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Der Deutsche Tag in Halle 1924  

 

"Was war denn los?", fragt die Berliner Volks-Zeitung nach dem Deutschen Tag 1924 in Halle (Saale) und antwortet: "Die Plätze schwarz-weiss-rot geschmückt, die Strassen durchtost vom Erhardt-Lied, Arbeiter von Hitler-Leuten auf der Straße geschlagen, die Schutzpolizei machtlos gegen die Hakenkreuzler und im Kampf mit den Kommunisten, Reden von offizieller Stelle vom kommenden Kaiserreich, Reichswehr unter Veteranenvereine gemischt und der Held von München [Ludendorff] ihre Front abschreitend. Das war die parteipolitische neutrale Einweihung eines Moltkedenkmals."

Zum

11. Mai 1924

riefen die Vaterländischen Verbände nach Halle, um mit der Wiedererrichtung des Moltke-Standbildes ihre Vorliebe für Schwarz-Weiss-Rot zu demonstrieren. Gekommen waren Bund Wiking, Bund Oberland, Stahlhelm, Wehrwolf, Jungdeutscher Orden, Reichsverband der Baltikumkämpfer und viele andere. Zunächst taten die Organisatoren des Deutschen Tages so, als handelte es sich nur um die Einweihung eines Monuments für den "grossen Schlachtenlenker". "Es lag aber auf der Hand," klärt am 13. Mai die Vossische Zeitung die Bürger auf, "dass diese Denkmalsenthüllung nur der Vorwand für das aufbieten des völkischen Heerbannes nach Halle gewesen ist, dass es sich um eine Parteiveranstaltung grossen Stils gehandelt hat." Die Finalisten der nationalsozialistischen Bewegung marschierten zusammen mit ihren Zulieferern aus den völkisch-deutschnationalen Organisationen und Wehrverbänden auf, um die Stärke des deutschen Volkes und seinen Anspruch auf die Revision europäischer Verhältnisse zu demonstrieren.

 

Sünde am monarchistischen Erbe

Kaiser-Wilhelm Denkmal
in Halle, eingeweiht am 26. August 1901.
(Bild: alte Postkarte)

Der 20-jährige Arbeiter Emil Werner, ehemaliges Mitglied der KPD, und vier Lehrlinge im Alter von 16 und 17 Jahren verübten in der Neujahrsnacht 1922/23 in Halle (Saale) einen Anschlag auf das Moltke-Denkmal. (Siehe Vorwärts 8.1.1923, Kügler 2004) "Kommunistische Bubenhände" beförderten, schreibt die Deutsche Allgemeine Zeitung (DAZ) am Tag nach der Revanche, die Statue des grossen Schlachtenlenkers mit einer Ladung Dynamit kopfüber in das vorgelagerte Wasserbassin. Die Absicht der Attentäter war, zitiert die Börsen-Zeitung vom 12. Mai 1924 Oberstleutnant a. D. Duesterberg, "eine blutige Auseinandersetzung im Deutschen Reiche auszulösen".

Bereits am 10. Januar 1923 meldete die Presse die Verhaftung von fünf jugendlichen Arbeitern, die verdächtigt wurden, den Anschlag ausgeführt zu haben. Nach Mitteilung des Salzburger Volksblatts ist Emil Werner, der längere Zeit in Odessa lebte und unlängst wieder in Moskau weilte, der Haupttäter. "Nach seinem Geständnis hat er sich bei seinem letzten Moskauer Aufenthalt im sprengen ausgebildet." Ziel der Attentäter war, die politische Erregung zu steigern. Man plante, heisst es weiter, auch Anschläge auf das Polizeipräsidium und die Kaserne. "Die Bande besass drei Sprengstofflager in Halle, eines mit anderthalb Zentner Sprengstoff war so gesichert, das beim Öffnen eine Explosion erfolgen musste."

