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Nazissturm auf den Konsum
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Nazisturm auf den Spechsart-Konsum

Unter den Auseinandersetzungen zwischen den Nationalsozialisten und den Linken (Reichsbanner !, SPD, KPD) der Stadt ragt besonders der Nazisturm (Volksbote, Zeitz) auf den Konsum im Spechsart am 8. / 9. Juli 1932 heraus.

Konsum-Werbung
1930 - Vollbild

Der Spechart-Konsum gehört dem Bezirkskonsumverein Weissenfels-Naumburg GmbH. Es war eine wirkungsvolle und marktmächtige Organisation zur Sicherung des Angebots an preiswerten Lebensmitteln, wovon besonders die Arbeiter, kleinen Angestellten und Geringverdiener profitierten. Im Geschäftsjahr 1930/31 erzielte er einen Umsatz von 2 174 224 Reichsmark. Mit der Verschlechterung der Lage der arbeitenden Klasse von 1929 bis 1933 gewinnt die Handelsorganisation an Markteinfluss und politischer Bedeutung.

Die Genossenschaftsmitglieder verpflichten sich, ihre Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs hier zu erwerben. Aus dem erzielten Umsatz erstattet die Genossenschaft ihren Mitgliedern in der Regel einmal im Jahr auf die Höhe der Warenentnahme eine Rückvergütung. Der Bezirkskonsumverein Weissenfels-Naumburg GmbH zahlte 1931 eine Rückvergütung von vier Prozent auf den Umsatz. Das waren insgesamt 78 605 Reichsmark. Der Umsatz pro Mitglied war von 1930 414 Reichsmark auf 425 Reichsmarkt 1931 gestiegen. Trotz Wirtschaftskrise war also eine stabile Versorgung mit Lebensmitteln möglich, wenn man sich, wie die Genossenschaft nur gegen die Preisspekulationen stellte und die Syndikate wehrte. Der Konsum hielt die Sonntags-Ruhe ein und war für ein 7-Uhr-Ladenschluss-Gesetz.

 

 
Annonce aus dem Naumburger Tageblatt

 

 

Der erste Angriff

Der Überfall auf den Konsum im Spechsart am 8. / 9. Juli 1932 war nicht der erste. Bereits am 24. Februar 1931, in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch, kommt es im Spechsart zur Karambolage zwischen den Nationalsozialisten und ihren Gegnern. Etwa um 23 Uhr beginnt der„planmäßig organisierte Angriff“ (Volksbote, Zeitz) der Nationalsozialisten auf die Mitglieder des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold Naumburg. Hermann Krüger (SPD) ist der Geschäftsführer der Reichsbanner Kapelle. Die Kameraden kommen aus der Gaststätte Zum Feldschlößchen (Spechsart 108). Jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag halten sie hier unter der musikalischen Leitung von Strafanstaltsoberwachtmeister Otto Grünberg (53 Jahre, Große Fischstraße 28) ihre Probe ab.

Etwa zu gleichen Zeit findet im Ratskeller von Naumburg eine Versammlung der Nationalsozialisten statt. Einige der Teilnehmer begeben sich danach in das Goldene Hufeisen in der Marienstraße. Erst 1928 baute Gastwirt Reinhold Schmöller seine Gaststätte gründlich um, und verwöhnt jetzt, wie es in der Werbung heißt, seine Gäste mit schmackhafter Küche und gutem Keller. Sein Sohn, Postschaffner Walter Schmöller, hat in der NSDAP-Naumburg viel zu sagen und sitzt nun hier mit gleich Gesinnten, darunter SA-Müller, zusammen. - Aber ein Nazi-Lokal ist es deshalb nicht, teilt der Gastwirt am 29. August 1932 im Naumburger Tageblatt mit und lädt alle mit den Worten ein:

"Bei mit ist jeder anständige gute Deutsche als Gast herzlich willkommen." -

Zwischen 10 und 11 Uhr abends stürzt Günther Lübcke (HJ-Mitglied) abgehetzt ins Lokal und prustet heraus:

Im Spechsart werden Nationalsozialisten vertrimmt.

