Kultur und Kunst nach dem Willen des Führers
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Kultur und Kunst
nach dem
Willen des Führers

 

Jazz-Affäre Als die große Welt in die .....
Hege als Filmemacher Kriegervereine
Gebt uns unsre Kolonien wieder! Deutsches Empfinden
NS-Kulturgemeinde Kein Funke der Besinnung
Ästhetisierung des Politischen Technikeuphorie
Die Goebbelsschnauze Schönheit der Arbeit und KdF
Vieles Scharfe und Hitzige Vom Kirsch- zum Bänderfest
Naumburg tanzte zum Rundfunkball  

 

 

Jazz-Affäre  nach oben

Das Domgymnasium stellt an seine Schüler hohe Anforderungen. Während einige nach dem Unterricht Latein und Griechisch büffeln, verausgaben sich andere im NGRV (Naumburger-Gymnasial-Ruderverein). Manche ziehen aber dann und wann am späten Abend durch die Park-, Lepsius- sowie Jenaer Straße und löschen die Gaslaternen, was die Stadtwerke nicht so lustig finden. Zu Weihnachten geben sich gewöhnlich alle besonders brav: führen ein Rührstück aus der deutschen Erbauungsliteratur auf, wo sich vor lauter Ergriffenheit keine Hand zum Beifall regt. Wem kommt jetzt noch der Gedanke, dass Domschüler heimlich zum Jazz aufspielen? Zumal es streng verboten ist, für Geld zu musizieren. Aber einige halten sich nicht daran. Als ihr Studiendirektor Bruno Kaiser Ende 1926 davon erfährt, droht ein Skandal. In einem Brief aus Querfurt muss der Professor lesen: seine Schüler spielen für billiges Geld in Mücheln zum Tanz auf. Eine anderer petzt am 3. Dezember 1926 beim Schuldirektor: Domschüler nahmen beim E.G.T. (Ehemalige Gymnasiasten Tanzstunde) ein Engagement für den 11. Dezember in der Loge (Neustraße 15) an. "Wohlbemerkt als Jazz Musiker"! Der Schreiber empfindet es als seine Pflicht anonym mitzuteilen:

"Ich glaube wohl, dass sich etwas derartiges kein Schüler einer höheren Lehranstalt leisten darf, als Musiker öffentlich aufzutreten."

Und dann:

" … event. bin ich auch bereit meinen Namen öffentlich dafür preiszugeben."

Was heißt hier dafür? Für die Aufrechterhaltung von Moral und Sitte? - Es sind die Eiferer des Naumburger Tugendwächter-Garderegiments. Manche durch SA-Uniform ermächtigt, andere weil sie einfach Ordnungsliebend sind, legen sie so richtig nach 1933 los. Dann wird endlich aufgeräumt mit den Weltverschwörern, Logenmitgliedern, Sozis, Zeugen der Jehovas, Bolschewisten, Juden, Asozialen und natürlich Jazzmusikern, mit allem Entarteten - damit wieder Ordnung herrscht im Städtchen. Jetzt üben wir erst mit dem noch harmlos klingenden Statement:

Jedenfalls möchte ich meine Söhne
nicht mit Musikanten auf einer Schulbank sitzen sehen.

Pflichtgemäß setzt Bruno Kaiser die Jazz-Interpreten aus seinem Haus unter Druck, die daraufhin vom Engagement bei der Loge zurücktreten. Worauf sich am 7. Dezember der E.G.T.-Vorsitzende wiederum an Professor Kaiser wendet, weil er durch die Absage der Musiker in größte Schwierigkeiten kommt. Die Schüler mögen doch künftig, bittet er, keine Verpflichtungen übernehmen, die sie nicht erfüllen können. So bekommen die Jazz-Enthusiasten den Schwarzen Peter zugeschoben.

Cafè Furcht, Markt 3 (1916)*
Blick zum Markt 3 (2006)
* Siehe hierzu den interessanten Aufsatz zur Kaffeehaus-Kultur in Naumburg von Siegfried Wagner und Ursula Dittrich-Wagner: Aus der Frühzeit der Naumburger Kaffeehäuser. In: Saale-Unstrut-Jahrbuch (4) 1999, Seite 112 ff.

Hinter allem stecken die Gebrüder Karlewski. Am 20. Dezember befasst sich die Lehrerkonferenz der Domschule mit ihnen. Nicht das letzte Mal. Unglaublich, aber wahr: bereits im Cafe Furcht, der Klatsch- und Tratsch-Zentrale der Stadt, spricht man beim Kaffee-Kränzchen über die Jazzband des Domgymnasiums. Davon erfährt Studienrat Hermann Reichardt (Jahrgang 1882) anlässlich eines Vortrages im Kriegerverein Pretzsch im Januar 1927. Natürlich war Mücheln nicht die einzige Station, wer wollte das je annehmen? Zum Erntedank Anfang Oktober spielten die Jazz-Musikanten in Altenburg (bei Naumburg) - und wahrscheinlich noch an vielen anderen Orten, die wir leider nicht kennen. Jedenfalls muss der Magister für Theologie, seit 1913 an der Domschule angestellt, diese so fürchterliche Nachricht gleich am 7. Januar 1927 Bruno Kaiser überbringen. Dabei fördert der Studienrat etwas Unglaubliches ans Tageslicht: die Schüler verschleiern alles und geben nur zu, was die Lehrer ohnehin schon wissen! Noch schlimmer: die Eltern helfen ihnen dabei. Eine Pandemie also. Ihre Bekämpfung übernehmen die Deutschnationalen und Nationalsozialisten - damit die Kinder nicht versumpfen.

Der Haushalts-Voranschlag des Magistrats für das Jahr 1928 sieht vor, auf alle Veranstaltungen mit Jazz-Musik eine Steuer von 50 Prozent zu erheben. Diese Bestimmung, so teilt die Stadtadministration dem Bürger ausdrücklich mit, soll nicht allein aus fiskalischen, sondern aus

volkserzieherischen Gründen

getroffen werden. Also ein vorgezogener kulturpolitischer Modellversuch, den die Nationalsozialisten dann verallgemeinern.

Hoppla, was passiert denn nun? Weil das Saxophon nicht unbedingt als Jazz-Instrument angesehen werden kann, kommt es am 18. Juni 1929 wieder zur Aufhebung dieser Bestimmung.

 

 

Stadtarchiv Naumburg (Dokument fotografisch bearbeitet, Inhalt unverändert.)  

 

Wie unschwer erkennbar, besaß die Jazz-Affäre objektiv ein subversives Moment gegenüber der isolationistischen und nationalistischen Kulturpolitik. Ob es politisch subjektiv von den Jazz-Enthusiasten so wahrgenommen wurde, wissen wir leider nicht. In der Person von Professor Kaiser spiegelt sich die Jazz-Affäre eher als ein Generationskonflikt. 1930 geht der Schuldirektor gegen den Nationalsozialistischen Schülerbund vor.

 

 

Als die große Welt in die kleine Stadt kam  nach oben

Naumburgs Kinos bieten ihrem Publikum ein beliebtes Amüsement. Jeden Abend bringen sie die große Welt in die kleine Stadt. Das Fräulein vom Büro trifft sich mit ihrem Freund zum verheißungsvollen Kinobesuch. Nach der Vorstellung fragt er höflich, ob er sie nach Hause geleiten darf. Doch erst entfliehen sie dem Alltag. Im verdunkelten Saal baut sich ihnen eine eigene Wirklichkeit auf. Sie vergessen ihre Sorgen und träumen sich in eine bessere Zukunft. Aber was hier geträumt werden soll, darum entbrennt ein harter politischer Kampf. Schnell findet die Deuligs-Woche, ab 1922 Deuligs-Wochenschau genannt, Eingang in die Kinos. Ab 1925 kommt die Ufa-Wochenschau dazu. Beide rechtsnational orientiert. Alternative Firmen (Emelka-Woche) können sich im Lichtspiel-Markt nicht halten.

Bald entdeckt man den Film als Mittel der Volkserziehung. Voran die nationalen Windbeutel von der Devoli. Ausserdem verspricht das Verleihgeschäft mit den Filmkopien und den Besuchern in tausenden Lichtspieltheatern ein gutes Geschäft.

Im Schützenhaus finden vor dem Ersten Weltkrieg die ersten Kino-Vorstellungen statt. Die Lichtspiele, wie die Institution damals noch genannt, zog viele magische an. Walter Hege (1891-1955), der 1908 seine ungeliebte Kaufmannslehre in Naumburg begann, bastelte in der Freizeit einen Filmprojektor. Als er fertig war, begann die Suche nach einem interessanten Film. Dann und wann besucht ein Zeltkino die Stadt. Dort gibt es natürlich solche Filme. Es entsteht, wie er in den Jugenderinnerungen schreibt, ein geradezu verbrecherischer Plan: Als er das Objekt der Begierde entwenden will, ertappt man ihn. Eine peinliche Szene. Für einen Tag muss er ins Gefängnis und ist ein reuiger Sünder. Dies "brachte mir einen grossen Vorteil", frohlockt der Erwachsene Hege: "Ich brauchte nicht mehr in die kaufmännische Lehre."

Ehemaliges Kino in den Drei Schwanen (2006)

Mitte der zwanziger Jahre entstieg der Spielfilm den Kinderschuhen. Das erste moderne Kino der Stadt, die Schwanen-Lichtspiele in der Jakobsstraße, wird im Juli 1925 eingeweiht. Freudig und erwartungsvoll stimmt den Zuschauer den in Blau und Silber gehaltene Vorführsaal ein, ausgestattet nach dem Vorbild des Ufa-Palastes der Alberthalle in Leipzig mit attraktivem, allen Phasen der Vorführung angepasstem elektrischen Saallicht. Noch vertont "mit großem Orchester zu kleinen Preisen" Herrn Geipel mit seinen Musikanten im versenkten Raum vor der Bühne den Film. 1930 endet die Stummfilmära. Der Orchestergraben wird überflüssig, leistungsfähige Lautsprecher sind nun gefragt.

Natürlich möchte die Stadtverwaltung am Lichtspielbetrieb mitverdienen. Deshalb beschließt die Stadtverordnetenversammlung am 27. Juni 1918 die Erhebung einer Lustbarkeitssteuer gegenüber Personen, Vereinen und Kooperationen, die als Pauschal- oder Eintrittskartensteuer erhoben werden kann. Für ein Tanzvergnügen sind laut Verordnung 10 bis 30 Mark fällig. Bei Kostüm- und Marktfesten verdoppelt sich der Betrag. Eine Konzert- oder Theatervorstellung kostet dem Veranstalter 10 bis 60 Mark Lustbarkeitssteuer. Beim Lichtspielbetrieb kassiert die Stadt 5 Pfennige pro Eintrittskarte bis zum Verkaufspreis von 0,50 Mark und für jede weitere angefangene Mark noch mal 5 Pfennige. Das ist zu hoch, protestiert der Mitinhaber des Schwanentheaters Oskar Balzer am 15. Februar 1921 gegen die seitens der Stadt reklamierten 1350 Mark Lustbarkeitsteuer.

Ankündigung des ersten Tonfilms in den Schwanen-Lichtspielen im Naumburger Tageblatt am 21. Februar 1930

Nicht selten verwehrt man den Heranwachsenden mit dem Hinweis Für Jugendliche ab 16 Jahre oder Ab 18 Jahre den Eintritt ins Kino. Jürgen Dorka erinnert (2006) sich an die kulturhungrigen Menschen in der Nachkriegszeit, die die "meist überfüllten Vorstellungen" stürmten. Gegen einen kleinen Obolus schleuste er manchen seiner Mitschüler in jugendverbotene Filme der Reichskronen-Lichtspiele (Bismarckplatz / Theaterplatz), wo sein Vater der Chef war.

Das Gebot des Jugendschutzes spielt auch am Abend des 24. März 1928 in Knörrichs-Garten an der Jakobspromenade - Vogelwiese (Anfang 1937 abgerissen / umgebaut) eine Rolle. Der Rotfrontkämpferbund hatte zur Filmabend eingeladen. Um den ordnungsgemäßen Ablauf zu überwachen, stellt sich bald Polizeihauptwachtmeister Thum von der Ortspolizeibehörde Naumburg ein. Zunächst läuft der Propagandafilm Rot Front marschiert. Darauf folgt der Streifen Iwan der Schreckliche mit dem Zusatz Erst für Jugendliche über 18 Jahre zugelassen. Kurz vor Beginn des Films lässt dann Film-Erklärer Adolf Schuster (KPD) im Saal die Sätze raus:

"Der Wachtmeister würde sicher viel lieber zu Hause sein als hier. Ich weiss auch nicht, ob er die Fähigkeit besitzt, ohne weiteres festzustellen, wer 18 Jahre alt ist. Da müssen wir erst zum Passfälscher Bächler gehen."

Ein Gejohle und Lachen bricht im Publikum los. Typisch hieran, wie es dem Filmerklärer ein Leichtes war, die Stimmung der Zuschauer mit der Kommentierung von Stadtereignissen aufzuschäumen. Erst der Tonfilm kalkuliert die Emotionen der Kinobesucher genauer, lenkt sie in berechenbare Bahnen. - Jedenfalls war der Beamte Bächler durch Schusters Worte vor der gesamten Zuhörerschaft durch den Kakao gezogen worden, wie Staatsanwalt Keßler bei der Berufungsverhandlung vor dem Landgericht am 25. November 1929 feststellt. Das Gericht sieht den Tatbestand der Beleidigung erfüllt und verurteilt Adolf Schuster aus Almrich (Naumburg) zu einer Geldstrafe von 300 Reichsmark. Viel Geld in einer Zeit, als der Wochenlohn eines Arbeiters in den Werkstätten von Friedrich Muck-Lamberty um die 30 Reichsmark beträgt.

Gleich nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten ändert sich das Filmprogramm. Nun flimmern NS-Schinken, wie SA-Mann Brand (1933), Hitlerjunge Quex (1933) oder Hans Westmar (1933) über die Leinwand. Sie widmen sich dem unbekannten ermordeten SA-Mann, den gemeuchelten Naziheroen Herbert Norkus und Horst Wessel. Allerdings sieht der Bürger im deutschen Spielfilm ansonsten auffällig wenige uniformierte Nazis, Hakenkreuzfahnen oder den Hitlergruß. Gleichwohl finden Filme über die NSDAP-Parteitage, wie der Sieg des Glaubens (1933) und Triumph des Willens (1935), grossen Zuspruch. Außerdem organisiert in Naumburg die Hitler-Jugend ihren Besuch für die höheren Schulklassen. Die HJ von Schulpforta besucht am 28. April 1934 den Film Stoßtrupp 1917.