Für die Völkischen und das deutschnationale Bürgertum war der Anschlag auf das Moltke-Denkmal ein unvorstellbarer Affront. Niemals vergibt sie der Linken diese Sünde am monarchistischen Erbe. Das war zumindest seit der Versammlung vom 7. Januar 1923, zu der sich alle bürgerlichen Parteien aus Anlass des Denkmalsattentats im Walhalla-Theater zusammengefunden hatten, die dominierende Haltung. Die Teilnehmer beschimpften und drohten den Beamten der Republik vom Regierungspräsidenten bis hinauf zum Minister Severing mit Verbrecher, Lump, Säufer und hängt die Schweine auf. Anschliessend wollte man, berichtet am Tag danach der Vorwärts (SPD), mit der Ehrhardt-Fahne unter Beteiligung der Demokraten zum Denkmal ziehen, was jedoch die Polizei verhinderte. Die Bürger waren einfach aufgebracht.

Zur Ergreifung der Täter setzten die Deutsche Demokratische Partei, Deutsche Volkspartei, Deutschnationale Volkspartei und Zentrumspartei eine Belohnung von 1 Millionen Reichsmark (= 60 US-Dollar) aus (Kügler 83). Den baulichen "Rest" wollten die SPD-, KPD- und USPD-Stadtratsfraktionen von Halle gerne demontieren, wozu es angeblich aus Kostengründen nicht kam. Die Stadtverordneten der SPD sahen voraus, dass das Moltke-Denkmal dazu dient, den Hass der Jugend gegen den Staat zu richten und sie deutschvölkisch zu verhetzen. (Kügler 82)

Oberstleutnant a. D. Theodor Duesterberg zetert am 11. Mai in seiner Festrede: "Verantwortlich für die Sprengung des Moltke-Denkmals sind nicht die jugendlichen Kommunisten, sondern

verantwortlich ist die Sozialdemokratie,

die seit Jahrzehnten die Achtung vor Monarchie, Kirche und Staat untergraben hat."

Deutsche Tag in Halle, 11. Mai 1924: Aufstellung der Generalität.
General Erich Ludendorff 1, Prinz Oskar 2, Felix Graf Luckner 3, und Josias von Heeringen 4.

(Quellenangabe unten)

Das Denkmal wird wieder aufgebaut. Oberbürgermeister Richard Robert Rive (1864-1947) verteidigt seine politische Aussage und öffnet den Organisatoren des Deutschen Tages achtzehn Säle der Stadt. Von republikanischer Seite wurde die Unterstützung der "vaterländischen Kundgebung" durch die Stadtverwaltung und Behörden, etwa durch Ausstattung und Schmückung der öffentlichen Gebäude mit der schwarz-weiss-roten Fahne, missbilligt.

 

Massen strömten herbei

Bereits am Vortag reisten viele Teilnehmer mit Zügen nach Halle an. 30 000 erwachsene Völkische, zählte die Vossische. In der Nacht zum Sonntag, ermittelte die Leipziger Volkszeitung (LVZ), sind 200 Kommunisten mit der Bahn in die Stadt gekommen.

Um die Arbeiter abzuhalten, waren längst alle stadteinwärtsführenden Strassen durch die Polizei abgeriegelt. Als sich die Betroffenen Anwohner von den Schikanen Luft machten, kam es bereits in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag zwischen Sicherungskräften und Bürgern zu mehreren kleinen Karambolagen.

Am Sonntag früh wimmelt es im L e i p z i g e r  Hauptbahnhof von Windjacken und Eichenknüppeln. "Zahlreiche Jüngelchen unter 16 Jahren, die reinen Hosenmätze, stolzierten im vollen Dress umher und forderten ihr Jahrhundert in die Schranken. Auf dem Bahnsteige konnte man überall das widerliche äussere Getue der Führer dieser Horden mit ihrer bürgerlichen Firnisbildung beobachten; fällt der Firniss, so kommt der viehisch rohe Gewaltmensch zum Vorschein ...." (LVZ 12.5.1924)

Aus der näheren und weiteren Umgebung rückten, was wiederum die deutschnationale Presse skeptisch aufnahm, "rote Truppen" aus Berlin, Sachsen, Thüringen, Preussen und der Umgebung von Halle, wie Ammendorf, Merseburg, Querfurt, Weissenfels, Zeitz und Naumburg, an. Nicht wenige dieser Demonstranten nahmen einen längeren Fussmarsch von ihrem Heimatort bis in Stadt auf sich. "Vorgesehen war," erfuhr die Leipziger Volkszeitung, "dass grosse Trupps der Kommunisten die Stadt von allen Seiten erreichen sollten. Aber dazu kam es nicht. In den Dörfern von Halle mussten sie liegen bleiben, denn Halle selbst war durch die Polizei im ganzen Umkreis abgeriegelt." Die Polizei erlässt Verbote, fängt die linken Gruppen, oft als die "jünger Moskaus" stigmatisiert, bereits am Stadtrand ab, hindert sie mit Waffengewalt und Schützengräben am Weitergehen.