In letzter Zeit soll es schon öfters Überfälle auf die Braunhemden gegeben haben, sagt Wilhelm Fauter (NSDAP) später bei der Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft beim Landgericht Naumburg aus, ohne aber nähere Angaben zu den Umständen (Zeit, Ort etc.) und den Personen zu machen. Eilends bewegen sich die Aufgebrachten von ihrem Stammlokal in der Marienstraße zur Humboldtstraße in den Spechsart. Am Eingang zum Siedlungshof formieren sich die 35 bis 40 Mann zu einer Schützenkette. Als die Reichsbannerleute nun die vor dem Feldschlößchen befindliche Bahnbrücke passieren, hören sie aus dem Dunkeln das Kommando:

SA auf Posten! SA bereit!

Ehemaliger Konsum
in der Siedlungsstraße (2007)
 
Ehemaliger Konsum (links)
in der Michaelisstraße (2008)

Einige können sich Passanten anschließen. Als die Anderen den ersten Siedlungsgarten im Spechsart erreichen, lässt die SA Leuchtraketen in den Himmel steigen. Die Reichsbannerleute sind deutlich in der Unterzahl. Zudem führen sie teure Musikinstrumente mit. Deshalb müssen sie die Flucht ergreifen. Schüsse fallen. Ihnen gelingt es, in Siedlungshäusern unterzukommen. Elm – wird von den Nazis mit den Worten empfangen:

„Das ist der Elm. Alle Mann hierher! Schlagt den Hund tot!“

Er kann sich mit Mühe noch in ein Haus retten. Andere sind inzwischen am Konsum (Siedlungsstraße) angelangt, was die Nationalsozialisten bemerken. Jetzt schrillt das Kommando:

Sturmangriff auf den Konsumladen!.

Aufgeschreckt durch Schüsse, verlassen viele Männer die umstehenden Häuser. Durch die öffentliche Aufmerksamkeit kann der Angriff auf den Konsum vereitelt werden. Nachdem die Polizei benachrichtigt, vergeht noch eine halbe Stunde bis sie eintrifft. Dann begleitet sie aber die Reichsbannerleute in ihre Wohnungen und nimmt über zwanzig Nationalsozialisten mit auf das Polizeirevier. Darunter sind die berüchtigten Schläger Bolz, (Max) Staps (vorbestraft wegen Diebstahls und Unterschlagung), Bächler und Beck, die NSDAP-Stadtverordneten Walter Schmöller und Reichsbahnassistent Rudolf Müller.

Der SA-Mann Bächler, Sohn des aus dem Passfälscher-Prozess bekannten Bächler, sagte in frecher Weise vor einigen Tagen der Mutter des Reichsbannerkameraden Krüger:

„Sagen Sie nur Ihren Söhnen, sie sollen sich vorbereiten. Ihre Tage sind gezählt.“ (Nazi-Wild-West)

Aus Protest über diese Ereignisse trifft sich 26. Februar 1931 (Donnerstag) die SPD in der Gaststätte Zur Post am Lindenring.

 

Spielmannszug, Reichsbanner
Naumburg um 1928

 

Mit Sympathisanten ziehen sie zur Kundgebung auf den Markt und in die Siedlungsstrasse.

Zu den Ereignissen um den Konsum im Spechsart am 24. Februar 1931 ermittelt der Oberstaatsanwalt Kessler beim Landgericht Naumburg. Er kommt zum Ergebnis, dass zur Anklageerhebung kein Grund besteht, weil eine Anklage wegen Landfriedensbruch, die Vereinigung zum gemeinschaftlich ungesetzlichen Handeln zur Voraussetzung hat, nicht erfüllt ist. (Vgl. Akten)

Am 8. April 1931 werden die Akten geschlossen.

