstraße 5

 

Mit dem Brief vom 31. Januar 1935 an den Oberbürgermeister der Stadt Naumburg kritisiert der Regierungspräsident, dass erstens ein Repräsentant der örtlichen Kultur, zweitens ein Vertreter der höheren Beamtenschaft und drittens ein Anwalt der örtlichen Unternehmer oder Gewerkschaften in der Vorschlagsliste fehlen. Uebelhoer legt daraufhin dar, dass die Ratsherren-Versammlung aus 3 bodenständigen Handwerkern, 3 Beamten, 1 Lehrer, 4 Arbeitern und Angestellten, 2 Angehörigen der freien Berufe und 2 Bauern besteht. Die Belange des Doms mit seinen Stifterfiguren nimmt Zeichenlehrer Robert Langermann wahr. In der am 8. April 1935 an den Oberbürgermeister der Stadt Naumburg übersandten Vorschlagsliste vom Regierungspräsidenten sowie dem Reichs- und Preußischen Minister des Inneren findet sich eine Veränderung. Statt Heinrich Eickmann wird nun Ernst Pinder vom Oberlandesgericht nominiert. Max Albertus und Alex Kaufmann bleiben Ersatzkandidaten.

 

Ernst Pinder  nach oben

wurde am 14. August 1885 in Kassel als Sohn des Oberregierungsrats a. D. Pinder geboren. Gymnasium und Studium Rechtswissenschaften. Abgangszeugnis der Universität Heidelberg im August 1904 "sämtlich als sehr gut". Verheiratet seit 29. September 1916 mit Ursula Jones. Landrichter in Kassel. Landesgerichtsrat in Kassel (1919). Hilfsrichter beim Oberlandesgericht Kassel (1922). Seit 1926 am Oberlandesgericht in Naumburg tätig. Zuletzt Senatspräsident. Jahreseinkommen 1944 etwa 3 700 Reichsmark. Seit 1. Mai 1933 Mitglied der NSDAP (Nr. 2 782 860). NSRB seit 3. Juli 1933. NSV seit 1. Juli 1933. In jeder Beziehung ein "vortrefflicher Richter", ein "überzeugter Anhänger nat. soz. Bewegung", urteilt sein Dienstvorgesetzter, der Präsident des Oberlandesgerichts Naumburg Paul Sattelmacher. Die Ehefrau (jetzt wohnhaft Detmold, Freiligrathstraße 24) ersucht am 19. April 1949 beim Oberlandesgericht Hamm um Versorgungsbezüge für ihren vermissten Ehemann. (Vgl. Pinder)

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Nach der Ersten Durchführungsbestimmung der Deutschen Gemeindeordnung vom 22. März 1935 sind nach § 51 die Gemeinderäte erstmalig bis 1. Oktober 1935 zu berufen, was taggenau durch den Beauftragten der N.S.D.A.P. Gauinspektor Dohmgoergen erfolgt. Heinrich Eickmann, Karl Forwergk und Franz Schröder sind nicht dabei.

SA-Mann Franz Schröder ist im Jahr 1934 noch nominiert. Im Oktober 1935 ist er von der Liste gestrichen. Inzwischen war mit dem sogenannten Röhm-Putsch am 30. Juni 1934 in blutiger Weise ein Machtkampf ausgetragen worden. Dabei entledigte sich Hitler auch einflussreicher politischer Gegner aus dem konservativen Lager, wie Kurt von Schleicher. Hernach wandelt sich die SA: Im Februar 1938 zieht sie im Dienst der Festigung des deutschen Wirtschaftslebens mit dem Handwagen als Altstoff-Sammel-Truppe durch die Stadt. Letzter SA-Standartenführer in Naumburg (1945) ist Gerhard Juch (Roßbacher Straße 9).

Intellektuell dürfte der hochgebildete und talentierte Ernst Pinder die herausragendste Persönlichkeit im Gemeinderat gewesen sein.

Die Kommunalgesetzgebung dient der Durchsetzung des Willens der NSDAP. Dem Gauinspektor der NSDAP, erst in Weißenfels, dann in Halle institutionalisiert, kommt bei Personalfragen (Oberbürgermeister, Bürgermeister, Mitglieder des Gemeinderats) eine zentrale Rolle zu.

Den Entwurf der Hauptsatzung der Stadt Naumburg übersendet der Oberbürgermeister am 12. Juli 1935 an den Beauftragten der N.S.D.A.P., Gauamtsleiter Pg. Alfred Pape (NSDAP-Gau Halle-Merseburg Amt für Kommunalpolitik, Deutscher Gemeindetag, 1937-1941 - nach oben), Weißenfels. Am 15. Juli 1935 ergeht sie an den Regierungspräsidenten in Merseburg, der am 12. September 1935 die Genehmigung erteilt. Darin ist festgelegt, dass der Oberbürgermeister hautamtlich seinem Dienst nachgeht und ihm ein Bürgermeister, ein hauptamtlicher Bürgermeister, ein hauptamtliche Stadtkämmerer, ein hauptamtlicher Beigeordneter (Stadtrechtsbeigeordneter - "kw"), ein hauptamtlicher Stadtbaurat und sechs ehrenamtliche Beigeordnete zur Seite stehen.


Deutsche
Gemeindeordnung (DGO) 
vom 30. Januar 1935

§ 18
Die Gemeinde kann bei dringendem öffentlichen Bedürfnis durch Satzung
mit Genehmigung der Aufsichtsbehörde für die Grundstücke ihres Gebietes
den Anschluss an Wasserleitung, Kanalisation, Müllabfuhr,
Straßenreinigung und ähnliche der Volksgesundheit dienende Einrichtungen
(Anschlusszwang) und die Benutzung dieser Einrichtungen und der
Schlachthöfe (Benutzungszwang) vorschreiben.

 

Die ehemaligen ehrenamtlichen Beigeordneten von 1933, deren Amtszeit nach dem Gemeindeverfassungsgesetz mit dem 30. Juni 1934 abgelaufen ist, werden ersetzt durch: Otto Lehmann, NSDAP-Kreisleitung; Ernst Flachsbarth, Rechtsanwalt und Notar; Victor Artes, Kaufmann; Kurt Daßler, Drogist, Naumburg; Dr. med. dent. Ulrich Tigerström, Zahnarzt; Franz Andacht, Kaufmann, Naumburg; meldet der Oberbürgermeister der Stadt Naumburg am 3. Dezember 1935 an den NSDAP-Gauinspektor. Die Abberufung der alten Gemeinderäte Eix, Dr. Burkhardt, Goldschmidt, Günther, Hochstein, Mehner, Menzel, Siegel, Wohlleben und des SA-Obersturmbannführers Franz Schröder erfolgte durch den Oberbürgermeister zum 7. Oktober 1935.

Der Oberbürgermeister oder Bürgermeister muss laut Hauptsatzung der Stadt Naumburg die Befähigung zum Richteramt oder höheren Verwaltungsdienst haben. Die Stelle des hauptamtlichen Stadtrechtsrates soll mit dem Ausscheiden des bisherigen Amtsträgers wegfallen. Der Stadtkämmerer muss die Befähigung zum Richteramt oder eine langjährige praktische Erfahrung aufweisen. Die Stelle wird nicht eingerichtet, solange der Beamte Schaffernicht die Verwaltung des Geldwesens führt. Der Stadtbaurat soll möglichst die 2. Staatsprüfung als Regierungsbaumeister (Hochbau) erfüllen.

Die ehrenamtlichen Beigeordneten, Ratsherren und sonstigen ehrenamtlichen Bürger erhalten bei auswärtigen Tätigkeiten Reisekosten und Tagegelder nach den gesetzlichen Vorschriften erstattet.

 

 

 

Gemeinderatsmitglieder und die Teilnahme (Auswahl)
an den Gemeinderatssitzungen

nach oben

 

  
14.8.
34
30.10.
34
8.3.
35
1.10.
35
4.12.
35
26.11.
36
16.12.
37
19.12.
38
25.10.
39
           
 Oberbürgermeister
Friedrich Uebelhoer
geboren am 25. September
1893 in Rothenburg ob der
Tauber - kein Beruf
Luisenstraße 11
X
X
X
 
X
krank
 
X
X
           
 

Bürgermeister
Karl Roloff
geboren am 24. September
1884
in Hückeswagen
Jurist
Jenaerstrasse 32

X
X
X
 
E
X
X
X
 
           
 Stadtrat
Erich Keiner
geboren am 4. Mai 1891
in Mühlhausen (Thüringen)
Finanz- und Volkswirt - seit
1. April 1925 Beamter in der Stadtverwaltung
X
X
X
 
X
X
X
  
           
 Stadtbaurat
Paul Schröter
geboren am 4. Juni 1876
in Löbejün bei Halle
Architekt
Danziger Straße 15
X
X
X
 
X
X
X
X
 
           
 

Stadtrat
Victor Artes
geboren am 5. Juni 1877
in Salzungen (Thüringen)
Kaufmann
Herrenstraße 19

X
 
X
 
X
X
X
X
 
           
 Stadtrat
Franz Andacht
geboren am 14. Dezember
1888 - Kaufmann
Oberkramermeister
Herrenstraße 14/15
X
X
X
 
X
E
   
           
 Stadtrat
Ernst Flachsbarth
geboren am 21. September
1881 in Gera
Kaufmann
Luisenstraße 14
 
X
X
 
X
X
X
X
 
           
 

Stadtrat
Dr. med. Dent. Ulrich
Tigerström - geboren am
4. Februar 1895 in Bassin, Kreis Grimmen - Zahnarzt
Blücherstraße 18

     
X
X
X
 
           
 Stadtrat
Kurt Daßler
geboren am 6. April 1893
in Kahla
Drogerist
Engelgasse 11

 

 

X
X
  
X
X
E
 
           
 Stadtrat
Paul Kröber
Rechtsanwalt
Kösenerstr 15

 
X
X
 
E
    
           
 

Stadtrat
Otto Lehmann
geboren am 28. Juni 1896
in Hohenbucko
Mägdestieg 6

     
X
E
X
 
           
 Max Albertus
geboren 2. Januar 1887
in Naumburg
Lagerleiter
Ortsgruppenleiter NSDAP
Kaiser-Friedrich-Straße 6
X
  
1935
X
X
X
X
X
           
 Alex Brenner
geboren 16. Oktober 1893 in Odessa
Kaufmann
Ortsgruppenleiter NSDAP
Burgstraße 47
E
X
X
1935
X
E
X
X
im Osten
           
 Erich Dietze
geboren 27. Februar 1904
in Oldenburg
Rechtsanwalt
Kreisrechtsstellenleiter
Jakobsring 2
X
X
X
1935
X
X
X
X
X
           
 Heinrich Eickmann
geboren 21. Dezember 1894
in Buchholz
Kohlenhändler
Marienstraße 15
   
1935
     
           
 Karl Forwergk
geboren 3. Juni 1900in Naumburg
Eisenhändler
Vorstandsmitglied des Hausbesitzervereins
Jakobsstraße 6
   
1935
     
           
 Georg Gerhard
geboren 18. Oktober 1891
in Lohrbach/ Baden
Schlosser
Ortsgruppenleiter der NSDAP
Hallesche Str. 23
X
X
X
1935
 
X
X
E
X
           
 

Paul Gotter
geboren 9. März 1897
in Solau
Buchhalter
Ortswalter der Angestelltenschaft
Jakobsstraße 31

X
E
X
1935
X
X
X
X
X
           
 Roland Langermann
geboren 23. Mai 1895
in Riga
Zeichenlehrer
Kreisobmann der NSLB
Spechsart 60a
X
X
E
1935
X
X
X
X
X
           
 

Robert Leonhardt
geboren 29. November 1894 in Herren-Gosserstädt
Schlosser
Kreisbetriebszellenobmann
Oststraße 35

X
X
X
1935
E
X
X
X
X
           
 

Dr. Erich Müller
geboren 27. August 1887 in Naumburg
Arzt
SA Standarte J 4, Standartenarzt
Grochlitzer Straße 45

   
1935
E
E
E
E
krank
           
 Rudolf Müller
geboren 16. Juni 1867 in Burgscheidungen
Reichsbahnassistent
Beamtenfachschaftsleiter
Horst-Wessel-Siedlung 15
X
X
X
1935
X
X
X
X
X
           
 

Ernst Pinder
geboren 14. August 1885
in Kassel
Jurist
Oberlandesgerichtsrat
Grochlitzer Straße 2/3

   
1935
E
X
X
X
X
           
 Franz Reichenbach
geboren 24. April 1902 in Roßbach a. S.
Bauer
Ortsbauernführer
Badstraße 14
   
1935
X
X
X
X
X
           
 Martin Schmidt
geboren 24. September 1900 in Naumburg
Kaufmann
Kreisamtsleiter HAGO
Lindenring 13
X
X
X
1935
X
E
X
X
X
           
 Walter Schmöller
geboren 10. März 1894 in Naumburg
Postschaffner
Kreisschulamtsleiter NSDAP
Linsenberg 21
X
X
E
1935
 
X
E
E
X
           
 Franz Schröder
geboren 11. Februar 1891
in Bibra
Fleischermeister
Rangälteste der SA
Hallesche Straße 43
   
1935
     
           
 Moritz Starke
geboren 8. August 1889
in Naumburg
Bauer
NSDFB
Weißenfelser Straße 14
X
X
X
1935
X
X
X
E
X
           
 Gustav Wesemann
geboren 4. März 1889 in Loderburg
Uhrmacher
Obermeister der Innungen
Kaiser-Wilhelm-Platz 9
   
1935
X
X
X
E
X
           
 Alle nachfolgend Genannten sind nur bis zum 7. Oktober 1935 kommissarischer Gemeindevertreter.      
           
 Julius Eix
X
X
X
      
           
 Gustav Menzel
X
X
X
      
           
 Karl Mehner
X
X
X
      
           
 Ernst Hochstein
X
X
X
      
           
 Alfred Goldschmidt
X
X
X
      
           
 Richter
X
        
           
 Günther
X
X
E
      
           
 Dr. Herbert Burkhardt 
X
X
      
           
 Dr. Martin Grüneisen 
X
X
      
           
 Siegel
X
X
X
      
           
 Hermann Wohlleben  
X
      
           
 

 

X = anwesend; E = entschuldigt

1935 = Gemeinderatsmitglieder am 1. Oktober 1935

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Verbot der Arbeitervereine    nach oben

Faschismus und Diktatur assoziiert die demokratische Öffentlichkeit mit Bildern vom brennenden Reichstag, aus Konzentrationslagern und der Verfolgung politischer Gegner. Dagegen erscheinen das Verbot und die Auflösung der Arbeitervereine als randständiges, fast harmloses Ereignis. Selbst die Betroffenen, so scheint es zumindest, unterschätzen die Folgen. "Die Gründung des kleinsten Arbeitervereins wird", schrieb einst Johann Jacoby (1805-1877), "für den künftigen Kulturhistoriker von größeren Wert sein als - der Schlachttag von Sadowa." Umso mehr gilt es für ihre Liquidierung, weil damit der moralische Schutzzaun ihrer Mitglieder vor chauvinistischen Nationalismus, Rassenideologie und Untermenschentum niedergebrochen. Humane informationelle Netzwerke werden zerstört und der Aufbau einer politische Gegenkultur ungemein erschwert.

"Alle Vereine, denen ich angehörte", berichtet Fritz Voigt, "sympathisierten mit der KPD und wurden von ihr gefördert. Die Mehrzahl der Mitglieder im Kraftsportverein waren Mitglieder der KPD und aktiv im Parteileben." Eine solche Sportlandschaft wollten die Nationalsozialisten natürlich nicht. Also erfolgt am 4. Mai ihre Gleichschaltung oder Auflösung. Hierfür ist Sturmführer Voigt verantwortlich. Die alten Vorstände müssen ihre Funktion niederlegen. Bis 15. Mai ist ein neuer Vorstand zu wählen, der zu 51 Prozent aus zuverlässigen NSDAP-Mitgliedern besteht. Wo das nicht möglich ist, erfolgt ein Verbot des Vereins und das Eigentum wird beschlagnahmt.

Den Schachverein V.F.L 88 [oder VfL 88] trifft es am 15. Juli 1933 mit seinem Sparbuch-Guthaben von 12,85 RM. Beschlagnahmt wird ein Rucksack der Ortsgruppe der KPD am 8. September 1933, ebenso die roten Armbinden vom Arbeitersportkartell Naumburg am 27. September 1933.

"In der Vereinsregistersache Arbeitersportkartell Naumburg a. S. erwidere ich auf das Schreiben vom 25.11. [1933] ergebenst, daß der genannte Verein aufgehört hat zu bestehen. Vereinsmitglieder sind nicht mehr vorhanden. Insbesondere dürfte sich nach Erlaß des polizeilichen Betätigungsverbotes niemand mehr finden, der geneigt sein würde, die Geschäfte des Vorstandes zu übernehmen", schreibt Bürgermeister Karl Roloff am 20. November 1933 an das Amtsgericht Naumburg. (Vgl. Roloff 30.11.1933) - Auch der Verein für Leibesübungen 1888 wird im November 1933 verboten.

