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Der Deutsche Tag in Halle 1924  

 

"Was war denn los?", fragt die Berliner Volks-Zeitung nach dem Deutschen Tag 1924 in Halle (Saale) und antwortet: "Die Plätze schwarz-weiss-rot geschmückt, die Strassen durchtost vom Erhardt-Lied, Arbeiter von Hitler-Leuten auf der Straße geschlagen, die Schutzpolizei machtlos gegen die Hakenkreuzler und im Kampf mit den Kommunisten, Reden von offizieller Stelle vom kommenden Kaiserreich, Reichswehr unter Veteranenvereine gemischt und der Held von München [Ludendorff] ihre Front abschreitend. Das war die parteipolitische neutrale Einweihung eines Moltkedenkmals."

Zum

11. Mai 1924

rief die Vereinigung der Vaterländischen Verbände Mitteldeutschlands nach Halle, um mit der Wiedererrichtung des Moltke-Standbildes seine Vorliebe für Schwarz-Weiss-Rot zu demonstrieren.

Oberbürgermeister Richard Robert Rive (1864-1947) verteidigt die politische Aussage des Denkmals und öffnet den Organisatoren des Deutschen Tages achtzehn Säle der Stadt. Von republikanischer Seite wurde die Unterstützung der "vaterländischen Kundgebung" durch die Stadtverwaltung und Behörden, etwa durch Ausstattung und Schmückung der öffentlichen Gebäude mit der schwarz-weiss-roten Fahne, missbilligt.

Deutsche Tag in Halle, 11. Mai 1924: Aufstellung der Generalität.
General Erich Ludendorff 1, Prinz Oskar 2, Felix Graf Luckner 3, und Josias von Heeringen 4.

(Quellenangabe unten)

Zum Deutschen Tag nach Halle kamen der Bund Wiking, Bund Oberland, Stahlhelm, Wehrwolf, Jungdeutscher Orden, Scharnorst-Bund, Bismarckbund, Reichskriegsflagge, Reichsverband der Baltikumkämpfer, Krieger- und Schützenvereine, Turner, Sänger und die Studentenschaften aus Leipzig, Halle, Köthen und Jena. Alle in mustergültiger, freiwilliger Manneszucht. Niemals sah man im Kaiserreich, hebt die Saale-Zeitung zwei Tage später hervor, eine so grosse Parade. Die Deutsch Allgemeine Zeitung (DAZ) schätzt die Zahl der Teilnehmer auf 120 000 Personen. Zunächst taten die Organisatoren so, als handelte es sich nur um die Einweihung eines Monuments für den "grossen Schlachtenlenker". "Es lag aber auf der Hand," klärt am 13. Mai die Vossische Zeitung die Bürger auf, "dass diese Denkmalsenthüllung nur der Vorwand für das aufbieten des völkischen Heerbannes nach Halle gewesen ist, dass es sich um eine Parteiveranstaltung grossen Stils gehandelt hat." Die Finalisten der nationalsozialistischen Bewegung marschierten zusammen mit ihren Zulieferern aus den völkisch-deutschnationalen Organisationen und Wehrverbänden auf, um die Stärke des deutschen Volkes und den Anspruch auf die Revision europäischer Verhältnisse geltend zu machen.

 

Sünde am monarchistischen Erbe

Kaiser-Wilhelm Denkmal
in Halle mit den Assistenzfiguren Bismarck und Moltke, eingeweiht am 26. August 1901.
(Alte Postkarte)

Der 20-jährige Arbeiter Emil Werner, ehemaliges Mitglied der KPD, und vier Lehrlinge im Alter von 16 und 17 Jahren verübten in der Neujahrsnacht 1922/23 in Halle (Saale) einen Anschlag auf das Moltke-Denkmal. (Vorwärts 8.1.1923, Kügler 2004) "Kommunistische Bubenhände" beförderten, schreibt die Deutsche Allgemeine Zeitung (DAZ) am Tag nach der Revanche, die Statue des grossen Schlachtenlenkers mit einer Ladung Dynamit kopfüber in das vorgelagerte Wasserbassin. Die Absicht der Attentäter war, zitiert die Börsen-Zeitung vom 12. Mai 1924 Oberstleutnant a. D. Duesterberg aus der Rede am Moltke-Denkmal, "eine blutige Auseinandersetzung im Deutschen Reiche auszulösen".

Bereits am 10. Januar 1923 meldete die Presse die Verhaftung von fünf jugendlichen Arbeitern, die verdächtigt wurden, den Anschlag ausgeführt zu haben. Nach Mitteilung des Salzburger Volksblatts ist Emil Werner, der längere Zeit in Odessa lebte und unlängst wieder in Moskau weilte, der Haupttäter. "Nach seinem Geständnis hat er sich bei seinem letzten Moskauer Aufenthalt im Sprengen ausgebildet." Ziel der Attentäter war, die politische Erregung zu steigern. Man plante, heisst es weiter, auch Anschläge auf das Polizeipräsidium und die Kaserne. "Die Bande besass drei Sprengstofflager in Halle, eines mit anderthalb Zentner Sprengstoff war so gesichert, das beim Öffnen eine Explosion erfolgen musste."

Für die Völkischen und das deutschnationale Bürgertum war der Anschlag auf das Moltke-Denkmal ein unvorstellbarer Affront. Niemals vergibt sie der Linken diese Sünde am monarchistischen Erbe. "Der dumpfe Knall in jener Winternacht", bezeugt Duesterberg in der Rede zur Einweihung des Moltke-Denkmals, "löste in allen nationalen Kreisen unserer Stadt den Entschluss aus: Bis hierher und nicht weiter! Von jenem Tage ab begann der Kampf um die Gleichberechtigung auf der Strasse!"

Aus Protest über der Zerstörung des Moltke-Denkmals trafen sich am 7. Januar 1923 die Anhänger der bürgerlichen Parteien im Walhalla-Theater. Die Lüge über Deutschlands Kriegsschuld strapazierte eh schon ihr Gemüt, vor allem aber ihren Nationalstolz. Und jetzt inmitten einer waffenstarrenden Welt auch noch dieses pazifistische Gewinsel der Linken. Alle waren aufgebracht. Da schnappte das Überdruckventil auf und sie beschimpften die Beamten der Republik vom Regierungspräsidenten bis hinauf zum Minister Severing mit Verbrecher, Lump, Säufer und hängt die Schweine auf. Als die Versammlung zu Ende, berichtet am Tag danach der Vorwärts (SPD), wollte man, was die Polizei jedoch verhinderte, mit der Ehrhardt-Fahne unter Beteiligung der Demokraten zum Denkmal ziehen.

Zur Ergreifung der Sprengmeister setzten die Deutsche Demokratische Partei, Deutsche Volkspartei, Deutschnationale Volkspartei und Zentrumspartei eine Belohnung von 1 Millionen Reichsmark (= 60 US-Dollar) aus (Kügler 83). Den baulichen "Rest" wollten die SPD-, KPD- und USPD-Stadtratsfraktionen von Halle gerne demontieren, wozu es angeblich aus Kostengründen nicht kam. Das Denkmal wird wieder aufgebaut. Die Stadtverordneten der SPD sahen voraus, dass das Moltke-Denkmal dazu dient, den Hass der Jugend gegen den Staat zu richten und sie deutschvölkisch zu verhetzen. (Kügler 82) Und prompt zetert am 11. Mai Oberstleutnant a. D. Theodor Duesterberg in seiner Festrede:

"Verantwortlich für die Sprengung des Moltke-Denkmals sind nicht die jugendlichen Kommunisten, sondern verantwortlich ist die Sozialdemokratie, die seit Jahrzehnten die Achtung vor Monarchie, Kirche und Staat untergraben hat."

Einst war Halle eine Hochburg der Kommunisten, erinnert der Lübecker Volksbote einen Tag nach der Einweihung des Moltkedenkmals. "Heute aber ist sie eine Stadt der Reaktion. Die Arbeiterklasse ist durch die fürchterliche Hetze zwischen rechts und links gelähmt und zerrissen." Die Deutsche Allgemeine Zeitung (DAZ), hervorgegangen aus der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung, einst Bismarcks Hauspostille, jetzt in den Händen von Hugo Stinnes, kommentiert: "Halle war seit Beginn der Revolution heisser Boden, hier hat der Bürgerkrieg seine schlimmsten Formen gezeigt, die Wahl hat erst wieder bewiesen, dass hier der kommunistische Agitationsstoff die offensten Ohren findet." Jeder Zweite warf am 6. Juni 1920 zur Reichstagswahl bei der SPD, USPD oder KPD seinen Stimmzettel ein (in Summe 51,6 Prozent). Zur Landtagswahl am 20. Februar 1921 waren es knapp 4 Prozent weniger. Die Linke war also in Halle eine das Wahlverhalten und öffentliche Leben prägende politische Kraft. (Siehe auch Carl Cremer und Walther Schreiber [2])

 

Massen strömen herbei

Zum Auftakt der, wie es offiziell hiess, Enthüllungsfeier, legten viele Abordnungen, Gäste und Einheimische bereits am Sonnabend zig-Kränze am Denkmal nieder. Darunter Ludendorff, Graf Luckner und Generaloberst a. D. Magnus von Eberhardt, der am Sonntag nicht mehr zugegen war.