 

 

Der zweite Überfall

 

Einige Akteure aus diesen Tagen:

SA-Müller = Rudolf Müller, geboren 13. Juni 1887 in Burgscheidungen, Unterm Georgenberg 3, Reichsbahnassistent, NSDAP-Aktivist, in Frühzeit der Bewegung wichtiger SA-Führer

Walter Schmöller, geboren 10. März 1898 in Naumburg, Postschaffner, Große Marienstraße 23, Mitglied der NSDAP

Werner Bächler, geboren am 12. April 1909 in Bad Schmiedeberg, Siedlungshof 2,

Wilhelm Fauter, geboren am 12. März 1892 in Naumburg (Saale), Gartenstrasse 21, Mitglied der NSDAP

Günter Lübcke, 18 Jahre, Artilleriestrasse 24, HJ-Mitglied

Paul Reinhardt, 29 Jahre alt, Windmühlenstrasse 12, Spielmannzugführer der NSDAP

wahrscheinlich dabei:
Friedrich Uebelhoer, NSDAP

wahrscheinlich dabei:
Heinrich Hacker, NSDAP

Hermann Krüger, 24 Jahre alt, Siedlungshof 33, SPD, Geschäftsführer der Reichsbanner-Kapelle

Reinhold Schmöller, Gastwirt Goldene Hufeisen

Hermann Trzmiel, geboren am 25. April 1900 in Dresden, Siedlungsstraße 35, Konsum-Lagerleiter

Gottfried Rublack, geboren 7. Februar 1881, Vorsitzender des Naumburger Gewerkschaftskartells (1921), SPD

Wilhelm Schwenke, geboren 1888 in Naumburg, Lindenhof 5, Schriftsetzer, SPD, Vorsitzender Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold Naumburg

Johannes Heinemann, geboren 1894, Moritzstraße 61, Mitglied des Rotfrontkämpferbundes, RGO, KPD

Walter Fieker, geboren am 15. Januar 1894, Moritzstrasse 42 (1920), KPD

 

Das war vor über einem Jahr. Heute - am 8. Juli 1932 - ist die Lage nicht besser. "Die letzten Wochen haben ein Maß von Ueberfällen gebracht", bilanziert der Volksbote (Zeitz) am 13. Juli 1932 unter der Überschrift

Sturmbewegte Tage in Naumburg,

"das unerträglich ist und unter der Arbeiterschaft das Bewusstsein reifen ließ, in Einmütigkeit diesem Terror der Nazis entgegenzutreten. Die Nazibanden, die hier noch nie eine ernstliche behördliche Bekämpfung kennengelernt haben, nehmen sich ein größeres Recht als die Polizeibehörde selbst heraus und führen Massnahmen durch, die kaum für möglich zu halten sind." Sämtliche Arbeiterorganisationen schließen sich deshalb jenseits politischer Differenzen zu einer

gemeinsamen Abwehrformation gegen den Faschismus

zusammen.

Es ist Wahlkampfzeit. Am 31. Juli 1932 wird der Reichstag gewählt. Die Nationalsozialisten profilieren sich auf ihre Art. In der Kirschfestwoche nutzen sie den

"Fest und Alkoholtaumel der Naumburger Spießer aus und krönten ihr Werk mit dem Verbrennen der Reichsfahne auf dem Marktplatz, kurz vor der Polizeiwache."

"Dieser Heldentat folgte ein wiederholter Versuch, daß auf dem Reußenplatz neu eingerichtete Parteiheim [Parteihaus] der KPD zu stürmen",

was durch die Wachsamkeit der Genossen verhindert werden konnte. Immer wieder inszenierten sie in der Spechsart-Siedlung, wo viele SPD-Genossen zu Hause waren, Anremplungen. (Vgl. Sturmbewegte)

"Nachdem die braunen Mörderbanden des Hitler schon in einer Versammlung am Donnerstag zum Sturm auf das Naumburger Konsumhaus und zu einer Vergeltung an den dort wohnenden Parteivorsitzenden Genossen Rublack aufgerufen hatten, wurde nun am Freitagabend der Sturm tatsächlich durchgeführt." (Nazisturm). Der Freitagabend, das war der 8. Juli 1932. Gegen 22 Uhr kommt es zwischen den Nationalsozialisten einerseits und den Sozialdemokraten sowie Kommunisten andererseits zu heftigen Auseinandersetzungen um den Spechsart-Konsum, Siedlungsstraße 30, der zum Bezirks-Konsumverein Weißenfels-Naumburg e.G.m.b.H. gehört.