Während die Völkischen mit Sonderzügen anreisen konnten, koppelte man, wo nur möglich, die Waggons der linken Demonstranten ab. So wollte man die Konfrontation mit dem Stahlhelm, Wehrwolf und den Nazis verhindern. Wiedereinmal misst die Innenpolitik mit zweierlei Maß. Darunter litten nicht nur die Kommunisten. Das "Gefühl mit ungleichen Mass gemessen zu werden," führte "nicht nur in der radikalen, sondern auch in der gemässigten Arbeiter- und Bürgerschaft zu einer Erbitterung", gibt die Berliner Volkszeitung am Tag danach in der Abendausgabe zu bedenken.

Von außerhalb strömten massenhaft deutschvölkische Studenten herbei. Eigentlich waren den Hakenkreuzlern alle geschlossenen Umzüge verboten. Einen Teufel scherten die sich drum. Und die Polizei ".... gestattete den Völkischen alles und erlaubte den Kommunisten nichts", urteilt am 13. Mai das Sozialdemokratische Organ für den Regierungsbezirk Magdeburg. Die Redaktion steht der KPD-Putschtaktik ablehnend und der Partei generell streng prüfend gegenüber.

 

Wer genehmigte die Faschistenparade?

Im Flugblatt

"An die Arbeiter!
An die SPD.-Arbeiter.
An die Schupo!"

wirft die KPD dem sozialdemokratischen Innenminister des Freistaates Preussen Carl Severing, den sozialdemokratischen Polizeipräsidenten von Halle Paul Runge und sozialdemokratischen Oberpräsidenten der Verwaltung der preussischen Provinz Sachsen Otto Hörsing vor, die "Faschistenparade" genehmigt zu haben. Vielleicht ist dies sogar berechtigt. Trotzdem müssen die Details bei der Beurteilung dieses Vorgangs Beachtung finden. Im Vorfeld der Veranstaltung warnten Carl Severing und Otto Hörsing davor, eine Demonstrationserlaubnis zu erteilen. Doch die Reichsregierung hörte nicht darauf. So die eine Darstellung. Die andere gibt am 13. Mai der Reichsminister des Inneren Karl Jarres (DVP) in der Erklärung, wie sie die Vossische Zeitung veröffentlichtete, wonach die preussischen Behörden die Verantwortung tragen. Sie ganz allein, legt der Reichsminister dar, sind für die Zulassung der Veranstaltung zuständig. Dazu beruft er sich auf Paragraf 3 der Verordnung des Reichspräsidenten über die Aufhebung des Ausnahmezustandes und die Abwehr staatsfeindlicher Bestrebungen vom 28. Februar 1924. Obwohl öffentliche Versammlungen unter freiem Himmel verboten sind, können die Landeszentralbehörden Ausnahmen zulassen. Folglich trägt der Minister des Inneren von Preußen Carl Severing die Verantwortung. Allein die Drohungen der Kommunisten mit Gegendemonstrationen konnte, nach Meinung der Vossischen (13.5.), kein Grund für eine Absage der Veranstaltung sein. Andererseits lag es aber auf der Hand, argumentiert sie weiter, dass die Einweihung des Moltke-Denkmals nur ein Vorwand war, um das völkische Heerbann marschieren zu lassen.