In 18 Sälen der Stadt fanden ab 1/2 7 Uhr Begrüssungsabende statt. Die Leitung übernahmen die jeweiligen Verbände oder Vereine. "Es wurden Ansprachen gehalten, gemeinsame Lieder gesungen und musikalische Vorträge zur Darbietung gebracht ..." Alles verlief, umreisst die Hallische Zeitung das Geschehen, am Vorabend harmonisch und zur Zufriedenheit. Die Regionalzeitung veröffentlicht weitere Details über die Feier der Kameraden von der Marine und Artillerie, den ehemaligen Ulanen und 10. Husaren und so weiter.

Grosses Interesse fand der Auftritt von Ludendorff vor dem

Hochschulering Deutscher Art.

Die hallischen Studenten und alle, die sich als Leute von Rechtsaussen verstanden, warteten in der Degenloge auf ihn. Ohne die Träger der völkischen Sehnsucht und nationaler Haltung, die einst im Grenzlande kämpften, so Reichskanzler Franz Papen am 11. Juni 1933 in Naumburg zur Reichsführertagung des Stahlhelm-Studentenrings, ohne diese studentische Kriegsgeneration wäre "das deutsche Volk schon 1919 im Bolschewismus versunken". Hier fühlte sich Stahlhelmführer Oberstleutnant a. D. Theodor Duesterberg aus Halle zu Hause. Zusammen gedachten sie Leo Schlageter. Ihm und seinem Geist des Widerstandes gegen die fremdländische Willkür, gelobte der Studentensprecher die Treue zu halten. Schätzungsweise um 11 Uhr, "begrüsst von einem unendlichen Jubel", trifft der Mann, der stets alles auf die Spitze des Schwertes stellt, ein. Von Stud. phil. Martin Rebe begrüsst, nimmt er unumwunden das Wort, lobt den preußischen Geist, dessen Selbstlosigkeit und Arbeitsfleiss. Er mahnt die Studenten, "ein Vaterland zu schaffen, dass durch seine Macht den Stürmen der Zeit gewachsen."

Bereits am Sonnabend reisten viele Teilnehmer zum Deutschn Tag mit dem Zug nach Halle. Die Vossische zählte 30 000 Völkische. Und Leipziger Volkszeitung (LVZ) sah zweihundert von diesen Zeremonien-Störern, womit die Kommunisten gemeint, in der Nacht zum Sonntag am Bahnhof der Stadt anlanden. Ansonsten waren, um die Arbeiter abzuhalten, längst alle stadteinwärtsführenden Strassen durch die Polizei abgeriegelt. Als sich die Betroffenen Anwohner von den Schikanen Luft machten, kam es bereits in der Nacht vor der Denkmalsweihe zwischen Sicherungskräften und Bürgern zu mehreren kleinen Karambolagen.

Am Sonntag früh wimmelt es im Leipziger Hauptbahnhof von Windjacken und Eichenknüppeln. "Zahlreiche Jüngelchen unter 16 Jahren, die reinen Hosenmätze, stolzierten im vollen Dress umher und forderten ihr Jahrhundert in die Schranken. Auf dem Bahnsteige konnte man überall das widerliche äussere Getue der Führer dieser Horden mit ihrer bürgerlichen Firnisbildung beobachten; fällt der Firniss, so kommt der viehisch rohe Gewaltmensch zum Vorschein ...." (LVZ 12.5.1924).

Sorgenvoll registrierte die deutschnationale Presse die Anreise der roten Truppen aus Berlin, Sachsen, Thüringen, Preussen und der Umgebung von Halle, wie Ammendorf, Leuna, Merseburg, Querfurt, Weissenfels, Zeitz und Naumburg. Oft nutzten sie den Zug oder organisierten sich einen Lastkraftwagen. Aus der näheren Umgebung, was wenigstens alle Orte im Radius von vierzig Wanderkilometer umschloss, nahmen nicht wenige einen längeren Fussmarsch bis in Stadt auf sich. "Vorgesehen war," erfuhr die Leipziger Volkszeitung, "dass grosse Trupps der Kommunisten die Stadt von allen Seiten erreichen sollten. Aber dazu kam es nicht. In den Dörfern von Halle mussten sie liegen bleiben, denn Halle selbst war durch die Polizei im ganzen Umkreis abgeriegelt." Die Polizei erlässt Verbote, fängt die linken Gruppen, oft als die "jünger Moskaus" stigmatisiert, bereits am Stadtrand ab, hindert sie mit Waffengewalt und Schützengräben am Weitergehen. Die Saale-Zeitung vom 14. Mai sah, dass "an einigen Stellen Gräben für Kanalisationsarbeiten gezogen worden."

Während die Völkischen mit Sonderzügen anreisen konnten, koppelte man, wo nur möglich, die Waggons der linken Demonstranten ab. So wollte man die Konfrontation mit dem Stahlhelm, Wehrwolf und den Nazis verhindern. Wieder einmal misst die Innenpolitik mit zweierlei Maß. Darunter litten die Kommunisten. Aber das "Gefühl mit ungleichen Mass gemessen zu werden", führte "nicht nur in der radikalen, sondern auch in der gemässigten Arbeiter- und Bürgerschaft zu einer Erbitterung", was die Abendausgabe der Berliner Volkszeitung vom Tag nach dem Aufmarsch bei der Urteilsfindung einzukalkulieren rät.

Eigentlich waren den Hakenkreuzlern alle geschlossenen Umzüge verboten, doch die scherten sich einen Teufel drum. Und die Polizei ".... gestattete den Völkischen alles und erlaubte den Kommunisten nichts", urteilt am 13. Mai das Sozialdemokratische Organ für den Regierungsbezirk Magdeburg. Dessen Worte sind von Gewicht, steht doch die Redaktion der KPD-Putschtaktik ablehnend und der Partei generell streng prüfend gegenüber.

 

 

Wer genehmigte die Faschistenparade?

"Die antirepublikanische Kundgebung in Halle",

warnt zwei Tage
vor dem Deutschen Tag der Vorwärts (Berlin),

"bedeutet eine schwere Gefahr. Nicht nur die kommunistische Arbeiterschaft fühlt sich durch den Aufmarsch der Stahlhelm-Vaterländischen provoziert. Auch die nicht auf Gewalt eingeschworenen, ruhig denkenden sozialistischen Arbeiter Mitteldeutschlands sehen mit Empörung, wie den "Vaterländischen" gestattet wird, was ihnen am 1. Mai verboten wurde. Und da die Erregung infolge der Wirtschaftskrise ohnehin in Mitteldeutschland gross genug ist - man erinnere sich, dass der ganze Betrieb der Mansfelder Bergwerksgesellschaft stillgelegt werden soll - , so bedeutet der Denkmalstag von Halle mehr als eine Sonntagsbelustigung. Wir hoffen, dass die Polizei Strassenschlachten verhindern wird, ohne dass wieder geschossen wird."

Die Gegner des Deutschen Tages 1924 empörten sich über die Genehmigung für dessen Durchführung. Denn andererseits waren die Ersten-Mai-Demonstrationen soeben nahezu an allen Orten im Land Preussen untersagt worden, weil noch immer der zivile Ausnahmezustand unter Befehl des Herrn Jarres besteht, der Kundgebungen unter freien Himmel verbietet. Deshalb kann die Genehmigung der KPD-Gegendemonstration zum Deutschen Tag nicht darüber hinwegtäushen, betont der Vorwärts (Berlin) weiter, dass die "antirepublikanische Kundgebung in Halle" eine ernste Gefahr bedeutet und eine "Herausforderung aller (!) sozialistischer Arbeiter darstellt". (Vgl. Unfug 1924)

Wer hat das zu verantworten?

Im Flugblatt

"An die Arbeiter!
An die SPD.-Arbeiter.
An die Schupo!"

wirft die KPD dem sozialdemokratischen Innenminister des Freistaates Preussen Carl Severing, den sozialdemokratischen Polizeipräsidenten von Halle Paul Runge und sozialdemokratischen Oberpräsidenten der Verwaltung der preussischen Provinz Sachsen Otto Hörsing vor, die "Faschistenparade" genehmigt zu haben. Vielleicht ist dies sogar berechtigt. Natürlich müssen aber die Details bei der Beurteilung dieses Vorgangs Beachtung finden. Im Vorfeld der Veranstaltung warnten Carl Severing und Otto Hörsing davor, eine Demonstrationserlaubnis zu erteilen. Doch die Reichsregierung hörte nicht darauf. So die eine Darstellung. Die andere gibt am 13. Mai der Reichsminister des Inneren Karl Jarres (DVP) in der Erklärung, wie sie die Vossische Zeitung veröffentlichtete, wonach die preussischen Behörden die Verantwortung tragen. Sie ganz allein, legt der Reichsminister dar, sind für die Zulassung der Veranstaltung zuständig. Dazu beruft er sich auf Paragraf 3 der Verordnung des Reichspräsidenten über die Aufhebung des Ausnahmezustandes und die Abwehr staatsfeindlicher Bestrebungen vom 28. Februar 1924. Obwohl öffentliche Versammlungen unter freiem Himmel verboten sind, können die Landeszentralbehörden Ausnahmen zulassen. Folglich trägt der Minister des Inneren von Preußen Carl Severing die Verantwortung. Allein die Drohungen der Kommunisten mit Gegendemonstrationen konnte, nach Meinung der Vossischen (13.5.), kein Grund für eine Absage der Veranstaltung sein. Andererseits lag es aber auf der Hand, argumentiert sie weiter, dass die Einweihung des Moltke-Denkmals nur ein Vorwand war, um das völkische Heerbanner marschieren zu lassen.