 
Oblitzer Schleuse an der Saale
bei Naumburg (2007)

Damit sich die Kommunisten und Freidenker, man glaubt es kaum, nicht zu ihren Gesprächen an der Oblitzer Schleuse treffen können, wie es in einem Protokoll heisst, konfisziert die Staatsmacht massenhaft Fahrräder, wie am 12. Juni 1933 das von Hans Falk (Wendenplan 3) oder von Rosa Schaumburg (Windmühlenstraße). Das Fahrrad von Frau Paula Samter (Mägdestieg 14), die Ehefrau eines kommunistischen Funktionärs, beschlagnahmte die Polizei am 12. Juni 1933. Bei Walter Grosser (Weinbergweg 11) stellt im Mai 1933 der SS-Sturm 3/IV.26. Standarte Naumburg eine Schreibmaschine der Marke Mignon sicher. Der Gutenberg Gesangsverein verliert am 15. Juli 1933 bei der Enteignungsaktion sein Sparbuchguthaben in Höhe von 242,32 Reichsmark. Der Reichsbanner Ortsgruppe nimmt man am 21. August 1933 unter anderem ihren Notenständer. "Weil die Maschine früher kommunistischen Zwecken diente", heißt es im Beschlagnahmeprotokoll, wird die Schreibmaschine, Marke Kapell Nr. 22474, von Walter Höhne am 12. Januar 1934 durch die Ortspolizeibehörde eingezogen. (Vgl. Nachweisung 1933/34)

Der Regierungspräsident von Merseburg bestellt zum 22. Mai 1934 für den Polizeibezirk Naumburg den Rechtsanwalt und Vorsitzenden des NS-Rechtswahrerbundes Doktor Werner Rieling (Hochstraße 9) als Treuhänder für das Vermögen der ehemals marxistischen Sportverbände.

Das Arbeitersportkartell steht unter dem Einfluss der Sozialdemokraten.

"Vereinsmitglieder sind nicht mehr vorhanden",

schreibt Bürgermeister Roloff am 25. November 1933.

"Insbesondere dürfte sich nach Erlaß der polizeilichen Betätigungsverbote niemand mehr finden, der geneigt sein würde, die Geschäfte des Vorstandes wieder zu übernehmen." (Verfügung 30.11.1933)

Nach Ermittlungen der Staatspolizei, besteht die Kampfgemeinschaft der Roten Sporteinheit im Oktober 1934 noch. (Vgl. Stapo 1933e, 211). Im März 1935 startet sie eine große Verhaftungswelle. Unter den Festgenommenen befindet sich der Arbeitersportler Richard Locker.

Geschafft! Alles auf der Linie des Nationalsozialismus. Mit den anderen Sportvereinen hatte man dabei keine Schwierigkeiten. "Denn gerade in den bisherigen bürgerlichen Turn- und Sportvereinen", berichtet der Volksbote (Zeitz) 1931, "wird der Faschismus in der üblichen Weise gezüchtet. Der Männer-Turnverein, der Turnverein Friesen und der Fußballclub 05 sind geradezu Brutstätten für die Nazis, und dabei sind die führenden Geister freigewerkschaftlich organisierte Arbeiter (!)." (Stärkt 1931) nach oben

 

 

Was wird aus den bürgerlichen Gesellschaftsvereinen?  nach oben

Die verbliebenen Vereine unterwirft die NSDAP ihrer Kontrolle.

Generalstaatsanwalt Dr. jur. Ludwig Becker (geboren am 21. Mai 1871, wohnhaft Breithauptstraße 22), Oberleutnant a. D. Wilhelm Krieger (geboren 19. April 1871, wohnhaft Luisenstraße 15), Fabrikdirektor Heinrich Prehn (geboren 19. Dezember 1887, wohnhaft Buchholzstraße 30) und Karl Roloff (geboren 24. September 1887, wohnhaft Jenaer Straße 32) treffen sich regelmäßig in der 1807 gegründeten

Erholungsgesellschaft

Über ihre Zusammenkünfte äußert die Ortspolizeibehörde:

"Die vorstehenden aufgeführten Personen sind durchaus national eingestellt. Es ist mit Bestimmtheit anzunehmen, daß sie sich rückhaltlos für den nationalsozialistischen Staat einsetzen." (Vgl. Nachweisung 1934)

Für die anderen "Gesellschaften" wird dies in etwas abgeschwächter Form ähnlich festgestellt.

Im

Kaufmännischen Verein

(seit 1880) korrespondieren Bürger unter der Ägide von Kaufmann Ernst Hohenstein (geboren 4. Januar 1886, wohnhaft Burgstraße 58) und Konditormeister Walter Furcht (geboren 18. Januar 1898, wohnhaft Markt 3) miteinander.

Auf eine lange Tradition schaut der

Naumburger Bürgerverein

zurück. Er besteht seit 1821. Wortführer sind hier Kaufmann Friedrich Andacht (geboren 14. Dezember 1888, wohnhaft Herrenstraße 15) und Kaufmann Kurt Kuttke (geboren 14. November 1897, wohnhaft Pfortastraße 30).

in der

Ressource,

1855 gegründet, organisieren Bürger ihr Kulturleben unter Leitung von Kaufmann Alfred Schulze (geboren 6. Juni 1883, wohnhaft Grochlitzer Straße 47), Mittelschuldirektor August Lehmann (geboren 2. Februar 1887, wohnhaft Flemminger Weg 29) und Richard Hertel.

 

 

Parteienverbot  nach oben

Das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien vom 14. Juli verleiht der NSDAP eine Monopolstellung. Das Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat vom 1. Dezember definiert sie als Trägerin des deutschen Staatsgedankens und mit dem Staate unlösbar verbunden.

Am 22. Juni verbietet Reichsinnenminister Friedrich Frick die traditionsreiche Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands.

Bürgermeister Roloff aberkennt am 29. Juni Wilhelm Schwencke (SPD) schriftlich das Stadtverordnetenmandat und droht ihm mit Schutzhaft. Er verbietet die Tätigkeit der SPD.

 

 

[Abschrift]
Der Oberbürgermeister als Ortspolizeibehörde
Tgb. Nr. P. V.

Naumburg a. S.,
den 29. Juni 1933

Polizeiliche Verfügung!

Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ist namentlich nach ihrer Betätigung in den letzten Tagen und Wochen als staats- und volksfeindliche Organisation anzusehen. Auf Anordnung des Herrn Ministers des Inneren werden Sie daher hiermit von der Ausübung ihres Stadtverordnetenamtes ausgeschlossen, weil Ihre Weiterbetätigung eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit darstellt. Es wird Ihnen aufgegeben, sich der weiteren Ausübung des Mandats zu enthalten, widrigenfalls Ihre polizeiliche Inhaftnahme nach Maßgabe des § 1 der Verordnung des Schutzes von Volk und Staat vom 28.2.1933 erfolgen müßte.

In Vertretung [Unterschrift] Roloff

Herrn
Schriftsetzer Wilhelm Schwencke
hier.
- - - -
Lindenhof 3

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Am 10. August 1933 erhält Wilhelm Schwenke (SPD) von der Staatspolizeistelle für den Regierungsbezirk Merseburg (I 401) die Mitteilung über die Einziehung des Vermögens vom Reichsbanner zugestellt. Grundlage hierfür bildet das Gesetz über die Einziehung kommunistischen Vermögens vom 26. Mai 1933 und das Gesetz über die Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens vom 14. Juli 1933.

Nach dem Verbot der SPD erfolgt sukzessive die Selbstauflösung der übrigen Parteien (DVP 27.6., DDP 28.6., BVP 4.7. und Zentrum 5.7.). Die DNVP wird in die NSDAP-Fraktion aufgenommen.


Wahlkampfrede von Adolf Hitler im Göttinger Kaiser-Wilhelm-Park
am 21. Juli 1932.

Ausschnitt zum Thema Mehrparteiensystem.
Hier hören
(mp3, 1:23 Minuten)
.

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Überraschend kam das Parteienverbot nicht. Es war voraussehbar. Denn bereits in seiner Wahlkampfrede am 31. Juli 1932 im Göttinger Kaiser-Wilhelm-Park charakterisiert Adolf Hitler das Vielparteiensystem als nutzlos. "Einmal musste ja die deutsche Selbstzerfleischung aufhören, einmal musste der Parteienkampf zum Schweigen gebracht werden", kommentiert dies auf dem Markt von Naumburg Vizekanzler Franz Papen am 11. Juni 1933.

 

Illusionen über die Legalität der Macht  nach oben

"Die sozialistische und kommunistische Arbeiterbewegung hatte es in keinem dieser Länder", Italien, Rumänien, Deutschland und Österreich, "vermocht, dem Vormarsch des Faschismus Einhalt zu gebieten. Kampflos hat sie", zieht Augustin Souchy in Nacht über Spanien (69) die bittere historische Bilanz, "politische Freiheiten und soziale Errungenschaften aufgegeben …" Nur in einer 4000 Einwohner zählenden schwäbischen Kleinstadt folgen 800 Bürger dem Aufruf der KPD und demonstrieren am 31. Januar 1933 gegen die neu gebildete Koalitionsregierung aus Nationalsozialisten, Deutschnationalen (DNVP), Stahlhelm und Rechtskatholiken. Es ist nirgends nichts gewesen ausser hier in Mössingen, fanden 1982 Hans-Joachim Althaus und Friedrich Bross heraus.

Nach den Reichstagswahlen am 5. März jubelt die streng nationale Familie in Naumburg über den Wahlsieg von Adolf Hitler. Vor 1933 gab es Widerstand: 1920 gegen den Kapp-Putsch, 1921 die Leuna-Revolte, 1928 Proteste zum Panzerkreuzerbau, 1932 Abwehr des Nazisturms auf den Spechsart-Konsum oder  am 6. Juli 1932 der Protest gegen den Terror der braunen System-Armee Hitlers!

So kommt die Frage auf, welche realen Voraussetzungen und Möglichkeiten gab es zur Abwehr der Hitler-Diktatur nach dem 30. Januar 1933 in der Stadt?

  • 72 Prozent der Naumburger votieren zur Reichstagswahl am 5. März für die NSDAP und DNVP, was die streng nationale Familie enthusiastisch als nationale Revolution feiert. Sie jubelt Franz Seldte und Franz von Papen bei ihren Besuch in Naumburg zu. Am 9. März 1933 gegen 5 Uhr nachmittags hisst die Familie vor dem Realgymnasium am Bismarckplatz die Hakenkreuz- und Schwarz-Weiß-Rote Fahne. Stahlhelm, SS, SA und Hitlerjugend nehmen Aufstellung. Von der Freitreppe der Schule eröffnet Lehrer Wilhelm Zils (Jahrgang 1893) den symbolischen Akt mit einer schwungvollen Rede. Der Studienrat hebt die Bedeutung der alten Reichsfarben Schwarz-Weiss-Rot hervor und geisselt den Verrat von 1918. Nach dem Gesang des Horst-Wessel-Lieds ergreift Doktor Heinrich Lemcke (Jahrgang 1884) das Wort. Seit 1925 ist er Direktor dieser Schule. Schon in seiner Antrittsrede appellierte er an die nationalen Gefühle, spricht vom Erleben und Wachsen der Seele, der Erziehung im Geist selbstloser Pflichterfüllung. Auf der Feier zu Ehren des 80. Geburtstages des Siegers von Tannenberg am 1. Oktober 1927 bringt der Oberstudienrat seinen Schülern und Lehrern die Dolchstoßlegende nahe. Zum Abschluss der Fahnenhissung singen sie gemeinsam das Deutschlandlied. Dann marschieren die Schwarzen, Braunen und Feldgrauen vom Realgymnasium durch die Stadt zur St. Wenzelskirche. Auf dem Turm weht die Schwarz-Weiss-Rote - und Hakenkreuzfahne. Am Amtsgericht flattert nach dem Marktplatz hin die Hakenkreuzfahne und am Domgymnasium hisst der Jungstahlhelm die Schwarz-Weiss-Rot Fahne.

  • Am 2. Mai 1933 besetzt die SA im Auftrag des Aktionskomitees zum Schutze der deutschen Arbeit die Gewerkschaftshäuser. ADGB, AfA-Bund, Einzelverbände und Bezirksausschüsse werden verboten. Beim örtlichen Gewerkschaftskartell regt sich nach dem 30. Januar kein Widerstand. Aus den Gewerkschaftszentralen ist kein Protest gegen das Hitler-Kabinett zu erwarten.

                 "Organisation - nicht Demonstration:
                 das ist die Parole der Stunde",

    gibt der ADGB per Beschluss am 31. Januar 1933 als Orientierung für die kommenden Wochen und Monate bekannt.

    Ein Führerkreis der vereinigten Gewerkschaften akzeptiert am 28. April 1933, dass "die nationale Revolution" "einen neuen Staat geschaffen" hat, der an die Gewerkschaften neue Forderungen stellt. Der Verbindung gehören der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB), Hauptvorstand des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften und Hauptvorstand des Verbandes der Deutschen Gewerkvereine an. Sie erklären, dass sie "getreu ihrer staatspolitischen Tradition,

                  zur positiven Mitarbeit am Staat bereit"

    sind. Der Führerkreis will "alle Kräfte des deutschen Volkes zu einer stärkeren Einheit" zusammenfassen, um "über alle Trennungen der Vergangenheit hinweg zu einer einzigen umfassenden nationalen Organisation der Arbeit" zu finden. Ihre Untergliederungen und Mitglieder fesseln sie derweil mit dem Beschluss: "Bis zum Abschluss der Vorarbeiten des Führerkreises enthalten sich die Vorstände jeder Sonderverhandlung über die Umgestaltung der Gewerkschaften."

     

    § 3 der Verordnung über die Deutsche Arbeitsfront
    vom 24. Oktober 1934:

    "Die Deutsche Arbeitsfront ist eine Gliederung der NSDAP im Sinne des Gesetzes zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat vom 1. Dezember 1933."

     

    Mit dem Gesetz vom 24. Oktober 1934 tritt die Deutsche Arbeitsfront (DAF) als Stirn und Faust der schaffenden Deutschen an die Stelle der Gewerkschaften. 1939 ist die DAF in Naumburg mit Büros in der Neuengüter 20, Am Ostbahnhof 3, Jakobsring 4a, in der Freyburger Straße 15 und in der Schreberstraße vertreten und hält hier wöchentlich Sprechstunden ab.  nach oben

  • Das parlamentarische System versagte bei der Wahrnehmung, Aufnahme und Lösung der gesellschaftlichen Konflikte. "Wir Sozialdemokraten aber waren ebenso wie Kommunisten gelähmt," stellt der ehemalige SPD-Reichstagsabgeordnete Wilhelm Hoegner (1887-1980) rückblickend fest. "In den Fraktionssitzungen droschen wir leeres Stroh." "Aber nach dem 30. Januar 1933 hatten wir keine Munition mehr. Wir hatten stillschweigend kapituliert. Es dauerte freilich noch einige Monate, bis wir es merkten." (Hoegner 54, 57)

  • Der Glaube an die Legalität der Macht, wenn sie nur vom Parlament verwaltet, war der SPD zur Obsession geworden. Dies (ver-) leitet sie zur Taktik, jetzt die Machthaber bloss nicht provozieren, um keinen Vorwand für staatliche Eingriffe und Verbote zu liefern. Ihr Vorsitzender begibt sich in dieser Situation sogar auf die Suche nach Gemeinsamkeiten mit der NSDAP. "Der Herr Reichskanzler [Adolf Hitler] hat auch vorgestern in Potsdam einen Satz gesprochen", erinnert Otto Wels (2008, 26) am 23. März vor dem Reichstag, "den wir unterschreiben können. Er lautet: Aus dem Aberwitz der Theorie von ewigen Siegern und Besiegten kam der Wahnwitz der Reparationen und in der Folge die Katastrophe der Wirtschaft." Die Rede enthielt, stellt Wilhelm Hoegner (230) fest, "auch das Angebot der Sozialdemokratie an die Reichsregierung zur loyalen Mitarbeit".

    Die Rumpfgruppe, ein Teil der SPD-Führung war bereits nach Prag exiliert, setzt die Politik vom 23. März fort und stimmt "am 17. Mai im Reichstag zusammen mit den Nationalsozialisten für die Forderung der Gleichberechtigung Deutschlands" (Hoegner 230). Zuvor hatte Adolf Hitler eine heuchlerische Rede gehalten, in der er seinen Friedenswillen betonte. Die SPD-Abgeordneten erhoben sich und "stimmten der Erklärung des deutschen Reichstages zu". "Dann fingen die deutschnationalen Abgeordneten das Deutschlandlied zu singen an. Die meisten", berichtet Wilhelm Hoegner (202 f.), "in unseren Reihen sangen mit." - Einst schwor die SPD, "notfalls zur Verteidigung der Republik ihr Leben einzusetzen". "Dass es um Ganze ging, wenn bereits das rote Bollwerk Preussen [am 20. Juli 1932] zu Fall gebracht wurde, hatte jeder Begriffen …." Dennoch ging sie "kampflos in den Untergang". (Herlemann 2004)
    Es rächt sich das Zurückweichen.  nach oben  
  • Eine Woche nach der Machtübergabe an Hitler, am 7. Februar 1933 registriert Ernst Thälmann auf der Tagung des Zentralkomitees der KPD im Sporthaus Ziegenhals

    "starke(n) Erscheinungen des Zurückbleibens hinter den Massen".