 

"Aber wer wagte es",

fragt der Vorwärts (SPD) am 12. Mai, "Ludendorff und die Völkischen in ihrem Vergnügen zu stören?!" Es waren die Linken und Kommunisten. Sie umzingelten die Stadt, beschreibt Tage später etwas ungehalten die deutschnationale Presse ihr Vorgehen. In Vorahnung der Ereignisse tritt die KPD (Kommunistische Partei Deutschland) den Völkischen, Nationalsozialisten, Deutschnationalen und Vaterländischen Verbände mit der Kampfansage entgegen:

"Nicht Hakenkreuz,
nicht Ludendorf,
                         der Ausreisser nach Schweden,
nicht die Hurenhengste von Hohenzollernprinzen,
nicht die verkrachten Generäle und
nicht die Jüngelchen mit den nassen Hosen
                         aus dem Bierkeller
werden Halle beherrschen,
sondern die Arbeiter
im roten Herzen Mitteldeutschlands."

Die Parole heisst:

"Aufmarsch gegen Aufmarsch!"

Das Naumburger Tageblatt rätselte über die "kommunistischen Angriffspläne". Lag aber nicht völlig falsch. In der Tat erhielten die Kommunisten vom Klassenkampf, dem Organ der KPD für den Bezirk Halle-Merseburg, einen Plan, den sie, wie die Leipziger Volkszeitung herausfand, dummerweise den Hakenkreuzlern offenherzig auf den Tisch ausbreiteten. Die Berliner Börsen-Zeitung weiss mehr hierüber und kommuniziert am übernächsten Tag: "Aus Papieren, die bei verhafteten Kommunisten vorgefunden wurden, geht klar hervor, dass die Kommunistische Partei in großzügiger Weise einen Aufmarschplan militärischer Art gegen Halle vorbereitet und teilweise auch durchgeführt hat. An der Peripherie von Halle waren die Sammelpunkte der Kommunisten angegeben, die zu Zehntausenden aus der Umgebung, sogar aus Berlin, herbeigeströmt waren. Es waren die Richtungen eingezeichnet, in denen die kommunistischen Hundertschaften vorgehen sollten und es waren die Gebäude in Halle angegeben, die besetzt werden sollten."

 

Ein Heerlager

"Ein Sonderzug nach dem anderen rollte in Halle ein. Schon beim Verlassen des Bahnhofs, wähnte sich der Korrespondent der Leipziger Volkszeitung nicht mehr in der Republik Deutschland, sondern in einem Etappenort. Die von auswärts kommenden Gruppen sammelten sich mit ihren Fahnenträgern am Schützenhaus. Allmählich verwandelt sich die Stadt in ein Heerlager. Auf den Straßen beginnt ein unglaubliches Treiben. Menschentrauben bilden sich. "Völkische Trupps und Arbeitergruppen durchzogen die umliegenden Strassen", registrierte der Sonderkorrespondent des Berliner-Tageblatts. "Die `Stahlhelm`-Leute, besonders aber die jugendlichen Anhänger der völkischen Organisation `Wehrwolf´ legten ein provozierendes Verhalten an den Tag, ebenso die bayrischen Verbände."

"Am Sonntag wurde", registrierte die Volksstimme aus Magdeburg, "die Revanche von allen Kanzeln der Hallischen Kirchen gepredigt, die den Nationalsozialisten zur Verfügung gestellt wurden.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Meldung, dass es in den ersten Morgenstunden "vor dem Gewerkschaftshaus zu ernsten Zusammenstößen zwischen jugendlichen Kommunisten und Jungdo" kam. "Unter anderem standen sich ein Jungdo- und K.P.-D.-Mann mit gezogenem Revolver gegenüber. Der K.-P.-D.-Mann brach, durch zwei Schüsse schwer verletzt zusammen." (Völkische)

Um die Mittagszeit entstand in der Reilstrasse ein Handgemenge. Eine kommunistische Abteilung stiess mit der Polizei zusammen. Hierbei machte die Polizei von ihren Schlagwaffen gebrauch. Drei Demonstranten wurden verletzt. Einer von ihnen weigerte sich hartnäckig einen Verband anzulegen. "Die Demonstranten", berichtete die Volksstimme (Magdeburg) unter der Überschrift Strassenkämpfe in Halle, "waren mit Schlagringen, Dolchmessern und Totschlägern ausgerüstet."