 

 

"Aufmarsch gegen Aufmarsch!"  KPD

"Aber wer wagte es", fragt der Vorwärts (SPD) am 12. Mai, "Ludendorff und die Völkischen in ihrem Vergnügen zu stören?!" Es waren die Linken und Kommunisten. Sie umzingelten die Stadt, beschreibt Tage später etwas ungehalten die deutschnationale Presse ihr Vorgehen. In Vorahnung der Ereignisse schleudert die KPD (Kommunistische Partei Deutschland) den Völkischen, Nationalsozialisten, Deutschnationalen und Vaterländischen Verbände ihre Kampfansage entgegen:

"Nicht Hakenkreuz,
nicht Ludendorff,
                         der Ausreisser nach Schweden,
nicht die Hurenhengste von Hohenzollernprinzen,
nicht die verkrachten Generäle und
nicht die Jüngelchen mit den nassen Hosen
                         aus dem Bierkeller
werden Halle beherrschen,
sondern die Arbeiter
im roten Herzen Mitteldeutschlands."

Parole:

"Aufmarsch gegen Aufmarsch!"

Das Naumburger Tageblatt rätselte über die "kommunistischen Angriffspläne", lag damit aber nicht völlig falsch. Tatsächlich erhielten die Kommunisten vom Klassenkampf, dem Organ der KPD für den Bezirk Halle-Merseburg, einen Plan, den sie, so fand die Leipziger Volkszeitung heraus, dummerweise den Hakenkreuzlern offenherzig auf den Tisch ausbreiteten. Hierüber weiss die Berliner Börsen-Zeitung mehr und kommuniziert am übernächsten Tag: "Aus Papieren, die bei verhafteten Kommunisten vorgefunden wurden, geht klar hervor, dass die Kommunistische Partei in großzügiger Weise einen Aufmarschplan militärischer Art gegen Halle vorbereitet und teilweise auch durchgeführt hat. An der Peripherie von Halle waren die Sammelpunkte der Kommunisten angegeben, die zu Zehntausenden aus der Umgebung, sogar aus Berlin, herbeigeströmt waren. Es waren die Richtungen eingezeichnet, in denen die kommunistischen Hundertschaften vorgehen sollten und es waren die Gebäude in Halle angegeben, die besetzt werden sollten."

 

Ein Heerlager

Halle Hauptbahnhof, Postkarte etwa 1930

"Ein Sonderzug nach dem anderen rollte in den Hauptbahnhof von Halle ein. Schon beim Verlassen des Bahnhofs", wähnte sich der Korrespondent der Leipziger Volkszeitung nicht mehr in der Republik Deutschland, sondern in einem Etappenort. Zum Zweck der zügigen Erledigung organisatorischer Formalitäten war eine kleine Baracke errichtet worden. Alles war mit Blumen und Tannengrün geschmückt. Adjutanten in Uniform begrüssen mit feierlichen Pomp ihren General und eine kleine Stahlhelmkapelle spielt Begrüssungsmärsche. Von auswärts kommende Gruppen, darunter viele deutschvölkische Studenten, sammeln sich mit ihren Fahnenträgern am Schützenhaus. So verwandelt sich die Stadt allmählich in ein Heerlager. Menschentrauben bilden sich. Auf den Straßen beginnt ein unglaubliches Treiben. Kranke, Gebrechliche und Personen mit Kinderwagen bat die Polizei, besser zu Hause zu bleiben. Völkische Trupps und Arbeitergruppen durchziehen die umliegenden Strassen, registrierte der Sonderkorrespondent des Berliner-Tageblatts und bemerkt: "Die `Stahlhelm`-Leute, besonders aber die jugendlichen Anhänger der völkischen Organisation `Wehrwolf´ legten ein provozierendes Verhalten an den Tag, ebenso die bayerischen Verbände."

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Meldung, dass es in den ersten Morgenstunden "vor dem Gewerkschaftshaus zu ernsten Zusammenstößen zwischen jugendlichen Kommunisten und Jungdo" kam. "Unter anderem standen sich ein Jungdo- und K.P.-D.-Mann mit gezogenem Revolver gegenüber. Der K.-P.-D.-Mann brach, durch zwei Schüsse schwer verletzt zusammen." (Völkische)

Um die Mittagszeit entstand in der Reilstrasse ein Handgemenge. Eine kommunistische Abteilung stiess mit der Polizei zusammen. Hierbei machte die Polizei von ihren Schlagwaffen gebrauch. Drei Demonstranten wurden verletzt. Einer von ihnen weigerte sich hartnäckig einen Verband anzulegen. "Die Demonstranten", berichtete die Volksstimme (Magdeburg) unter der Überschrift Strassenkämpfe in Halle, "waren mit Schlagringen, Dolchmessern und Totschlägern ausgerüstet."

Die Korrespondenten der verschiedenen Zeitungen spiegeln die Stimmung unterschiedlich. Während etwa die Saale-Zeitung am 14. Mai von Stürmen der Begeisterung spricht, Menschen im Meer von Blumen sah und tausendfache Heilrufe aus der Menge hörte, betonten die Arbeiter-Zeitungen aus Magdeburg, Leipzig oder Lübeck, dass provokative Auftreten von Wehrwolf- und Stahlhelm-Leuten. Im Militär sahen sie ein bedrohliches Zeichen dafür, was noch kommen kann. Sie kritisierten die revisionistisch-aggressive Duesterberg Rede über die Rolle des Deutschtums in Europa. Überhaupt, es missfiel ihnen die Aufhübschung zu Polizei-Festspielen.

"Die Faschisten bewegten sich", beobachtete die Volksstimme aus Magdeburg, "ziemlich zwanglos in den Strassen. Zugweise marschieren war verboten, aber die Polizei war bei dem Massenaufgebot der Hakenkreuzler stellenweise machtlos. An anderer Stelle gelang die Auflösung einzelner Züge."

Dem Korrespondenten von der Deutschen Allgemeinen Zeitung fiel auf: "Die den Vaterländischen Verbänden zugehörigen Bünde waren mit einem so starken Waffenaufgebot vertreten, dass sie vollkommen bis in die Vorstadt hinaus das Straßenbild beherrschten und das Aufkommen einer Gegenbewegung von vornherein keinen Gestaltungsraum hatte finden können."

Am Volkspark versammeln sich reichlich Kommunisten. Als eine Abteilung von etwa 100 Mann vom Bund der Frontsoldaten vorbeiziehen, kommt es zur Kollision. Einige Kommunisten durchbrechen die Absperrkette und entreissen den Stahlhelmern die Hakenkreuzfahne. Augenblicklich entsteht eine allgemeine Prügelei.

 

 

 
Saale-Zeitung. Halle, den 14. Mai 1924

 

 

Mit Moltke
zur heissersehnten Befreiung Deutschlands

"Am Sonntag wurde die Revanche von allen Kanzeln der Hallischen Kirchen gepredigt," beobachtete die Volksstimme (Magdeburg), "die den Nationalsozialisten zur Verfügung gestellt wurden."

Vor dem Aufmarsch der Vaterländischen Verbände und den mit ihnen sympathisierenden Organisationen auf der Rennbahn, erfolgt im Kaiser-Wilhelm Ensemble die Einweihung des Moltke-Denkmals. Seit 10 Uhr morgens sperrt berittene Schutz-Polizei das Areal im Umkreis von 800 Metern ab. Ausser den Verbänden mit besonderem Passierschein, durfte dieses niemand mehr betreten.

Soweit man die Poststrasse hinauf und in die Nebenstrassen blicken konnte, alles war mit Fahnen, Girlanden und Blumen geschmückt. An den Fenstern, sogar auf den Dächern einiger Häuser, überall Zuschauer. Und dann kamen die Ehrengäste. Da war General Maerker, Kommandeur des gleichnamigen Freikorps, später Reichswehrbrigade XVI, dessen Anwesenheit vollkommen ausreichte, um Zorn und Hass beim lesenden Arbeiter zu entfachen. Aber es kommen noch andere, die sie geschunden, im Kapp-Putsch 1920 oder in Leuna 1921, die, wie Max Jüttner, gegen sie das militärische Kommando führten. Allmählich treffen weitere Ehrengäste ein, darunter:

Generaloberst Josias von Heeringen, preußischer Kriegsminister von 1909 bis 1913 und Präsident des Kyffhäuser-Bundes der Deutschen Landes-Krieger-Verbände,

Hermann von Stein, preußischer General der Artillerie und ehemaliger Kriegsminister,

General der Artillerie Friedrich von Scholtz,

von Below, im Weltkrieg Führer der 3. Heeresgruppe,

General Friedrich Christiansen,

Oberst Hermann von Czettritz,

Hermann von François, General der preußischen Infanterie,

Vizeadmiral Alfred Meyer-Waldeck, berühmt für den Satz: "Einstehe für Pflichterfüllung bis zum äussersten!",

Paul von Lettow-Vorbeck,

Admiral August Schröder mit Verdiensten um den Aufbau der deutschen Flotte,

Skaggerak-Sieger Admiral Reinhard Scheer und

Felix Graf von Luckner, kosmopolitischer Propagandist des Deutschtums.