    Über den Zickzackkurs gegenüber den Gewerkschaften, die rabiaten Erziehungsmethoden mit den Parteimitgliedern, die Besserwisserei gegenüber der SPD, aber auch SAP und FAUD, oder den lähmenden Zentralismus spricht der Sohn seiner Klasse (Kurt Maetzig) nicht. Vielleicht war es nicht der rechte Moment. Es ist sein letzter öffentlicher Auftritt vor seiner Verhaftung. Das Zurückbleiben hinter den Massen ist prinzipieller Natur. Lenin analysierte in Was tun? (1902) die Eigenheiten von Arbeiter- und Avantgarde-Bewusstsein. Nicht, dass es solche soziopsychischen Unterschiede nicht gäbe. Verhängnisvoll war nur, dass der Parteiapparat dies ausnutzte, um in den Alleinbesitz der Wahrheit gelangen. Generell kam die Parteiführung mit der Gestaltung des Verhältnisses von Bewusstheit und Spontanität nicht zu recht. Als Preis für die Bolschewisierung zahlte sie einen hohen Preis, die Schwächung des subjektiven Faktors. Primo loco beruht die Kampfkraft der KPD in Naumburg auf der Selbstlosigkeit und Disziplin ihrer Mitglieder. Aber militärische Formen der Erziehung unterminieren ihre Fähigkeit zum spontanen, also kreativen Handeln. Im Frühjahr 1933 schlägt es in Hilflosigkeit um. Ohne zentralen Befehl, fehlte vielen der Anlass zum Handeln. War die KPD nach dem Reichstagsbrand, fragt Ossip K. Flechtheim (224), "nur noch ein Häuflein von gehetzten Funktionären und führungslosen Mitläufern"?

  • Eine Geschichtslektion, nicht etwa nur für die kommunistische Partei, sondern für die Führung aller deutschen Parteien. Die bürgerlichen Parteien operieren zwischen guten Absichten, Loyalität und Übergabe an die neuen Machthaber. Viele wagen erst gar nicht den Widerstand gegen die Hitlerregierung. Eduard Dingeldey (1886-1942) wechselt von der Deutschen Volkspartei als Hospitant in die NSDAP-Fraktion, löst die Partei am 4. Juli auf. Das Zentrum und die Deutsche Staatspartei stimmen dem Ermächtigungsgesetz zu. Die DNVP war ohnehin Regierungspartei.

  • In Naumburg versuchen Einzelne, wenige Sozialdemokraten [12, 3], Kommunisten [1], Anarchisten und SAP-Mitglieder den Widerstand gegen das nationalsozialistische Gesellschaftssystem. Parallel gab es den nichtorganisierten Widerstand. Manchmal mutet er wegen seines spontanen Charakters naiv an. Wahrscheinlich wird deshalb seine Reichweite und Tiefenwirkung unterschätzt. Und politische Renitenz war noch bei keiner der herrschenden Parteien beliebt. Bis heute finden Richard Hertel, Wilhelm Kayser, Franz Melchrick, Robert Beck oder Rosemarie Böttger in der Stadtgeschichte keine Beachtung. Und dennoch ist ihr Nonkonformismus im Vergleich zum organisierten politischen Widerstand und verspäteten Widerstand aus dem System soziologisch gesehen keineswegs zweitrangig.

 

 

Macht und Moral  nach oben

Als Hannah Arendt (1906-1975) Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen 1964 veröffentlicht, bricht eine heftige Debatte los. Sie erklärte die unsäglichen Verbrechen an den Juden, ausgeführt von oft unauffällig und normal erscheinenden Menschen, mit der Durchschnittlichkeit der Person und Anonymität des Machtapparates. Nicht im Angeklagten, sondern im Apparat erblickt sie das Monströse, bringt es Alexander Mitscherlich (1965) auf den Punkt. Dass Judenräte eine Komplizenschaft mit dem NS-Machtapparat eingegangen sein sollen (vgl. Arendt 1978, 35), rief ebenfalls heftigen Widerspruch hervor. Ihre Abhandlung beruht auf Berichten, die sie als Beobachterin bei der Gerichtsverhandlung gegen Adolf Eichmann in Jerusalem zuvor in The New Yorker 1963 veröffentlicht hatte. Ihre Widersacher kritisieren den nicht zärtlichen Umgang mit der Wahrheit und die Neigung zur übertriebenen Verallgemeinerung. Tatsächlich aber kommt Hannah Arendt der Wahrheit näher als die allermeisten deutschen Historiker, Politikwissenschaftler und Intellektuellen. Nicht zuletzt deshalb, weil sie den Mut zur Frage fand, warum es in der Nazizeit für die Deutschen zur Gewohnheit geworden war, sich selbst zu betrügen und gegen die Welt des Faktischen abzuschirmen. Es war eine Art moralische Voraussetzung zum Überleben geworden, lautet ihre Antwort. Aber diese Gewohnheit setzte sich fort, dass es "heute noch, 18 Jahre nach dem Zusammenbruch des Naziregimes", "manchmal schwerfällt, nicht zu meinen, dass Verlogenheit und Lebenslüge zum integrierenden Bestandteil des deutschen Nationalcharakters gehören." (Arendt 1964, 81) Das schmeichelte dem Volk der Dichter und Denker nicht. Gross war die Empörung über Eichmann in Jerusalem. Heute scheint längst allgemein anerkannt, dass damit ein neues methodisches Paradigma zur Erforschung der systemischen Verschränkung von gesellschaftlichen und individuellen Ursachen der NS-Verbrechen gefunden war.

Autoritäre Erziehung und Gehorsamkeit  nach oben

In Familie, Schule und Armee war die Moralbildung eng mit der Erziehung zur Gehorsamkeit verbunden. Ihre Kontinuität über Generationen hinweg, bringt die Prädisposition und Empfänglichkeit für die autoritäre Erziehung hervor. Daran konnte die nationalsozialistische Bewegung anknüpfen. In den Tagen der nationalen Erhebung mussten die politische Sprache und Rituale nicht revolutioniert werden. Im städtischen Politikbetrieb bedurfte es zur symbolischen Präsentation der Macht keiner grossen Neuerungen. Lange vor Adolf Hitler ritualisierte das Erziehungssystem und die Stadtpolitik eine unheilvolle Melange aus Untertanengeist und Großmannssucht, diffundierten die Parolen der streng nationalen Familie in das Alltagsdenken. Zur Therapie ihrer durch Versailler Vertrag, Kriegsschuldfrage und Erfüllungspolitik ausgelösten narzisstischen Kränkung, wählten viele Bürger Hitler nicht erst am 3. März 1933 zum politischen Liebesobjekt. Stahlhelm, Jungdeutsche, Wehrwolf, Alldeutsche und Kriegervereine erobern mit ihren Fahnen, Uniformen und Losungen den öffentlichen Raum, trainieren militärische Rituale, veranstalteten zackige Aufmärsche, halten Reden über die Wehrlosmachung, schimpfen auf die Erfüllungspolitik, plappern die Dolchstoßlegende nach, lehren den Heranwachsenden den Irrsinn von der Reinheit und Überlegenheit des Deutschen, heroisieren den Krieg und verbreiten Verschwörungstheorien über Juden und Freimaurer. Autoritäre Verhaltensstrukturen, Subordination und Gefolgschaftstreue sind längst vor 1933 mit einem grossen Teil der Bürger eingeübt.

Je tiefer die Normen der autoritären Erziehung interiorisiert sind, desto grösser der Kontrollverlust durch das Über-Ich (Gewissen), wächst die Gefahr, dass das Verantwortungsbewusstsein schwindet, prognostizieren Alexander und Margarete Mitscherlich (1967). Natürlich kann die Unterwerfung unter das Urteil der Autorität das Leben auch bequemer machen. Denn Moral erfordert Widerspruch gegen die Autorität. Im öffentlichen Raum wird dies unter nationalsozialistischen Herrschaftsverhältnissen immer schwieriger.

Gehorsamkeit gegenüber der Autorität, dem Führer, ist im nationalsozialistischen Staat eine quasistaatliche Norm. NSDAP-Kreisleiter und Oberbürgermeister Friedrich Uebelhoer dedudiziert sie am 24. März 1938 im Ratskeller aus Anlass der Eröffnung des "Wahlkampfes" zur Volksabstimmung über Österreich erneut aus der ganzen Hingabe zu Adolf Hitler. Seit jeher bezieht der Herr das Selbstbewusstsein für seine Herrschaft, wie Hegel in der Phänomenologie des Geistes (1807) schreibt, aus der Anerkennung durch den Knecht. Obwohl es zur Verödung des staatsbürgerlichen Denkens führt, finden nur wenige die Kraft, dem Führer die Anerkennung zu verweigern. Immerhin bietet er für Gehorsam und Hingabe Arbeitsplätze und beruflichen Aufstieg. Beim Kasernen-, Wohnungs-, Tief- und Strassenbau, im Heeresverpflegungs- und Heereszeugamt, in der Kreis- und Gauamtsleitung der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), im Parteiapparat der NSDAP und Winterhilfs-Werk (WHW) entstehen nach der Machtübernahme viele neue Arbeitsstellen und Pöstchen. Jetzt kann man in der sozialen Hierarchie aufsteigen. Nach Lebensmittelrationierung, Inflation und Massenarbeitslosigkeit, so scheint es, besteht für viele endlich wieder Hoffnung auf ein besseres Leben. Für die alten Kämpfer sollen sogar neue Beamtenstellen eingerichtet werden.

Krieg als das normale Leben

Schon immer war Naumburg stolz auf seine Kasernen und das Militär. Nach 1933 erreicht die Stadt neue Höhen der Militarisierung. Es installiert sich das Artillerie Regiment 14, Infanterieregiment 55, Heereszeugamt, Heeresbauamt, Heeresverpflegungsamt, Wehrbezirkskommando sowie die Heeresfachschule, Heereszahlstelle und Heeresstandortverwaltung. Paraden, Appelle und Platzkonzerte oder Sportveranstaltungen finden bei den Bürgern grossen Anklang. Bei der Vorbereitung und Durchführung wirken NSDAP-Kreisleitung und die Standortältesten der Hubertus- (Oberst Graesner) und Hindenburgkaserne (Oberst Scholz) eng zusammen. Hohe Wehrmachtsoffiziere bringen öffentlich immer wieder ihre Dankbarkeit gegenüber Adolf Hitler zum Ausdruck und treten gemeinsam mit dem NSDAP-Kreisleiter auf. Die Erzählung von der unpolitischen Wehrmacht hat mit der Wirklichkeit wenig gemeinsam.

In den Kasernen herrschen andere moralische Normen als im zivilen Leben. Befehle organisieren die Abläufe. Gewöhnlich ahndet der Staat das Töten mit Paragraf 212 und 211 des Strafgesetzbuches. Nicht aber bei den Soldaten und Offizieren. Ihre Taten zur Verteidigung des Vaterlandes stellt er unter Befehl Straffrei. Es ist die moralische Pflicht des Soldaten den Feind im Kampf zu töten (oder kampfunfähig zu machen). Eigentlich steht das im Widerspruch zur zivilgesellschaftlichen Moral- und Rechtsnorm Du sollst nicht töten. Das Konkurrenzverhältnis von Empathie und Befehlssystem darf nicht zum Bewusstsein dringen. Denn Dissonanzen zwischen den verschiedenen Quellen des Handelns setzen die Bereitschaft zur Gefolgschaft herab. Deshalb übt die militärische Erziehung ständig die Gehorsamkeit unter Ausschaltung des Gewissens ein. Handeln auf Befehl ermöglicht Töten, ohne moralisch zu Fehlen. Warum nicht das zivile Leben derart umgestalten?, denkt NSDAP-Kreisgeschäftsführer Martin Schmidt. Warum sonst erteilt er am 14. Oktober 1935 vor der NS-Hago den Parteigenossen die Instruktion: "Immer müsse man denken im Krieg zu sein, und jeder solle an seiner Stelle im tagtäglichen Lebenskampfe, ganz gleich, welcher Berufsrichtung er angehöre, als Soldat handeln."

Loyalität

Im System der Arbeitsteilung und Kooperation ist der Einzelne auf die Anerkennung und das Vertrauen des Anderen angewiesen. Treue, Disziplin, Zuverlässigkeit und Loyalität gegenüber der Person und dem System gewährleisten die notwendige Kohärenz der Gruppenmitglieder. Der Präsident des Oberlandesgerichts Naumburg Paul Sattelmacher manövriert sich mit diesem Verhalten in eine aussichtslose persönliche Lage. Im nationalsozialistischen Moralsystem sind Gefolgschaftstreue viel wichtiger als etwa Mitleid mit Schwachen, Fremden, Andersdenkenden oder Feinden. Das anthropologische Bedürfnis nach Anerkennung - Mittendrin sein - erschwert eine kritische Distanz. Altruistisches Verhalten, verbunden mit Freundlichkeit, Hinwendung und Anpassung, verführen zum selbstreproduktiven Konformismus. Gruppenintegrative Verhaltensweisen können schamlos zur Unterdrückung des Menschen und seiner Fremdsteuerung, zum Beispiel zur Formierung des Beistandsverhaltens gegenüber einem fiktiven Feind, ausgebeutet werden können.

Führerprinzip

Lange vor 1933 entsteht in Deutschland die Sehnsucht nach dem Führer. Vaterländische Verbände, Helden des verlorenen Krieges und Deutschnationale schüren sie. Die kulthafte und ehrliche Verehrung des Führers ist nur verständlich auf dem Hintergrund seiner langen Vorgesichte. Kreispropagandaleiter Walter Schieke bringt sie es am 24. März 1938 zur Wahlkundgebung in Vorbereitung der Volksabstimmung über den Anschluss von Österreich im Ratskellersaal von Naumburg so zum Ausdruck: "Unser rückhaltloser Einsatz für den Führer soll die größte und schönste Vertrauenskundgebung sein, die je einem Menschen [zu Teil] geworden ist."

In den Krisen der Nachkriegszeit bietet der Führerglaube Komplexitätsreduktion und befriedigt das Bedürfnis nach Durchschaubarkeit der Verhältnisse. Vom Bürger verlangt der Führerglaube ein hohes Mass an Gehorsamkeit und Unterordnung. Ein etwa aufkommendes Zwangsgefühl verliert sich, wie das devote Verhalten zum innerlichen Bedürfnis geworden. Schliesslich will man doch ein wertvolles Mitglied des Staates sein. Erfahrungsgemäss wächst dazu die Bereitschaft zur Anpassung und Übernahme von Einstellungen auf dem Weg Anweisung, je bedrohter die vitalen Lebensbedingungen und je härter sie umkämpft sind. Als Resultat folgt daraus unwillkürlich die Vereinheitlichung des Verhaltens. Trommler weisen den Weg zur Einheit und Geschlossenheit des Volkes. Die Bürgergesellschaft wandelt sich zur Massengesellschaft und wird damit empfänglicher für Propaganda. Das jüdisch-bolschewistische Feindbild besorgt eine weitere Feinjustierung des politischen Verhaltens.

Das Führerprinzip konstituiert und trägt die politische Herrschaft des Nationalsozialismus. Im ihm ist die Willkür der politischen Herrschaft systemisch angelegt. Wird es delegitimiert, gerät die Diktatur ins Wanken. Um die demokratische Idee als Konkurrenten auszuschalten, muss es gegen Kritik immunisiert werden. Dies erfolgt auf zweierlei Weise. Zum  e i n e n verschmilzt die persönliche Ehre mit der Treue zum Führer. Als die Symbiose von Person (Gefolgschaft) und Führer 1945 mit dem "Zusammenbruch" gewaltsam aufgelöst wird, schwindet die narzißtische Objektbesetzung und Erinnerung. Die Verbrechen "entwirklichen sich hinter einem Schleier der Verleugnung" (Mitscherlich 81). Viele sagen: Wir taten nur unsere Pflicht. Nur wessen Pflicht? Schwerlich war es die selbst gewählte, die von eigener Verantwortung und Gewissen getragene. Schließlich forderte die allgegenwärtige Partei, die Selbstaufgabe der Person ein. "Vor entscheidenden Entschlüssen fragt euch immer: Was würde der Führer dazu sagen", empfahl Oberbürgermeister Friedrich Uebelhoer den Abiturienten des Jahrgangs 1937 der Städtischen Oberschule für Jungen (Bismarckplatz). Zum a n d e r e n  erhält das Führerprinzips eine religiöse Rechtfertigung. Auf diese Weise errichtet die NS-Elite einen Wall gegen Kritik. "Wir wissen, wir werden den Tag erleben, dass der Führer uns erlösen und dafür sorgen wird ….", hofft NSDAP-Kreisleiter Friedrich Uebelhoer (10. Oktober 1938). "... die Vorsehung wird uns den Führer erhalten, denn die Vorsehung hat ihn uns gesandt", bemüht er Ende 1939 im Kampf für Grossdeutschlands Lebensrecht die moralische Letztbegründung.