In der Stadtzeitung heißt es am nächsten Tag, die Nationalsozialisten geleiteten lediglich ihre Leute aus der Stadt kommend durch den Spechsart nach Hause. Aber das ist nun wirklich keine überzeugende Erklärung für die Ereignisse der letzten Nacht. Denn die Konsum-Verhaufsstellen im Spechsart und in der Michaelisstraße waren den Nationalsozialisten schon lange ein Dorn im Auge. Bereits im Programm der NSDAP Naumburg zur Provinzial- und Stadtverordnetenwahl vom 17. November 1929 heißt es:

"Schärfste Stellungnahme gegen
Konsumvereine und Kaufhäuser".

Der Konsumverein Weißenfels, Naumburg und Umgebung G.m.b.H., Geschäftsführer Plöttner (Weißenfels), besitzt in Naumburg Mitte der 20er Jahre vier Verkaufsstellen, und zwar in der Fischstraße 24, Michaelisstraße 40, Kaiser-Friedrich-Straße 14 und Linsenberg 6. (Später werden als Standorte genannt: Große Fischstrasse, Michaelisstrasse, Amsdorferstrasse und Siedlungsstrasse.)

 

Volksbote (Zeitz)
am 23. März 1923:

"Vom Konsumverein. Mit der Ausdehnung des Konsumvereins Weißenfels-Naumburg u. Umg. Ist die preisregulierende Wirkung immer größer geworden. Das führte insbesondere in Naumburg, wo der Verein außerordentlich an Umsatz zugenommen hat und in der vorigen Woche eine neue Verkaufsstelle eröffnet wurde, bereits zu heftigen Kämpfen mit den Konsumgegnern. So ist von den Deutschnationalen ein Flugblatt verteilt worden, das das Bürgertum auffordert, aus dem Konsumverein auszutreten."

 

Praktisch ist der Bezirkskonsumverein eine Einrichtung der Linken. Bei den letzten Wahlen am 26. Januar 1930 entfallen auf die kommunistischen Kandidaten 1 404 und auf die Sozialdemokraten 1 954 Stimmen. Bereits 1922/23 entfaltet die Konsum-Organisation in der Stadt ihre preisregulierende Funktion. Ihr Umsatz steigt schnell. Für 1920/30 weist einen Jahresumsatz von 2 408 542  Reichsmark aus (1936/37: 1 155 126 Reichsmark). Der örtlichen Konkurrenz missfällt dies. Die Deutschnationalen fordern daraufhin ihre Anhänger öffentlich auf, aus dem Konsum auszutreten.

Nun, "Im Jahre 1932 hatten die Genossen der SPD erfahren", berichtete Schriftzsetzer Wilhelm Schwencke (geboren 1888, Lindenhof 5), Führer des Naumburger Reichsbanner, "daß die Nazis durch Provokation gegen den Konsum vorgehen wollten." (Schwencke 1956)

Das Reichsbanner stellt den Konsum unter seinen Schutz. Nachts liegen bis zu 100 Mann auf dem Boden des Hauses in Bereitschaft.