Generaloberst Josias von Heeringen wurde ohnmächtig und brauchte Hilfe. Vom Haus Doorn gesandt, erscheint 3/4 12 Uhr der jüngste lebende Sohn des ehemaligen Kaisers Prinz Oskar von Preussen in Uniform des 7. Grenadierregiments, das er bei Kriegsausbruch kommandierte. Wohl lebhaft gefeiert, aber, stellte die Vossische fest, nicht so stark wie Erich Ludendorff, General der Infanterie und ehemaliger Erster Generalquartiermeister, der den Siegfrieden plante, die Engländer niederringen wollte, an den Triumpf der deutschen U-Boote glaubte und, woran heute hier niemand denken will, mit seiner Kriegszielpolitik das deutsche Wirtschaftsleben gründlich ruinierte. Tags zuvor gastierte er als Reichstagsabgeordneter der Freiheitspartei beim Hochschulring deutscher Art. Seine Ausführungen gipfelten in der Aussage:

"Reden nützt nichts, wir wollen handeln.
Seine Majestät, der deutsche Kaiser, er lebe hoch!"

Am Denkmal präsentieren sich die Vertreter der Parteien und städtischen Behörden. Darunter Doktor Carlson von der Deutschen Volkpartei, Bankdirektor Marx, Oberpostrat Krämer und Generalsekretär Doktor Herrmann. Von der Stadt gaben sich die Oberbürgermeister Doktor Rive, Bürgermeister Sydel und verschiedene Stadträte die Ehre. Erwartet, aber wegen Schlüsselbeinbruch verhindert, Generalfeldmarschall August von Mackensen. Im feinsten Zwirn, lakaienhaften Kellneranzug und Zylinder waren die Pressevertreter erschienen.

Sorgfältig und mit Gefühl zeichnen am nächsten Tag die Hallischen Nachrichten diesen Moment der Einweihungsfeier nach: Aus der Ferne erklingt Musik. Erst kommen die Fahnen, mit lebhaften Heilrufen begrüsst. Es folgen die Halloren in ihrer Tracht. Unzählige Blumen regnen auf sie hernieder. Heilrufe erklingen aus dem Spalier. "Heil Dir im Siegerkranz" schmettert eine Kompanie Spielleute in Reichswehruniform der guten Laune die Bahn. Nach der Kapelle, als Führer der Fahnensektion auf einem Schimmel reitend Hauptmann a. D. Max Jüttner (1, 23, 4). Hinter ihm, immer in Reihen zu acht Mann, Fahne an Fahne mit je einem Begleitmann ausser dem Träger. Angeführt von den Angehörigen des 38-königlichen preussischen Infanterieregiments Feldmarschall Graf Moltke, marschieren jetzt mit klingendem Spiel Stahlhelm, Jungdo, Wehrwolf, Krieger- und Sportvereine, die Studentenschaften aus Leipzig, Jena und Halle auf. Zuletzt nach all den vielen Sängern, Schützen, Verbänden, Krieger- und Militärvereinen, die aus allen Orten Mitteldeutschlands herbeigeströmt, die Chargierten der hallischen Studentenverbindungen.

Kaiser-Wilhelm Denkmal mit Moltke-Statue
in Halle am 11. Mai 1924. Von links nach rechts sind die Schemen der Statuen von Bismarck, Kaiser Wilhelm und Moltke zu erkennen. (Bildquelle siehe unten.)

Alle gruppieren sich um das Denkmal. Mehr als 3 000, überwiegend schwarzweissrote Fahnen und "ungefähr 50 Hakenkreuz- und Totenkopffahnen", zählte die Volksstimme (Magdeburg). Auffällig, die düsteren Banner des Wehrwolfs, die Jungdeutschen mit den Kreuzbannern, die Reichsflaggen der bayerischen Abordnungen.

Um 12 Uhr beginnt die feierliche Zeremonie mit dem Gesang des Niederländischen Dankgebets. DNVP-Funktionär Theodor Duesterberg, ehemaliger Generalstabsoffizier, Oberstleutnant a. D., ab Herbst 1924 Führer vom Stahlhelm Landesverband Mitteldeutschland, hält die Einweihungsrede. Erst am 1. Mai, zur Mitgliederversammlung der Ortsgruppe der Deutschnationalen Volkspartei in Naumburg, äussert er sein Unbehagen über die Parteienzersplitterung, "in einem Augenblick, in dem mehr denn jemals eine stramme Zusammenführung aller Kreise gegen den äusseren Feind nötig wäre. Es ist der beste Beweis, dass das parlamentarische System für ein Volk wie das unsrige nicht passt mit seiner geographischen Lage." Nicht der Krieg war für den Festredner die Katastrophe, sondern die innere Zerrissenheit des deutschen Volkes. Diese zu überwinden helfen, ist seine Mission. Ein Schritt auf diesem Weg war die Wiedererrichtung des Moltke-Denkmals in Halle. Das Leben dieser drei Männer - Kaiser Wilhelm, Bismarck und Moltke - soll allen in diesen trüben Zeiten Ansporn sein. Folgende Stelle aus der Rede erregte besondere Aufmerksamkeit: "Wir, die wir nichts sehnlicher wünschen, als die Befreiung unseres Vaterlandes, bewusste Rückkehr zu Gott, zu den sittlichen Grundsätzen, die Preussen-Deutschland einst gross gemacht haben, selbstlose Hingabe, Mut und freiwillige Manneszucht, wir wollen alle Deutschen Mitteleuropas wieder in einem Kaisserreich vereinigen. (Beifall)" (LVZ 12.5.1924) "Alle Gefühle, die uns in diesem Augenblick bewegen, wollen wir ausklingen lassen mit dem Rufe:

Unser geliebtes Vaterland Deutschland,
es lebe hoch!"

Interessant die Kommentare der Presse.

  • Uns hindert, hebt die Berliner Volks-Zeitung am nächsten Tag aus der Rede hervor, die politische Zerrissenheit im Inneren und die Ohnmacht nach aussen. ".... bedroht von einem Ring mächtiger Feinde, liegt unser Volk und verkleinertes Vaterland ohnmächtig am Boden!" Deutschland ist entrechtet und versklavt."
  • Hingegen zitiert die Deutsche Allgemeine Zeitung, dass wir dies "niemals durch gegenseitige Selbstzerfleischung erreichen, sondern nur durch bewusste Rückkehr zu Gott, zu den sittlichen Grundsätzen, die Preussen-Deutschland einst gross gemacht" haben, erreicht werden. Gedanken, die das deutschnationale Denken seit der Kriegsniederlage und Versailles beherrschen.

  • Die sozialdemokratische Volksstimme aus Magdeburg pointiert das Bedrohliche an der Duesterberg-Rede: "Von dieser Stelle soll es die ganze Welt hören: Wir verlangen, dass alle in Mitteleuropa wohnenden Deutschen zu einem grossen deutschen Kaiserreich vereinigt werden. Sollte uns das nicht gelingen, so mögen unsre Kinder erfolgreicher sein."

  • Vor der Moltke-Statue hörte das Jenaer Volksblatt: "Wir brauchen keine Revanche! Wir Deutschen haben auf allen Schlachtfeldern einer Welt von Feinden gegenüber siegreich standgehalten; wir verlangen aber - und das soll nicht nur Deutschland, nicht nur Europa, sondern die ganze Welt hören, auf Grund des ersten aller Völkerrechte, auf Grund des Selbstbestimmungsrechts die Wiedervereinigung aller in Mitteleuropa geschlossen lebenden Deutschen zu einem neuen grossen Deutschen Reiche."

  • Viele Kommentatoren erwärmten sich am Gedanken vom Preussen-Deutschland. Denn ist erst Zucht und Ordnung im inneren hergestellt, könnten die äusseren Angelegenheiten schnell in den "bescheidenen" Wunsch nach der Neuordnung Europas gewendet werden. Das war dann die ersehnte Befreiung Deutschlands. Erstaunlich wie freundlich das Jenaer Volksblatt, die Zeitung der Deutschen Demokratischen Partei, diese Passagen der Rede aufnahm.

  • Allerdings versäumte der Hallenser Stahlhelmführer den Kommunisten im Namen der Vaterländischen Verbände für die Sprengung des Monuments in der Silvesternacht 1922/23 zu danken, bot sie ihnen doch erst die Chance auf einer Grossveranstaltung, das falsche Pathos vom Vaterland aufzupolieren und die Angst vor den umgebenden Feinden beim Bürger zu schüren. Getarnt als Wehrhaftmachung, versteht sich, auferstand der militaristische Geist samt Symbolen und Ritualen, der schon einmal Deutschland zugrunde richtete. Wieder ertönte der Ruf des aggressiven Nationalismus zur Neuordnung Europas. Es verhiess Krieg, aber die nationalsozialistische, deutschnationale und monarchistische Presse jubelte. Was für ein beachtlicher Schritt tönte sie, zur nationalen Selbstbestimmung, Selbstbefreiung und Wiederaufrichtung des Vaterlandes.