Wir müssen grausam sein.

Die autoritäre Persönlichkeit besitzt eine Vorliebe für eine Regierung der starken Hand, die Zentralisation der Macht und bevorzugt die Härte. Sentimentalität und Gefühlsbestimmtheit lehnt sie hingegen ab. (Vgl. Bauer 1960, 187) Das bedingt eine Schwächung des  sozialen Blicks. Etwa so, wie es die Richter Hagen, Doktor  Tolle und Hochheim am 3. Januar 1934 in der Sitzung der Großen Strafkammer des Landgerichts Naumburg praktizieren, wenn sie urteilen: "Irgendwelche Milde verdient der Angeklagte nicht …". Ein Leuna-Arbeiter versteckte ein paar kommunistische Zeitschriften unter einer Drehrolle im Hausflur seines Wohnhauses. Das verdient, urteilen Naumburger Richter im Januar 1934, 3 Jahre Zuchthaus und die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf 10 Jahre.

Für des Führers Gefolgschaft besteht nicht mehr die Verpflichtung, gut und gerecht zu sein. Das könnte in Konfliktsituationen nur stören, politisch und funktional. In Gespräche(n) mit Hitler (1940, 32), seien sie nun fiktiv oder real, perfektioniert Hermann Rauschning (1887-1982) die moralische Leitidee des Nationalismus: "Wir müssen grausam sein. Wir müssen das gute Gewissen zur Grausamkeit wiedergewinnen. Nur so können wir unserem Volk die Weichmütigkeit und sentimentale Philiströsität austreiben, die `Gemütlichkeit` und Dämerschoppenseligkeit. Wir haben keine Zeit zu den schönen Gefühlen. Wir müssen unser Volk zu Größe zwingen, wenn es seine historische Aufgabe erfüllen soll."

Alle machen mit, aber keiner hat Schuld  nach oben

Allgemein bringt die Konzentration und Zentralisation der Macht eine enorme Bürokratisierung der Verwaltung von Staat und Bürger hervor. In den bürokratischen Strukturen ernüchtert die Lebenswelt des Menschen zu einem technischen und sachlichen Kalkül. Fritz Bauer (1965, 179) spricht von einer Degradierung des Amtes zu einer bloßen Robotertätigkeit. Das heisst, die Funktionsträger der Macht leiten ihr Handeln aus formalen Regeln und abstrakten Normen her. Das Gewissen wird ausgeschaltet.Alle machen mit, aber keiner hat Schuld.

Das Böse (Hannah Arendt) entspringt nicht der Selbstsucht und den bösen Absichten des Einzelnen. Vielmehr machen funktionierende bürokratische Systeme die Moral überflüssig. Darin eingebunden, nicht selten im vorauseilenden Gehorsam, treffen Parteiarbeiter, Militärs und Beamte in grenzenloser Loyalität gegenüber dem Führer ihre Entscheidungen. Gesetz ist Gesetz souffliert der Rechtspositivismus der Elite, und schafft so Platz für den falschen Gehorsam. Das philosophisch approbierte Pflichtbewusstsein lehrt, dass Gute beruht nicht darauf, was wir bewirken oder nicht bewirken, sondern allein auf der Botmäßigkeit gegenüber der Pflicht. So konnte das Unmögliche Wirklichkeit werden. (Vgl. Bauer 1965, 176, 179f.)

Preisgabe des Menschlichen  nach oben

1933 war die chauvinistische Identitätsfindung der Deutschen (Heinrich Klotz) längst abgeschlossen. Die Bereitschaft zur Opferung des Lebens für das Vaterland musste unter allen Umständen sichergestellt werden. Der Wanderer zwischen beiden Welten, 1916 erschienen, konnte dabei gute Dienste leisten. Während der Weimarer Zeit war es eines der am meistgelesenen Bücher (vgl. Safransky 327). Die autobiographische Novelle von Walter Flex (1887-1917) ist das Tagebuch einer Kriegsfreundschaft mit dem Wandervogel Ernst Wurche, der bei einem Patrouillengang am 23. August 1915 bei Simnen (Litauen) fällt. Sie partizipiert an der Reputation des beliebten Wandervogel (WV). Als Kultbuch der Kriegsgeneration, vermittelt es ein für das nationalsozialistische Herrschafts- und Erziehungssystem unverzichtbaren moralischen Imperativ: die bedingungslose Zurücknahme der Individualität und die Preisgabe des Ichs zugunsten des Staates. Zitat: "Ich bin nicht mehr ich selbst / ich war. Ich bin ein Glied der heiligen Schar, / die sich dir opfert, Vaterland."

Für Männer wie Walter Flex und Ernst Wuche, so Werner Helwig (126), bestand geradezu ein schicksalhafter Zwang zu fallen, um in ihrer Form der Wahrheit zu verbleiben. Und das war es, was man jetzt wollte und brauchte. Am 10. Januar 1938 erhält das Realreformgymnasium mit Oberrealschule am Bismarckplatz (Theaterplatz) 3 in einer Feierstunde den Namen Walter-Flex-Schule, Städtische Oberschule für Jungen. In seiner Ansprache erteilt Direktor Dr. Heinrich Lemcke den Schülern aus Der Wanderer zwischen beiden Welten die Instruktion:

"Leutnantdienst tun heißt, seinen Leuten vorleben; das Vorsterben ist dann auch einmal ein Teil davon."

Man sage nicht, das war nur die literarische Rhetorik eines Schulmannes. Genau wie es ausgesprochen, so war es gewollt, so sollte es werden! Flex´s Worte über den Leutnantdienst, finden sich im Befehl des Oberbefehlshabers der Heeresgruppe B vom 29. März 1945 an die Oberbefehlshaber, kommandierenden Generäle, Divisions- und Regimentskommandanten wieder. Sein Verfasser ist Generalfeldmarschall Walter Model, der 1909 am Domgymnasium Naumburg die Reifeprüfung ablegte.

Fähigkeit zur Selbstlüge  nach oben

Zu allem Übermut suspendiert die politische Elite das Gesetz von Zahl und Wahrscheinlichkeit vom Dienst. Bürgermeister Karl Roloff schreitet, wie von ihm erwartet, voran. In seiner Rede zum Ausklang des Mädchen-Kirschfestes am 30. Juni 1933 offeriert er das Schema der politischen Deduktion zum Aufbau des Hitler- Kult: "Auf Anraten von leichtfertigen Führern hatten wir uns selbst entwaffnet. Zerbrochen hatten wir selbst das Siegfried-Schwert, und nachdem wir waffenlos waren, wollte uns der Feind noch ehrlos machen. Ehrlos kann und mag der Deutsche aber nicht leben. Unter der Führung unseres Herrn Reichskanzlers Adolf Hitler sind die falschen Führer unseres Volkes verjagt worden, und wir gehen daran, das Siegfried-Schwert neu zu schmieden. Das ist aber nur möglich, wenn uns alle der eiserne Wille unseres Führers Adolf Hitler beseelt."

So lernt man sich selbst belügen und die Realitätsvergessenheit einen starken sozialpsychologischen Antrieb.

Familie Meckerer wird gebeten,
sich auf der Wache zu melden.  nach oben

Nach dem Wochenbericht des Instituts für Konjunkturforschung vom 23. Dezember 1935 sank der Verbrauch von Schweinefleisch 1928 von 33,15 Kilogramm pro Kopf und Jahr auf 32,05 im Jahr 1935. Der Butterverbrauch stieg im gleichen Zeitraum von 379 Kilogramm auf 405 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Trotzdem ringen der Handel und die Hausfrauen mit der Fettlücke. "Die überspannte Verknappung" entsteht "erst durch Einheimsen und falsches Vorsorgen", erklärt NSDAP-Kreisgeschäftsführer Martin Schmidt am 14. Oktober 1935 den Teilnehmern der Versammlung der NS-Hago und Reichsbetriebsgemeinschaft Handel und Handwerk in Naumburg. Ursache der Malaisé war jedoch, dass Deutschland nur etwa 2/3 der Fetterzeugung selber erwirtschaften konnte. 1933 mussten etwa 47 Prozent der pflanzlichen und tierischen Fette importiert werden. 1934 rief der Landwirtschaftsminister die Erzeugerschlacht aus.

Blick vom Marientor zum Gasthaus
zum Goldenen Hufeisen (2005)

Meckerer und Nörgler, fürchten die örtlichen NSDAP-Funktionäre, könnten die Versorgungsschwierigkeiten ausnutzen, um eine ungünstige Stimmung in der Bevölkerung zu schüren. Die Partei ist wachsam und nutzt jede Möglichkeit zur Gegenpropaganda. NSDAP-Kreisgeschäftsführer Martin Schmidt agitiert am 8. Oktober 1935 im Gasthof zum Goldenen Hufeisen (Marienstraße) die Polizeibeamten auf dem turnusmäßig stattfindenden monatlichen Schulungsabend des Kameradschaftsbundes Deutscher Polizeibeamten. In einer zweistündigen Rede feiert er die Erfolge, wie sinkende Arbeitslosigkeit und stabile Preise. Tatsächlich überwacht Polizeihauptwachtmeister Thum von der Ortspolizeibehörde (OPB) bereits seit 1932 die Einhaltung der Ordnung zur Preisgestaltung auf den Märkten und in den Geschäften. Gegen die Meckerer ist mit aller Konsequenz vorzugehen und verstärkt der "angewandte Nationalsozialismus" zu propagieren, fordert Martin Schmidt. Das erinnert an Joseph Goebbels Bewegung zur Organisation des Optimismus. Die erforderlichen wirtschaftspolitischen Informationen zur Gegenoffensive, so ein Hinweis vom Referenten, können aus Zeitungen wie dem Naumburger Tageblatt entnommen werden.

Ihr habt kein Recht zur Kritik!

Nachdem die Gemeindevertreter auf administrativem Wege durch die NSDAP eingesetzt und die Hauptsatzung der Stadt Naumburg implantiert war, äußert sich die demokratische Mitwirkung regelhaft und immer wiederkehrend in Sätzen wie: "Die Ratsherren hatten hiergegen nichts einzuwenden" oder "Die Ratsherren erheben keinen Einwand". Den Bürgern der Stadt sind alle Möglichkeiten der Kontrolle der staatlichen Macht genommen. Die Losung heisst jetzt Kampf den Besserwissern, Miesmachern und Nörglern. Dafür treten am Abend des 30. Mai 1934 die SS, SA, Motor-SA, NSDAP, HJ, DJ und HAGO auf der Vogelwiese von Naumburg (Saale) an. Von dort marschieren sie durch das Bürgergartenviertel zum Markt. Georg Gerhardt, NSDAP-Ortsgruppenleiter Naumburg Nordost, begrüsst die Kundgebungsteilnehmer. Dann übernimmt der NSDAP-Kreisleiter und Oberbürgermeister Friedrich Uebelhoer das Mikrofon. Er jongliert mit Kampfbegriffen wie opferreiche Kampfzeit, sturmreiche Kampfjahre, Blutopfer, heiliger Glauben an die Gemeinschaft und fordert den Volksverderbern entgegenzutreten. Denn: "Wir haben keine Veranlassung irgendwie ängstlich zu werden, daß wir etwas ändern müssten. Das sollen sie sich ja nicht einbilden, denn wir wissen, wie erbärmlich sie sind, wir wissen, wie wenige sie sind, daß sie gar nicht aufbaufähig sind, daß sie die Ewiggestrigen sind, über die das Rad der Geschichte hinweggehen wird. Aber wir wollen sie in diesen Wochen und Monaten in das grelle Scheinwerferlicht setzen…." "Wir verbitten es uns, daß Nörgler und Besserwisser heute kommen und an Symptomen und Erscheinungen, die die Übergangszeit mit sich bringt, herumkritisieren, und es von Ort zu Ort zu flüstern versuchen, daß diese Aufgabe nicht gelöst worden ist." Uebelhoer warnt: "Ihr habt kein Recht zur Kritik!" Die übergroße Zahl gehorcht und passt sich an, wie es in den Autoritätssystemen Familie, Schule und Armee eingeübt. Und so schwer fällt es den Meisten nicht, bietet das System doch viele materielle und moralische Anreize (Arbeitsstellen in den nationalsozialistischen Organisationen und der Wehrmacht, Mitglied der Volksgemeinschaft).

Unrecht durch Gleichgültigkeit  nach oben

Krankenhaus (2007)

Am 23. März 1935, gegen 11 Uhr, soll der Feldjäger Hermann Lindner von der Feldjäger-Bereitschaft Weißenfels III/4 Andreas Nöding (Polizeihaft) aus seiner Zelle im Gerichtsgefängnis am Roonplatz holen. Im Moment des Öffnens der Zelle bringt sich dieser mit dem Messer einen Schnitt am Hals bei. Um 11.20 Uhr legt ihm Krankenpfleger Hannapel im Krankenhaus Naumburg einen Notverband an. "Bei der Revision der Wunde stellte sich aber heraus, daß eine Nebenverletzung des Kehlkopfes oder seiner großen Halsschlagader nicht vorlag." Der Häftling befindet sich nicht in Lebensgefahr. (Vgl. Generalstaatsanwaltschaft 21.9.1935) Der Krankenhausdirektor, der Krankenpfleger und der Oberwärter Bartel haben den Eindruck, dass der Selbstmordversuch "lediglich gestellt" (Vgl. Krankenhaus 31.10.1935) war.

Ursache des Suizidversuchs sind die Erlebnisse von Andreas Nöding bei den Verhören nach seiner Verhaftung. Er und Kurt Schoder berichten, dass sie geschlagen und misshandelt wurden.

"Auch in der Sache Koch und Genossen behaupten mehrere Angeklagte, sie seien misshandelt worden oder hätten unter Androhung von Schlägen ihre Aussage gemacht." (Generalstaatsanwaltschaft 21.10.1935)

 

 

Zeugenaussage von Andreas Nöding, Naumburg, Weinbergweg 13, geboren am 23. August 1898 in Spangenberg (Kreis Melzungen), unverheiratet

"Ich sitze", sagt Andreas Nöding in der Vernehmung beim Amtsgericht Halle am 15. Oktober 1935, "noch 3 ½ Jahre im Zuchthaus hier ein. Ich wurde am 22. März 1935 in Naumburg festgenommen. Zu dem Geständnis wurde ich nicht genötigt … Noch am selben Tag meiner Verhaftung wurde ich verdroschen. Ich bitte das aber nicht so scharf zu schreiben, weil die Sache erledigt ist, es war aber doch schlimm. Drei Mann der geheimen Staatspolizei haben mich mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Sie haben mich über den Stuhl gelegt und mich mit einem Gummiknüppel auf Rücken und Gesäß grün und blau geschlagen. In der Zelle habe ich dem Mitbeschuldigten Tatzel meinen Rücken gezeigt. Die Namen der Beamten, die mich geschlagen haben, kann ich nicht angeben." Es folgen vage Angaben zu den Schlägern. Aber: "Bei einer Gegenüberstellung erkenne ich sie wieder. Sie sagten noch bei der Mißhandlung, "Jetzt haben wir dich halb tot geschlagen. Wenn wir dich wieder holen, schlagen wir dich ganz tot." Als sie am anderen Tag in die Zelle kamen, hatte ich Angst, daß sie mich totschlagen würden, und deshalb habe ich mir mit dem Taschenmesser einen Schnitt in den Hals beigebracht. …. Ich bin verschüttet gewesen. Hatte einen Nervenschock und kann deshalb auch heute nur noch stotternd und schwer sprechen. Ich habe die reine Wahrheit gesagt und habe nichts aus Rache ausgesagt."

(Amtsgericht Halle, 14.10.1935)

 

 

 

Zeugenaussage von Kurt Schoder, Naumburg, Mägdestieg 24, geboren am 13. Januar 1900 in Hassenhausen (Kreis Merseburg), verheiratet und vorbestraft

"Ich habe damals angegeben, wie es wirklich gewesen ist. Die vernehmenden Beamten glaubten mir aber nicht, und ich wurde von allen 3en geschlagen. Einer der Beamten trug eine Brille, der andere war etwas kleiner, und der Dritte war ein Größerer. Weiter kann ich sie nicht beschreiben. Bei einer Gegenüberstellung würde ich sie wiedererkennen. Alle drei schlugen mich mit den Fäusten ins Gesicht. Und auf meinen Kopf. Später sollte ich mich auf eine Bank legen, um verhauen zu werden. Ich sollte die Hose herunterlassen. Als ich mich sträubte, schlugen alle 3 mit dem Gummiknüppel abwechselnd auf meinen Rücken und aufs Gesäß. Sie traten mich auch auf die Füße. Den Gummiknüppel hatte meist der kleinere Dicke. Ich habe infolge der Mißhandlung 3 Tage nicht sitzen und nicht liegen können.