Gegen 10 Uhr abends greifen etwa 40 bis 75 Nationalsozialisten mit Bierflaschen, Zaunlatten und Steinen den Konsum an. "Eine große Meute" "stürmte unter Abgabe von scharfen Schüssen gegen das Haus vor und zertrümmerte die große Schaufensterscheibe". (Nazisturm)

 

"Bescheid

Der von dem Bezirksverein Weißenfels-Naumburg e.G.m.b.H. zu Weißenfels erhobene Anspruch auf Entschädigung [in Höhe von 258,60 RM] des ihm anlässlich einer politischen Schlägerei in der Nacht vom 8. zum 9. Juli 1932 wird hiermit als unbegründet zurückgewiesen.

…..

Merseburg, den 1. Oktober 1932.

Der Vorsitzende. ….

Regierungsrat"

(Polizeiverwaltung)

 

Etwa zur gleichen Zeit macht sich ein Trupp von 150 Mann aus einer kommunistischen Versammlung im Ratskeller auf den Weg zum Spechsart-Konsum. Der Polizeibericht vom 9. Januar 1933 beziffert sie auf 250 bis 300 Mann. Sie rüsten saich mit Knüppeln und Latten auf. Dann entbrennt ein heftiger Kampf zwischen den rivalisierenden Gruppen. Schüsse fallen.

Der Nazisturm auf das Naumburger Konsumhaus (Volksbote, Zeitz) beginnt. "Wie wild und unsinnig die Nazis schossen," berichtet Volksbote (Zeitz) am nächsten Tag, "geht daraus hervor, daß ein zufällig dort vorbeifahrender Motorradfahrer durch drei Kopfschüsse schwer verletzt wurde. Von den Reichsbannerkameraden wurden fünf mehr oder weniger schwer verletzt." Der Konsum-Filialleiter Walter Fieker (KPD) ruft die Polizei zur Hilfe. Sie stellt ein Seitengewehr, Eisenspitzen, drei Revolver, Lederriemen und Zaunlatten sicher. Die Verwundeten werden versorgt. Die Nazis bringt man auf die Polizeiwache ins Rathaus. Darunter sollen - was erzählt wird, aber nicht in den Dokumenten auffindbar ist - Friedrich Uebelhoer und Heinrich Hacker gewesen sein.

Am Verhalten der Naumburger Polizei und Gerichte wird schwere Kritik geübt. "Dass mit dem Sonnabendüberfall von den Nazis ein grosses Blutbad geplant war, konnte mit Beweisen belegt werden. Einwandfreie Zeugen, darunter selbst der Nazikaufmann G. aus der Wenzelsstrasse, und politisch Unbeteiligte haben bestätigt, dass bereits am Abend in der Hospienblüte massgebende nationalsozialistische Führer ein Blutbad in der Spechsartsiedlung angekündigt haben. Das gleiche ist uns", schreibt der Volksbote (Zeitz) am 13. Juli 1932, "aus einem Gespräch bei Fleischermeister Erhardt, Michaelisstrasse 28, durch Zeugen einwandfrei festgestellt worden. Empörung herrschte auch, als bekannt wude, dass der Arbeiter H. [Johannes Heinemann - siehe unten], Mitglied der KP., festgenommen, der an dem Zusammenstoss beteiligt gewesen sein soll, verhaftet worden ist, während zur Anzeige gebrachte Nazis frei herumlaufen." (Sturmbewegte)

 

 

Zwischen Protest und Randale

Blick vom Marientor
zum Gasthaus Zum Goldenen Hufeisen
(2005)

 

Noch in der Nacht vom 8. zum 9. Juli, kurz vor Mitternacht, nehmen die Anhänger von SPD und KPD sowie vom Reichsbanner in der Marienstraße 22 Revanche. Vor dem Lieblingslokal und bevorzugtem Versammlungsort der Nationalsozialisten, dem Gasthaus Zum Goldenen Hufeisen, findet an der Grenze von berechtigtem Protest und Randale das Rückspiel statt. Im Gastraum sind noch zwei Tische besetzt. Die Wut über den Überfall der Nationalsozialisten auf den Konsum muss raus! Steine fliegen von draußen herein. Fensterscheiben werden zerschlagen. Die Menge skandiert antinationalsozialistische Sprüche und belästigt Gäste. Aber es "ist von niemanden dieser Gäste etwas auf die Straße und nach den Kommunisten geworfen worden", beteuert Gastwirt Reinhold Schmöller am 29. August 1932 im Naumburger Tageblatt. Harmlose Passanten, so steht es am nächsten Tag in der Zeitung, pöbeln diese Trupps auf dem Markt mit vollgefressener Stahlhelmlümmel an.