Alsdann fiel die Hülle des Moltke-Denkmals. Am Himmel kreiste ein Flieger der Dessauer Junkerswerke, der Blumen über die Stadt ausstreute und zur Freude der entzückten Menge einen Kranz abwarf.

 

 

Ach, dieses friedfertige deutsche Volk!
Aufmarsch der Republikfeinde  
Leipziger Volkszeitung

"Beim Abmarsch der Fahnendelegationen [in Richtung Pferderennbahn] benahm sich die bürgerliche Bevölkerung Stellenweise geradezu wahnsinnig. Heilrufe durchgellten die Strassen. Besonders dem schwarz-weiss-roten und völkischen Bürgertum imponierte das martialische Gebaren der rechten Wehrverbände, die sich anschickten, innenpolitisch eine eigene Rolle zu übernehmen. Man streute Berge von Blumen." (VSM 13.5.1924) Vornan läuft die Generalität. Erich Ludendorff schaute "wie ein pompös aufgezäumtes Zirkuspferd" aus. "Mit der Pose eines spanischen Granden empfing er die Heilrufe der wahnsinnig gewordenen Jungmannen und Jungfrauen von Halle." (Lübecker Volksbote) Dann folgten die Kameraden von den vaterländischen Verbänden und die Nationalsozialisten, zum Teil mit Hakenkreuzfahnen (Kügler 84). Die Volksstimme (Magdeburg) schätzte die Zahl der Stahlhelmer und Hakenkreuzler auf 50 000.

Vorbeimarsch der Vaterländischen Verbände, Kriegervereine und anderer Organisationen an der Tribüne auf der Rennbahn zum Deutsche Tag in Halle am 11. Mai 1924. (Quellenangabe unten)

Gegen 2 Uhr wurde General von Ludendorff auf der Rennbahn mit freundlichen Zurufen vom Publikum empfangen. Danach trafen Prinz Oskar von Preussen und die übrigen Ehrengäste ein. Zuvor hatte sich bereits die grosse überdachte Tribüne bis auf den letzten Platz gefüllt. Links und rechts davon standen die Menschen zu je vier Glieder tief. Gegenüber der Ehrentribüne nahmen Offiziere und weitere Ehrengäste Aufstellung. Hier "spürte man nichts", schrieb am nächsten Tag die DAZ, "von dem traurigen Vorfall den die Hetze der kommunistischen Zentrale in Böllberg, einem Vorort von Halle, auf dem Gewissen hat".

Es folgte das Abschreiten der weiter hinten aufgestellten Verbände. Viertel nach drei Uhr konnte die Parade beginnen. "Um vor Beginn der Dunkelheit mit dem Vorbeimarsch fertig zu werden", registrierte die Vossische Zeitung, "formierten sich die Reihen zu 12 Mann." Voran liefen die Fahnensektionen. Dann die Traditionskompanien, dass Füsilier-Regiment General-Feldmarschall von Helmuth Karl Bernhard Graf von Moltke Nr. 38, gefolgt von den Reichswehrregimentern 10 und 121. Ihnen folgen aus allen Teilen Deutschlands kleine Vertretungen von Bataillonen, Regimentern und Divisionen. Vollzählig zeigen sich lediglich, berichtet der Vorwärts (Berlin), Einheiten aus Mitteldeutschland. Ungefähr 200 000 Mann sahen Generaloberst von Heeringen und die anderen Gäste auf der Ehrentribüne, die wie an einer Schnur aufgereiht vorüberziehen: Kriegervereine, Halloren, Hauptmann Jüttner, Bund Oberland, Blücherbund, Bund Wiking, Deutscher Offiziersbund, Stahlhelm, Wehrwolf, Jungdeutscher Orden, Bund Reichsflagge, Bund der Aufrechten. Entzücken erfasste die Massen beim Anblick der Tropenuniformen von Lettow-Vorbeck`s Schutztruppler.

"Länger als 10 Kilometer dehnte sich der Aufmarsch der Verbände" (Graff 53). "Die grösste Parade Deutschlands", triumphiert die Saale-Zeitung. Noch nicht erwähnt wurden die Turner-, Ruder- und Schwimmvereine, Marineangehörige, Studentenschaften und Knappschaftsverbände. Zum Schluss, als die Sonne schon tief in den Saale Wiesen steht, der Hallenser Stahlhelm, militärisch exakt und zackig. Männer und Jünglinge vom Bismarck- und Scharnhorstbund waren teilweise seit Mitternacht auf den Beinen. Einige mussten von 10 Uhr vormittags bis 6 oder 7 Uhr abends auf den Pfaffendorfer Wiesen stehen, bis ihnen endlich die Ehre zum Defilee zuteil wurde. Als alles vorbei, verspürten viele Teilnehmer nach diesen Strapazen keine Lust mehr, sich in den geöffneten Sälen der Stadt zu vergnügen.

Gegen viertel nach sieben Uhr abends war die Parade beendet. Unter Umgehung des Stadtzentrums liefen die meisten Auswärtigen direkt zum Bahnhof. "In den Vororten vereinzelt heimkehrende Festteilnehmer", berichten am nächsten Tag die Hallischen Narichten, "wurden verschiedentlich überfallen und verprügelt." Hingegen fanden sich die Ehrengäste zu einem festlichen Essen in der Loge zu den drei Degen ein. So endet die Wahnsinns-Präsentation des gutmütigen deutschen Volkes auf dem Laufsteg der Geschichte.

Von kleinen Zwischenfällen abgesehen, so besagen es die Nachrichten der Vossischen Zeitung, verlief die Nacht bis 2 Uhr ruhig. Dann schmeissen Unbekannte im Gewerkschaftshaus die Schaufensterscheiben der sozialistischen Buchhandlung ein. Etwa um die gleiche Zeit erscheinen vor dem Verlagsgebäude des "Klassenkampfes" an die einhundert junge Leute und werfen Steine in die Wirtschaftsräume. Aus einem der oberen Geschoße des Gebäudes werden zwei Schüsse aus einem Maschinengewehr abgegeben. Von der abends eiligst von der Kommunistischen Partei in den Volkspark einberufenen Versammlung, ergeht die Forderung nach einem Generalstreik. Ihre Erregung steigerte sich noch, als das Gerücht umlief, dass Mitglieder der Vaterländischen Verbände das Verlagsgebäude des "Klassenkampfes" in der Lerchenstrasse stürmen wollten. Dort ereignete sich bereits am Nachmittag ein Zwischenfall als ein Polizist Flugblätter beschlagnahmen wollte. Prompt wurde der Beamte von den Arbeitern bedroht und die Pistole und Tasche vom Koppel gerissen. Daraufhin nahm die Polizei mehrere beteiligte Personen fest und zerstreute die Menschenmenge.

 

Der Kampf in Böllberg

Ein besonders trauriges Kapitel war der Kampf zwischen der Schutzpolizei und den Kommunisten vor den Toren der Stadt Halle. Die Volksstimme aus Magdeburg nennt es

das Hauptunglück des Tages.

Die Erlaubnis zu einer kommunistsichen Gegendemonstration am anderen Ende der Stadt war durch die Polizeibehörde erteilt worden.

Einig Scharen von Kommunisten reisten bereits in der Nacht mit dem Zug an. Andere bewegten sich in den frühen Morgenstunden zu Fuss auf die Stadt zu. Geplant war, dass sie von allen Seiten zuströmten. Doch meistens wurden sie in den Dörfern am Rande von Halle von der Polizei aufgehalten. Kurz vor der Enthüllung des Denkmals drang die Nachricht vom Kampf der Kommunisten mit der Schupo zu den Massen. Das war gegen 1/2 1 Uhr. Im südwestlich gelegenen Stadtteil Böllberg / Wörmlitz umzingelte die Schupo eine Gruppe von 2 000 Arbeitern aus Eisleben, Leipzig und Mannsfeld, die sich nach Informationen der DAZ, bereits am Vormittag gebildet hatte. Zunächst zogen sie von Ammendorf nach Halle. Unterwegs hielt sie irgendwo die Schutzpolizei an und zwang sie zum Zurückgehen. Dann schlug die Kolonne den Weg nach Beesen ein und gelangte so zum Böllberg. Von hier war ein direkter Durchbruch zur Rennbahn praktisch unmöglich. Um den Irrsinn zu erkennen, rapportiert "Einst und jetzt" (LVZ), muss man sich nur die Lage des Kampfgebietes vergegenwärtigen. Die Parade der Republikfeinde findet links der Saale statt, wo hingegen Böllberg auf der rechten Seite liegt. Von hier ist die Rennbahn nur über eine weiter weg liegende Brücke erreichbar. "Dazu kommt, dass das Aufmarschgelände der 2 000 Kommunisten unmittelbar im Gefechtsfeld der Kasernen liegt …" Ihnen wäre es kaum möglich anrückenden Soldaten auszuweichen. So kam der Reporter nicht umhin, im Kampf am Böllberg eine strategische Hilflosigkeit zu sehen. woraus er schlussfolgerte: Sich in die Hände der Kommunisten zu begeben, ist Wahnsinn. Der "strategische Schwabenstreich vom Böllberg" sollte den Arbeitern die Augen öffnen.