Ich habe die reine Wahrheit gesagt und habe nichts aus Rache gegen die Beamten ausgesagt. Das Jackett hatte ich ausziehen müssen. Der eine Beamte hat mir den linken Hemdsärmel entzweigerissen. Nach der Mißhandlung hat mein Hemdsärmel nur noch in Fetzen heruntergehangen."

(Amtsgericht Halle, 14.10.1935)

 

 

Andreas Nöding und Kurt Schoder geben ihre Klage vor dem Amtsgericht Halle zu Protokoll, wo dann eine Vorverhandlung stattfindet. Der Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Jentsch (Naumburg) teilt zu Kurt Schoder dem Gericht mit, dass er nur einmal fünf kommunistische Zeitungen im Briefkasten gefunden habe und Parteibeiträge habe er niemals bezahlt. "Er habe sich überhaupt nach der Machtergreifung durch die NSDAP. vollständig vom Leben zurückgezogen, zumal er sich auch bereits vorher um die Belange der KPD. nur wenig aktiv gekümmert habe." (Generalstaatsanwaltschaft 21.9.1935)

Die Misshandelten benennen, teilt der Oberstaatsanwalt des Kammergerichts Berlin dem Naumburger Oberstaatsanwalt beim Oberlandesgericht mit, folgende Zeugen:

Händler Hembold [richtig: Ernst Hennebold],
Naumburg a. S., Herrenstraße 3
und
Händler Wittenbächer,
Naumburg a. S., Gartenstraße 28.

"Diese Zeugen werden nach der Behauptung des Angeklagten bekunden, daß ihm von den Polizeibeamten der linke Ärmel seines Rockes fast abgerissen und daß er von der Polizei so geschlagen worden ist, daß sein Gesicht dick angeschwollen war. Die Zeugen haben den Angeklagten gesehen, als er durch die Feldjäger von der Polizeiwache nach dem so genannten Bauhof abgeführt worden war." (Generalstaatsanwaltschaft 21. 10. 1935)

 

 

Händler Ernst Hennebold, 28 Jahre, Herrenstraße 3,
sagt bei der Staatspolizei folgendes aus:

Blick auf den Markt von Naumburg (vor 1945)

"Der im Vorgang erwähnte [Kurt] Schoder ist mir der Person nach völlig unbekannt. Ich entsinne mich, daß im Frühjahr dieses Jahres eine Frau an meinem Stand am Markt [Stadtplan] war, die darüber weinte, weil ihr Sohn von der Polizei verhaftet sei. Ich erfuhr später, dass es eine Frau Schoder war. Ich habe sie von meinem Stand weg gewiesen, da ich für kriminelle Dinge kein Interesse hatte."

(Hennebold 1935)

 


 

Händler Wittenbächer, Gartenstraße 28,
gibt folgendes zu Protokoll:

"Ich bin bisher noch nie politisch organisiert gewesen. Heute gehöre ich der deutschen Arbeitsfront an. Schoder kenne ich durch den Sport. Er war wie ich Fußballspieler. Später aber ist er zur roten Sporteinheit übergegangen. Ob er direktes Mitglied war, weiß ich nicht. Jedenfalls war er bei Rot Sport regelmäßiger Zuschauer. Nach der nationalen Erhebung haben wir uns nur noch gegenseitig die Tageszeit geboten. Von der Verhaftung des Schoder habe ich erst mehr als eine Woche später erfahren. Ich habe niemals gesehen, daß Schoder von einem Feldjäger begleitet war. Erst recht nicht habe ich ihn in Begleitung eines Feldjägers gesehen, als sein Gesicht stark geschwollen und sein Rock zerrissen war. … Ich muß die Behauptung des Schoder in Bezug auf meine Person und mein Zeugnis als glatt erlogen und aus der Luft gegriffen bezeichnen. Ich bin bereit, meine Aussage vor Gericht zu beeiden."

(Wittenbächer 1935)

 


 

Frau Selma Thum sagt bei ihrer Vernehmung:

"Ich bin die Ehefrau des Polizeimeisters Georg Thum [Polizeiwachtmeister]. Mein Mann verwaltet das Polizeigefängnis in Naumburg [Ortspolizeibehörde, Jakobsring 5]. Ich kann mich genau entsinnen, daß Nöding im Frühjahr im Pol-.Gefängnis eingeliefert wurde. Auf keinen Fall ist Nöding von einem Kriminalbeamten eingeliefert worden. Der Feldjäger war von großer schlanker Statur, meines Wissens hieß er Kunze.

Der Feldjäger hat mich bestimmt nicht gefragt, ob es im Pol.-Gefängnis Ratten gäbe. Er hat auch nicht gesagt, daß den Nöding die Ratten fressen sollten. Ebenso hat er nicht gesagt, daß Nöding verhungern soll. All diese Behauptungen des Nöding sind vollkommen aus der Luft gegriffen und erlogen. Ich möchte betonen, daß das Gefängnis unter meiner Aufsicht sauber gehalten wird …"

(Thum 1935)

 

 

In einer Gegenüberstellung mit den Polizeibeamten, die Schoder und Nöding misshandelt haben, hätten sie bessere Möglichkeiten gehabt, ihre Aussagen zu erhärten, wenn dies der untersuchungsführende Staatsanwalt nur gewollt hätte. Dies würde aber unterstellen, was im ganzen Verfahren nicht gegeben war, nämlich den vorurteilslosen Willen, den Sachverhalt aufzuklären. Hieran kommen ernste Zweifel auf, wenn beispielsweise die Staatspolizei Halle am 18. November 1935 auf einen Hinweis der Kläger antwortet:

"Ein kleiner, dicker Kriminalbeamter ist bei der Staatspolizeistelle überhaupt nicht beschäftigt." Weiter heißt es: "Die Eingaben der Zuchthäusler dürften zweifellos darauf zurückzuführen sein, daß sie fürchten, ihre Straftaten, die längst noch nicht alle ermittelt sind, könnten durch eine weitere Tätigkeit der Staatspolizei eine restlose Aufklärung erfahren. Um nun die Staatspolizeibeamten in ihrer Aktivität zu hemmen, ersinnen sie die haltlosesten, niedrigsten und gemeinsten Beschuldigungen gegen die Polizeibeamten, die für sie die sichtbaren Träger der Staatsautorität sind." (Staatspolizeistelle 18.11.1935) Dr. Becker, Oberstaatsanwalt beim Landgericht Halle, beantragt am 19. November 1935 beim Generalstaatsanwalt des Kammergerichts Berlin (Elzßholzstraße 32) an Hand der Vernehmungsprotokolle zu Andreas Nöding und Tatzel vom 22. oder 23. März 1935 die Ermittlung der Namen der Beamten. Schon am 18. Januar 1936 schiebt er nach:

"Ich habe das Verfahren eingestellt. Die Namen der beteiligten Kriminalbeamten haben sich auf Grund der Angaben der Gefangenen nicht feststellen lassen." (Oberstaatsanwalt 18. Januar 1936). Als Begründung wird auf die unzureichenden Zeugenaussagen verwiesen. Ein reguläres Verfahren soll verhindert werden. Aber das ist überflüssig. Denn "Berlin" erlässt eine Amnestie! Der Oberstaatsanwalt teilt am 27. Juli 1936 an den Reichsminister der Justiz mit:

"Assessor Mylius vom Geheimen Staatspolizeiamt Berlin" "ruft an und bittet wegen Rücksendung der Akten nicht nochmals zu erinnern. Die Sache würde in Berlin erledigt … Zweifellos käme die Amnestie zur Anwendung, da Übereifer im Kampfe für die nationalsozialistische Bewegung vorliege." (Oberstaatsanwalt 16.6.1936)

 

Reichsjustizminister Franz Gürtner 1935:

"Die Erfahrung der ersten Revolutionsjahre habe gezeigt, dass die mit den Prügeleien beauftragten Leute meist nach kurzer Zeit das Gefühl für Sinn und Zweck der Maßnahmen verlören und persönliche Rachegefühle und sadistische Instinkte austobten."

(Zitiert nach Bührmann-Peters 12)

 

 

Wie sagt doch Händler Hennebold:

"Ich habe sie [Frau Schoder] von meinem Stand weg gewiesen, da ich für kriminelle Dinge kein Interesse hatte." (Hennebold 1935)

Diese Einstellung zu den politischen Delinquenten ist charakteristisch für die öffentliche Meinung der Stadt. Sie ist keineswegs nur ein Ergebnis der nationalsozialistischen Propaganda, also etwa ein Ausdruck dafür, wie das allgemeine Rechtsbewusstsein vom Verdikt des politischen Verbrechers geprägt ist. Vielmehr tritt hier ein weiteres, überaus ernstes Problem hervor: der Wohlstandschauvinismus. Egal wie die anderen leben. Hauptsache, mir geht es gut. Die Anderen interessieren mich nicht. Aber eine humanistische Gesellschaft kann nicht bestehen, die jederzeit bereit ist, einander wechselseitig zu verletzen und zu beleidigen. Grundlage aller Moral muss gemäss der Theorie der ethischen Gefühle (1751) das Mitgefühl sein. Es ist die Fähigkeit, im anderen immer den Menschen zu sehen. Aber damit ist es nicht so einfach, denn es mag der eigene Bruder auf der Folterbank liegen, insistiert Adam Smith, solange wir selbst uns wohlbefinden, können uns die Sinne niemals sagen, was er erleidet. Mitgefühl braucht also unser Denken und die Phantasie um die Lebenssituation des anderen, seine Beschwernisse und Sorgen zu erfühlen.

Eine Stadt ohne soziales und menschliches Mitgefühl betritt den Vorhof zur Unmenschlichkeit.

Über die Verrohung der Gesellschaftsmoral konnte sich der Bürger mit Kraft durch Freude (KdF) oder dem Eintopfsonntag hinwegtäuschen.

 

 

Eintopfsonntag  nach oben

Im Herbst 1933 kleben die Nazis ihre Plakate zum Winterhilfs-Werk (WHW Naumburg, Lindenring 45) mit dem Aufdruck:

"Wir helfen gegen die Hungersnot".

Stadtrat Drogerist Kurt Daßler beziffert die Zahl der Hilfebedürftigen in der Stadt auf 10 000 Bürger. Viele Menschen befinden sich in Naumburg in großer sozialer Not, sagt der Kreisführer des WHW und Stadtrat im Herbst 1933. "Und das kommt daher, weil die Industrie fehlt." (Daßler)

Allerdings stellte am 23. August 1932 die NSDAP im Stadtparlament fest, dass die Unterstützungssätze für Arbeitslose "menschenwürdig" seien ….

Geschickt nutzen die nationalsozialistischen Kommunalpolitiker die

Aufklärung über die erschütternden Bilder
der herrschenden Not in Naumburg
(Naumburger Tageblatt, 11. Oktober 1933)

für sich aus. "Die Nazipropaganda setzte ein mit der Winterhilfe", beschreibt das aktive Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP), Anna Possögel (Kleine Wenzelsstraße/Wenzelsgasse 9), die damalige Lage und berichtet weiter,

"in meiner Wohnung sprach ich mit einer Kundin, für die ich schneiderte und sagte zu ihr: Die Winterhilfe für die Armen ist wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Unser Wohnungsnachbar hatte wieder einmal wie so oft in seinem angrenzenden Raum gehorcht und mich gleich darauf bei dem Nazistaat angeschwärzt. Eine Stunde später erschien bei mir ein Feuerwehrmann und verlangte von mir, daß ich sofort zum Verhör zum Stadtrat kommen sollte. Durch das Telefon sprach der Verräter schon wieder mit dem Stadtrat. Ich erklärte nun, dass es doch wohl stimme, daß man nicht gleich die Armen so versorgen könne wie es erforderlich wäre nach längerer Arbeitslosigkeit. Dann sagte ich, wie abscheulich ich das Denunziantentum finde und zitierte: Edel sei der Mensch hilfreich und gut. Der Stadtrat D. [wahrscheinlich Stadtrat Daßler] entließ mich den Worten: "Sehen Sie zu, dass Sie auf diese Angeber erzieherisch einwirken können!"" (Anna Possögel)

Natürlich ist Armut eine soziale Realität und für viele Naumburger eine große Bürde. Ohne Zweifel, es besteht dringend Handlungsbedarf. Im Herbst 1933 verteilt das WHW Naumburg an die Notleidenden Brot, Bohnen, Reis, Milch und außerdem warme Kleidung. Eine Schneiderstube wird eingerichtet und eine breite Spendenbewegung organisiert. Tausende Naumburger erhalten auf der Vogelwiese und am Ostbahnhof vom WHW Ende Oktober, Anfang November als Gabe zwei Zentner Kartoffeln und sechs Zentner Kohle. Organisator ist der Kreisführer des WHW für Naumburg Stadt und Land, Stadtrat Daßler. Beim Verladen helfen Erwerbslose, SA und die Hitlerjugend. Im Winter 1934/35 müssen noch 8 000 Naumburger unterstützt werden. Das verdeutlicht den Ernst der Lage.

"Hilfsbedürftig sind diejenigen, die den nötigen Lebensbedarf für sich und ihre unterhaltsberechtigten Angehörigen nicht oder nicht ausreichend aus eigenen Kräften und Mitteln beschaffen können und ihn auch nicht von anderer Seite, insbesondere von Verwandten, erhalten." (Wir helfen)

Das WHW reicht im Februar 1935 insgesamt 2 500 Zentner Kartoffeln an Bedürftige aus. Außerdem erhalten sie entsprechend der Haushaltsgröße gegen Marken Rindfleisch, Marmelade oder Wurst. Anfang 1935 organisiert das Kreisamt des NSV die Ferienerholung von 28 Saarkindern in Naumburger Familien.

Im Rahmen der Kinderlandverschickung (Bild) nimmt 1936 der Gau Halle-Merseburg 5 136 Kinder aus anderen Teilen Deutschlands auf. Aus dem Gau werden 1443 Kinder in andere Erholungsgebiete verschickt.

Geschäftswerbung von Victor Artes 1921

Victor Artes, ehrenamtlicher Stadtrat (1933) und stellvertretender Gauamtsleiter sowie Gaugeschäftsführer des NSV (1933), legt den Beamten unumwunden ihre Pflicht zur Spende dar. Ab 20 Prozent Spende in Höhe der Lohnsteuer erhalten sie eine Plakette mit der Aufschrift "Wir helfen gegen die Hungersnot!". Selbstständige Unternehmer erhalten diese, wenn 10 Prozent von der Einkommenssteuer abgeführt werden. Vom Standpunkt der Beamten und Angestellten im öffentlichen Bereich stellt die Spende an die NSV und andere Verbände der NSDAP - eine Einkommenseinbuße dar. Um die Bereitschaft für Spenden zu erhalten wird mit Druck gearbeitet. Dazu definieren besonders die örtlichen Funktionäre die Spende als Ausdruck der Übereinstimmung mit dem Nationalsozialismus.


Von links nach rechts Eggeling, Lammandinger und Artes, um 1940


Victor Artes,
geboren als Sohn des Brauereidirektors Heinrich Artes und Ehefrau Minna, geborene Rommel, am 5. Juni 1877 in Salzungen / Thüringen. Besuch der Realschule bis zur Prima. 1892 Reifeprüfung. Lehre als Kaufmann bei der Firma Neubarth & Palm in Erfurt. Im Rahmen dieser Ausbildung war er anderthalb Jahre bei der Firma bei Bankhaus Wachenfeld & Gumprich in Schmalkalden tätig. Berufserfahrung als Handelsreisender.

Einjährige Dienstpflicht ab Herbst 1887. Wegen eines Herzleidens 1901 dienstuntauglich geschrieben. 1903 Teilhaber der Firma Friedrich Bretschneider in Naumburg. Ab 1909 Geschäft unter eigenem Namen.

Victor Artes - Erstes Spezialhaus für Wolle, Wollwaren, Strümpfe Trikotagen, Erstlingsbekleidung. Eigene Wollfabrik in Naumburg a. S. / Barbarastraße, eigenes Einkaufshaus für Kurzwaren in Berlin, eigenes Einkaufshaus für Strümpfe und Trikotagen in Chemnitz, Werkstätten für textiles Kunstgewerbe in Naumburg a. S., Einzelverkauf: Naumburg a. S., Herrenstraße 19. (1928)

Während des Krieges leistet er eine umfangreiche ehrenamtliche Arbeit zur Versorgung der Bevölkerung mit Textilien. Aus den Spenden entsteht eine Kleiderkammer. In rühriger Weise kümmert er sich um die Sicherstellung der Ernährung der Säuglinge im Stadtgebiet. 1919 wählen ihn die Naumburger zum Stadtverordneten und zum ehrenamtlichen Stadtrat (16. Oktober 1919). Während der Inflationszeit bringt er das Hussiten-Geld in Umlauf. Als Dezernent der Stadt Naumburg ist er verantwortlich für das Krankenhaus, das Gas- und Elektrizitätswerk sowie die Straßenbahn.