Nach den Ausführungsbestimmungen zum Reichs-Lichtspielgesetz vom 16. Februar 1934 war jedem Spielfilm die Wochenschau als Beiprogramm vorzuschalten. So konnten dann eines Tages die Naumburger sogar ihren NSDAP-Kreisleiter in der Wochenschau sehen.

Mit Abriss von Knörrichs Garten (gegründet beziehungsweise umgebaut von Robert Knörrich, Inhaber Gustav Noack) auf der Jakobspromenade 3 im Jahr 1937, gibt es einen Kino-Veranstalter weniger. Ende der 30-ziger Jahre bieten noch die Reichskrone-Lichtspiele (Bismarckplatz 5) und die Schwanen-Lichtspiele Kinovorstellungen (Grosse Jakobstrasse 28/29) an.

 

Walter Hege als Filmemacher  nach oben

1932 erwarb Walter Hege, er lebt inzwischen längst in Weimar, billig eine alte Ernemannfilmkiste. "Jetzt wurde gekurbelt, vorbeihastende Menschen, Marktfrauen mit Kiepen, Radfahrer, Fuhrwerke, Autos und Hunde", erzählt sein Bruder Fritz 1956 (118). Unheimlich viel Geld kostet ihm dann eine moderne Filmkamera mit Motor, die angeschafft werden musste. Er führte die Kamera und auch Regie, schreibt das Buch und macht den Schnitt. Es entstanden: "Am Horst der wilden Adler" (1932), "Auf den Spuren der Hanse" (1934), zusammen mit Felix Lampe und der Thüringenfilm "Erlebte Heimat" (1934), "Schicksal eines Falkenhorst" (1934), "Das Steinerne Buch" (1937/38), "Riemenschneider - Der Meister von Würzburg" (1937), "Riemenschneiders Werke in Franken" (1937), "Die Krone Frankens" (1951). Fritz Hege spricht 1956 von fünfzehn Bildbüchern und zwanzig Kulturfilmen.

Zusammen mit seinen Schülern Fritz Aly, Justus Böttcher und Martin Hanschfür reiste Hege 1933 für etwas drei Monate zu Filmaufnahmen nach Lübeck, Stralsund, Rostock, Wismar und in andere Städte. Es entsteht der UFA-Film "Auf den Spuren der Hanse" (Chronik 254). Dabei war ausserdem seine Meisterschülerin Ursula von Löwenstein, die ihn auch bei den wichtigsten Filmprojekten nach Griechenland (1935), Italien (1936) oder Bamberg (1937/38) begleitet.

Öffentlich wurde sein erster Film am 10. Februar 1935 gezeigt und hiess am "Am Horst des wilden Adlers".

Für den Tierfilm "Lebenskampf im Schilf" (1936) erhält auf dem Filmfestival von Como den Pokal (Vgl. Chronik 256).

Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin arbeitete Walter Hege als Kameramann für Leni Riefenstahl. Zeigt strahlende und schöne Menschen, lautet ihre Abbildungskonvention. So auferstand der Neue Mensch: gesund, schlank und den Idealen der griechischen Statue - Myron der Diskuswerfer - ebenbürtig. Stählern, entschlossen zum Siegen! Denn

"Kraft und Schönheit sind die Fanfaren dieses Zeitalters" (Hitler 1938).

Wer dachte jetzt noch an das Schicksal der Kriegsversehrten, Alten, Schwachen oder Kranken? Der Führer und der Staat nicht. Denn "das deutsche Volk dieses 20. Jahrhunderts", diktiert der Führer zur Eröffnung der Grossen Deutschen Kunstausstellung am 10. Juli 1938 in München,

"ist das Volk einer neu erwachten Lebensbejahung,
hingerissen von der Bewunderung des Starken und Schönen
und damit des Gesunden und Lebensfähigen."

Die Olympiafilme Fest der Völker und Fest der Schönheit fanden beim deutschen Publikum großen Anklang. Die Stilisierung des Starken und Athletischen verleiht der Äshetik des Faschismus etwas Faszinierendes. Leni Riefenstahl verhilft der Übermensch-Ästhetik und dem stählernen Schönen zum Durchbruch. Recht lohnend für sie. Das Propagandaministerium honoriert sie mit 350 000 Reichsmark. Nach der Premiere notiert Goebbels: “Ich schenke Leni Riefenstahl noch 100 000 Mk.“ (Rother 104)

 

Für Albert Speer produziert Walter Hege 1938 den 15 minütigen nationalistischen Propagandafilm "Die Bauten Adolf Hitlers". Der Vorspann instruiert den Zuschauer: "Vor allem sind es die Bauten gewesen, die am klarsten den Wandel des Gestaltungswillen zum Ausdruck gebracht haben." Die Weimarer Republik wird "Verfallszeit" genannt. Ihre Bauten werden den mächtigen Monumentalbauten der NS-Architektur gegenübergestellt. Auf der Leinwand erscheinen der Bamberger Reiter und andere bekannte steinerne Kulturdenkmale. Nach einem Schnitt zeigt Hege dann die Bauhaus Werke begleitet von einem Führer-Zitat über die Aufgaben der neuen deutschen Kunst. Es folgen Bildsequenzen vom Haus der Jugend in Tübingen. Zu sehen ist eine Jugendgruppe, die im Lichte von Scherenschnitte durchs Bild wandert. Weitere Bauten, untermalt von verhaltener Hintergrundmusik: Baldur von Schirach und die Jugendherberge am Walchensee, Adolf Hitler und die Jugendherberge in Berchtesgaden, Ordensburgen, die Reichautobahn, das Reichsportfeld Berlin. Peter Lähn resümiert 1993 (53): "Dass Walter Hege der NSDAP mehr als nur ideell verbunden war, dass er dem Regime in künstlerischen und kulturpolitischen Belangen äußerst dienend behilflich war, wird beim Vorstellen seiner Filmarbeit deutlich."

 

In den 40er Jahren entstanden vor allem Naturfilme. Auf der Biennale in Venedig und auf der Reichswoche für den Kulturfilm (1943) erhält er für den Tierfilm "Seeadler" eine Auszeichnung. Auf der Ersten Reichswoche für den Kulturfilm gibt es im Themenkreis "Kunst" einen Preis für "Steinmetz am Werk" (1941). Er zeigt Steinmetzarbeiten auf dem Parteigelände in Nürnberg. (Chronik 258)

1943 entstehen im Auftrag von Reichsminister Dr. Goebbels die Farbfilme "Künstler bei der Arbeit" und "Grosse Deutsche Kunstausstellung 1943 in München". Auf der 3. Reichskulturwoche in München vom 12. bis 18. November erhält für seine besonderen Verdienste eine Plakette des Propagandaministeriums (ebenda).

 

 

Kriegervereine  nach oben

 

 
Naumburger Tageblatt, Naumburg, den 10. März 1933

 

Zu den Kriegervereinen: Die erste Interessenvertretung der Soldaten entstand in Naumburg (Saale) am 19. Januar 1867 nach dem Deutsch-Österreichischen Krieg, als sich der König-Wilhelm-Kriegerverein gründet.

Dem Aufruf zur Gründung des Deutschen Kriegerbundes (DKB) in Weißenfels vom März 1873 folgen einige Naumburger. Der DKB wird zentralistisch geführt und steht unter dem Einfluss der preußischen Regierung. Praktisch besteht er aus dem Landesverband Preußen. Die süddeutschen Verbände sind hier aufgrund von Vorbehalten gegenüber deren politische Ausrichtung nicht vertreten. Sie formieren sich 1875 unter Einbeziehung eines kleinen Teils des DKB zur Allgemeinen deutschen Krieger-Kameradschaft (ADKK).

1881entstand der Deutsche Kriegerverband (DKV).

Ab 1898 benennt sich der DKB in Preußischer Landeskriegerverband (PLKV) um. Ihm treten 1873 der Ältere Kriegerverein Naumburg, der König-Wilhelm-Kriegerverein von 1867 und der Norddeutsche Kriegerverein bei. Sie organisieren sich im Unterverband Bezirk 16. 1876 kam es auf Beschluss der Bundesleitung zur Teilung dieses Bezirkes. Infolgedessen gelangen folgende Ortschaften dazu: Bad Kösen, Deumen, Flemmingen, Granschütz, Hohenmölsen, Kayna, Keuschberg, Kötzschau, Lissen, Merseburg, Naumburg, Nebra, Neukirchen, Osterfeld, Schkölen, Selau, Spora, Theissen, Weißenfels und Zeitz. Alljährlich finden Bezirksfeste und -versammlungen statt. 1880 umfasst der Bezirk 16 sechundreissig Vereine mit 2 252 Mitgliedern. Ihre vaterländische Gesinnung und Kaisertreue wandte sich tendenziell gegen die erstarkende Arbeiterbewegung (SPD).

Auf der Bezirksversammlung in Lützen am 3. August 1883 schließen sich die Vereine des DKB im Bezirk 16 zum Saale-Unstrut-Bezirk zusammen, der sich dann am 28. August 1892 zum Saale-Unstrut-Elster-Bezirk erweitert. 1892 ghören ihm 148 Vereine mit 7494 Mitgliedern an. Sechs Jahre später sind es bereits 223 Vereine mit 12 205 Mitgliedern. - 1894 untergliedert er sich in Gruppen. Zur Gruppe Naumburg gehören Bad Kösen, Merseburg, Weißenfels-Stadt Osterfeld, Teuchern, Eckartsberga, Wiehe, Freyburg (Unstrut) und andere Ortschaften. 1898 zählt sie zehn Vereine mit 591 Mitgliedern.

1884 schliessen sich die Krieger-Verbände und -Vereine zum Deutschen-Reichskrieger-Verband (DRKV) zusammen, der sich nach der Einweihung des Kyffhäuser Denkmals am 18. Juni 1896 auflöst. Im  Mai 1900 bennent sich der ehemalige Ständige Ausschuss der Deutschen Landes-Krieger-Verbände für die Verwaltung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals auf dem Kyffhäuser um in: Kyffhäuser-Bund der Deutschen Landes-Krieger-Verbände (kurz. Kyffhäuser Bund). Er bildet damit faktisch die Zentralvereinigung des deutschen Kriegervereinswesens. Mitglieder des Bundes sind die Landes-Krieger-Verbände.

In Naumburg (Saale) gründen sich:

am 14. Januar 1905 der Marineverein Großadmiral von Köster,
am 18. Oktober 1909 der Verein ehemaliger 96er,
am 12. Dezember 1909 der Verein ehemaliger 94er,
am 21. Januar 1909 der Verein ehemaliger 4. Jäger,
am 1. Dezember 1910 der Verein ehemaliger Sachsen und
am 10. Februar 1911 der Kriegerverein ehemaliger Infanteristen Generalfeldmarschall von Hindenburg.

Am 1. Januar 1922 gibt sich der Kyffhäuserbund eine neue Satzung und nennt sich jetzt Deutscher Reichs-Krieger-Bund Kyffhäuser. Sein erster Präsident ist Generaloberst Josias von Heeringen (1850-1926). Politisch unterstützt der Verein seinen Ehrenpräsident Generalfeldmarschall von Hindenburg. In der Weimarer Republik tragen die Kriegervereine maßgeblich zur Verklärung des Frontsoldatentums bei. Wilhelm Reinhard (1936 SS-Gruppenführer), bekannt durch die blutige Niederschlagung des Spartakistenaufstandes in den Berliner Märzkämpfen, übernahm 1934 den Vorsitz. 1955 erhielt Erich Raeder (1876-1960) von dem in der Bundesrepublik Deutschland weiter existierenden Kyffhäuserbund die Ehrenmitgliedschaft. Der Großadmiral war in den Nürnberger Prozessen wegen Kriegsverbrechen rechtskräftig verurteilt worden.

Am 18. Mai 1935 entsteht aus dem Saale-Unstrut-Elster-Bezirk der Saale-Unstrut-Bezirk. Zur Naumburger Gruppe zählen 19 (1898: 10) Vereine mit 1174 (1898: 591) Mitgliedern. In der Stadt führt den Verband lange Zeit Rechtsanwalt Dr. Schnell. Dem Kreisverband mit 93 Vereinen und 5 143 Mitgliedern steht Studienrat Dr. Wilhelm Johannpeter vor.

1937 nennt sich der Kyffhäuserbund in NS-Reichskriegerbund e.V. um. Ihm sind der Gaukriegerverband Elbe und der Kreiskriegerverband Saale / Unstrut untergeordnet. Darunter besteht der Unterverband Naumburg des Reichskriegerbundes (Kyffhäuser)  e.V. weiter. (Vgl. Kriegervereinswesen)

 

Nach dem Ersten Weltkrieg ist zumindest ein Grossteil der Naumburger kriegsmüde. Doch es waren die Kriegervereine, stellt das Naumburger Tageblatt 1936 in einem richtungsweisenden Artikel heraus, die Vaterlandsliebe und Kameradschaft hochhielten. Das ".... war nicht immer leicht - zumal hier im roten Mitteldeutschland - hinter der schwarzweissroten Fahne einher zumarschieren. Aber die alten Kämpen ließen sich durch nichts beirren."

Allmählich revitalisieren sich einige Kriegervereine, die vor 1918 gegründet worden waren. Ihre Mitgliederzahl steigt schnell an. Ausserdem gibt es Neugründungen. Schließlich arbeiten mehr Bürger in diesen Organisationen mit als vor 1914.

 

Kriegervereine in Naumburg (Auswahl):

Offiziersverein Barbara in Erinnerung an das Ende 1918 aufgelöste 2. Thüringische Feldartillerie - Regiment Nr. 55 - gegründet am 15. März 1919

Verein ehemaliger 55er Feldartillerie - gegründet am 16. Oktober 1919

Reichvereinigung ehemaliger Kriegsgefangener, Ortsgruppe - gegründet im Dezember 1919

Vereinigte Frontkämpfer 1914/18 - gegründet am 1. Oktober 1931

Vereinigung ehemaliger Pioniere und Verkehrstruppen - gegründet am 16. April 1925

Verein ehemaliger 38er - gegründet am 1. April 1922

Vereinigung der Angehörigen ehemaliger Unteroffizier- und Vorschulen, Ortsgruppe Naumburg - gegründet am 1. Oktober 1924.