Doch es ist nicht sicher, ob die Arbeiterformation am Böllberg sich wirklich zum Zweck des Sturms die Rennbahn bildete. Möglicherweise entstand die Marschroute als Reaktion auf die aktiven Absperrungen der Schupo. Eine Einheit der Schutzpolizei aus Magdeburg stoppte den anrückenden Zug, erläutert die Vossische Zeitung das Vorgehen. Sie gruben sich rechts und links der Hauptstrasse ein und entsandten in die Nähe des Ortes Wörmlitz einen Vorposten. Dieser hatte Befehl, die in den Nachbarorten untergebrachten Teilnehmer passieren zu lassen, dagegen den Zug der Kommunisten zu verhindern. Nach Durchführung anderer Sicherungsmassnahmen, wandte sie sich ihm dann wieder zu. Beim Versuch sie zu zerstreuen, fielen seitens der Demonstranten Schüsse. Daraufhin machten die Sicherheitskräfte von der Waffe gebrauch. Etwas anders beschreibt es die DAZ: "Die Polizisten wurden sofort mit Stöcken angegriffen; als sie zur Waffe griffen erhielten sie eine Salve von Schüssen, die fünf Beamte verletzten, darunter einen schwer, einen tödlich." Übereinstimmend wird berichtet, dass aus dem Demonstrationszug von wenigstens 400 Personen ein regelrechter Angriff auf die Schutzpolizei (Schupo) erfolgte. Daraufhin brachte diese ein Panzerauto zum Einsatz. Aus den Häusern prasselten Gewehrkugeln hernieder, woraufhin die Schutzpolizei einige von ihnen durchsuchte. Sie tat alles, um das weitere Vordringen der Kommunisten in die Stadt zu verhindern. Ein heftiger Kampf entbrannte.

Sipo und Schupo waren bei den Arbeitern verhasst. Erinnert sei an den militärischen Kampf der Kapp-Gegner gegen die zweihundert Beamten der Sammelgruppe Halle. Hunderte bewaffnete Arbeiter hinderten sie am 21. März 1920 an der Verlegung ihrer Kräfte von Weissenfels nach Naumburg, damit sie der dortigen kappistischen Reichs- und Bürgerwehr nicht zur Hilfe eilen konnten. Unterwegs kam es bei Wiedebach zu einem regelrechten Gefecht. "Ein Teil des Gros und die Nachhut," heisst es im Eigenbericht der Schupo, "in Stärke von zwei Offizieren (....) und 32 Beamten wurden abgeschnitten und mussten sich nach hartem Kampf, nach Verschuss der Munition und starken Verlusten, der Übermacht - nach Angaben der Führer der Aufrührer etwa 500 Mann - ergeben."

Beim Kampf am Böllberg verhaftete die Schupo hunderte Personen. Nach Meldungen des Preussischen Pressedienstes vom 12. Mai wurden vier Beamte schwer und einer leicht verletzt. Einer erlitt Verletzungen durch Messerstiche. Ein anderer erliegt, meldet die Polizei später, seinen Verletzungen. Mindestens sechs Kommunisten, schätzt die Volksstimme (Magdeburg), "blieben auf der Strecke". Die Deutsche Allgemeine Zeitung und das Neue Grazer Tagblatt sahen auf dem Böllberg zehn Tote. Laut Leipziger Volkszeitung opferten die Kommunisten zur Heerschau der Republikfeinde 12 Anhänger und 20 erlitten Verwundungen verschiedenster Art. Die Polizei verlor zwei Mann. Die Berliner Börsen-Zeitung strengte am 12. Mai tiefergehende Gedanken über die Ursachen der Feindseligkeiten und Kämpfe an und kommt zu dem Ergebnis: "Die kommunistische Parteileitung hat ihr Massen gegen die Polizei gehetzt, weil sie zu ihrer Propaganda Blutopfer braucht."

Zu einer weiteren Konfrontation zwischen Gegen-Demonstranten und Sicherheitskräften kam es in der Engelhardt-Brauerei unweit des Paradeplatzes, wo sich wenigstens 1 000 Kommunisten festgesetzt hatten. Die Polizei räumte das Gebäude. Mehrere Beamte wurden verletzt. Das Salzburger Volksblatt zählt vier Tote Kommunisten.

Polizei und Schutzpolizei nahm viele hundert Demonstranten, die zumeist aus Berlin und Erfurt angereist, in Gewahrsam. Laut "amtlicher Darstellung" wurden insgesamt 450 bis 470 Kommunisten verhaftet, die zum Teil noch vor Mitternacht wieder freigelassen wurden.

Volkspark Halle, 1906 als Vereinshaus der SPD errichtet.
(Alte Ansichtskarte, Hersteller und Fotograf nicht bekannt.)

Parallel zur Parade auf der Rennbahn, hielten etwa 3 000 Kommunisten im Volkspark eine Versammlung ab. Seit der Eröffnung 1901 sah das Haus viele Veranstaltungen und Treffen, aber keine drohte so tief in Gewalt zu versinken wie die heutige. Gegen 11 Uhr vormittags umzingelt ein mit Maschinenpistolen und aufgepflanzten Bajonetten ausgerüstetes Aufgebot von Schutzpolizei und Landespolizisten den Saalbau, um die Anwesenden im Gebäude einzuschliessen. Bald brodelt es im Saal. Ihre Empörung über das schamlose monarchistische Treiben und die Hitlerjünglinge mit den Spazierstöcken war gross. Nach Mitteilung der Volksstimme (Magdeburg) bot man den Kommunisten an, dass Objekt in ganz kleinen Gruppen verlassen zu können, was sie aber ablehnten. Über zwölf Stunden bleiben sie eingeschlossen. Gegen 2 Uhr nachts hebt die Polizei die Sperre auf.

Dem Landtag, worüber der Vorwärts (Berlin) am 14. Mai 1924 referiert, legte die Fraktion der Kommunistischen Partei einen Antrag vor, der die Vorgänge zur Einweihung des Moltke-Denkmals in Halle auf das schärfste verurteilt und auffordert zu beschliessen: "Die Angehörigen der erschossenen und verwundeten Arbeiter sind aus der Staatskasse zu unterstützen. Die verhafteten Arbeiter sind sofort freizulassen und für die erlittene Haft zu entschädigen. Die Schuldigen an dem Blutbad, insbesondere Oberpräsident Hörsing, der Polizeipräsident Runge und die Polizeioffiziere sind sofort ihres Amtes zu entheben und zu bestrafen."

 

Ein blutiger Tag Vorwärts (Berlin)

Die "vaterländische Kundgebung" rief in linkstehenden Kreisen, so fing das Prager Tagblatt die Stimmung am Sonntag ein, Aufregung und Erbitterung hervor. (a) Ihr Ärger richtete sich in erster Linie gegen die Preußische Regierung, die es in der Hand hatte, diese Demonstration zu verbieten. (b) Für Empörung sorgte, dass das Reichswehrkommando der nach Halle entsandten Traditionskompanie die Teilnahme an der großen Parade gestattete. (c) Viele Kommunisten wurden nicht in die Stadt gelassen, während aber die Rechtsradikalen in hunderten von Zügen ankamen. (d) Die Behörden erlaubten alle völkischen Kundgebungen und "unterdrückten mit den schärfsten Mitteln jede Gegenreaktion."

Schwarz-Weiss-Rot eroberte Halle, triumphierte am Tag danach die Deutsche Allgemeine Zeitung (DAZ). In der Tat, es kam so, wie es viele befürchtet hatten: Zwischen den politischen Gegnern entstanden wechselseitig starke Abwehrreaktionen. Theodor Duesterberg (1875-1950) vom Stahlhelm heizte die Atmosphäre mit seiner Festrede am Moltke-Denkmal noch auf, wenn er ausführte:

"Sollte heute der rote Terror sein Haupt erheben, so hoffen wir, dass er niedergeschlagen wird." (Strassenkämpfe)

 

 

Mehr Zucht und die Neuordnung Europas

Interessant zu sehen, wie das monarchistische, völkische und vor allem deutschnationale Bürgertum in Naumburg (Saale) auf den Deutschen Tag in Halle reagiert. Zwei Tage nach Aufbietung des völkischen Heerbanners präsentiert es in der Stadtzeitung seine Einschätzung:

"Es bedeutet einen besonderen Fortschritt, dass diese symbolische Handlung [der Einweihung des Moltkedenkmals] in Halle, dem Zentrum des kommunistischen Mitteldeutschlands vor sich ging" und versinnbildlicht, "dass Zucht und Ordnung wiedergekehrt sind und dass die Erinnerung an Deutschlands große und stolze Zeit wieder eine Heimstätte auf deutschem Boden hat."