Victor Artes übernimmt im Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes (1932/33) umfangreiche propagandistische Aufgaben. Nach 1933 ist er als stellvertretender Gauamtsleiter sowie Geschäftsführer der NS-Volkswohlfahrt im Gau Halle-Merseburg und als Gaubeauftragter für das Winterhilfswerk tätig.

1936 verkauft Victor Artes sein Geschäft an Otto Dobkowitz K.G. Merseburg. (Dobkowitz? - Eigentümer des 1911 in Merseburg im Jugendstil erbauten Dobkowitz-Kaufhauses?)

In einem Brief vom 15. Mai 1945 an den Bürgermeister Schaffernicht heißt es:

"Artes ist vor ein paar Tagen durch einen Hilfsschutzmann festgenommen worden. Diese Tatsache hat in der Bürgerschaft eine große Befriedigung hervorgerufen."

 

Dabei geht die Führung der Organisation mit den finanziellen Mitteln nicht immer sorgsam um.

"Die NS-Volkswohlfahrt [Gau Halle-Merseburgs] arbeitet mit zu großen Verwaltungskosten,"

heißt es im Lagebericht des Regierungspräsidenten von Merseburg im Juli 1934.

"Dabei scheint die sicher übertriebene Anschaffung von Kraftwagen sowie festgestellte schlampige Wirtschaft und Untreue des Personals einzelner Kreisgeschäftsstellen, die mehrmals, zuletzt in Merseburg, nach anfänglicher Vertuschung zum Einschreiten der Staatsanwaltschaft geführt haben, eine bedeutende Rolle zu spielen." (Stapo 1933b 107)

NSV und WHW übernehmen eine wichtige politische und soziale Funktion im System der kommunalen Diktatur. Im Mai 1933 erkennt Adolf Hitler in einem Führererlass die NSV als Organisation an. Im Januar 1934 wird das Hauptamt für Volkswohlfahrt bei der Reichsleitung der NSDAP gegründet und hier eingegliedert.

Alle anderen Verbände werden in der Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege Deutschlands (AGdfW) gleichgeschaltet. Alle anderen in freien Verbänden organisierten Pflegerinnen werden am 3. Oktober 1936 unter Führung von Hilgenfeldt im Reichsbund der freien Schwestern und Pflegerinnen (RBdfS) zusammengefasst. Der Leiter der NS-Volkswohlfahrt lenkt auch den Fachausschuss für das Schwesternwesen in der AGdfW. Damit koordiniert er die NS-Schwesternschaft, den RBdfS, die Schwestern des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) sowie die evangelischen und katholischen Schwesternschaften.

In Naumburg existieren (1935) zwei Dienststellen des NSV. Nach dem Umbau des Braugebäudes Haus Lindenring 45 etabliert sich hier im Oktober 1935 die Kreisamtsleitung des NSV mit dem WHW. Leiter des Kreisamtes ist seit 1940 Pg. Gerhard Söllinger (Mägdestieg 9). Vorher regierte hier Victor Artes.

Die zweite Dienststelle des NSV arbeitet seit Herbst 1933 im Haus Markt 12. Die Gauamtsleitung steht unter Führung von Friedrich Uebelhoer mit zunächst drei Mitarbeitern. Später richten sie ihr Büro im "Kaiserhof" (am Bahnhof) ein. 1938 erfolgt der Umzug in das Haus Bahnhofstraße 44.

Im NSV des Gaus Halle-Merseburg sind um Jahresmitte 1938 223 632 Mitglieder organisiert. Diese gliedern sich in 17 Kreisamtsleitungen, 683 Ortsgruppen, 2 247 Zellen und 10 440 Blocks. Von den 21 376 ständigen Mitarbeitern sind etwa 47 hauptamtlich tätig.

Im Mittelpunkt der Arbeit des Gauamtes für Volkswohlfahrt Halle-Merseburg steht die Familie als Keimzelle des völkischen Lebens. Die Abteilung Volksgesundheit leitet Dr. Oskar Gundermann. Sie hatte folgende Aufgaben: Heilverschickung, Gesundheitsführung, Tuberkulosebekämpfung (Hilfswerk). Die Finanzverwaltung führt Parteigenosse Brenner. Er übernimmt die Haushalts- und Etatplanung, Revision und Finanzrechtssachen. Die Abteilung Organisation muss vor allem das Winterhilfswerk organisieren. Sie untersteht dem Parteigenossen Gauhauptstellenleiter Karl Willemer (Adolf-Hitler-Straße 25 I). Eine andere Abteilung befasst sich mit der Werbung und Schulung (Langermann und Tiebel). Das Ernährungshilfswerk leitet Parteigenosse Victor Artes. Parteigenosse Lehmann leitet die Wohlfahrtspflege und Jugendhilfe mit den Abteilungen Wohlfahrtspflege, Familienhilfe, Bittgesuche, Kindertagesstätten, Jugendhilfe, Jugenderholung, Rechts- und Schwesternwesen.

Im NSV treffen sich viele "alte Kämpfer" (zum Beispiel Karl Willemer) wieder und erhalten einen Posten. Dazu heisst es im Lagebericht des Regierungspräsidenten von Merseburg im Juli 1934:

"Das Ansehen des NSV leidet auch unter häufigen Klagen aus der Bevölkerung über Vetternwirtschaft bei der Verteilung der Spenden und aufwendiges Auftreten mancher Amtswalter der NSV, vor allem durch Benutzung des Dienstkraftwagens zu privaten Zwecken. Die Opfer und Spendenbereitschaft hat unter diesen Erscheinungen stark gelitten." (Stapo 1933b 107)

1936 kauft das NSV Hauptamt Berlin die ursprünglich für einen Postmeister erbaute Villa (Bild etwa 1941) in Bad Kösen, Eckhartsbergaer Strasse 2, und richtet hier eine NSV-Gauschule ein. Die neunzehn Zimmer mit insgesamt 450 Quadratmetern werden als Kinderheim und Funktionärsschule genutzt.

An Stelle des von Hitler zum Regierungspräsidenten ernannten Gauamtsleiters Parteigenossen Friedrich Uebelhoer beruft NSDAP-Gauleiter Eggeling mit Wirkung vom 18. April 1940 Parteigenossen Emil Lamminger (Bild unten) zum kommissarischen Leiter des Gauamtes Halle-Merseburg für Volkswohlfahrt (Bahnhofstraße 44).

Die Amtseinführung des Neuen erfolgt im NS-Frontbrief vom Gau Halle- Merseburg vom Juni 1940 mit dem Entree

"Deutschland ist
der größte Sozialstaat der Welt."

Einen Einblick in das Aufgabenspektrum und die Arbeitsweise des NSV-Gauamtes geben die regelmäßigen Arbeitstagungen. Eine findet am 10. April 1940 in der Gauamtsschule von Bad Kösen statt. Es ist die erste Arbeitstagung der Kreisamtsleiter mit dem neuen kommissarischen Leiter des Gauamtes, Parteigenossen Lamminger.

Emil Lamminger, NSV-Gauamtsleiter von Halle-Merseburg ab 1940 (Vorgänger Friedrich Uebelhoer): geboren am 4. Januar 1901 in Bernbrunnerhof, gestorben am 16. Dezember 1968. Besuch der Volksschule, anschliessend Lehre als Einzelhandelskaufmann. 1932 Eintritt in die NSDAP. Arbeit bei der DAF. Stellvertretender Gauwalter bei der Gauverwaltung DAF-Mitteldeutschland. 1933 Gauamtsleiter der Hago im Gau Halle-Merseburg. 1945 Internierung.

Sie befasst sich mit der Arbeit des NSV und des Kriegshilfswerkes des Deutschen Roten Kreuzes. Großen Raum nehmen Fragen des Ernährungshilfswerks ein. Bei der Sicherung der Volksernährung sieht man große Schwierigkeiten. Deshalb stellt man sich das Ziel, die Zahl der Schweine in den Mästereien im Gau zu verdoppeln. Im Vorjahr wurden im Gebiet des Kreisamtes Naumburg 750 000 Kilogramm Küchenabfälle gesammelt. 351 ausgemästete Schweine mit einem Gesamtgewicht von 56 705 Kilogramm konnten dem Schlachthof zugeführt werden.

Auf dem Gebiet des Hilfswerks Mutter und Kind mussten im Zusammenhang mit dem Krieg, auf Grund von Verwundung und Tod der Väter, neue Aufgaben abgesteckt werden. Zur Erschließung von Arbeitsressourcen richtet man weitere Dauer-, Ernte- und Hilfskindergärten ein. Der Kreis Naumburg verfügt 1940 über drei Dauer- und sechs Erntekindergärten.

Lindenring 45 (2006)

 

 

Um die Mütter von der Kinderversorgung während der beruflichen Arbeit zu entlasten und in kriegswichtige Arbeiten einzugliedern zu können, eröffnet der NSV an der Jacobsmauer im November 1940 ein weiteren Hilfskindergarten für 40 Kindergarten- und 40 Hortkinder sowie sechs Säuglinge.

Das WHW Naumburg (Lindenring 45) unter Leitung von Stadtrat Daßler konzentrierte seine Aktivitäten auf drei Aufgaben: (1.) Ermittlung der Bedürftigkeit (Aufstellen von Listen), (2.) Organisation von Spenden und (3.) deren Verteilung nach Bedürftigkeit.

Im Haus Lindenring 45 (Skizze links) werden in entsprechenden Ausgaberäumen die Zuweisungsscheine ausgegeben. Außerdem gibt es eine Nähstube, wo die Frauen die gespendeten Kleider sorgfältig reparieren, bevor sie zur Kleiderausgabe gelangen. In dem hinteren Gebäudeteil befindet sich ein geräumiger Kartoffelkeller. Er kann die Spenden aufnehmen. Hier befinden sich auch die Büroräume mit der großen Kartei, in der alle Unterstützungsempfänger erfasst sind.

Großer Beliebtheit erfreuen sich die durch das WHW ab dem ersten Sonntag im November 1933 organisierten Eintopfsonntage (laut Erlass vom 13. September 1933). Die Teilnehmer erhalten zum Preis von 50 Pfennig in Suppenküchen und ausgewählten Gaststätten einen Eintopf. Die Ersparnis zum normalen Sonntagsessen soll dem Winterhilfswerk gespendet werden.

 

 

Eintopfsonntag 1933

 

Sonntagsgericht "Schweinebraten"


Sonntagsgericht "Suppe"

für einen Haushalt von 4-Personen

 

Tomatensuppe, Schweinebraten mit
Rotkohl und Kartoffeln und Kompott Kohlsuppe mit Fleisch

1 000 g Weißkohl

500 g Tomaten

500 g Hammelfleisch

750 g Schweinekamm

500 g Kartoffeln

750 g Rotkohl, 1 000 g Kartoffeln

 

750 g Pflaumen für Kompott
Zutaten: Gewürze, Fett, Mehl

Zutaten: Gewürze

Gasverbrauch

Gasverbrauch

Gesamtkosten 2,70 RM

Gesamtkosten:
1,30 RM

 

"in diesem Fall also würde die Hausfrau für den wohltätigen Zweck der Winterhilfe 1,40 Mark abliefern."

 

 

Bei Erbsen mit Speck treffen sich die Naumburger am 13. November 1938 zum Essen an den vier Ausgabestellen: "Erholung" (Luisenstraße), Napola, "Hufeisen" (Marienstraße) und "Dunkelbergs Garten" (Spechsart). Wieder vereinte sich das deutsche Volk zur großen Tischkameradschaft, heißt es damals.

Der Naumburger Ruderverein Neptun mit ihrem ersten Vereinsführer Karl Roloff legte das Anrudern schon mal auf den Eintopfsonntag. So 1937. Als sie in ihrem Clublokal Halleschen Anger alle 102 Portionen Reis mit Blumenkohl und Fleisch ausgereicht, blieben nach Abzug der Unkosten 18,30 Reichsmark übrig, die sie an das Winterhilfswerk überwiesen.

Der Eintopfsonntag wird zu einer festen Institution und findet in Naumburg bis April 1939 statt.

Aber das Winterhilfswerk (WHW), darauf weist der Oberpräsident der Provinz Sachsen in einem Rundschreiben am 27. Februar 1937 hin, betreut keine Juden mehr. Bei ihnen darf auch nicht gesammelt werden.

 

 
Naumburger Tageblatt, 14. Oktober 1933

 

 

Naumburg auf dem Weg zur "Kongressstadt"  nach oben

"Der Nationalsozialismus hat heute grundsätzlich mit den gleichen Mitteln die Bekämpfung der [Wirtschafts-] Krise aufgenommen," erklärt Kreisamtschulungsleiter Alfred Goldschmidt 1933 den Mitgliedern der Zellen der NS-Hago in der Gaststätte Zur Post, "die Friedrich der Große nach dem Siebenjährigen Krieg mit so großem Erfolg anwandte … ". (NS-Hago) Es ist eher Zeugnis vom infantilen Umgang mit dem Bürger, als es wirklichen Aufschluss über die Wirtschaftspolitik gibt. Die Fortschritte in der kommunalen Wirtschaftspolitik, Arbeitsförderung, Armutsbekämpfung (Winterhilfswerk, NSV), Wasserversorgung, dem Wohnungsbau und Wege- und Strassenbau werden nicht in Abrede gestellt. Wie so auch, sie sind das Resultat der täglichen, oft anstrengenden Arbeit der Bürger. Auf der politischen Ebene sind die Entscheidungen zur Stadtentwicklung von 1933 bis 1945 von den politischen, moralischen und ästhetischen Werte der nationalsozialistischen Ideologie geprägt: Militarisierung, Rassenpflege und -erziehung, Ausmerzung der sozialistischen Arbeiterbewegung und völkische Bevölkerungspolitik mit sozialdarwinistischen Charakter.

Den für Naumburg notwendigen wirtschaftlichen Strukturwandel zugunsten der Erhöhung wertschaffender Arbeitsplätze nimmt der Oberbürgermeister nicht in Angriff. Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik konzentriert ihre Mittel auf die Rüstungsindustrie: Flugzeugbenzin und Wasserstoff (für Buna) aus Leuna, Kohlehydrierung in Tröglitz (Zeitz) und Böhlen (BRABAG - Braunkohle-Benzin AG), Flugzeuge von Siebel (Halle - vorher Klemm-Flugzeugwerke) oder Synthesekautschuk aus Buna (Korbetha, Schkopau). In Naumburg fördert die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik:

den Aufbau der Garnisonsstadt (Stationierung der Wehrmacht und ihrer Einrichtungen),

den Tourismus als Schlüsselindustrie (1935),

eine gewisse Förderung der Bautätigkeit und

die Profilierung von Naumburg als Kongressstadt.

Diese Einseitigkeit und Disproportionen der Wirtschaftsbereiche deutet der Oberbürgermeister in seinem kommunalpolitischen Testament vom 28. Oktober 1939 zur Tugend um, wenn er feststellt:

"Naumburg wollte unter meiner Leitung nicht Industriestadt werden. Ich bin der Meinung, daß sie auch in Zukunft keinen falschen Ehrgeiz nach dieser Richtung haben sollte. Bei der Fortsetzung der Bestrebung zur Hebung des Fremdenverkehrs muß ein Hauptziel sein, Naumburg auch zur Kongreß-Stadt zu machen. Dafür ist aber Bedingung, daß wir eine Stadthalle erhalten mit einem Saal, der etwa 3 000 Menschen faßt. … Nach meiner Meinung muß die neu zu erbauende Stadthalle an die Ostseite der Vogelwiese kommen." (Uebelhoer, 28. Oktober 1939)

Friedrich Uebelhoer befindet sich auf dem Weg zur Kongressstadt. Aber das Wohnungsproblem der Stadt ist Ende der 30er Jahre nicht gelöst. Familie Jäger wohnt noch immer im Notquartier unter dem Spechsart ....

 

 

Straßenumbenennungen  nach oben

Im Kampf um die symbolische Präsentation der Macht des NS-Systems sieht die Stadtverwaltung eine ständige Tagesaufgabe. Aus Anlass der Besetzung des im Münchner Abkommen (28. September 1938) festgelegten sudetendeutschen Gebiets durch die Deutsche Wehrmacht im Oktober 1938 erfolgt die Umbenennung vieler Straßen. Die Nationalsozialisten messen dem eine tiefe Bedeutung bei. Auf dem Denkmalplatz am Birkenwäldchen findet eine Kundgebung statt. Der Oberbürgermeister erklärt:

"Ihr wißt, daß bisher nicht eine Straße der Innenstadt in Adolf-Hitler-Straße umbenannt wurde. Wir wollen damit vermeiden, daß in dieser Straße vielleicht ein Jude wohnte, der dann die Briefe in die Adolf-Hitler-Straße erhielt. Wir hatten vielmehr den Entschluß gefaßt, daß eine Straße entstehen soll, die Zeugnis ablegt vom Wirken Adolf Hitlers. Und heute Abend wollen wir dieser Straße den Namen geben: Der Flemminger Weg wird von heute Abend an Adolf-Hitler-Straße heißen."