 

Auf das politische Denken der Bürger nehmen die Kriegervereine, Vaterländischen Verbände (Stahlhelm, Wehrwolf) und Landsmannschaften der Schlesier, des deutschen Ostens, der Elsaß-Lothringer mindestens soviel Einfluß wie die Parteien. Sie kolportieren die Mythen vom Dolchstoß, dem Verrat der Marxisten, der nationalen Lumperei und von der bolschewistischen Gefahr. Über Bräuche, Feste oder Ansprachen verpflanzen sie es tief in das Alltagsbewusstsein der Bürger. Vaterlandsliebe und Kameradschaft treten ihren Dienst für den nächsten Eroberungskrieg an. Das taten die Rechtsnationalen so gründlich, daß wir heute noch zögern diese Worte ungezwungen auszusprechen.

Blick in Richtung
Claudiusstraße 7 (2005)

Der zur Gruppe des Naumburger Kyffhäuserbundes gehörende Verein ehemaliger Artilleristen organisiert am 23. Oktober 1933 aus Anlass der Diamantenen Hochzeit von Oberstleutnant a. D. D. Scheele einen Fackelzug. Von Alt-Naumburg (Kleine Jakobsgasse) geht es im Rhythmus der Militärmärsche mit der Stahlhelm-Bundeskapelle durch die Wenzel-, Bürgergarten- und Karlstraße zur Wohnung des Jubilars. Hier erstattet der Vorsitzende des Vereins, Lokomotivführer i. R. [in Ruhe] Günther Altenburg, Meldung:

„56 Mann des Vereins angetreten.“

Er übermittelt die Glückwünsche an das Vereinsmitglied. Mit ehrenden Worten überreicht er ein Hindenburg-Bild verbunden mit einer Glückwunschkarte des Bundespräsidenten des Kyffhäuserbundes General von Horn.

Scheele dankt in bewegenden Worten und schließt mit einem Hoch auf das Deutsche Vaterland. Dann überbringt Oberstleutnant a. D. Ribbentrop (Claudiusstraße 7) als Vertreter des deutschen Offizierbundes ebenfalls seine Glückwünsche.

 

Joachim Ribbentrop, ab 1925 von Ribbentrop, wurde am 30. April 1893 in Wesel als Sohn des Oberstleutnants Richard Ribbentrop und der Johanne Sophie Hertwig geboren. Er heiratete am 5. Juli 1920 die Tochter des Sektfabrikanten Otto Henkell (Henkell & Söhnlein KG), Anna Elisabeth Henkell (1896-1973). Ihr Vater Karl Ribbentrop wurde im Jahr 1884 geadelt. Joachim Ribbentrops Tante, Gertrud von Ribbentrop (1863-1943) in Naumburg, adoptierte ihn am 15. Mai 1925. Von 1938 bis 1945 war Joachim von Ribbentrop deutscher Außenminister und in den Nürnberger Prozessen zum Tode verurteilt und am 16. Oktober 1946 hingerichtet.

 

Vor dem Haus des geehrten Paares hält man inne und überreicht ein Bild des Siegers von Tannenberg und den Befürworter einer Koalitionsregierung mit Hitler (9. Januar 1933). Die Abordnungen der Kreisgruppe Naumburg-Stadt des Stahlhelms gratulieren bereits am Vormittag. Abschliessend intoniert die Kapelle das Vereinslied und alle stimmen ein: Wir sind ein frohes, gewaltiges Korps, / geschmückt mit dem schwarzen Kragen, / und stünde uns immer der Tod bevor, / so dürfen wir doch nicht verzagen, / denn der schwarze Kragen bezeichnet den Mut, / er kleidet den Artilleristen so gut.

Vereinfachte Vorstellungen über die Mitglieder und das Publikum der Kriegervereine sollen nicht aufkommen. Freilich sah man ebenso Sozialdemokraten und Kommunisten bei ihnen. - Sie waren doch immer so gemütlich - diese Kameradschaftsabende.

Am Sonntag, den 22. April 1928, zieht eine Kapelle mit den beliebten Martins-Hörnern zusammen mit einem Trupp der Vereinigten Spielmannszüge des Reichsbanners vor das Gosecker-Kriegerdenkmal. Eugen Wallbaum (SPD) aus Naumburg hält eine Rede. Sein Manuskript ist nicht überliefert. Aus den Berichten über dieses Treffen kann man jedoch schließen, daß die Botschaften andere waren, als sie die vaterländischen Wehrverbände bei dieser Gelegenheit aussandten. Der rührige Naumburger SPD-Funktionär stimmte die Bürger auf die bevorstehenden Reichstagswahlen am 20. Mai ein.

 

Gebt uns unsre Kolonien wieder!  nach oben

Die Kriegervereine huldigen nicht als Einzige der nationaldeutschen Vaterlandsliebe. Kolonial- und volksdeutsche Gruppen unternehmen ganz ähnliche Anstrengungen. Sie organisieren in der Stadt eine äusserst fragwürdige Pflege des Deutschtums und propagieren die Eroberungspolitik. Viele ihre Mitglieder dienten im letzten Krieg unter Hindenburg an der Ostfront. Einige kämpften bei den Freikorps im Baltikum. Im kollektiven Bewusstsein blieb ein Rest: Es geht doch! Adolf Hitler erörtert im vierten Kapitel von Mein Kampf (1925) Die vier Wege deutscher Politik, die zum umgrenzten Lebensraum zur Erfüllung wirtschaftlicher Aufgaben in den Osten führen. Der deutsche Mensch braucht, wenn er nicht untergehen will, mehr Raum, so erzählt Hans Grimm (1926) das Leben des Cornelius Friebott im Roman Mensch ohne Raum. Ein bisschen Imperialismus, dass möchte der Bürger. Im Kolonialladen um die Ecke, kauft er gerne exotische und preiswerte Waren ein. Im Ersten Weltkrieg verliert das Deutsche Reich all Kolonien. Viele wollen sich damit nicht abfinden.

Verschiedene Organisationen nehmen sich dieser Frage an, zum Beispiel: der Frauenbund der Deutschen Kolonialgesellschaft, Vorsitzende Frau Kapitän zur See Hartog, Oskar-Wilde-Straße 41, die Kolonial-Mädchengruppe Hedwig von Wissmann, die Frauengruppe des Deutschen Seevereins für In- und Ausland oder der Verein für das Deutschtum im Auslande e.V., Vorsitzender Studienrat Becker, Lepsiusstraße 23.

 

Volkstum und Volkstumsarbeit sind zunächst harmlos klingende Begriffe, die eher an Heimat und Pflege von Nationalstolz erinnern. Indes sind ihre Intentionen in Wahrheit andere.

Im deutschen Volkstum haben sich trübe Abwässer angehäuft, predigt Pfarrer Linder den Stadtverordneten nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten.

Baldur von Schirach spricht am 12. April 1933 im Kur-Hotel von Bad Kösen von der Zersetzung des deutschen Volkstums.

Napola-Schüler leisten volksdeutsche Arbeit.

Die Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union an die Gemeinden vom 4./ 5. März 1935 warnt vor der volksdeutschen Arbeit. Zu spät!

Bereits in der Weimarer Republik war die Volkstumsarbeit ein Moment der Revisionspolitik. In

Der Weg des neuen Deutschland

referiert Außenminister Gustav Stresemann am 29. Juni 1927 vor dem Storthing-Nobelkomitee in der Aula der Universität Oslo über den Frieden am Rhein. Über den im Osten verliert er kein Wort! Die Konferenz von Locarno vom 5. bis 16. Oktober 1925 sah dafür keine Regelung vor.

Ein Ziel der offiziellen deutschen Außenpolitik besteht in der Mobilisierung der Auslandsdeutschen in Polen, der Tschechoslowakei und auf dem Balkan, die sich kulturell und wirtschaftlich auf Deutschland orientieren sollen, um schliesslich Anschlussbestrebungen zu unterstützen. In diesem Kontext erfährt der Naumburger am 7. Juni 1930 aus der Stadtzeitung:

37 Millionen deutschen Blutes leben in fremden Staaten.

Weiter heisst es: Trotz der geographischen Nähe Deutschlands geht es den Auslandsdeutschen, dem Deutschtum, nicht gut. Besonders ungünstig ist die Lage der deutschen Schulen in Polen, wo über eine Million Deutsche leben. Schulschließungen und Entlassungen sind dort an der Tagesordnung. Den Deutschen in Rumänien, Italien und Japan geht es nicht viel besser, instruiert die Zeitung die Bürger. (Vgl. Volksdeutsche)

 

Die Deutsche Kolonialgesellschaft Abteilung Naumburg organisieren und stehen Generalmajor Maximillian Rüder (Oskar-Wilde-Strasse 5), der Direktor des Realgymnasiums Geheimer Studienrat Fischer, der Unternehmer H. Sieling (Schriftführer) und der Bankier Dr. Karl Vogel vor. Später übernimmt Kapitänleutnant Gutjahr (Große Salzstraße 33) den Vorsitz.

Der Kolonial-Verein arbeitet wiederum eng mit den Rechtsparteien und den national ausgerichteten Wehrverbänden zusammen. Gemeinsam halten sie die Erinnerung an die deutschen Kolonien wach und geben auf ihre Weise Antwort auf die Frage

Wo sind unsere Kolonien?

Die Expansionsidee präsentiert sich in Naumburg leicht modernisiert in folkloristischer Form. Wie staunen da die Naumburger als am Sonntag, dem 8. Juni 1930 in der Frühe Massaikrieger vor dem Marientor auftauchen und sich auf dem Kaiser-Friedrich-Platz (Heinrich-von-Stephan-Platz) versammeln, wo um 10 Uhr der Fest- und Werbeumzug der Deutschen Kolonialjugend beginnt. Besonders originell sind die Festwagen des Marinevereins und der Kolonialkrieger gestaltet. Zeigt jener mit der Inschrift Seefahrt tut not einen Schiffsaufbau, Luftschiffe und Flugzeuge, so sieht man auf dem anderen eine Eingeborenen-Schule mit der Aufschrift

Gebt uns unsre Kolonien wieder!

Eine Bildszene ist besonders einprägsam gestaltet. Die kleinen schwarzen Schüler sitzen vor der Wandtafel und lesen mit ihrem Lehrer den Satz:

Gebt uns unsre Deutschen wieder.

In Naumburg tagt vom 7. Juni bis 9. Juni 1930 die

3. Reichstagung der Deutschen Kolonialjugend.

Aus allen Teilen Deutschlands reisen die Gruppen an. Die Presse (Vgl. Pfingsttagungen) ermuntert sie:

Ihr könnt nicht laut genug rufen:
`Deutsche Jugend in Not. Heraus mit unseren Kolonien!
'

Über 2 000 Gäste kommen nach Naumburg. Die Kolonialpfadfinder campieren auf dem Knabenberg in Zelten. Bald beschatten die alten Bäume ein reges Treiben. Vor den weißgrauen Zelten flattern bunte Wimpel. Zwischen ihnen tummeln sich Junge wettergebräunte Gestalten. Lagerfeuer lohen und Gulaschkanonen dampfen. (Vgl. Zwei) Im Städtischen Speisehaus bereitet Fräulein Frida Pichon [oder Pischon, Topfmarkt 13 ?] mit ihren Helferinnen den 650 in der Stadt wohnenden Teilnehmern das Mittagessen. Am Abend des ersten Tages treffen sich alle auf dem Markt zum Fackelumzug. Bürgermeister Karl Roloff begrüßt sie mit einer Ansprache, deren Quintessenz lautet:

"Es gilt den Gedanken an unsere Kolonien im ganzen Volke lebendig zu erhalten und die Welt davon zu überzeugen, daß Deutschland ohne Kolonien nicht leben kann."

Dies kommt den Nationalsozialisten entgegen. So verlangte Hitler 1937 mehrfach in öffentlichen Reden die Rückgabe der deutschen Kolonien. Seine Kolonialpropaganda auf dem Bückeberg erregte internationales Aufsehen. (Vgl. Weinberg 391)

Nach dem Bürgermeister wendet sich Professor Doktor Moritz, Vorsitzender der Reichsarbeitsgemeinschaft Kolonialjugend, an die verschiedenen Gruppen der Kolonialjugend und gibt seine Freude darüber zum Ausdruck, dass es gelungen sei, die Verzettelung und Zersplitterung der Bewegung zu überwinden. Dann erinnert er an die "kurze, aber stolze koloniale Vergangenheit".

Sonntagfrüh geht die Kolonialjugend zu den Gottesdiensten. Ein Teil von ihnen pilgert um 7.30 Uhr in die Katholische Pfarrkirche. Gegen 8 Uhr versammeln sich 500 evangelische Jugendliche in ihren Trachten im Dom. Superintendent Wilhelm Moehring (Naumburg) thematisiert in der Predigt die Umwanderung der Deutschen und Notwendigkeit von Kolonien für Deutschland.


Ernst Adolph Merensky,
geboren am 29. Mai 1877 in Botsabela Südafrika, gestorben am 11. März 1946 in Naumburg an der Saale


Etwa zur gleichen Zeit hält Domprediger Ernst Adolph Merensky auf dem Knabenberg den Feldgottesdienst ab. Dann beginnt der Festumzug. Er endet mit einer Rede an die Umzugsteilnehmer und Bürger der Stadt von General Rochus Schmidt (1860-1938), ein alter Kolonialkrieger. "Freilich, wo Holz gehackt wird, da fallen Späne, und auch nach - ich betone nach Erwerbung der Kolonialbesitzungen mussten Späne fliegen", erklärt der ehemalige Mitkämpfer von Hermann von Wissmann (1853-1905), der durch die erste West-Ost-Durchquerung von Afrika 1881/82 bekannt wurde. Afrikaner die sich ihm 1883/85 bei einem Vorstoß in die Kasai-Region (Demokratische Republik Kongo) in den Weg stellten, erschoss er eigenhändig. 1889, im Feldzug in das Hinterland von Bagamoyo (Ostafrika), belegten die militärtechnisch weit überlegenen Deutschen die einheimischen Aufständischen mit Artilleriefeuer. Eroberte Ortschaften liessen sie plündern. Das waren sie also die Helden, die Vorbilder der Deutschen Kolonialjugend, die nun in Naumburg tausendfach geklont werden sollen.