Redaktion, Verlag und Druck des Naumburger Tageblatts befanden sich am Topfmarkt in Naumburg, geleitet von Heinrich Sieling (1870-1944), ab einem bestimmten Zeitpunkt von Paul Sieling (*1903). Ihr Umsatz stieg, als die Bevölkerung von Naumburg zunahm und die Stadt sich nach 1932 wirtschaftlich erholte. Die 1847 gegründete Firma H. Sieling stand der Deutschnationalen Volkspartei nahe und war dann der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei hörig. Am 23. Juni 1942 führte der Kampf gegen den Bolschewismus in Sowjetrussland den hochgeschätzten Betriebsführer, den Verleger des Naumburger Tageblatts und Leiter des Bezirkes Süd-Saale im Reichsverband der Deutschen Zeitungsverlage, den

Gefreiten Paul Sieling

in den Heldentod.

Er wurde 39 Jahre alt.

 

Etappensieg

Antirepublikanern, militant Deutschnationalen, Monarchisten, Völkischen und Nationalsozialisten gelang ein schwerer Schlag gegen die Republik. Trotz Warnungen von maßgeblicher Seite verstand es die Reichs- und Landesregierung nicht, dem mit Rechtsmitteln entgegenzutreten.

Der Deutsche Tag 1924 verlieh der Hakenkreuz-Bewegung in der Region Halle-Merseburg-Naumburg enorme politische, ideologische und organisatorische Impulse. Ein Etappensieg des Militarismus, verkleidet im Kostüm der Selbstbestimmung und Freiheit der Nation, errungen von den Vaterländischen Verbänden durch eine durchdachte und gute Organisation, unterstützt von tausenden fleissigen Helfern einer Bürgerbewegung, die sich mit der Einweihung des Moltke-Denkmals unbekümmert in den Dienst von Weltpolitik und Wehrhaftmachung stellten. Inspiriert von der Wirtschaftskraft Deutschlands erklärte am 1. Mai 1924 der Vorsitzende der DNVP-Ortsgruppe Naumburg Oberlandesgerichtrat Doktor Fritze in der Bürgerversammlung der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP): Als Kaiser Wilhelm, Bismarck und Moltke "das deutsche Volk in den Sattel gesetzt hatten", folgte eine Phase der "wirtschaftlichen Blüte". Das war möglich, weil wir eine "kraftvolle Außenpolitik" treiben konnten und als Deutsche nicht "wehrlos" waren.

 

Ein heftiger Stoss in die Rippen

Den Deutschen Tag 1924 charakterisiert der sozialdemokratische Vorwärts als eine "völkische Demonstration" und der Lübecker Volksbote spricht vom "Blutbad in Halle". Von der Titelseite der Rote(n) Fahne in Wien springt dem Bürger die Wut über den "Organisierten Arbeitermord" entgegen. Indessen war es für die Berliner Börsen-Zeitung "Der grosse nationale Tag in Halle". Der Arbeiterwille aus Graz klagt: "Das Moltke-Denkmal mit dem Blute von zehn Arbeitern eingeweiht". An "Deutschtums grosse Zeiten" fühlt sich das Naumburger Tageblatt erinnert. Zweifellos genoss das alldeutsche, national-monarchistische, deutschnationale und völkische gesinnte Bürgertum von Halle die Wiedergutmachung für den Brunnensturz in der Neujahrsnacht 1922/23. Aus der Revanche war eine Heerschau der Republikfeinde (LVZ) und ungeheure militaristische Orgie geworden, was im Ausland tiefes Misstrauen über die Friedenswilligkeit der Deutschen wecken musste. Am Tag danach kommentiert die Leipziger Volkszeitung: "Poincare wird bedauern, die französischen Wahlen bereits gestern angesetzt zu haben. Der "Deutsche Tag" hätte ihm Argumente in die Hand geliefert, auf die er nie verzichtet hätte. Liebst Vaterland, magst ruhig sein! In der in Aussicht stehenden Note der Botschafterkonferenz über die Abrüstung dürfte sich auch Halle widerspiegeln."

Viele Deutsche überwinden das Feindbild 14/18 nicht. Sie schmücken Häuser und Wohnungen mit schwarz-weiss-roten Fahnen, organisieren militärische Aufmärsche und halten die Reden über die Wehrhaftmachung. Quer durch alle soziale Gruppen und Klassen vagabundiert die verunstaltete Kriegsschuldfrage, was verheerende Auswirkungen auf die gesellschaftliche Moral zu Frieden und Krieg hatte.

 



Max Benkwitz, geboren 1889 in Groitschen / Thüringen. Former, 1909 Mitglied der Gewerkschaft, 1912 SPD, 1917 USPD, 1920 KPD. Wohnort Zeitz. 1924 KPD. Abgeordneter des Reichstages. Leiter Rotfrontkämpferbund. 1928 Provinziallandtag Halle-Merseburg. 1933 illegale Arbeit. Verhaftung. Viele Jahre im KZ. 1945 Leiter KPD / SED Zeitz, 50er Jahre Abteilungsleiter beim Rat der Stadt Halle. Gestorben 1972.

 

Für die Deutschnationalen, Völkischen und Nationalisten war der Deutsche Tag ein Akt der Willensbildung im Dienst des Wiederaufstiegs der Nation. Die Ruhrkrise, so ihre eigentümliche Denkfigur, hatte jeden den "Fluch der Wehrlosigkeit" vor Augen geführt. Deshalb galt es jetzt, der deutschen Öffentlichkeit klar zu machen, "dass wir letzten Endes ein Opfer der pazifistischen Propaganda sind". Daraus folgt die Selbstermächtigung, diese internationale Ideenverseuchung auszurotten. Daran mitzuwirken, widerstrebte kritischen Bürgern mit demokratischen Einschlag, naturgemäss speziell den Sozialdemokraten, Anarchisten, Friedensbewegten, Freidenkern, Naturfreunden und kommunistisch denkenden Menschen. Nicht nur im übertragenen Sinne, erhielten die Uneinsichtigen in Halle einen heftigen Stoss in die Rippen.

"So gab der 11. Mai 1924 den Anlass", erzählt KPD-Mitglied Max Benkwitz, geboren 1889, wohnhaft Zeitz, "eine organisatorische Kraft zu schaffen, die in der Lage war, den Bürgerkriegsgarden des Monopolkapitals mit aller Entschlossenheit entgegenzutreten. Im Frühsommer 1924 bildeten sich im Bezirk Halle-Merseburg und Thüringen die ersten Gruppen des roten Frontkämpferbundes." Jetzt gilt, schliesst der Lübecker Volksbote (SPD) seinen Bericht über das Blutbad in Halle:

"Kampf bis aufs Messer der Reaktion! Kampf bis aufs Messer den Machtansprüchen des Kapitalismus! Kampf bis aufs Messer der militaristischen und völkisch-nationalistischen Hetze!"

 

 

 

Gelegentlich gebrauchte Abkürzungen:

DAZ - Deutsche Allgemeine Zeitung, Berlin

LVZ - Leipziger Volkszeitung

VSM - Volksstimme, Magdeburg

 

Abschluss des Wahlkampfes. [Bericht über eine Wahlversammlung der Deutschnationalen Volkspartei am 1. Mai 1924 in Naumburg]."Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 3. Mai 1924

Benkwitz, Max: Bevor unsere Republik entstand. Erinnerungen. Zur Geschichte der Arbeiterbewegung im Bezirk Halle. Biographie und Erinnerungen. Heft 5. Herausgegeben von der Kommission zur Erforschung der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung bei der Bezirksleitung Halle der SED, Halle 1972, besonders Seite 32

Bisher zehn Tote. "Volksstimme. Tageszeitung der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei". Magdeburg, Dienstag, den 13. Mai 1924

Blutige Moltkefeier in Halle. "Die Neue Zeitung. Unabhängiges Tagblatt". Wien, den 12. Mai 1924

Blutiger Zusammenstoß in Halle. "Der oberschlesische Wanderer." Verlagsort Gleiwitz, Montag, den 12. Mai 1924

Blutiger Sonntag in Halle. "Vossische Zeitung. Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen." Berlin, den 12. Mai 1924

Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal - ein vergessener Monumentalbau. Die Geschichte eines Denkmals in drei Epochen deutscher Geschichte 1901- 1947. Schülerakademie Geschichte "Denkmal: Geschichte" der Frankeschen Stiftungen zu Halle.