 

Straßenumbenennung in Naumburg
 
16. August 1935
Straßenanlage südlich der Siedlungsstraße, zwischen der Raschstraße und der Friedrich-Nietzsche-Straße, wird als Klingerplatz bezeichnet.
 
29. Juni 1938
Prokopstraße in Willibald-Knoll-Straße
Hussitenstraße in Fritz-Barthold-Straße
Pfortastraße von der Eckhardtstraße bis zur Michaelisstraße in Walter-Thieme-Straße

Knoll, Barthold und Thieme sind im Kapp-Putsch gefallen.

 
10. Oktober 1938
vorher
1938
nach 1990
   
Flemminger Weg
Adolf-Hitler-Straße
Flemminger Weg
Memeler Str.
Rudolf-Hess-Straße
Friedrich-Fröbel-Straße
Am Birkenwäldchen
Hermann-Göring-Siedlg.
Ferdinand-Lasalle-Siedlg
Eckardtstraße
Dietrich-Eckart-Straße
Eckardtstraße
Posener Straße
Wilhelm-Frick-Straße
Friedrich-Fröbel-Straße
Camburger Straße
Saarlandstraße
Dürerstraße
Westring
Sudentenstraße
G.-F.-Kloppstock-Straße
 
Horst-Wessel-Siedlung
R.-Lepsius-Siedlung
Lützowstraße
Posener Straße
J.-Gottlieb-Fichte-Straße
Blücherstraße
Memeler Str.
Seminarstraße
Karlstraße
Lützowstraße
Ludwig-van-Beethoven-Straße
Parkstraße
Blücherstraße
Parkstraße
zwischen Buchholz- und Lepsiusstraße
  
   
31. August 1939
Lerchenweg verbindet Nord- und Raschstraße
Ulrich-von-Hutten-Straße westliche Verlängerung der Oskar-Wilde-Straße
   

 

Wahlen  nach oben

Zwischen November 1933 bis 1938 erlebt Naumburg vier Wahlsonntage. Die elementaren politischen Voraussetzungen für freie Wahlen sind nicht gegeben. Außer der NSDAP sind alle anderen Parteien verboten. Der Führerstaat hat den Parteienstaat abgelöst, tönt die Propaganda. Politisch Andersdenkende sind Repressionen und der Verfolgung ausgesetzt.

Weshalb braucht das Hitler-Regime aber überhaupt Wahlen? Der Gauführer des Bundes Nationalsozialistischer Deutscher Juristen, Professor Erwin Noack (Halle 1934) erläutert dies recht zutreffend so:

"Der Führer ruft sein Volk auf und das Volk stimmt ihm freudig zu und beweist damit, daß seine Autorität beruht auf der Gefolgschaft des deutschen Volkes."

Die Wahlen sollen der Diktatur ein Schein von Legalität verleihen und die Reproduktion eingeübter Techniken charismatischer Herrschaft Hitlers unterstützen. Max Weber versteht unter charismatischer Herrschaft die "Hingabe an Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit". Ob die plebiszitäre Unterstützung des Hitlerregimes den Widerstand, wie oft behauptet, wirklich schwächte, kann aus stadtgeschichtlicher Sicht nicht rekonstruiert werden. Die wirkliche Aufgabe und gesellschaftliche Funktion der Wahlen wurde von den Opponenten und Gegnern des Nationalsozialismus wahrscheinlich überwiegend realistisch eingeschätzt.

 

Volksabstimmung und Wahlen
zum Reichstag am 12. November 1933

Im Oktober 1933 tritt die Hitler-Regierung aus dem Völkerbund aus. 95 Prozent (40 588 804 Stimmen) der Wähler bestätigen in einer Volksabstimmung am 12. November 1933 diese Entscheidung mit "Ja".

 

 

Wahlen und Volksabstimmung
am 12. November 1933

Ergebnis Naumburg Stadt


zum Reichstag
Volksabstimmung
für NSDAP-Liste
ungültige Stimmen oder Stimmenthaltungen
mit JA
mit Nein
ungültige Stimmen
     
19 446
1 958
20 047
916
465
 

 

Die nationale Literatur beurteilt die Fairness der Wahlen gelegentlich positiver als dies für Naumburg erfolgen kann. Unter anderen ist die Rede vom Fehlen einer systematischen Wahlbeeinflussung. Wie man es auch wendet, von der Verhaftungswelle nach dem Reichstagsbrand im Frühjahr 1933 geht jedenfalls eine gewollte Bedrohung für diejenigen Bürger aus, die dem Hitler-Regime kritisch gegenüber stehen. Ob man diese als indirekt oder direkt, verdeckt oder offen bezeichnet, ist hier nicht entscheidend. Zudem gab es vielfältige subtile Formen der Beeinflussung des Wahlverhaltens zugunsten des Regimes. Hierzu gehört beispielsweise der obligatorische Schlepperdienst der SA (Sturmabteilung) zur Urne. Für den Einwurf der Wahlzettel am 12. November 1933 erhielt der Bürger ein Abzeichen. Es attestiert dem Träger die Unterstützung der Politik von Adolf Hitler.

Am gleichen Tag wählen die Bürger die 660 Abgeordneten zum Reichstag. Bei den letzten Reichstagswahlen am 5. März erhielten SPD und KPD im Naumburg zusammen 4 858 Stimmen (24 Prozent). Hier sind zwei interessante Anomalien zu beobachten. Erstens. Hitlers Entscheidung zum Austritt aus dem Völkerbund lehnen am 12. November lediglich 916 Bürger ab. Rechnet man noch die 465 ungültigen Stimmen hinzu, bleibt im Vergleich zum Ergebnis der Reichstagswahl von SPD / KPD am 5. März die Differenz von 3477 Stimmen. Zweitens. Bei der Abstimmung über die Reichstagsabgeordneten können maximal 1 958 Gegenstimmen angenommen werden. Hier beträgt der Abstand zur Reichstagswahl vom 5. März 2900 Stimmen. Dies bietet reichlich Stoff für eine weiterführende Diskussion über das Abstimmungsverhalten spezieller Wählergruppen und die politische Entwicklung in der Stadt nach 1933.

 

Volksabstimmung am 19. August 1934

Nach dem Tod von Hindenburg am 2. August 1934 soll das Amt des Reichspräsidenten mit dem Reichskanzler zusammengelegt werden. Die Details regelt das Gesetz über das Staatsoberhaupt vom 1. August 1934. Hierzu erfolgt am 19. August 1934 eine Volksabstimmung. "Dem Besten der alten Generation konnte nur der Beste des neuen Deutschlands folgen", unterrichtet Professor Erwin Noack (Halle) die Naumburger einen Tag vor der Wahl. An der Volksabstimmung beteiligen sich in Naumburg 97,4 Prozent der wahlberechtigten Bürger.

 

 

Ergebnis der Volksabstimmung
vom 19. August 1934 in Naumburg

 

 
Stimmberechtigte
Ja-Stimmen
Nein-Stimmen
Prozent

Reich


42 272 012

+ 3 201 623

38 362 760
4 294 654
9,4
     

Naumburg

21 724
17 925
2 707
12,4
 

 

Reichstagswahlen 1936

Zusammen mit den Reichstagswahlen findet am 29. März 1936 eine Volksabstimmung über die Ermächtigung zur Rheinlandbesetzung statt. Dem ging die Stationierung von Truppenteilen der Wehrmacht am 7. März 1936 im Rheinland voraus (Remilitarisierung).

 

 

Ergebnis der Reichstagswahlen
vom 29. März 1936

 

 
Stimmberechtigte
für die NSDAP-Liste
gegen die Liste
Prozent


Reich


45 428 641


44 409 9222

542 954

98,95
     


Naumburg

 
21 656
439

 

 

 

 

Rund 99 Prozent der Wahlbeteiligten stimmen für die Liste der NSDAP. Jüdische Bürger dürfen nicht mehr an der Wahl teilnehmen. Angesichts des großen Sieges ordnet der Reichspropagandaleiter der NSDAP für den 30. März die Beflaggung der öffentlichen Gebäude an.

Die Vorbereitung der Wahlen erfolgte mit viel propagandistischen Getöse. Schon am 15. März findet eine Wahlkundgebung mit Gauleiter Rudolf Jordan statt.

 

 
Naumburger Tageblatt, 13. März 1936

 

Am 17. März 1936 sperrt die SS kurz vor 8 Uhr abends den Platz vor der Reichskrone. Fackelträger, Ehrengefolgschaft und ein Ehrenzug der NAPOLA nehmen Aufstellung. ½ 9 Uhr schreitet der Reichsjugendführer die Front der Ehrenabordnungen ab. Vorher zogen Agitprop-Trupps der HJ aus Anlass der bevorstehenden Reichstagswahl am 29. März mit Sprechchören durch die Straßen und skandierten:

Wahlrecht ist Wahlpflicht.

 

Ankündigung der Kundgebung mit Baldur von Schirach im
Naumburger Tageblatt vom 16. März 1936
 

Die Umgebung der Reichskrone erlebt eine ausgetüftelte politische Inszenierung des Nazikults. Auf der Tribüne hebt Baldur von Schirach (1907-1974) zu seiner Rede an. Seine Leitidee ist die Volksgemeinschaft. Der aus gutbürgerlichen Kreisen in Weimar stammende Reichsjugendführer predigt "die Überwindung der Klassengegensätze" mittels der Volksgemeinschaft.

 

Reichskrone (um 1935), Bismarckplatz,
heute Theaterplatz, Stadtplan

 

Bekanntlich besitzen die Nationalsozialisten auf die politische Idee der Volksgemeinschaft kein Reichspatent. Beispielsweise formuliert die Deutschnationale Volkspartei aus Anlass der Wahlen am 24. November 1924:

"Wir kämpfen für Schwarz-Weiß-Rot. Auch in diesem Kampf bleibt unsere Parole: Christlich-Völkisch-National-Sozial! Diese

Volksgemeinschaft

wollen wir, die auf christlichem Boden aufbaut, den Klassenkampf verwirft und die Arbeiter ohne Terror befreit."

Der in Naumburg bei den Deutschnationalen beliebte Stahlhelmführer Theodor Duesterberg erstrebt ein

"organisches Zusammenfassen aller deutscher Kräfte unter Ausschaltung des Klassenkampfes",

teilt er seinen Kameraden am 1. November 1931 in Eisleben auf der Führertagung des Stahlhelms für den Landesverband Mitteldeutschland mit.

"Mit dem Kampf gegen den Kommunismus war verbunden die Leugnung von Klassengegensätzen", analysiert Uwe Wesel in der Geschichte des Rechts (1997). Die Volksgemeinschaft kaschiert die unterschiedlichen wirtschaftlichen und politischen Interessen der grossen sozialen Klassen, Schichten und Gruppen. Insoweit diente diese ideologische Konstruktion der nationalsozialistischen Propaganda als Surrogat für den Klassenkampf und zur Bekämpfung kommunistischer und sozialistischer Ideen. Aus dem Mund von Parteigenossen Fritz Zimmermann (Almrich), der am 4. Juni 1934 gegen 8 Uhr abends im Ratskeller von Naumburg die Mitglieder der NS-Hago-Zellen 21 bis 47 schult, hört sich das so an:

"Der Klassenkampf ist verschwunden. … Und der deutsche Arbeiter soll nun nicht enttäuscht werden. Immer soll er sich als Volksgenosse fühlen und im gleichen Schritt und Tritt mitmarschieren."

Adolf Schieffer (4), Direktor der Nationalpolitischen Erziehungsanstalt Schulpforta, hämmert es zum Schulfest am 21. Mai 1936 den Eleven in den Kopf:

"Es gibt auch keine Klassenkämpfe mehr, keine sozialen Gegensätze mehr, ebenso wenig Ausbeuter und Ausgebeutete! Wir sind, was vor wenigen Jahren noch undenkbar schien, ein wirklicher Volksstaat, eine geeinte Volksgemeinschaft."

Die Illusion von der Volksgemeinschaft nährt bei den Massen die Vorstellung, dass das Wohl der Gemeinschaft Vorrang vor den individuellen Interessen hat. Im Kern verfolgt die NSDAP andere Ziele. Ein SS-Führer von der NS-Ordensburg Vogelsang teilt sie im Spätherbst 1937 Eugen Kogon (1903-1987) so mit:

"was wir Ausbilder des Führernachwuchses wollen, ist ein modernes Staatswesen nach dem Muster der hellenischen Stadtstaaten. Diesen aristokratischen gelenkten Demokratien mit ihrer breiten ökonomischen Helotenbasis sind die großen Kulturleistungen der Antike zu danken. Fünf bis zehn von Hundert der Bevölkerung, ihre beste Auslese, sollen herrschen, der Rest hat zu arbeiten und zu gehorchen." (Kogon 20)

Nicht zuletzt diente die Ideologie der Volksgemeinschaft zur Rechtfertigung der Unterdrückung des politischen Widerstands. Den Gegnern des Systems wurde in Gerichtsprozessen angelastet, dass sie sich nicht in die Volksgemeinschaft einfügen wollen.

 

Volksabstimmung 1938

Die Stadt sucht nach Unterbringungsmöglichkeiten der Wohlfahrts-, sprich Dauererwerbslosen. Sie müht um Schaffung von Volkswohnungen. Es werden die Kasernenbauten für das III. /A.R.14. errichtet. Das Jugendheim wird erneuert. Die Säuglingssterblichkeit soll gesenkt und die Berufsschulpflicht erweitert werden. Eine zweijährige Handelsschule entsteht. Der Umbau des Hauptbahnhofes ist im vollen Gange, was auch der Förderung des Fremdenverkehrs dienlich. Die Stromtarife müssen reformiert und der Anschluss an das Gasfernnetz vorbereitet werden. Eingemeindungsfragen beschäftigen die Verwaltung. (Vgl. Uebelhoer 15.12.1938) Im September schafft die Stadt den ersten Sprengwagen an. Die Omnibuslinie Neuflemmingen - Friedhof wird eröffnet. Die Umgestaltung des Domplatzes beginnt. Das Kriegerdenkmal auf dem Salzberg (Kaiser-Wilhelm-Platz / Kramerplatz) versetzt man an seinen heutigen Standort. Im Sommer helfen italienische Landarbeiter bei der Ernte. Das Kirschfest wandelt man auf Wunsch der NSDAP zum Bänderfest.

Am 10. April 1938 sollen alle vor dem 19. August 1914 geborenen Volksgenossen die Frage beantworten:

"Bist du mit der am 13. März 1938 vollzogenen Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich einverstanden und stimmst du für die Liste unseres Führers Adolf Hitler"?

Ja oder Nein?

Mit der Volksabstimmung erfolgt zugleich die Neuwahl des Reichstages.

Im Ratskellersaal kommt man am 24. März zur Wahlkundgebung zusammen. Nach der Begrüßung durch Kreispropagandaleiter Walter Schieke spricht NSDAP-Kreisleiter Friedrich Uebelhoer seine Erwartungen aus:

"Das deutsche Volk ist vom Führer aufgerufen worden, von der ganzen Welt zu bezeugen, das es heute hinter ihm steht, das es keinen deutschen Mann und keine deutsche Frau im grossen Deutschen Reich gibt, der sich nicht in Treue, ganzer Hingabe und Gehorsam zu Adolf Hitler bekennt." (Wahlkundgebung)

Ihre Stimme geben die Volksgenossen in festlich hergerichteten Wahllokalen ab. Viele grüne Girlanden und Kränze schmücken die Stadt. Sie droht in einem Meer von Fahnen zu versinken. Alles Bisherige wird übertroffen: Ein einzigartiges Bekenntnis aus Liebe zum Führer, jubeln die Offiziellen. Mit großer Spannung erwartet man das Ergebnis, dramatisiert künstlich die örtliche Presse.

 

 

Ergebnis der Volksabstimmung
vom 10. April 1938 in Naumburg

 

 
Ja-Stimmen
Prozent
Nein-Stimmen
    

Reich

48 751 587
99,08
452 170
    

Naumburg

22 163
99,34
192

 

vgl. Meldung 1938

 

 

Das Naumburger Ergebnis liegt über dem Reichs- und Gaudurchschnitt.

Die während der Herrschaft des Nationalsozialismus abgehaltenen politischen Wahlen verdienen diese Bezeichnung im eigentlichen Sinne der Bedeutung des Wortes nicht.

  • Die Gesetze und Verordnungen zu den Wahlen ließen alternative Wahlvorschläge oder Kandidaten nicht zu.

  • Die Wahlen fanden unter repressiven Verhältnissen statt, öffentlichen wie nicht öffentlichen, zum Teil massiver, zum Teil sehr subtiler Art. Sie waren ein "cäsaristisches Instrument plebiszitärer Betätigung nicht vom Volks gestellter Fragen" (von Armin 180). Das Wahlrecht enthielt diskriminierende Einschränkungen; zum Beispiel für jüdische Mitbürger, aber nicht nur für sie.