 

 

Deutsches Empfinden  nach oben

Beim Umbau der Reichskrone gibt es Streit um das architektonische Konzept. Erstmals tritt dabei das rassistische, antisemitische und vom Hass auf die Systemzeit geprägte Kulturideal der Stadt-NSDAP zu Tage. Es begann alles im August 1923. Der Filmverlag W. Feindt aus Berlin pachtet für 15 Jahre das Haus und übernimmt die Kosten für den dringend notwendigen Umbau. Geplant ist ein modernes Kino, das im Wechsel für Schauspiel-, Operetten- und Opernvorstellungen sowie Variteedarbietungen und Konzertveranstaltungen genutzt werden kann. Stadtbaurat Friedrich Hoßfeld entwirft das Konzept für den Umbau. Es erscheint unter dem Titel Umbau der Reichskrone in Naumburg 1926 in Heft 26 der Bauwelt. Am 5. Januar 1925 wird der grosse Saal eingeweiht. "Mit verhältnismässig geringen Mitteln", hebt der Stadtbaurat 1926 hervor, "wurde aus einem recht veralteten architektonisch minderwertigen Gebäude der achtziger Jahre ein moderner Theaterraum in eigenartigen, dem Drathputzmateriale angepassten Formen gestaltet, der mit seinen grosszügigen flüssigen Linien und seiner schönen Farbenstimmung einen äusserst feierlichen und festtäglichen Eindruck macht." Doch so manchen stört der expressionistisch-spirituelle Formenapperat (Bossack 116), der von Rudolf Steiners Architektur der Seele inspiriert. Der Unwille darüber zieht sich bis in das Programm der Stadt-NSDAP zur Provinzial- und Stadtverordnetenwahl am 17. November 1929, das verspricht dem Wähler, der Verschandelung des Stadtbildes mit undeutschen, anthroposophischen und marxistischen Figuren und Malereien ein Ende zu setzen.

"Einmal aber musste der Tag kommen," triumphiert am 10. August 1939 NSDAP-Kreisleiter Friedrich Uebelhoer zur feierlichen Wiedereröffnung des Theaters in der Reichskrone, "an dem auch der Schandfleck Reichskronensaal getilgt war. Diesen Tag können wir heute mit tiefer Freude erleben." Er blickt zurück:

Im Jahre 1924 und den Jahren vorher trieb die anthroposophische Gesellschaft auch in Naumburg ihr Unwesen. Der kleine Kreis ihrer Anhänger versuchte damals, hier in die breitere Öffentlichkeit zu dringen. Zu ihm gehörte auch die Frau des damaligen Stadtbaurates Hossfeld. Sie war es wohl auch, die ihrem Mann bestimmte, einen anthroposophischen Künstler für die Umgestaltung des Reichskronensaals zu berufen. Eine andere Erklärung konnten wir nicht finden, denn Herr Hossfeld hatte bis dahin ganz vernünftig gebaut. Herrn Hossfeld gelang, den damaligen Magistrat und die ehemalige Stadtverordnetenversammlung von der Schönheit der anthroposophischen Bauweise zu überzeugen. Nicht aber konnte er uns, die bösen Nationalsozialisten, gewinnen. Wie in allen Dingen, so waren wir auch hier der Hecht im Karpfenteich.

 

Rudolf Steiner (1861-1925)
baute 1913 unter Beteiligung vieler Künstler in Dornach bei Basel das Goetheanum, das dann auch sein Hauptwohnsitz wurde. Es zeichnete sich durch organisch-runde Formen und einen hölzernen Kuppelbau aus. In ihm veranstaltete die anthroposophische Bewegung Konzerte und Theateraufführungen. Ein Brand in der Silvesternacht 1922/23 vernichtete den Bau. Hernach entstand ein neuer aus Beton.

 

Um die breite Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, benutzten wir eine Eurhythmie-Aufführung des Goetheanums, die Ende Mai 1924 von den Anthroposophen im Ratskeller durchgeführt wurde und bei der auch die Frau des großen Magiers Rudolf Steiner mitwirkte, um Protest gegen die verwirrenden internationalen Ideen und Gedankengänge der Anthroposophen im allgemeinen und gegen die Verschandelung des Reichskronensaales im Besonderen zu erheben. Sachbearbeiter für Kunst und Kulturfragen, Pg. Lisker, erhob in dieser Aufführung lebhaften Protest. Die Folge war, daß der am Flügel sitzende Russe sinnlos auf die Tasten schlug, um Liskers Worte unverständlich zu machen. Als das nicht genügte, griff man Lisker mit Brachialgewalt an. Der Kampf endete zwar in den Kulissen, unser Zweck aber, die Öffentlichkeit aufmerksam zu machen, war erreicht, ich schrieb dann in der Presse am 3. Juni 1924:

Es ist schlimm genug, daß es Leute in Deutschland gibt, die an solcher Kunst Gefallen finden …. Treten diese Kreise aber mit ihren Darbietungen in die Öffentlichkeit, so müssen sie sich schon gefallen lassen, daß deutsch Empfindende schärfste Kritik daran üben. Gott sei Dank kann ich feststellen, daß der weitaus größere Teil der geistig interessierten Kreise Naumburgs so gesund empfindet, daß er gegen den Einzug des ganz und gar undeutschen anthroposophischen Geistes entschiedene Stellung nimmt. Mit besonderem Nachdruck legte dieser Teil der Bürgerschaft dagegen Verwahrung ein, daß der große Saal der „Reichskrone“, wie es sicherem Vernehmen nach geplant ist, in anthroposophischem Geist ausgebaut wird. Er fühlte sich umso mehr dazu berechtigt, als die Bausumme vorschussweise von der Stadt Naumburg bezahlt werden muß und sicherlich durch Steuern der Bürgerschaft aufgebracht werden wird. Die Bürgerschaft kann es sich unter keinen Umständen gefallen lassen, dass der größte Saal der Stadt, der auf Jahrzehnte die Stätte ihrer Kunstpflege sein wird, ausgerechnet nach anthroposophischen Geschmack ausgebaut werden soll.

Die Anthroposophen rührten sich nicht. Daraufhin schrieb Stadtrat Pg. Lisker am 13. Juni 1924:

.... Ich habe Herrn Baurat Hossfeld (bis auf einige Ausnahmen) bisher in seiner Tätigkeit als Architekt unterstützen können und konnte das auch mit gutem Gewissen; auf dem Weg aber, der mit der Umgestaltung des großen Reichskronensaals in anthroposophischen Sinne beschritten wird, werde ich auf keinen Fall folgen, ich werde darin ein unerbittlicher und zäher Gegner bleiben, solange ich nicht durch die Qualität anthroposophischer Gestaltungskraft eines besseren belehrt worden bin.

… Leider konnten wir uns damals nicht durchsetzen und so wurde dann der Saal im anthroposophischen Geist ausgebaut. …. Offen gestanden waren wir auch darüber gar nicht böse; denn ein besseres Anschauungsmaterial für die Verfallszeit konnte es ja nicht geben.

…. dann kam uns erst recht und mit Schaudern zum Bewußtsein, wie Juden und Judengenossen auch gerade auf künstlerischem Gebiet in der Systemzeit gehaust haben, wie sie mit ihrer krankhaften Fantasie und mit dem Willen zur Zersetzung des deutschen Volkes eine so genannte Kunstform nach der anderen als modern bezeichneten und dem deutschen Volke aufzudrängen versuchten.

Heute ist dieser Spuk Gott sei Dank ausgetrieben. Das deutsche Volk ist sich seiner rassischen Werte bewußt geworden, und auf allen Gebieten, auch der Kunst, sind die deutschen Menschen wieder mit heißem Bemühen am Werk, nach dem Vorbild und dem Willen des Führers Werke zu schaffen.“

Das deutsche Empfinden orientiert sich an rassischen Werten, wendet sich gegen die krankhafte Fantasien der Juden und die Zersetzung der deutschen Kunst durch die Moderne.

 

KfdK und NS-Kulturgemeinde  nach oben

 

Der Kampfbund für deutsche Kultur (KfdK) entsteht auf Initiative seines Chefideologen und Vorsitzenden Alfred Rosenberg (1893-1946) am 4. Januar 1928 mit Sitz in München. Die Jugend- und Kulturtagung des KfdK in Potsdam zu Pfingsten 1931 (24./25. Mai) stand unter dem Motto "Es ist nicht nötig, daß ich lebe, wohl aber, daß ich meine Pflicht tue!" 1934 wurde er zusammen mit dem Reichsverband Deutsche Bühne e. V. in die NS-Kulturgemeinde überführt.

 

Kultur und Alltag erhalten eine völkische und deutsch-nationale Ausrichtung. Also freie Bahn für Kulturchauvinismus und die Banalisierung des Volkstümlichen. Darum kümmert sich der Kampfbund für deutsche Kultur (KfdK), etwas später NS-Kulturgemeinde, dann seit 1937 Deutsches Volksbildungswerk in der NS-Gemeinschaft K.d.F.. Der KfdK-Ortsgruppe Naumburg wird am 20. Januar 1934 von Doktor Jäger gegründet. Dessen Nachfolge tritt um 1935 Rektor Hanns Müller (Hans-Schemm-Schule) an.

Niemand dürfe glauben, er könne im Kampfbund „spintisieren und debattieren“, betont Friedrich Uebelhoer getrieben von der Angst vor Intellektualität und demokratischem Diskurs. Zunächst musste sich die nationalsozialistische Bewegung um die Machtfrage kümmern, stellt der NSDAP-Kreisleiter von Naumburg fest. Doch jetzt soll mit dem KfdK eine deutsche Kunst zu volkstümlichen Preisen geschaffen werden. Ihr Fundament bleibt die Scheidung zwischen Deutschen und Undeutschen. Dafür setzte ich mich, hebt der Nationalsozialist hervor, schon als Mitglied des Bücherausschusses in der Stadtbibliothek Naumburg ein, was, wie wir zuverlässig wissen, damals auf Widerstand stiess.

Im Juni 1934 ordnet Alfred Rosenberg an, daß der Kampfbund für deutsche Kultur mit dem ihm angeschlossenen Verbänden und dem Reichsverband Deutsche Bühnen zur Nationalsozialistischen Kulturgemeinde vereinigt wird. Körperschaftlich tritt sie in die Organisation Kraft durch Freude ein. Führer der NS-Kulturgemeinde wird Doktor Walter Stang.

 

 

Kein Funke der politischen Besinnung ....  nach oben

Ein zum Völkischen und Volkstümlichen neigender Kulturbetrieb verleiht dem System den Schein von Normalität. Die Naumburger Theaterspielzeit 1933/34 eröffnet die Saison mit Rigoletto, Das Spitzentuch der Königin, dem Lustspiel Krach um Jolanthe und Die Puppenfee. Das Deutsche Volkstheater von Erfurt ist am 12. Juni 1936 mit Fidelio von Beethoven, die Kleine Stadt von Lortzing und Schillers Don Carlos zu Gast. Manchmal gastiert ein Ensemble in der Sporthalle der Hindenburg-Kaserne, wie am 1. Juli 1940 das Göttinger Stadttheater mit der Operette Der Vetter aus Dingsda von E. Künnecke. So ist vorgesorgt, daß kein Funke der politischen Besinnung in die Freizeit fällt.

 

Reichskrone (etwa 1935)

 

Wer jetzt - 1933 - aber auf der Bühne vom Großen Saal in der Reichskrone gastieren will, sollte Mitglied der Reichskulturkammer sein und darf nur auftreten, wenn er nach deren Feststellung die „erforderliche Zuverlässigkeit und Eignung besitzt.“ - So bestimmte es Goebbels in der Durchführungsverordnung zum Gesetz über die Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer vom 1. November 1933. - Mit der Verordnung über Pflichtmitgliedschaft in der Reichskulturkammer vom 5. März 1934, die mit dem Ariernachweis verbunden war, dürfen Juden nicht mehr auftreten. Darunter die genialen Comedian Harmonists. 1935 trennt sich die Gruppe. Die drei Arier bleiben in Deutschland, die Nichtarier gehen ins Ausland.

Zur Stadtkultur rechnen nicht nur Operettenaufführungen oder Kunstausstellungen, sondern ebenso das sittliche Verhalten der Bürger im Alltag. Unter den nationalsozialistischen Herrschaftsverhältnissen werden die Codes der Kommunikation umgeschrieben. Formelle und informelle Beziehungen zwischen den sozialen Gruppen und ihre Hierarchien ordnen sich neu. Normen des öffentlichen Lebens und Alltagsverhaltens (zum Beispiel Heil-Hitler-Gruß) wandeln sich. „Kultur bedeutet für uns in ihrer ganzen begrifflichen Tiefe gar nichts anderes als die Veredlung des Menschen und des Volkes durch die Ausbildung der Seele und die Schöpfung von Werken, die der Ausdruck einer veredelten Gesinnung sind“, erklärt der Kreisleiter der NSDAP und Oberbürgermeister der Stadt in Vorbereitung des Tages der bildenden Kunst am 26. Februar 1938. Das postulierte Ideal der veredelten Gesinnung steht freilich im krassen Gegensatz zum städtischen Alltag. Das Schicksal von Otto Paschke veranschaulicht, wie nationalsozialistische Machtverhältnisse die moralischen Verhältnisse der Bürger verändern.

 

Ästhetisierung des Politischen  nach oben

Viele Bürger sind durch die Aufmärsche und politischen Inszenierungen beeindruckt. Egal, ob es nun der Erste Mai als Tag der nationalen Arbeit, Erntedanktag (erster Sonntag nach Michaelis) oder der Heldengedenktag ist. Letzterer entsteht gemäß dem Gesetz über die Feiertage vom 27. Februar 1934 aus Umwandlung des 1926 eingeführten Volkstrauertages. Es bleibt bei Sonntag Reminiscere, fünfter Sonntag vor Ostern. "Erst das nationalsozialistische Deutschland erhob den Sonntag Reminiszere zum jährlichen Heldengedenktag - zum Nationalfeiertag des ganzen deutschen Volkes", erklärt Oberst Friedrich von Scotti (1889-1969) in seiner Rede zum Heldengedenktag 1938 auf der Vogelwiese in Naumburg (Saale). Die hier gehaltenen Ansprachen artikulieren die üblichen militaristischen und revanchistischen Ambitionen. So mutiert der Volkstrauertag zu einer unverhohlenen Vorbereitung und Rechtfertigung des Krieges. Gedacht wird nicht nur den Toten des Ersten Weltkrieges, sondern ebenso den Gefallenen der Bewegung. 1939 bindet Hitler den Gedenktag an den Tag Wiedereinführung der Wehrpflicht (16. März 1935).