Das Moltke-Denkmal mit dem Blute von zehn Arbeitern eingeweiht. "Arbeiterwille. Organ des arbeitenden Volkes für Steiermark und Kärnten". Graz, den 13. Mai 1924

Der Moltke-Tag in Halle. "Deutsche Allgemeine Zeitung. Tägliche Rundschau". [Kurz: DAZ]. Berlin, Montag, den 12. Mai 1924

Der grosse nationale Tag in Halle. Die Störungsaktionen der Kommunisten. 5 Tote und zahlreiche Verletzte. "Berliner Börsen-Zeitung", Montag, den 12. Mai 1924

Der "Deutsche Tag " in Halle. "Berliner Tageblatt und Handelszeitung. Abendausgabe". Berlin, Montag, den 12. Mai 1924

Der deutsche Tag in Halle. "Jenaer Volksblatt. Zeitung der deutschen demokratischen Partei". Jena, Dienstag, den 12. Mai 1924

Der deutsche Tag in Halle. "Salzburger Volksblatt", Salzburg, den 12. Mai 1924

Der deutsche Blut-Tag von Halle. "Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands". Berlin, den 13. MAi 1924

Der grosse nationale Tag in Halle. Die Störungsaktionen der Kommunisten. 5 Tote und zahlreiche Verletzte. "Berliner Börsen-Zeitung". Berlin, den 12. Mai 1924

Der Sonntag in Halle. Eine Erklärung des Reichsministers des Inneren. "Vossische Zeitung. Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen." Morgen-Ausgabe, Berlin, den 13. Mai 1924

Der Unfug von Halle. "Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Berlin, den 9. Mai 1924

Deutschnationale Volkspartei. [Bericht über eine Versammlung]. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 3. Mai 1924

Deutscher Tag in Halle. "Naumburger Tageblatt". Naumburg, Montag, den 12. Mai 1924

(Deutscher Tag) Wer ist verantwortlich. "Naumburger Tageblatt". Naumburg, Dienstag, den 13. Mai 1924

Die blutige Denkmalsweihe in Halle. "Berliner Volks-Zeitung". Berlin, Montag, den 12. Mai 1924

Die Denkmalseinweihung in Halle. "Neues Grazer Tagblatt. Abendausgabe". Graz, den 12. Mai 1924

Die Feier am Moltkedenkmal. "Hallische Nachrichten. Generalanzeiger für Halle und Provinz Sachsen". Nummer 111. Halle, den 13. Mai 1924

Die grösste Parade Deutschlands. "Saale-Zeitung". Halle, den 14. Mai 1924

Die Heerschau der Republikfeinde. "Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten werktätigen Volkes". Leipzig, den 12. Mai 1924

Die Kommunisten im Saale eingeschlossen. (Unterabschnitt in "Strassenkämpfe in Halle"). "Volksstimme. Tageszeitung der Vereinigten sozialdemokratischen Partei." Magdeburg, Dienstag, den 13. Mai 2014

Die Moltkefeier in Halle. "Hallische Nachrichten". Halle, den 12. Mai 1924

Die Sprengattentate in Halle. "Salzburger Volksblatt", Salzburg, den 10. Januar 1923

Duesterberg-Rede zur Wahlversammlung der Deutschnationalen Volkspartei am 1. Mai 1924 in Naumburg. In: Abschlusse des Wahlkampfes."Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 3. Mai 1924

Duesterberg [Rede am 11. Mai 1924 zur Einweihung des Moltke-Denkmals zum Deutschen Tag in Halle]. In: Die Feier am Moltkedenkmal. "Hallische Nachrichten. Generalanzeiger für Halle und Provinz Sachsen". Nummer 111. Halle, den 12. Mai 1924

Duesterberg, Oberstleutnant a.D.: Rede am 11. Mai 1924 zur Einweihung des Moltke-Denkmals zum Deutschen Tag in Halle. Zitiert nach: Der "Deutsche Tag". "Deutsche Allgemeine Zeitung. Tägliche Rundschau." Ausgabe Gross-Berlin, 13. Mai 1924, Seite 1

Duesterberg, Oberstleutnant a.D.: Festrede (auf dem Deutschen Tag in Halle am 11. Mai 1924). Der Moltke-Tag in Halle. "Deutsche Allgemeine Zeitung. Tägliche Rundschau". [Kurz: DAZ]. Berlin, den 12. Mai 1924

Ein Jena der Republik. Der Schwarze Sonntag in Halle. (Von unserem Sonderberichterstatter). "Berliner Volks-Zeitung. Abendausgabe". Berlin, den 12. Mai 1924

Eine amtliche Darstellung der Zusammenstösse in Halle. "Berliner Volks-Zeitung". Berlin, Montag, den 12. Mai 1924

Einst und Jetzt. "Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten werktätigen Volkes". Leipzig, den 12. Mai 1924

Flugblatt der KPD gegen den Deutschen Tag in Halle und gegen die SPD-Politik. Originaltitel: "An die Arbeiter! An die SPD.-Arbeiter! An die Schupo!" Herausgeber: Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), Friedrichstadt-Druckerei. Berlin, den 11. Mai 1924. Online Website Deutsche Historisches Museum (Berlin), Objektdatenbank: https://www.dhm.de/datenbank/dhm?seite=5&fld_0=D2004496

Graff, Sigmund: Gründung und Entwicklung des Bundes. In: Seldte, Franz (Herausgeber): Der Stahlhelm. Erinnerungen und Bilder aus dem Jahre 1918-1933. Band 1. Stahlhelm-Verlag GmbH Berlin 1934, Seite 19 bis 107

Harrison, Ted: "Alter Kämpfer" im Widerstand. Graf Helldorff. Die NS-Bewegung und die Opposition gegen Hitler. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart, 45 (1997) 3, Seite 385 bis 423

Heidenreich [, Robert]: Über "Das wahre Gesicht der Demokratischen Partei". "Naumburger Tageblatt. 1. Beilage zu Nummer 287. des Naumburger Tageblatts". Naumburg, den 6. Dezember 1924

Kommunistischer Antrag wegen Halle. "Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands". Berlin, den 14. Mai 1924

Kügler, Tobias: Vom Kaiserdenkmal zum "Fahnenmonument" der Oktoberrevolution: Der Hansering als Ort der politischen Erinnerungskultur (1901-1967). In: Jahrbuch für hallische Stadtgeschichte. Herausgegeben in Verbindung mit dem Verein für Hallische Stadtgeschichte e.V. von der Stadt Halle (Saale), 2004, Seite 77ff.

Kurzer Abriss über den Aufbau, die Tätigkeit und die Auflösung der Schutzpolizei. Naumburg an der Saale. 1926 [Ein Dokument der Schutzpolizei.]

Ludendorff herrscht in Halle. "Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands". Berlin, den 12. Mai 1924

Nachklänge zur Denkmalsfeier. "Hallische Nachrichten. Generalanzeiger für Halle und Provinz Sachsen". Nummer 111. Halle, den 13. Mai 1924

Nachwehen des Deutschen Tages. "Vossische Zeitung. Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen." Berlin, den 13. Mai 1924

Nationalistendemonstration in Halle."Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands". Berlin, 8. Januar 1923

Organisierter Arbeitermord. "Die Rote Fahne. Zentralorgan der Kommunistischen Partei Österreichs (Sektion der kommunistischen Internationale)." Wien, den 13. Mai 1924

Papen, Franz: Rede, gehalten in Naumburg (Saale) am 11. Juni 1933. In: Franz von Papen: Das deutsche Gewissen, Reden zur nationalen Revolution. Neue Folge. Gerhard Stalling, Oldenburg 1933

[Schupo] Kurzer Abriss über die Tätigkeit und die Auflösung der Schutzpolizei. Naumburg a.S., 25. Juli 1926. Stadtarchiv Naumburg

[Sieling, Todesanzeige] Zeitungsverleger Paul Sieling. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 9. Juli 1942

Studiengruppe Naturalismus. Studiengruppe "Naturalismus, völkische Subkulturen, Ethik und Politik seit 1900 / Ludendorff-Bewegung". Einhunderttausend Deutsche auf dem "Deutschen Tag" in Halle, Mai 1924. http://studiengruppe.blogspot.de/

Strassenkämpfe in Halle. "Volksstimme. Tageszeitung der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei". Magdeburg, Dienstag, den 13. Mai 1924

Todesopfer in Halle. Kämpfe zwischen Kommunisten und Polizei. "Prager Tagblatt". Prag, den 13. Mai 1924

[Versammlung] Nationalistendemonstration in Halle. "Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands", Berlin, den 8. Januar 1923

Völkische Provokationen. (Unterabschnitt in "Strassenkämpfe in Halle"). "Volksstimme. Tageszeitung der Vereinigten sozialdemokratischen Partei." Magdeburg, den 13. Mai 1924

10 Tote bei den Kommunisten. "Neues Grazer Tagblatt. Abendausgabe". Graz, den 12. Mai 1924

Zweierlei Mass. (Unterabschnitt in "Strassenkämpfe in Halle"). "Volksstimme. Tageszeitung der Vereinigten sozialdemokratischen Partei." Magdeburg, den 13. Mai 1924

 

Bildnachweis

Moltke-Denkmal, 11. Mai 1924, "Deutscher Tag". Einweihung. Bundesarchiv, Bild 102-00400 / CC-BY-SA

Vorbeimarsch an der Tribüne. Deutsche Tag in Halle, 11. Mai 1924
Bundesarchiv, Bild 102-00403 / CC-BY-SA 3.0

Aufstellung der Generalität. Deutsche Tag in Halle, 11. Mai 1924
Namensnennung: Bundesarchiv, Bild 102-00399 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0

 

 

Besonderen Dank gilt dem Stadtarchiv Halle, das mir freundlicherweise bei der Suche und Bereitstellung von historischen Quellen half.

 

Autor: Detlef Belau

6. Juni 2010