In der Nacht vom 8. zum 9. war Lage vor dem Hufeisen ziemlich aufgeregt und unübersichtlich. Polizei kommt zum Einsatz.

Gasthaus Zum Goldenen Hufeisen
(2005)

 

Johannes Heinemann tritt hinzu. Vor dem Tor des Hauses schlägt er die linke Scheibe vom Gasthaus ein. Ein Polizist steht unmittelbar hinter ihm. Der packt ihn, versetzt ihn mit dem Gummiknüppel einen Hieb auf den Kopf. Daraufhin dreht sich der Melker um, reißt sich durch einen Schlag auf den Polizisten los und verschwindet in der Menge. Die Geschichte wird noch etwas anders erzählt: Nach dem Schlag mit Gummiknüppel wehrte er sich mit einem Stock. Sofort halten ihn die Polizisten die Pistole auf die Brust. - Jedenfalls wird Heinemann, geboren 1894, wohnhaft Naumburg (Saale), Moritzstraße 61, Mitglied des Rotfrontkämpferbundes und der RGO, bereits zwei Jahre arbeitslos, verhaftet und wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt am 25. August 1932 vom Schöffengericht Naumburg zu acht Monaten Gefängnis und zur Übernahme der Kosten des Verfahrens verurteilt. Am 22. Dezember 1932 wird er aus dem Naumburger Gefängnis entlassen. Als Verteidiger vertrat ihn vor Gericht Doktor Artur Samter.

Die Menge kann durch die Polizei nur mit Gewalt in Schach gehalten werden. Es gibt viele Verletzte, nicht aber als Folge der Anwendung von Schusswaffen.

"Im Verein mit den neu eingetroffenen Beamten wurden dann die Gr. Marienstrasse unter Anwendung des Gummiknüppels geräumt und gleichzeitig 50 Sistierungen vorgenommen",

stellt der Polizeibericht fest. Und weiter:

"Die festgenommenen Personen wurden in der Wachstube nach Waffen durchsucht und nach Feststellung ihrer Personalien einzeln wieder entlassen. Die Durchsuchung in der Wachstube war ergebnislos; dagegen wurden vor dem Wachlokal und in der Gr. Marienstr. ein geladener Trommelrevolver und 26 Knüppel und Latten gefunden."

Für Montag, den 11. Juli 1932, ruft die SPD alle zu einer

Prostestversammlung gegen den Naziterror

Im den beiden Sälen des Ratskellers (Naumburg) wollen sie sich über die letzten Ereignisse aussprechen und beraten. Genosse Eugen Wallbaum (SPD Naumburg) hält das Referat, was mit grosser Aufmerksamkeit und Begeisterung aufgenommen wurde.

 

"Die Mordlust der Naumburger Nationalsozialisten ist mit den Überfällen und Sturmangriffen auf Arbeiterheime noch nicht zufrieden gestellt", erhebt der Volksbote (Zeitz) am 16. Juli 1932 warnend seine Stimme. "Der am Sonnabend, den 9. Juli durch die Wachsamkeit der [Naumburger] Reichsbannerkameraden und das schnelle Eingreifen der Merseburger Schutzpolizei vereitelte Angriff [auf den Spechsart-Konsum in Naumburg] liegt dem Mordgesindel schwer im Magen. Aus zuverlässiger Quelle ist uns die einwandfreie Tatsache bekannt geworden, dass ein neuer Angriff in Naumburg organisiert ist. Nicht nur die Naumburger SA und SS ist für diese Aktion in Aussicht genommen, sondern es werden nach der uns gewordenen zuverlässigen Mitteilung sämtliche Ortsgruppen der näheren Umgebung Naumburgs zum Miteingreifen zur Alarmbereitschaft bereit gehalten." (SA 16.7.1932)

 

.... unter riesiger Beteiligung der Bevölkerung ....