In der öffentlichen Selbstdarstellung aus Anlass von Fest-, Wehr- und Sportveranstaltungen oder Kundgebungen trägt der Nationalsozialismus Zukunfts- und Selbstbewusstsein zur Schau. Fackelzüge wecken archaische Gefühle. Kühn jagen die Flakscheinwerfer gegen den Himmel. Im Schein der Lagerfeuer träumt die Jugend von einer besseren Zukunft. Der Bürger konnte, wenn die Indoktrinierung nicht zu weit fortgeschritten war, den gekünstelten Charakter dieser Rituale durchaus wahrnehmen. Sie sind Ausdruck der Ästhetisierung des Politischen, deren Faszination auf der Wahrnehmung des Gleichklangs von Ordnung und Macht beruht. Die Organisatoren überlassen nichts dem Zufall. Ein Ablauf- und Aufmarschplan, in dem alles bis ins Detail vorausgedacht und geplant, wird erstellt. So auch der Heldengedenktag am Sonntag, dem 13. März 1938. Die Feier beginnt um 9.30 Uhr mit dem Aufmarsch der einzelnen Verbände nach einem vorgegebenen Stellplan (siehe Skizze).

Nach erfolgter Meldung an den Standortältesten schreitet dieser die Front ab. Zur Feier des Tages wird auch die Fahne des 4. Jäger-Bataillons gehisst. Nach einem Choral des Trompeterkorps des Artillerieregiments 14 hält Oberst von Scotti die Gedenkrede.

 

Ludwig Uhland (1809)

Ich hatt' einen Kameraden,
Einen bessern findst du nit.
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite
In gleichem Schritt und Tritt.
Eine Kugel kam geflogen,
Gilt's mir oder gilt es dir?
Ihn hat es weggerissen,
Er liegt mir vor den Füßen,
Als wär's ein Stück von mir.
Will mir die Hand noch reichen,
Derweil ich eben lad.
Kann dir die Hand nicht geben,
Bleib du im ew'gen Leben
Mein guter Kamerad!

 

Ihr Ende findet die Zeremonie mit dem Lied vom alten Kameraden. Ein beliebtes Lied, das gern gesungen. 1809 dichtet Ludwig Uhland (1787-1862) den Text. Im selben Jahr begann in Tirol, Spanien und Norddeutschland der Widerstand gegen Napoleon. Friedrich Staps (1792-1809) aus Naumburg, Sohn des Pfarrers der St. Othmargemeinde, begibt sich nach Wien um Napoleon zu töten. Seine Ideale: Freiheit und Selbstbestimmung der entstehenden deutschen Nation. Ganz anders die Nazis. Ausgerüstet mit der Blut-und-Boden Ideologie bringen sie den Krieg und den Genozid über viele Völker Europas. Die Kameraden zu Uhlands Zeiten starben für die Freiheit, die Soldaten der Wehrmacht für einen Angriffs- und Eroberungskrieg.

 

 

Technikeuphorie
als Illusion für eine moderne Gesellschaft  nach oben

Zu gerne präsentieren sich die Nazi-Größen mit den Accessoires der Modernen, wie Hermann Göring 1937 auf der Düsseldorfer Ausstellung Schaffendes Volk mit der Cola-Flasche in der Hand. Wo immer möglich, nutzt die nationalsozialistische Bewegung die Technikeuphorie zur Faszination der Massen. Besonders bei der Jugend verfehlt dies nicht seine Wirkung. Zum anderen steigert es den immer schon vorhandenen Hang zur Deutschtümelei, den Wahn von der deutschen Überlegenheit. Nur Wenigen werden dabei die inhärenten Atavismen, wie Rassismus, Antisemitismus oder Volk ohne Raum, politisch bewusst.

 

Hugo Wegner, Hermann Eckhardt: Flugzeug-Modellbau. Entwicklung und praktische Anleitung Abbildungen und Konstruktions-zeichnungen von Hermann Eckhardt, Selbstverlag, Halle an der Saale 1926

Hugo Wegner: Flugmodelle, Flugmodell-Werkstoffe, Werkzeuge, Baupläne. Naumburg an der Saale 1936

 

An einem Morgen im August 1934 segelt Karl Heidecke vom Lauchaer Hang im Westwind bis nach Eilenburg. Dafür gibt es das Abzeichen Silberne Leistung C. Sein Segler trägt den Namen vom NSDAP-Kreisleiter Naumburg Friedrich Uebelhoer. Der Rekordflieger trainiert an der Windlücke zwischen Schulpforta und Bad Kösen die vierzig Mann zählende Gruppe der HJ-Fliegerschar.

Der Begeisterung für das Fliegen entsprang das wachsende Interesse am Flugmodellbau. Für die beliebte Freizeitbeschäftigung vertreibt die Firma Wegner aus Naumburg (Saale) Anleitungen, Fachschriften, Werkstoffe, Werkzeuge und Halbzeuge. Nach ihren Produkten fragen neben Privatkunden, ab 1933 verstärkt das Reichsluftfahrtministerium und Nationalsozialistische Fliegerkorps sowie die Schulen. Der Umsatz des Unternehmens steigt von 86 906 Reichsmark im Jahr 1934 auf 262 545 Reichsmark 1939. Am Firmensitz in der Wiesenstraße 11 arbeiten 32 Gefolgschaftsmitglieder.

20. September `34. Langsam schiebt sich ein Lautsprecherwagen durch die Straßen von Naumburg und wirbt für sechsundzwanzig neue Autos, die sich auf dem Marktplatz präsentieren. NSDAP-Kreisleiter Uebelhoer poussiert mit einem Sportwagen, Kompressor-Technik, Spitze 94 Stundenkilometer. Ganz nach der Art des Führers, der sich auf der Internationalen Automobil- und Motorradausstellung am 11. Februar 1933 in Berlin mit den Worten outet: "Ich liebe den Kraftwagen über alles,
denn er hat mir Deutschland erschlossen."

Naumburger Tageblatt, 15. August 1936

Nur, die Idee des Volkswagens entwarf der Jude Josef Ganz (1899-1967). Der hat ein besseres Konzept (vgl. ADAC Motorwelt vom 21. Juli 1933) als Ferdinand Porsche (1875-1951). Nach einer Auto-Ausstellung wird er von der Gestapo verhaftet. Sein Büro in Frankfurt a. M. wird durchsucht. Ganz erhält Morddrohungen. Der "Deutsche Reichsanzeiger" Nr. 187 vom 13. August 1938 teilt die Annullierung seiner Staatsbürgerschaft mit.

Die Produktion des Kdf-Wagens wird am 20. Oktober 1938 im Naumburger Tageblatt für Ende 1939 angekündigt. Rund 340 000 Deutsche sparen bis 1945 mit wöchentlich fünf Reichsmark-Sparmarken insgesamt etwa 267 Millionen für den Volkswagen zusammen, den sie nie erhalten.

Fritz Zimmermann, NSDAP-Ortsgruppenführer von Altenburg (Ortsteil von Naumburg), hat so seine besonderen Schwierigkeiten mit den Autos ....

Am 15. August 1936 wird das Autobahnteilstück Pörsten-Weißenfels-Eisenberg übergeben, zum Großteil finanziert durch die Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung. 1936 sind im Reich 120 000 Arbeiter unter Leitung des Generalinspektors für das deutsche Straßenwesen Fritz Todt (1891-1942) beim Autobahnbau eingesetzt.

 

Friedrich Hoßfeld:

"Wenn man also konsequent sein wollte, müsste man entweder die Altstadt für den Autoverkehr sperren oder sie abreissen und sie nach neuen Grundsätzen bauen.

Im inneren der Stadt sind durch die Umgestaltung des Marktes und die Neupflasterung von Gr. Jakobstrasse und Gr. Salzstrasse schon wesentliche Schritte im angedeuteten Sinne getan. Freilich sind damit noch nicht alle Gefahrenpunkte beseitigt. Doch lässt sich ein vielleicht einmal nicht zu umgehender schmerzhafter Eingriff in den kostbaren Hausbestand des Marktplatzes noch lange durch eine gute Verkehrsdisziplin hinausschieben. Allerdings muss sich auch der Fussgänger an diese Disziplin gewöhnen und sie nicht nur dem Fahre allein zumuten. Jeder Fahrer weiss, welche Aufmerksamkeit z.B. das in den Marktplatz von der Salzstrasse her erfordert, zumal da dort ansteigendes Gelände ist. Trotzdem sieht man täglich Fussgänger, die in der Längsrichtung der Strasse, womöglich noch mit Kind und Kegel, mitten auf dem Fahrdamm einherziehen, als ob sie in einem einsamen Waldtal spazieren gingen." (Hossfeld 1930)

 

Stadtbaurat Friedrich Hoßfeld macht sich Gedanken über die neuen Aufgaben, die der wachsende Auto- und Lastkraftwagenverkehr an die Stadtplanung stellt:

"Man kann sagen, das Auto ist der Testamentsvollstrecker des Pulvergeschützes am Erbe der mittelalterlichen Städte. Der Erfinder des Explosionsmotors vollendet, was der Erfinder der Kanone begonnen hat."

"Der Kraftwagen hat gerade die entgegengesetzte Tendenzen wie der Pferdewagen. Als die Altstadt angelegt und ihre Strassen bebaut wurden rechnete man nur mit Reiter und Wagen im Schrittgang des Pferdes. Schon das holprige Pflaster verbot schnelles Fahren. So baute man die Strassen krumm und unübersichtlich. Übersicht konnte beim Eindringen eines Feindes nur verhängnisvoll werden. Heute verlangt das Auto die Strasse gerade und übersichtlich. Erfüllt die Strasse diese Forderung nicht, so ist sie selbst bei grösster Vorsicht des Fahrers eine Quelle von Unfällen."

 

Wie staunen die Anwohner des Spechsart als ab Oktober 1935 zweimal am Tag der Fliegende Frankfurter auf der Thüringen-Strecke 9.51 Uhr in Richtung Weißenfels und 20.21 Uhr in Richtung Frankfurt mit mehr als einhundert Stundenkilometern vorbeirauscht. Bei seiner Jungfernfahrt am 15. Mai 1933 stellte einen Geschwindigkeitsrekord für die Strecke Berlin-Hamburg auf, der erst 1997 von einem ICE eingestellt wurde.

Der Unglücksort (1935)

Zum Jahresende drängen sich die Risiken des technischen Fortschritts mit Wucht ins Stadtgespräch. Am 24. Dezember 1935, gegen 7 Uhr abends, kollidiert 800 Meter östlich von der Bahnhofsausfahrt Großheringen der aus Naumburg kommende Schnellzug D 44 mit dem entgegenkommenden Personenzug P 825. 31 Personen werden getötet und 27 verletzt. Die Nazis beschwören den Geist der Volksgemeinschaft. Laut offizieller Mitteilung war die Hilfe der Einsatztrupps in Großheringen eine Stunde der Bewährung des national-sozialistischen Geistes und der gesamten Volksgemeinschaft. - (1943 kommt es auf dem Bahnhof Naumburg zu einem schweren Zugunglück.)

 

Die Goebbelsschnauze  nach oben

Volksempfänger VE 301

Radio hören wird in den 30er Jahren zu einer beliebten Freizeitbeschäftigung. Aufgrund der vom Reichspropagandaministerium festgelegten niedrigen Preise für Rundfunkempfangsgeräte (76 Reichsmark, 1933) und dank dem Erlass von Rundfunkgebühren erlangt die Goebbelsschnauze große Beliebtheit. Bis 1935 sind 1,3 Millionen Geräte verkauft. Der Volksempfänger (VE 301) trägt als Typenbezeichnung das Datum der Machtübernahme durch die Nazis, den 30.1. ("301"). Es ist eine Gemeinschaftsproduktion von 28 deutschen Firmen und geht am 25. Mai 1933 in Serienproduktion.

Für den 26. September 1938 kündigt die Zeitung die Radioübertragung der großen Führerrede aus dem Sportpalast Berlin an.

"Wer nicht den eigenen Apparat im Zimmer hatte, der nutzte irgendeine der zahlreichen anderen Gelegenheiten aus. Die Nachbarn boten sich gegenseitig, wo sie von der Störung des Apparates wussten, das Mithören an. Die Ortsgruppen [der NSDAP] hatten Gemeinschaftsempfang in verschiedenen Lokalen organisiert. An manchen Orten der Stadt war Empfang im Freien. Und schließlich bot sich noch eine günstige Gelegenheit, in einem Lokale oder einem der Lichtspieltheater die Führerrede abzuhören.

Wir haben oft am Radio gesessen und den Worten des Führers zugehört. Es war auch manche ernste Stunde dabei. Diesmal aber war es uns, als wehte uns fühlbar der Atem der Weltgeschichte an. Wir wußten, daß nicht nur das deutsche Volk am Apparat saß, sondern darüber hinaus ganz Europa, abgesehen von den Staaten, die die Wahrheit nun einmal nicht hören wollen, dann aber auch 300 Rundfunksender Nordamerikas und andere Völker der jenseitigen Welt. Es war auch eine Rede, die nicht unser Volk allein anging, sondern ein Appell an die ganze Welt, sich zur Vernunft zu bekennen und den Völkern den Frieden zu sichern. Alle Hörer waren aufs Stärkste bewegt. Auch wo man im kleinen Raum zusammensaß, da stand man zum Schluß auf und sang die Nationallieder mit. Eine tiefstfeierliche Stimmung legte sich über alle Hörer, und im Geiste sprachen sie das mit, was die Tausende im Sportpalast unaufhörlich aus innerstem Herzen heraus riefen:

`Führer befiel, wir folgen dir!`"

Was eine große Zahl der Naumburger hier am 26. September 1938 begeistert am Radiogerät verfolgt, ist - wie es offiziell hieß - der Einmarsch der Wehrmacht in das Sudetenland am 1. Oktober 1938. Darauf rief die tschechoslowakische Regierung die Generalmobilmachung aus.

Während der Gau-Kulturwoche von Halle-Merseburg steht der 1. März 1938 im Zeichen des Rundfunks. Mittags überträgt der Reichssender Leipzig aus dem Leuna-Werk "Musik für die Arbeitspause". Eine Rundfunkübertragung aus dem Naumburger Dom findet große Aufmerksamkeit.