  • Abweichende politische Meinungen im öffentlichen Raum wurden unterdrückt. Über nationale und internationale politische Ereignisse und deren Hintergründe informierten Presse und Rundfunk den Bürger völlig unzureichend. Die Losung hiess: Wir stehen zu Deutschland und dem Führer! Es kamen keine von der NSDAP abweichende Meinungen und politischen Konzepte zur Sprache. Wenn über sie informiert wurde, dann lediglich in entstellter und höchst unvollständiger Weise.

  • Die Einstellungspolitik erfolgte in weiten Bereichen nach politischer, sprich nationaler Zuverlässigkeit, was das Abstimmen für Hitler mit einschloss.

Demokratisch-freiheitliche Wahlen hätten am Mehrheitsvotum für die nationalsozialistische Politik wahrscheinlich nichts geändert, was fatalistisch anmutet. Doch folgt daraus nicht, dass der Kampf um freie Wahlen, Demokratie und Opposition ohne Folgen für die weitere Stadt- und nationale Geschichte geblieben wäre. Wer so denkt unterschätzt die Potenzen der Demokratie und vor allem die schöpferische Rolle der Opposition in einem demokratischen Staat. Oft verbirgt sich dahinter eine in der deutschen Politikkultur weit verbreitete Unterschätzung des produktiven Beitrags von demokratisch gesinnten und organisierten Minderheiten.

 

Zusammenfassung  nach oben

1. Bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 geben 71,5 Prozent der Bürger NSDAP und DNVP ihre Stimme, eine Voraussetzung für die Bildung des nationalsozialistisch-deutschnationalen Machtblocks. Die streng nationale Familie jubelt über die nationale Revolution. Die Mehrheit der Bürger verfällt in einen deutschnationalen Taumel. (Kultur des Vergessens, Stahlhelm, Langemarck-Denkmalnational-völkische Wende, erhebliche Verschiebung nach rechts)

2. Sozialdemokraten und Kommunisten wehren sich gegen die Missachtung des von den Bürgern bei der Wahl zur Stadtverordnetenversammlung am 12. März 1933 erteilten Mandats durch die Nationalsozialisten.

Einige SPD-Mitglieder leisten heftigen parlamentarischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten.

Ebenso widersetzen sich Anarchisten und SAP-Mitglieder den Machtverhältnissen.

Die Möglichkeiten der KPD sind durch die Terrorgesetze (Verhaftungswelle) sehr eingegrenzt. Sie versucht sich unter den faschistischen Machtverhältnissen zu reorganisieren.

3. In der Kommune kommt der nationalsozialistisch-deutschnationale Machtblock durch Missachtung elementarer demokratischer Regeln an die Macht. Seine politische Herrschaft ist deshalb nicht demokratisch legitimiert.

4. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Naumburg erfolgt im politischen Bündnis mit der nationalkonservativen Elite und breiter Unterstützung der Bevölkerung.

5. Mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 säubern die Nationalsozialisten die Stadtverwaltung und -betriebe. Politisch Unbequemen erteilen sie Berufsverbot. Jetzt kommt es auf das politische Bekenntnis zu Hitler an.

6. Eine der ersten Handlungen nach der Machtübernahme besteht in der Einleitung der Militarisierung der Stadt.

nach oben

 

Weiter: Naumburg im Krieg oder Die Wehrmacht in Naumburg

 

 

Abschied vom SS-Mann Güthling. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 5. Mai 1933

Alle Kommunistenschriften verboten. "Naumburger Tagblatt", Naumburg, den 17. März 1933

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Bürgerversammlung der Kampffront Schwarz-Weiß-Rot. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 10. März 1933

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Dreißig Kommunisten in Naumburg in Schutzhaft. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 17. März 1933

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Ein Wendepunkt im Hausbesitzerverein. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 30. März 1933

[Eröffnungssitzung] Donnerstag Eröffnungssitzung des Stadtparlaments. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 3. April 1933

[Fahnenhissung] Weitere Fahnenhissung in Naumburg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 10. März 1933

Feierstunde der Walter-Flex-Schule. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 11. Januar 1938

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Freiwilliger Arbeitsdienst für die Winternothilfe. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 17. Dezember 1932

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[GR] Gemeinderat der Stadt Naumburg a. S.. Protokolle der Sitzungen vom 6. April 1933, 11. Mai 1933, 16. Juni 1933, 22. Juni 1933, 14. Juli 1933, 17. August 1933, 23. August 1933, 7. Dezember 1933, 20. Dezember 1933, 4. November 1936, 18. Dezember 1936, 4. Februar 1937, 11. November 1937, 25. Januar 1938, 4. November 1938, 27. Februar 1939, 11. August 1939, 19. September 1940. Stadtarchiv Naumburg

Großer Regierungssieg bei den Kommunalwahlen. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 13. März 1933

[Güthling, Siegfried] Todesanzeige zum Tod des SS-Manns Siegfried Güthling, Naumburg, Medler Strasse 21. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 2. Mai 1933

[Gutgesell, Kurt] Urteil gegen Kurt Gutgesell. Sitzung der Großen Strafkammer des Landgerichts in Naumburg a. S. vom 3. Januar 1934. 1 K.L. 57/33 (451). Unterzeichnet von Landgerichtsrat Hagen (Vorsitzender), Landgerichtsrat Dr. Tolle und beisitzenden Richter Hochheim. Amtlich bestätigte Abschrift, unveröffentlicht

[Gutgesell, Kurt] Staatsanwaltschaft beim Landgerichte in Naumburg an der Saale. Strafprozessakten Gutgesell. Bundesarchiv Berlin. Akten des Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung. Zentrales Parteiarchiv. Signatur: DY 55/V 287/482

Handel und Handwerk im politischen Soldatentum des Führers. Versammlung der NS-Hago und Reichsbetriebsgemeinschaft Handel und Handwerk in Naumburg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 15. Oktober 1935

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Magistrat der Stadt Naumburg, Tagebuch Nr. P.V, an den Regierungspräsidenten von Merseburg: Ausscheiden von Abgeordneten aus der Stadtverordnetenversammlung auf Grund der Verordnung vom 22. März 1933. Naumburg, den 24. April 1933, unterzeichnet von [Oberbürgermeister] Roloff

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Meine Ehre heißt Treue. Beilage des "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 18. Juli 1942

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Mittelstandsversammlung. "Naumburger Tageblatt", Naumburg den 11. März 1933

Nachweisung [des Oberbürgermeisters, Ortspolizeibehörde] betrifft bürgerliche Vereine. Verfügung der Staatspolizei Halle vom 17. November 1934. Anlage zum Schreiben des Oberbürgermeisters Naumburg, Ortspolizeibehörde vom 8. Dezember 1934, gezeichnet in Vertretung Roloff, unveröffentlicht

Nachweisung über beschlagnahmtes Vermögen staatsfeindlicher Organisationen und Einzelpersonen [für 1933/34]. Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Merseburg, Regierung Merseburg, Polizeiregistratur Nr. 1220, Rep. C 48 I e

Naumburg dankte dem Führer. "Naumburger Tageblatt", den 11. Oktober 1938

NBT = "Naumburger Tageblatt", jeweilige Tagesausgabe

Neue Steuererleichterung für den Hausbesitz. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 30. März 1933

Noack, Erwin: Warum Volksabstimmung. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 18. August 1934

[NS-Hago] Kreisamtsschulungsleiter Goldschmidt: Der Nationalsozialismus Friedrich des Großen. Rede vor den Mitgliedern der Zellen der NS-Hago in der Gaststätte "Zur Post" in Naumburg, 1933

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Possögel, Anna: Vor der Verhaftung [Aufzeichnungen]. Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Archiv Weimar Buchenwald, 31/653

Possögel, Anna: Krankheit [Aufzeichnungen]. Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Archiv, Weimar Buchenwald, 31/653

Possögel, Anna: Bericht, handschriftlich. Unterzeichnet mit "Pampfer-Possögel", ohne Datum, nach 1947 geschrieben. Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Archiv Weimar Buchenwald, 31/653

[Prager Erklärung von 1934] Kampf und Ziel des revolutionären Sozialismus. Die Politik der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. In: Zeitschrift für Geschichtswissenchaften, Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin, XX (1972) Heft 7, Seite 860 ff.

Preußische Minister des Inneren. Berlin, den 19. September 1933. Nr. II G 1946/19.9.33. Schnellbrief. Nachprüfung der gemäß § 1 der Notverordnung vom 28. Februar 1933 erlassenen Schutzhaftordnung vom 28. Februar 1933 erlassenen Schutzhaftordnung. Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Merseburg, C 48 Ie, Nr. 1187

Preußische Minister des Inneren, Der. I G 297, Berlin, den 27. Februar 1934, Mit Bezug auf den RdErl. vom 26. Januar 1934 - I B 15/7 (MBliV Seite 127) wird nachstehendes Rundschreiben des RMdI vom 12. Februar 1934 zur Beachtung bekannt gegeben. Der Reichsminister des Inneren. Berlin, den 12. Februar 1934. Betrifft: Evangelische Kirche, unveröffentlicht

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Rauschning, Hermann: Gespräche mit Hitler. Erste Auflage. Europa Verlag, New York, AG Zürich, Druckereigenossenschaft Aarau, 1940, besonders Seite 22-23, und 237-238

Regierungspräsident von Halle-Merseburg (P I/II 360/34), 17. April 1934, Mitteilung an die Landräte und Oberbürgermeister Merseburg (auf Grundlage Funkspruch vom 16. April 1934 aus Berlin

Reichsgesetzblatt, Teil 1, Zweites Gesetz über die Reichstagswahl. Verordnung des Führers und Reichskanzlers über eine Volksabstimmung sowie über die Auflösung und Neuwahl des Reichstages vom 18. März 1938

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[Roloff] Bürgermeister Karl Roloff, Brief an das Amtsgericht Naumburg vom 30. November 1933. Stadtarchiv Naumburg, Sonderakten der Polizeiverwaltung Naumburg a. S. Betr. Eingetragene Vereine. Angefangen 1921, Ende 1945, Archivsignatur 6888

[Roloff] Bürgermeister Karl Roloff, Brief an das Amtsgericht Naumburg vom 30. November 1933. Stadtarchiv Naumburg, Sonderakten der Polizeiverwaltung Naumburg a. S. Betr. Eingetragene Vereine. Angefangen 1921, Ende 1945, Archivsignatur 6888

[Rückbenennung der Straßen und Plätze 1991] Kontroverse Diskussion: Militär oder Frieden. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 26./27. Januar 1991

Safransky, Rüdiger: Romantik. Eine deutsche Affäre. Carl Hanser Verlag, München 2007

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Schutzmassnahmen gegen Anhänger der Linken. "Naumburger Tageblatt, Naumburg, den 3. April 1933

Souchy, Augustin: Nacht über Spanien. Bürgerkrieg und Revolution in Spanien 1936- 39. Trotzdem, 2007

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Smith, Adam: Theorie der ethischen Gefühle. [1751] Herausgegeben von Walter Eckstein. Felix Meiner Verlag, Hamburg 1994

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[Stapo 1933b] Lagebericht des Regierungspräsidenten Merseburg für Juli 1934. In: Die Lageberichte der Geheimen Staatspolizei zur Provinz Sachsen 1933 bis 1936. Herausgegeben von Hermann-J. Rupieper und Alexander Sperk, Band 2: Regierungsbezirk Merseburg, mdv, Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2004,  Seite 106 ff.

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[Thum] Vernehmung von Selma Thum, geborene Matthes, Naumburg, Jacobsring 5. Der Leiter der Staatspolizeistelle für den Regierungsbezirk Merseburg, Naumburg, den 30.10.1935. In: Blattsammlung der Staatsanwaltschaft beim Landgerichte in Halle an der Saale, Vorverfahren in der Strafsache wider A. Nöding wegen Misshandlung. Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Merseburg, Staatsanwaltschaft Halle Rep. C 141

Uebelhoer, Friedrich: Rechenschaftsbericht zum WHW. Mehr als eine Wahl. Gilt das WHW-Ergebnis, Mitteldeutsche National-Zeitung, Halle, den 29. April 1935

Uebelhoer, Friedrich: Rede zur feierlichen Entlassung der Abiturienten des Jahrgangs 1937. In: 75 Jahre Walter Flex-Schule, Städtische Oberschule für Jungen in Naumburg an der Saale, 1863 bis 1938. Verfasser der Festschrift: Oberstudiendirektor Doktor Lemcke. Verlag Hirschfelder, Naumburg 1938, Seite 49 bis 50

[Uebelhoer, Friedrich: Rede zur Eröffnung des Wahlkampfs am 24. März 1938 im Ratskellersaal von Naumburg.] In: Der Kreisleiter eröffnete den Wahlkampf. Mitteldeutsche National-Zeitung, Halle, den 25. März 1938

Uebelhoer, Friedrich, Oberbürgermeister und NSDAP-Kreisleiter. [Rede auf dem Jägertag am 20. August 1938 in Naumburg a.S.]. In: Der Jäger Ehrentag. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 22. August 1938

Uebelhoer, Friedrich: Rede aus Anlass der "Eingliederung" des Sudetenlandes in das Deutsche Reich am 10. Oktober 1938 (freie Mitschrift). In: Naumburg dankte dem Führer. "Naumburger Tageblatt", den 11. Oktober 1938

Uebelhoer, Friedrich: Größere Aufgaben der nächsten Zeit. 28. Oktober 1939. Stadtarchiv Naumburg, Magistrat Naumburg, Größere Aufgaben der Stadt Naumburg im Bereich der Kultur. Stadtarchiv Naumburg, Archivsignatur 10798

Uebelhoer, Friedrich: Um Grossdeutschlands Lebensrecht. Front und Heimat stehen geschlossen im Abwehrkampf gegen Hass und Habgier. Naumburger Felddienstpost, 1. Folge, Weihnachten 1939, Seite 3 bis 4

Unvergänglicher Ruhm deutschen Soldatentum. "Naumburger Tageblatt", Naumburg den 13. März 1939

Unter Mackensens Führung! "Naumburger Tageblatt", Naumburg, Sonnabend, den 11. und Sonntag, den 12. Februar 1933

von Armin, Hans Herbert: Vom schönen Schein der Demokratie. Politik ohne Verantwortung - am Volk vorbei. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main und Wien, 2000

Wahl für Neu-Deutschland. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 6. März 1933

[Wahlkundgebung] Der Kreisleiter eröffnet den Wahlkampf. Kundgebung im Ratskellersaal - der Kreisleiter auf dem Wege nach Österreich. "Mitteldeutsche National-Zeitung", Halle, den 25. März 1938

Wallbaum, Eugen: Analyse der Stadt Naumburg. Naumburg, ohne Jahresangabe, unveröffentlicht, um 1950

[Walter Flex-Schule] 75 Jahre Walter Flex-Schule. Städtische Oberschule für Jungen in Naumburg an der Saale. 1863 bis 1938. Verfasser der Festschrift: Oberstudiendirektor Doktor Heinrich Lemcke. Verlag Hirschfelder, Naumburg 1938

Weber, Max: Die drei reinen Typen der legitimen Herrschaft. Eine soziologische Studie (aus dem Nachlass, 1922). In: Max Weber: Rationalisierung und entzauberte Welt. Schriften zur Geschichte und Soziologie, Reclam-Verlag, Leipzig 1989, Seite 224-238

Weitere Fahnenhissungen in Naumburg. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 10. März 1933

Wels, Otto: Rede. Reichstag 23. März 1933. Protokoll der 2. Sitzung des Reichstages am 23. März 1933. Siehe: Rede von Otto Wels zum "Ermächtigungsgesetz" auf der Sitzung des Reichstags vom 23. März 1933. In: Manfred Stolpe: Otto Wels und die Verteidigung der Demokratie. Vortrag im Rahmen der Reihe "Profile des Parlaments" der Evangelischen Akademie zu Berlin am 14. Februar 2002, Friedrich-Ebert-Stiftung, Gesprächskreis Geschichte Heft 45, Herausgegeben von Dieter Dowe Historisches Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung. Oder: Rede des SPD-Vorsitzenden und Abgeordneten Otto Wels. In: Otto Wels Mut und Verpflichtung. SPD-Bundestagsfraktion. März 2008, Seite 24 bis 30

Wesel, Uwe: Geschichte des Rechts. Von den Frühformen bis zum Vertrag von Maastricht. Verlag C.H. Beck, München 1997, Seite 476

Wir helfen! Das Winterhilfswerk des deutschen Volkes. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 30. Oktober 1933

[Wittenbächer] siehe auch Hennebold

Die Versorgung mit Fleisch und Fetten. In: Wochenbericht des Institut für Konjunkturforschung. Herausgeber Prof. Dr. Ernst Wagemann. 8. Jahrgang, Nummer 51/51, Berlin, den 23. Dezember 1935, Seite 215 bis 218

Zeitschel, Paul: Notizen. Naumburg, ohne Datum (wahrscheinlich um 1960) unveröffentlicht

Zeitschel, Felix: Mein politischer Lebenslauf. Naumburg, 27. Mai 1976, unveröffentlicht

[Zimmermann] Jeder nationalsozialistische Volksgenosse eine Propagandazelle. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 5. Juni 1934

Autor: Detlef Belau


Geschrieben:
6. Juni 2010

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