Der Konsum (2005)

Wie die Naumburger Öffentlichkeit auf diese Ereignisse reagiert, darüber gibt der Bericht

"Die Polizei bekommt Arbeit"

des Naumburger Tageblatts vom 30. Juli 1932 Auskunft:

"Die Spannungen zwischen gewissen politischen Parteien hält hier noch weiter an. Sie kam am Sonnabend während des glänzend verlaufenen Umzuges der Nationalsozialisten, der unter riesiger Beteiligung der Bevölkerung vor sich ging, in fortwährenden Anpöbeleien und Beschimpfungen der Teilnehmer durch Anhänger der Linken zum Ausdruck. Die Polizei hatte alle Hände voll zu tun, um Zusammenstöße zu verhindern. Noch in der gleichen Nacht wurde das zur Verstärkung herangezogene Überfallkommando der Merseburger Schutzpolizei nach der Spechsartsiedlung gerufen. Dort sollen sie, wie man hört, Ansammlungen politischer Parteien zerstreut und den Teilnehmern Waffen weggenommen haben."

Was wird im Frühjahr 1933 aus dem Konsum? Das Programm der NSDAP droht bereits 1929 mit dem

"Kampf gegen die Konsumgesellschaften".

Daß es zu "unzulässigen Aktionen" des Kampfbundes des gewerblichen Mittelstandes gegen den Konsum gekommen ist, gilt als verbürgt. Was mit ihm jedoch danach passierte, wissen wir nicht genau. Aber der Regierungspräsident von Merseburg warnt am 3. August 1933 vor "ungesetzlichen Eingriffen". Es fordert einen Ausgleich zwischen den Konsumgesellschaften und dem Kampfbund. Mit anderen Maßnahmen wären nur die Spargelder zahlreicher Volksgenossen gefährdet, teilt er mit. (Vgl. Konsum 1933)

 

 

Akten der Staatsanwaltschaft beim Landgericht Naumburg. Vorverfahren. Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt, Merseburg, Staatsanwaltschaft Naumburg Nr. 62, C 141

Die Polizei bekommt Arbeit. Anhalten der politischen Spannungen. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 30. Juli 1932

[Konsum 1933] Stadtarchiv Naumburg. Hauptakten der Polizei-Verwaltung Naumburg an der Saale. Betrifft: Genossenschaften, Band 9624

Erhöhte Alarmbereitschaft. "Volksbote", Zeitz, den 16. Juli 1932

Nazi-Wild-West in den Straßen von Naumburg. "Volksbote", Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weißenfels, Naumburg. Zeitz, den 26. Februar 1931

Nazisturm auf das Naumburger Konsumhaus. "Volksbote", Sozialdemokratisches Organ für die Kreise Zeitz, Weißenfels, Naumburg. Zeitz, den 9. Juli 1932

Polizeiverwaltung. Schadenersatzansprüche verschiedener Art, Stadtarchiv Naumburg, Bandnummer 12301 b, 1929-1945, Archivnummer 6639

[SA] Erhöhte Alarmbereitschaft. "Volksbote", Zeitz, den 16. Juli 1932

[Schmöller, Reinhold] Eingeschlagene Fensterscheiben im Hufeisen. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 29. August 1931

Schwencke, Wilhelm, Leo Heinrich, Paul Kynast und dem Kollegen Karl Franke: Aussprache mit den Genossen. Protokoll, Naumburg 13. Dezember 1956, unveröffentlicht

Sturmbewegte Tage in Naumburg. "Volksbote", Zeitz, den 13. Juli 1932


Autor:
Detlef Belau


Geschrieben: November 2006. Aktualisiert: 12. Juni 2009

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