Stadtarchiv Naumburg (Saale)

Am 3. November 1938 befasst sich der Naumburger Gemeinderat mit dem Verkauf der Goebbelsschnauze. Es ist der Volksempfängers 301 Dyn gemeint und kostet 65 Reichsmark. Ein anderes Gerät ist für 35 Reichsmark zu haben. Das soll die Gewähr dafür bieten, "dass auch der letzte Volksgenosse sich am Rundfunk beteiligen kann". Denn Rundfunk ist laut Goebbels das "allermodernste und …. Allerwichtigste Massenbeeinflussungsinstrument". "Ganz Deutschland hört den Führer mit dem Volksempfänger", so steht es auf einem Werbeplakat für das Radio. Deshalb übernimmt für die Rundfunkabteilung (Abteilung II) das Reichspropagandaministerium alle Zuständigkeiten.

Nun unterstützt die Stadt die Anschaffung eines Radiogerätes mit einem Finanzierungskonzept. Das ermöglicht den Kauf in bequemen Ratenzahlungen. - Über die Nutzung des Rundfunks berät am 26. Juni 1943 in Naumburg die Gautagung der NSDAP-Rundfunkführung.

 

Vieles Scharfe und Hitzige wird unbewusst gesiebt  nach oben

Seit den Zeiten von Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852), Daniel Gottlob Moritz Schreber (1808-1861), So sollt Ihr leben (Sebastian Kneipp, 1821-1897) oder Bess Mensendieck (Körperkultur des Weibes, München 1906) befindet sich die Körperkultur im Umbruch. Eine Reformbewegung jagt die nächste. Die Orientierung war nicht immer einfach. Eine Zeit des Umbruchs, wie sich in der Diskussion um die Gestaltung des Schlafsaals in der neu herzurichtenden Jugendherberge Weißenfelser Straße in der Stadtverordnetensitzung vom 29. April 1926 ablesen läst. Otto Grunert von der SPD sieht keine Notwendigkeit für Mädchen und Jungen separate Räume einzurichten. Sein Kollege von der Fraktion der Haus- und Grundbesitzer Friedrich Hagemann (Jägerplatz 16) widerspricht heftig. Friedrich Blüthgen (SPD) kontert noch mal:

„Da alle ohnehin wüssten, wie sie am Körper aussehen, habe die Abtrennung keinen vernünftigen Zweck.“ (Neuordnung)

Die Nationalsozialisten verherrlichen die Körperkultur und überbetonen ihre Rolle in der Erziehung. Ihnen gilt der Körper als Ausdrucksform des eigentlich Menschlichen. Sie pflegen das rassische Körperideal, das sich nicht vom physischen Individualismus, sondern vom hellenischen Ideal der Ganzheit des Menschen leiten lässt. Darauf stützt sich ihre sogenannte nordische Gesinnung. Aber für die Zwecke der Kriegspropaganda darf dann die Verkrüppelung des Körpers schon mal als Äquivokation des Heldenhaften erscheinen. Schliesslich verdampfen ihre hellenischen Körperideale in den Krematorien der Konzentrationslager.

 

Ernst Thälmann
in Die Rote Fahne
am 29. Mai 1930:

"Die proletarischen Sportverbände sind ein besonders wichtiges Glied der Arbeiterbewegung. Körperliche Ausbildung, sportliche Stählung befähigt die Proletarier, ihre physische Widerstandsfähigkeit und Wehrhaftigkeit für den Klassenkampf zu steigern."

Quelle: Ernst Thälmann 1956

 

Doch die Gegner der Nationalsozialist stellen Körperkultur und Sport ebenfalls in einen politischen Kontext. Ihre bisweilen anzutreffende ideologische Reduzierung als Beitrag zum Klassenkampf fordert eine kritische Auseinandersetzung heraus. Aber so einfach, wie es uns vielleicht scheint, ist das nicht. Denn ob diese Denkfigur eine Dömäne der KPD - der Kommunisten - war, ist längst nicht ausgemacht, heisst es doch im Schwur zum 2. Arbeiter- Turn- und Sportfest in Nürnberg 1929:

"Wir wollen, dass die arbeitende Klasse frei werde von jeder Ausbeutung. Wir wollen, dass die arbeitende Klasse gesund und kraftvoll werde für diesen Kampf. ..." [ATS 120]

Immerhin, die Arbeitersportler - VfL 88, Arbeiter-Sport-Kartell Naumburg, Rote Sportler - distanzieren sich von der Rassenideologie und dem deutschen Überlegenheitswahn. Sie möchten keine militaristische Verwertung des Sports und stehen der nationalsozialistischen Bewegung ablehnend gegenüber. Leider kann man dies von anderen Naumburger Sportvereinen so nicht feststellen. - Die Arbeitersportler verfolgen noch ein anderes, unbedingt ehrenhaftes Ziel. Eugen Wallbaum (SPD), Geschäftsführer des Männer-Turnvereins Naumburg, spricht es 1922 unumwunden aus:

"Und eine so volkstümliche Sache ist unser deutsches Turnen. Es ist in seiner Art ein ganz bedeutendes Mittel, soziale Gegensätze abzuschwächen zu helfen, denn durch das gemeinsame Handeln der verschiedenen Schichten des Volkes kommen sich die Menschen näher, und vieles Scharfe und Hitzige wird unbewusst gesiebt und geläutert."

Die Roten Sportler aus Naumburg wahrscheinlich auf dem Reichstreffen am 8. Juni 1930 in Erfurt. Zum Beispiel: Walter Fieker, zweite Reihe,
ganz links.

Der Arbeitersport setzt also programmatisch auf Integration, nicht aber auf die Spaltung der Stadtgesellschaft. Mag man dies als Illusion bezeichnen, dann bleibt trotzdem die Absicht immer denkwürdig. In der Beamten Stadt hatten sie es nicht leicht. Aus Anlass des 14. Bezirksfestes vom 4. Bezirk im 5. Kreis des Arbeiter-Turn und Sportbundes vom 26. Juli bis 27. Juli 1930 in Naumburg erinnert der Vorsitzende des Arbeiter-Sportkartell Naumburg Willy Wipprecht daran:

"Der 1888 [in Naumburg] gegründete Turnverein Gut Heil hatte als Arbeiterturnverein schwer unter den Schikanen der Vorkriegsregierung zu leiden. Durch das Versagen jeder Unterstützung sowie die Nichtzulassung zur Turnhallenbenutzung kamen die Schikanen rein äußerlich zum Ausdruck."

Nach 1918 erhielt die Bewegung durch Neuordnung des Staatswesens großen Schwung. "Eine gewaltige Aufwärtsbewegung machte sich bemerkbar …". Willy Wipprecht hebt hervor:

"Diese Verheißungsvolle Periode wurde, wie in vielen anderen Orten, auch hier durch Parteifanatiker der KPD., die den Anweisungen ihrer Zentrale folgend den Arbeitersport zu Spaltung brachten, vernichtet."

Dazu kam, dass Teile der Arbeitersportbewegung in bürgerliche Turn- und Sportvereine abwanderten.

Auf dem Abreisskalender steht: Dienstag, 18. August 1936. Ein Großereignis für Naumburg. Tag der Deutschen Turner. Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) entgeht nicht der Zwangsumarmung durch die Nationalsozialisten. Über 600 Sportler aus allen Teilen Deutschlands heißt der NSDAP-Kreisleiter Friedrich Uebelhoer bei seiner Ansprache im Domhof willkommen. Auf der Neuenburg in Freyburg trifft er sich an diesem Tag mit dem Führer der Sudetendeutschen, Konrad Henlein (1898-1945), zu einer Unterredung.

Erika Junghans (Naumburg) springt 1938 bei den Wettkämpfen zum Deutschen Turn- und Sportfest in Breslau 5,68 Meter weit. Im Oktober desselben Jahres setzt sie beim Abschlussfest ihres Vereins nach 6,07 Meter auf. Es ist der erste Sprung einer Deutschen über sechs Meter! Die Frau von den Friesen Naumburg gewinnt am 10. August 1940 in Berlin bei den Deutsche Meisterschaften der Leichtathleten den Weitsprung.

Der Radsportverein Diana (Herr Krause, Naumburg, Freyburger Straße) veranstaltet am 21. Mai 1939 den gauoffenen

Großen Straßenpreis von Naumburg.

Der Oberbürgermeister stiftet den Preis der Stadt Naumburg: Ein Führerbild für 19 Reichsmark!

„Ich möchte nicht verfehlen, der Stadt Naumburg für den schönen Ehrenpreis auf diesem Wege meinen Dank abzustatten“,

schreibt der Gewinner des Rennens, Heinz Ostwald aus Halle (Frühlingsweg 8) schon am übernächsten Tag dem Oberbürgermeister.

Am 4. Oktober 1935 findet um 14 Uhr auf der Saale die zweite Naumburger Stadtregatta statt.

„Wir können nicht nur rennen in Grünau,
sondern auch in unserer grünen Au“,


Programm der 3. Naumburger-Stadtregatta am 3. Oktober 1937

PDF-Dokument - 1,7 Megabyt

waren Stadtrat Keiners geschwungene Worte zu den Sportlern und Besuchern. (Vgl. Ausklang 1935) Als Organisator tritt die Arbeitsgemeinschaft der Naumburger Ruder- und Faltbootvereine auf, mit dabei der Faltbootclub, der Ruder Club Neptun und der Naumburger Gymnasial-Ruderverein. Legten sich die Jungs vom Domgymnasium in die Riemen, konnte der Vierer die Strecke zwischen Halleschem Anger und Eulaer Brücke in 38:12 Minuten zurücklegen.

Beliebt sind die Ruderer allemal. Und so bringt man den Eintritt von 30 Pfennigen gerne auf. So auch am 30. Juli 1939, einem Sonntag, als die Ruderer bereits die sechste Drei-Städte-Regatta Merseburg-Naumburg-Weißenfels austragen.

 

Schönheit der Arbeit und KdF  nach oben

Die NS-Gemeinschaft Kraft durch Freude, geführt von Dr. Robert Ley, wird am 27. November 1933 geschaffen. Sie ist die populärste und massenwirksamste Organisation des Dritten Reiches. Ihr Ziel sind der Aufbau und die Wahrung einer deutschen Volksgemeinschaft. Sie kümmert sich um die Schönheit der Arbeit, Erholung, Feriengestaltung, Freizeitgestaltung, Volkssport- und -erziehung.

Ein Naumburger berichtet im Januar 1938 in der Zeitung über seine Italien-Fahrt, organisiert von KdF. Verabschieden tat sie der Gauleiter von Halle-Merseburg, Parteigenosse Joachim Albrecht Eggeling, mit der Ermahnung, weiter am Werk von Adolf Hitler mitzuwirken. Dann die Heimkehr. Wahnsinnserlebnis! Und die typischen Urlaubsfotos: Alles drauf, aber nichts zu erkennen. Oder doch? Arbeiter sehen anders aus!


Das Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit,
Paragraf 2, bestimmt:

„Der Führer des Betriebes entscheidet der Gefolgschaft gegenüber in allen betrieblichen Angelegenheiten.“

 

Bis 1939 verleben über 43 Millionen Menschen mit KdF ihre Ferien. Zwei 25 000-Tonen-Schiffe lässt die Organisation bauen; insgesamt sind es zehn. In Prora auf Rügen baut man ein Hotel für 20 000 Urlauber. Über KdF erhalten Arbeiter und Angestellte verbilligte Theater-, Opern- und Konzertkarten. Die Bewegung übernimmt die in der Zeit der Weimarer Republik gegründeten Volksbildungsstätten und Volkshochschulen.

Gemäss dem Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit vom Januar 1934 nennen sich Arbeiter und Angestellte Gefolgschaft. Der Direktor heißt nun Betriebsführer. Ihm gegenüber die Gefolgschaft in der Pflicht zu Treue und Gehorsam. Der Kreisobmann der Deutschen Arbeitsfront Naumburg sagt am 12. März 1938 zu den Mitgliedern der Werkschar 108 H. Sieling im Setzersaal der Firma Sieling (Topfmarkt):

„Der Nationalsozialismus hat dem Betriebsführer die ganze Gewalt im Betrieb gegeben, denn wir haben gesehen, wohin es führt, wenn viele im Betrieb mitreden wollen.“

Ideologisch sind in der Betriebsgemeinschaft Lohnarbeiter, Gehaltsempfänger und Unternehmer einträglich vereint. Kernaufgabe der DAF ist die ideologische Harmonisierung der Interessengegensätze, was letztlich ein Riesen-Schwindel. - Doch Hitlers Versprechen vom 27. Januar 1932 vor dem Düsseldorfer Industrieklub, die freie Unternehmerinitiative mit dem nationalsozialistischen Führerprinzip zusammenzuführen, ist erfüllt.

Markt - 1. Mai 1934: Der Bürger gibt seinem Leben im Ornament der Masse einen Sinn.

Zum 1. Mai-Umzug fährt die NSDAP 1934 einen Festwagen zum Thema Kraft-durch-Freude durch die Stadt. Auf dem Markt betont NSDAP-Kreisleiter Friedrich Uebelhoer in seiner Rede: Die Arbeit ist nicht allein eine ökonomische Angelegenheit, sie ist ein Kraft- und Freudenquell. Der Schönheit der Arbeit widmet sich vor allem die Deutsche Arbeitsfront (DAF). Sie setzt sich für Kantinen, Belüftungen, Toiletten und Duschen, Werkärzte, Sport- und Grünanlagen ein.

"Als bedeutender sozialpolitischer Fortschritt gilt im Bäckereigewerbe das Nachtbackverbot, das Betriebsführer und Gefolgschaft vor erheblichen Gesundheitsschäden durch dauernde Nachtarbeit schützt und die Herstellung von Backwaren nur unter günstigen Arbeitsbedingungen am Tage zulässt." Das Bäckereigesetz vom 29. Juni 1936 verbietet die Aufnahme der Backarbeiten in der Werkstatt vor 4 Uhr und die Ausgabe an die Kunden vor 6.30 Uhr. (Vgl. Nachtbackverbot)

Naumburger Tageblatt,
Naumburg, den 11. April 1938

Hinzu kommen neue Sozialleistungen, wie erhöhte Zuschüsse für Mütter, Kinder, Witwen und kinderreiche Familien (mehr als 4 Kinder). Die bisher üblichen drei bezahlten Urlaubstage im Jahr werden auf sechs, sukzessive sogar auf zwölf bis fünfzehn Tage erhöht. Die Renten-, Kranken-, Unfall- und Arbeitslosenversicherung wird beibehalten und stellenweise erweitert.

Den Tag der Arbeit begehen die Nationalsozialisten als Fest der Nationen. Am 1. Mai 1937 sind die Giebel der Häuser wieder schön geschmückt, die Hakenkreuzfahnen flattern im Wind, in der Mitte des Marktplatzes prangt ein liebevoll mit bunten Tüchern und künstlerischen Figuren umwundener Maibaum. Am Vorabend wird der zweiundzwanzig Meter hohe Baum von der Reichskrone in Begleitung der Pimpfe, des Jungvolks und der Jungmädels zum Marktplatz transportiert. Das Fest der Nationen beginnt um 8.30 Uhr mit der Jugend-Kundgebung. Aus den Lautsprechern hören die Teilnehmer eine Reichssendung aus dem Berliner Olympiastadion. Um 10 Uhr setzt sich der Festumzug mit 14 Wagen aus der Grochlitzer Straße auf verschlungenen Wegen zur Vogelwiese in Bewegung. Während des Vorbeimarschs der Betriebsgemeinschaften an den Ehrengästen vor dem Rathaus überreicht der NSDAP-Kreisleiter den Fliegern das Diplom im Berufswettkampf. Um 11 Uhr stehen die Betriebsgemeinschaften nach einem Plan militärisch aufgereiht auf dem Marktplatz. Ab 12 Uhr hören alle die Führerrede aus dem Radio. Publikumsmagnet sind die um 17.30 Uhr beginnenden Darbietungen der Kraft durch Freude-Veranstaltungen im Ratskeller, in der Erholung (Gesellschaftshaus, Luisenstraße 1) und im Bürgergarten.


Kraft durch Freude

Vorsitzender
Horst Seiler
Oststraße 39 (1935)

Reisen, Urlaub; Wandern
Pg. Friedrich Hoppe
Raschstraße 5

Schönheit der Arbeit
Pg. Horst Artes

Selbsthilfe und Siedlung
Pg. Erich Loeser
Bahnhofstraße 20

Funk
Pg. Kurt Schmöller
Große Marienstraße 22/23

Volkstum und Heimat
Pg. Jaeger
Markt 12

 

In der ehemaligen Seifensiederei und jetzigen Handelsfirma für Wasch- und Reinigungsmittel Eduard Schotte sieht man besonders auf die

Schönheit der Arbeit,

begeistert sich Otto Leißling. Wenn die Auftragslage mal etwas dünn ist, greifen die Mitarbeiter zu Farbe und Pinsel. Neue Fenster kommen in den Seitenflügel, um die Lichtverhältnisse zu verbessern.

Zur Verbesserung der Ausbildung schafft die Firma eine Reihe von Fachbüchern an. Ein Lehrling der Firma siegt beim Berufswettbewerb im Kreis. Die Arbeitstarifordnung sieht drei Tage und die Angestelltenrichtlinie sechs Tage Urlaub vor. Nicht ohne Stolz berichtet 1941 der Betriebsobmann, dass die Firma jeden Mitarbeiter einen Urlaub von zwölf Tagen gewährt. Die Arbeiter sind in der Allgemeinen Ortskrankenkasse [PDF-Dokument, etwa ein Megabyte] versichert. Zudem fließen die Erträge von Altstoffsammlungen in eine gemeinsame Kasse, aus der im Krankheitsfall schon mal eine Unterstützung gewährt wird. Auch zur feierlichen Ausgestaltung des 1. Mai können die Erlöse verwendet werden. (Vgl. Schotte 1941)

Kraft durch Freude - Büro
Salzstraße 7 (2007)

Am 10. Dezember 1938 bezieht die DAF ihr Dienstgebäude, das Haus der Deutschen Arbeit
(Aufnahme 2007), Kreisverwaltung Naumburg, an der Vogelwiese (Jakobsring 4a).

Robert Leonhardt
Oststraße 35

Hans Grözinger
Am Georgentor 6

Stellvertreter
Pg. Martin Schmidt
Horst-Wessel-Siedlung 6

Bei der Kreisdienststelle der NS Gemeinschaft Kraft durch Freude in Naumburg, Salzstraße 7, kann man eine Hörerkarte für interessante Vorträge erhalten. Die neue Volksbildungsstätte war im Januar 1938 eingeweiht worden. Natürlich lehrt man hier auch die Grundlagen der nationalsozialistischen Rassen- und Bevölkerungspolitik. "Ich möchte, dass die DAF-Führer," sagt Robert Ley auf der Leipziger DAF-Tagung im Dezember 1935, "als Führende im deutschen Volke, die Rassenfrage kennen." Und blieb nicht beim Vorsatz. Die DAF wirkte bei der rassenhygienischen Auswahl von Wohnungen und Gewährung von Sozialleistungen mit.

Als Freizeitgestalter organisiert sie in der Napola („Kadette“) Schwimmkurse für Fortgeschrittene und Anfänger. Für den 11. Oktober 1938 nachmittags 16 Uhr kündigt sich das Reichs-Sinfonie-Orchester in der Reichskrone (Bismarckplatz) mit einem Jugendkonzert, organisiert von Kraft durch Freude, Kreisdienststelle Naumburg, an. Über Kraft durch Freude erhält kann man Eintrittskarten zu ermäßigten Preisen erhalten. Niemand versäume, dass Orchester des Führers zu hören, heißt es in der Ankündigung.

1940 jährt sich zum 7. Mal der Gründungstag der KdF-Organisation. Im ersten Kriegsjahr werden nicht weniger als 146 Veranstaltungen für die Verwundeten in den Lazaretten sowie Offiziere und Mannschaften am Standort Naumburg durchgeführt. Darunter waren: 39 Varieté- und 20 Theaterveranstaltungen, 20 Bunte Abende, 42 Konzerte, 16 Film-, drei Ballett-, ein Dichter- und zwei Vortragsabende, sowie zwei Attraktions-Veranstaltungen und eine Kunstausstellung. „Die NSG Kraft durch Freude ist nach siebenjähriger Tätigkeit Träger des gesamten kulturellen Lebens unserer Stadt geworden“, kommentiert die Mitteldeutsche National-Zeitung 1940. (Vgl. Kraft durch Freude-Bewegung)

 

 

Naumburg tanzte zum Rundfunkball  nach oben

Für den 7. Januar 1939 kündigt die Intendanz des Reichssenders Leipzig einen Rundfunkball in der Erholung (Karl-Seyferth-Straße) an.


Erholung, Karl-Seyferth-Straße (2004)

 

Solche Geselligkeiten finden beim städtischen Establishment großen Zuspruch. Durch das Programm mit dem Naumburger Militärorchester unter Leitung von Herbert Kegel und der Kapelle Otto Frick führt der deutschlandweit bekannte Ansager Hans Remagen. Sendeleiter Wilhelm Hartseil organisiert mit seinen Mitarbeitern die technisch einwandfreie Aufnahme und Übertragung in das Funkhaus. Und er begrüßt die Gäste im Auftrag des Intendanten des Senders Leipzig. Dann wedelt erstmal die famose Naumburger Tanzlehrerin Mathilde Döhring mit ihrem Partner übers Parkett. So dann zeichnet die Ballgesellschaft mit ihren Schritten die Muster von Menuett, Rheinländer, Walzer und Polka auf den Tanzboden.

"Es war Uniform oder Gesellschaftsanzug vorgeschrieben", vermerkt das Naumburger Tageblatt in einer Nachbetrachtung und belehrt den Bürger:

"Die Berechtigung dieser Vorschrift steht ganz unzweifelhaft fest. Bei der Machtübernahme war das deutsche Volk im Zustand beispielloser Verelendung. Weiteste Kreise waren in unverschuldbare Notlage geraten, die sich in der ganzen Lebenshaltung äußerte. Damals wäre es sinnlos oder gar bösartig gewesen, Gesellschaftsanzug vorzuschreiben. Heute aber liegen immerhin schon Jahre des Aufbaus hinter uns. Mag das Einkommen im Einzelfall nicht hoch sein, es fließt aber regelmäßig und steht auch für die Zukunft unbedingt fest. Da kann man schon verlangen, daß sich der einzelne auch wieder einen Anzug zulegt, den er für besondere Gelegenheiten hält. Unsere Väter waren auch nicht mit irdischen Gütern allzu sehr gesegnet, aber in der einfachsten Familie hatte der Vater seinen Bratenrock [halblange Herrenjacke für feierliche Anlässe], ohne daß man ihn darum reaktionären Kreisen hätte zurechnen dürfen. Dagegen leuchtet es ohne weiteres ein, dass eine gleich festlich gekleidete Gesellschaft sich leichter zusammenfindet und eher Mißtöne vermeidet, als wenn das schöne Bild durch Tänze mit Knickerbockern und Anzügen aller Farben beeinträchtigt wird.

Der anspruchsvolle Anzug verbürgt auch innere Haltung, stärkt das Selbstbewußtsein und hebt hinauf. Wir wollen aber nicht - wie der Proletarierkult - die Menschen zu einem einheitlichen Sumpf von Minderwertigkeitskomplexen erziehen, sondern sie hinausheben in das Gefühl der gesellschaftlichen Gleichberechtigung. Wer dieser Gleichachtung noch nicht würdig ist, wird sich auf diese Weise auch viel leichter herausheben.

Die Richtigkeit dieser Darlegungen erwies sich auch bei der letzten Veranstaltung am Sonnabend."

In modischer Kleidung und entsprechenden Accessoires soll also der Sieg über die Systemzeit (Demokratie) und die Aufbauarbeit zum Ausdruck kommen.

Die Tageszeitung überscheibt ihren Bericht mit:

Naumburg tanzte zum Rundfunkball.

Naumburg? Wo ist Otto Wolf mit seiner Frau? Könnte er sich einen solchen Abend überhaupt finanziell leisten? Wahrscheinlich widerspricht die ganze Chose seiner alternativen Lebensart. Sei es drum. Der Anarchist sitzt seit 1937 im Zuchthaus. Vielleicht hätte der junge Karl Possögel mit seiner Freundin einen Tanz gewagt? Aber dieser ist im Konzentrationslager Buchenwald interniert. Nach herrschender Anschauung sind das die "politischen Verbrecher". Und die vermisst man nicht! Denn sie zerstören nur die rassische Blutgebundenheit eines Volkes, zersetzen die Moral, Sitte und Kultur eines Volkes und verletzen die Gesetze zum Schutz der Staatserhaltung. Wo sind die einst hoch angesehenen Bürger jüdischer Herkunft, wie Konrad Landsberg oder Otto Hollaender, geblieben? Sie flohen oder sie wurden deportiert und ermordet. In der Erholung tanzen an diesem Januarabend nicht die Naumburger, sondern die

"hervorragende(n) Vertreter von Partei, Staat und Wehrmacht".

Wie ihr Tanz nach standardisierten Bewegungen und in geschlossener Gesellschaft, so sind ihre Wahrnehmungen: selektiv und stereotyp. Damit entlasten sie sich von der Frage nach der Menschlichkeit ihres Tuns - in guter Laune beim Rundfunkball im Januar 1939.

 

 

Vom Kirsch- zum Bänderfest  nach oben

Aus dem Buch Das Naumburger Kirschfest (1903) von Karl Schöppe (1851-1915) wissen wir um die Geschichte, Bräuche und die lange Tradition des beliebten Naumburger Kirschfestes. Seine Legende kreist um folgendes Ereignis:

"Nach der Sage sollen Schulkinder von ihrem Lehrer ins feindliche Lager geführt worden sein und den Feldherren um Gnade für die Stadt gefleht haben." (Kirschfest-Erinnerungen 1920)

 


Jaroslav Cermák (1830-1878):
Husité pred Naumburkem (1875). (Die Farbkomposition auf dem Original nimmt sich deutlich anders aus als auf dieser Kopie.)

Feldherr Prokop Holy der Hussiten belagert (1432 ?) die Stadt Naumburg an der Saale. Lehrer entsenden in weißen Büßerhemdchen gekleidete Kinder mit K i r s c h e n vor die Tore, um ihn um Frieden zu bitten.

 

 

Auf Grund der dürftigen wirtschaftlichen Verhältnisse konnte das Kirschfest bis 1923 nicht stattfinden. Als Resultat der verschiedensten Bewegungen, nicht zuletzt aus der Jugendbewegung, entstand das Bedürfnis nach Reformen. Friedrich Muck-Lamberty monierte, dass es auf den Volksfesten "kein Sichfreuen, Sichkennenlernen, kein gesundes, herzhaftes Fröhlichsein, kein Volksleben" mehr gibt (Ritzhaupt 7). Das Kirschfest sei "Ein Sauffest für die Erwachsenen der bürgerlichen Kreise" (Fieker), beklagen 1924 die Kommunisten.

1921 beruft der Magistrat unter Leitung von SPD-Stadtrat Ernst Heinrich Bethge eine Kirschfestdeputation. Recht bald gerät sie in Streit mit dem konservativen Kirschfestausschuss von 1885. Bethge wollte die Kinder wieder in den Mittelpunkt des Festes stellen, was nicht auf Gegenliebe stiess. Die Deputation will viele neue Angebote schaffen. Von der bündischen Jugend borgte man sich die Idee für den Fackelumzug und die Sonnenwendfeier. Der Sozialdemokrat machte den Vorschlag einen Festzug der Arbeit durchzuführen. Hier sollen oder können sich alle Gewerbe der Stadt präsentieren. Heftige Auseinandersetzungen gab es um den Kirchgang. Lehrerschaft und Gewerkschaften lehnten den obligatorischen Kirchgang ab, was heftige Gegenreaktionen auslöste. Uneins waren Kirschfestdeputation und Kirschfestausschuss über die Anzahl der Festtage. Die Stadtverordnetenversammlung orientierte auf zwei Tage. (Vgl. Schwarzweißrot)

 

 

Walter Fieker beleidigt 1924
Bürgermeister Roloff

"Wegen der öffentlichen Beleidigung des Bürgermeisters Roloff hatte das Amtsgericht Walter Fieker hier zu 300 Mark Geldstrafe oder 30 Tagen Haft verurteilt und außerdem Bürgermeister R. [Roloff] die Befugnis zugesprochen, nach Eintritt der Rechtskraft das Urteil einmal im Naumburger Tageblatt auf Kosten des Angeklagten zu veröffentlichen. Gegen dieses Urteil hatte sowohl der Angeklagte als auch die Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt. In einer kommunistischen Volksversammlung im Ratskeller, die von Fieker am 26. Juli einberufen war, war am Schlusse über die Tätigkeit der kommunistischen Abgeordneten berichtet worden. Dabei war mitgeteilt, daß die beantragten 3000 Mark für das Kirschfest von den Kommunisten abgelehnt worden seien. Das Kirschfest sei geworden, was sie vorausgesagt hätten, ein Sauffest für die Erwachsenen der bürgerlichen Kreise. Die Schutzpolizei habe sich nicht durchzusetzen gewußt, insbesondere deshalb nicht, weil ihr Dezernent Bürgermeister Roloff selbst die Polizeistunde überschritten habe. Der Gastwirt Moritz habe erzählt, bei ihm sei Feierabend geboten in seinem Vereinszelt. Er sei deshalb an eine Gruppe Schutzpolizeibeamte herangetreten und habe gefragt, warum in Rösenbergers Zelt nicht auch Feierabend geboten werde? Da sei geantwortet, das können wir nicht, da sitzt der Dezernent selber drin. Um ½ 5 Uhr sei dann ein Polizeioffizier gekommen, der hätte Bürgermeister Roloff, dabei einen Fußtritt markierend, hinausbefördert."

(Fieker 1924)

 

 

 


Kirschfestprogramm

1929
im PDF-Format.


Mit großem Krafteinsatz ringen 1929 die politischen Parteien und vaterländischen Verbände auf dem Kirschfest um die Präsentation ihrer Symbolik. Niemanden wird es noch verwundern, die Oberhand behalten die Deutschnationalen und Nationalsozialisten. Überall flattern schwarzweissrote Bänder, Wimpel und Fahnen. Hingegen waren die Symbole der Republik nicht gern gesehen.

"Auch der Kirschfest-Ausschuss, in dem Oskar Bartholomäi thront, tut alles, um dem Kirschfest den reaktionären Charakter zu erhalten!"

Annonce zu Oskar Bartholomäi

Der Zeitzer Volksbote teilt seine Beobachtungen am 7. Juli 1929 der Öffentlichkeit unter der Überschrift Faschisten-Koller mit:

"Unsere Faschisten haben während dieser Tage [1929] ihren größten Koller. Stahlhelm, Wehrwolf, Jungdo, Hakenkreuz und der unvermeidliche Luisenbund sind rein aus dem Häuschen. Der reaktionäre Spießer trägt seine Anschauung öffentlich zur Schau.

Ganz Naumburg ist in Schwarz-Weiß-Rot gehüllt, nur am Rathaus hängt eine Schwarz-rot-goldene Fahne. …

Die bösen Republikaner haben den Herrschaften aber die Suppe arg versalzen. Im Festumzug der Kinder wurden neben 12 schwarz-weiß-roten Fahnen auch neun schwarz-rotgoldene mit besonderem Stolz von den Kindern getragen."

Kirschfest, Naumburg 1928

Es ist das Reichsbanner, welches die Symbole der Republik zum Fest präsentiert. Allerdings gelingt es ihm nicht, die Genehmigung für den Aufbau eines eigenen Zeltes auf dem Festplatz zu erhalten. "Die Wut über den sozialdemokratischen Vorstoß im Stadtparlament, wodurch das schwarz-weiß-rote Beflaggen des Festzeltes unterbunden wurde, fand sein Echo in der Ablehnung der Mitwirkung der Martins-Hörner-Kapelle beim Festzug der Kinder. Das Monopol musste den Faschisten, der Stahlhelmkapelle, überlassen werden."

"Dienstag beim Umzug der Stahlhelmkapelle glaubte Herr Bühring mit dem Fridericus-Marsch aufwarten zu müssen. Die Martins-Hörner-Kapelle ließ als Antwort sofort die Internationale ertönen. Jetzt wurden die Gesichter der Faschisten immer länger und der Andrang zum Stellplatz des Reichbanners immer größer. Noch ärger betroffen waren die nationalen Helden, als sich um 10 Uhr abends das Reichsbanner aufmachte und über den wimmelnden Festplatz mit schwarz-rot-goldenen Laternen einen Fackelzug unternahmen." "Dieses frische, unerschrockene Vorgehen zeigt," ermuntert der Volksbote seine Leser, "daß wir selbst in Kappstadt die Farben der Republik mit Stolz zum Siege führen können …"

 

Ab 1933 durchläuft das Kirschfest eine Nazifizierung. Ausdruck hierfür die Rede von Bürgermeister Roloff auf dem Mädchenkirschfest von 1933. Oder die Ansprache von Rektor Müller (4. Volksschule), die er mit Liebe deutsche Mädchen einleitet und dann dazu auffordert, dass Horst-Wessel-Lied "als Bekenntnis zu den Forderungen des Führers" zu singen.

 

Der Bändermann

"Im Jahr 1939 feierten wir das letzte Kirschfest", berichtet Hans-Dieter Schütze (2006). "Im Jahr zuvor wurde das Fest umgestellt, denn alles, was an die Hussiten erinnerte, musste wegfallen. Es wurde als Fest des Lebens mit bunten Bändern, Kirschen und dem Grünen neu gestaltet."

Vom 30. Juni bis 4. Juli 1938 wartet das Kirschfest wieder mit vielen Attraktionen auf. Donnerstag bis Freitag ist das Knaben-Kirschfest, am 3. und 4. Juli das Mädchen-Kirschfest. Viel Trubel verspricht der am Sonnabend stattfindende "Kirschfestball der fröhlichen Unbekannten" im Gesellschaftshaus Erholung an der Vogelwiese. Alle Teilnehmer erhalten ein Festabzeichen mit fortlaufender Nummer. Seinen Partner findet man mit der gleichen, aber andersfarbigen Nummer. Ohne Festabzeichen erfolgt kein Einlass.

Auf dem Markt gibt es eine der damals sehr beliebten und zugleich erstklassigen Varietévorstellungen zu bewundern. Aber Höhepunkt des Festes bleibt der traditionelle historische Festumzug am Sonntag um 2 Uhr nachmittags. Es scheint alles wie immer zu sein. Man kann sich mit Freunden oder Verwandten treffen und in einem der vielen Zelte gemeinsam ein Glas Bier oder Wein trinken. An alle Generationen ist gedacht. Doch eines darf das Fest nicht, an die Hussiten erinnern. Im Kampfblatt der nationalsozialistischen Bewegung Grossdeutschlands erschien einige Tage vor dem Kirschfest, genau am 12. Juni 1938, ein Artikel über die Hussitenkriege.

Hannes Kriesten: Hussitenkriege. Als die Banden der tschechischen Mordbrenner durch Deutschland zogen. Völkischer Beobachter. Kampfblatt der nationalsozialistischen Bewegung Grossdeutschlands, Norddeutsche Ausgabe, 12. Juni 1938

 

Raubend, plündern und sengend zogen die Hussiten vor langer Zeit durch Deutschland. In den eroberten Städten unterdrückten sie die Deutschen. Klagen und Urteile durften in Böhmen nur in Tschechischer Sprache abgefasst werden, erfährt der Leser. Das ist so aktuell, ".... dass der Beschluss ebenso gut 1919" "abgefasst sein konnte. Dieser Geist lebt noch immer." " ... und es geht nicht um die Lehre, wenn sich die Tschechen immer noch des Hus` erinnern. Es geht um die vergangene Zeit, dass sie in seinen Auftrag und Namen halb Deutschland verwüsteten. Mann und Lehre sind vergessen. Lebendig geblieben ist," klagt der Völkische Beobachter, "ist die Erinnerung, wie schön es war, zu sengen und zu plündern." Was den Naumburgern weiter vorgeworfen, kommentiert Heidemarie Hecht (Naumburg), "ist 1938 nicht so einfach zu verkraften: Feigheit vor dem Feind. Verharmlosung eines Gegners, der dem Deutschtum einen gnadenlosen Kampf angesagt hat. Sie hatten nicht gekämpft, diese Naumburger, sie hatten um Gnade gewinselt und sich der Gnade des Feindes unterworfen. Und dieser Feind war der Tscheche."

 

Reime für das
Fest der Lebensfreude (1938)
Friedrich Uebelhoer

Ich bin das junge Leben
Ich bin der Stadt als Bote gegeben
Ich komme, euch zu laden

Das Leben von mir
Das Leben von dir
Das Leben von allen Naumburgern hier.
Ich bin der Bote des Grünen
Dem Leben zu dienen.


Uebelhoer 1938

 

Unter dem Druck der Nationalsozialisten muss Fritz Seifarth 1938 sein Cafè Prokop in der Marienstraße in Kaffee Seifarth umbenennen. Und ein Fest, das an die mordenden und plündernden Hussiten (Völkischer Beobachter) erinnert, durfte es jetzt nicht mehr geben. Oberbürgermeister und NSDAP-Kreisleiter Friedrich Uebelhoer macht folgende politisch Vorgaben:

"Das unerhörte Vorgehen der Tschechen gegen unsere deutschen Volksgenossen im sudetendeutschen Gebiet zwingt uns heute, zu dem Hussitenlied und zu der Sage, die mit unserem Kirschfest bisher in Verbindung gebracht worden ist, eindeutig Stellung zu nehmen. .... Um uns aber völlig ungetrübt der Freude hingeben zu können, müssen wir vermeiden, daß wir, und sei es aus Unbedachtheit, durch die Verherrlichung der Tschechen unseren deutschen Brüdern in den Rücken fallen. …. Die Hussitensage, deren Inhalt vor ungefähr 250 Jahren dem Fest Form und Gestalt verlieh, ist bei noch so liebevoller Betrachtung ein untragbarer Makel auf dem Ehrenschild der Naumburger Bürgerschaft. .… Mag es Zeiten gegeben haben, in denen man scheinbar darin keine Schande erblickte, heute können wir als wehrhafte deutsche Menschen eines großen und freien Volkes eine solche Haltung nicht mehr verstehen. …. Die heutige Haltung der Tschechen gegenüber den Deutschen aber macht es zu einer Unmöglichkeit, einen Tschechenführer in den Mauern einer deutschen Stadt als mitleidsvollen, Gnade spendenden Sieger durch ein Fest zu feiern. … Statt einer Verherrlichung der Tschechen soll unser Fest ein Appell werden an die Lebenskraft unserer Stadt." (Uebelhoer 1938)

 

Illustration von Robert Langermann zu Die Trompete des Maulesels. Eine Pferdegeschichte aus Norwegen (1941)

Robert Langermann, geboren am 23. Mai 1895 in Riga, wohnhaft Mägdestieg 8, 1923 bis 1925 staatliche Kunstschule Berlin, ab 1927 Zeichenlehrer am Reformrealgymnasium Naumburg, seit 1932 NSDAP, Kreiskulturwart der NS-Kulturgemeinde, Hauptstellenleiter des Gauschulungsamtes und Gaureferent für Kunst und Erziehung. Von ihm stammt die bekannte Zeichnung Heizer (Kreide / Bleistift, 32 mal 42 Zentimter gross).

Wegen "früherer marxistischer" Betätigung, beteiligt sich Roland Langermann (22.6.1933) am Berufsverbots-Antrag gegen den Mittelschullehrer Friedrich Blüthgen (SPD).

 

Es soll ein Fest der Lebensfreude sein und an ein germanisches Fruchtbarkeitsfest erinnern. An der Spitze eines Spielmannzuges ruft der Bändermann im Auftrag des Grünen die Jugend zusammen. Auf dem Markt tanzen jungvermählte Paare um eine Lebensrute und Kinder führen einen Bändertanz auf. Das alte Kirschfestlied, humorvoll, volkstümlich und mit ausgeprägtem historischen Sinn, ersetzen die Organisatoren des Festes durch das Bänderlied, dessen erste Strophe lautet:

Grüner, komm und lass Dich binden,
lass mit Bändern Dich umwinden,
weiß und rot und gelb und grünwoll`n wir durch die Straße ziehen,
dass wir alle finden.

In der Zeitungsrückschau auf das Kirschfest 1938 verkündet man, die Erinnerung an den Hussitenüberfall ist ausgelöscht worden.

Aber erinnert sich niemand mehr an die Grundidee des Kirschfestes? Schon ein Blick auf das Wandgemälde Die Naumburger Kinder vor Prokop (1906) von Franz Müller-Münster (1867-1936) in der Aula der Walter-Flex-Schule, heute Alexander von Humboldt-Schule, müsste nachdenklich machen. Zu sehen ist hier keine nationale Erhebung, sondern eine historische Szene aus der Emanzipationsbewegung der Hussiten gegen den Anspruch der Unfehlbarkeit des Pabstes und dem Kampf gegen eine korrupte Kirche. Frieden erbitten die Kinder von Prokop! Dies widerstrebt den politischen Intentionen der Nationalsozialisten.

Mit Unterstützung der Landesanstalt für Volksheilskunde in Halle tritt nun an die Stelle des Hussiten-Motivs der Bändermann (Bild oben), grafisch gestaltet vom enthusiastischen Nationalsozialisten Roland Langermann (Naumburg).

Am Donnerstag gegen 16 Uhr marschiert der Grüne auf dem Festplatz der Vogelwiese mit den Bändermännern und Hochzeitspaaren vor dem Magistratszelt auf. Sonntag 7 Uhr morgens: Grosses Wecken mit dem Bändermann und einem Spielmannszug zum Mädchen-Kirschfest und Tag des Gastes.

1939 findet vorläufig das letzte Kirschfest statt. Max Bischof teilt am 2. Mai 1939 dem Oberbürgermeister und NSDP-Kreisleiter Friedrich Uebelhoer die Selbstauflösung des Kirschfestausschusses mit. Eine ehemalige Naumburgerinn erinnert sich:

"Inzwischen war schon Kirschfestzeit, und in den Schulen liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Die Oberstufenschüler beteiligten sich an den Kostümumzügen Prokop, Ekkehard und Uta hoch zu Roß mit ihren Vasallen und Kriegern, dazu Bürgerfrauen. . … Als wir 1940 soweit waren, war Krieg und das Kirschfest fiel aus, der Jammer war groß." (Peukert-Spindler)

"Durch die schrecklichen Kriegsfolgen wurden dann die Feste am Schuljahresende 1940 gänzlich eingestellt." (Schütze 2006)


 

[ATS] Festschrift. 2. Arbeiter- Turn- und Sportfest in Nürnberg 1929

Ausklang des Mädchen-Kirschfestes. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 1. Juli 1933

Ausklang und Rückblick der Naumburger Herbstregatta. "Naumburger Tageblatt",
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[Heldengedenktag] Die Ausgestaltung des Heldengedenktages. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 11. März 1938

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Naumburg tanzte zum Rundfunkball. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, am 9. Januar 1939

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Autor:
Detlef Belau


Geschrieben: April 2005.
Aktualisiert: 10. Dezember  2012


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