 

Mit Moltke
zur heiss ersehnten Befreiung Deutschlands

Vor dem Aufmarsch der Vaterländischen Verbände und den mit ihnen sympathisierenden Organisationen auf der Rennbahn, erfolgt im Kaiser-Wilhelm Ensemble die Einweihung des Moltke-Denkmals.

Kaiser-Wilhelm Denkmal mit Moltke-Statue
in Halle am 11. Mai 1924. Von links nach rechts sind die Schemen der Statuen von Bismarck, Kaiser Wilhelm und Moltke zu erkennen. (Bildquelle siehe unten.)

Seit 10 Uhr morgens sperrt berittene Schutz-Polizei das Arreal im Umkreis von 800 Metern ab. Ausser den Verbänden mit besonderem Passierschein, durfte niemand mehr passieren. Mit klingendem Spiel marschieren Stahlhelm, Jungdo, Wehrwolf, Krieger- und Sportvereine, die Studentenschaften aus Leipzig, Jena und Halle von ihrem Sammelpunkt zum Denkmal. Bürger stehen Spalier. Voran die Angehörigen des Füsilierregimentes 38 und eine Kompanie Spielleute in Reichswehruniform, die "Heil Dir im Siegerkranz" spielen. Es folgen die Halloren in ihren Trachten.

"Die Chargierten der nationalsozialistischen Studentenschaft, ehemalige Offiziere und eine Reichswehrdelegation rundeten das Bild ab." (Kügler 2004) Dazu kamen Vertreter der Parteien und städtischen Behörden.

Am Denkmal nehmen alle Aufstellung. Mehr als 3 000, überwiegend schwarzweissrote Fahnen und "ungefähr 50 Hakenkreuz- und Totenkopffahnen", zählte die Volksstimme (Magdeburg). Unter den Ehrengäste befinden sich: Erich Ludendorff, Vorsitzender des Kyffhäuserbundes e.V., der ehemalige preußische Kriegsminister von 1909 bis 1913 Josias von Heeringen, Hermann von Stein, preußischer General der Artillerie und ehemaliger Kriegsminister, Generaloberst a. D. Magnus von Eberhardt, General der Artillerie Friedrich von Scholtz, General Friedrich Christiansen, Generalmajor von Zetritz, der preußische General der Infanterie Hermann von François, Vizeadmiral Werner-Waldeck, Paul von Lettow-Vorbeck, Admiral Scheer und Graf Luckner. Haus Doorn entsandte den jüngsten lebenden Sohn des ehemaligen Kaisers, Oskar Prinz von Preussen, der lebhaft gefeiert wurde, aber, stellte die Vossische zum "Blutigen Sonntag" fest, nicht so stark wie Ludendorff. Generalfeldmarschall August von Mackensen musste wegen Krankheit das Bett hüten.

Um 12 Uhr beginnt die feierliche Zeremonie mit dem Gesang des Niederländischen Dankgebets. Der ehemalige Generalstabsoffizier und Oberstleutnant a. D. Theodor Duesterberg, DNVP-Funktionär und ab Herbst 1924 Führer des Stahlhelm Landesverbandes Mitteldeutschland, hält die Einweihungsrede.

Das Leben dieser drei Männer, Kaiser Wilhelm, Bismarck und Moltke, lautet die Botschaft, muss uns in diesen trüben Zeiten Ansporn sein. Doch hindert uns daran, hebt die Berliner Volks-Zeitung am nächsten Tag aus der Rede hervor, die politische Zerrissenheit im Inneren und Ohnmacht nach Aussen. ".... bedroht von einem Ring mächtiger Feinde, liegt unser Volk und verkleinertes Vaterland ohnmächtig am Boden!" Deutschland ist entrechtet und versklavt.

Die Deutsche Allgemeine Zeitung setzt fort und zitiert die Passage, dass wir dies "niemals durch gegenseitige Selbstzerfleischung erreichen, sondern nur durch bewusste Rückkehr zu Gott, zu den sittlichen Grundsätzen, die Preussen-Deutschland [!] einst gross gemacht", erreicht werden.

Die sozialdemokratische Volksstimme aus Magdeburg pointiert das Bedrohliche aus der Duesterberg-Rede: "Von dieser Stelle soll es die ganze Welt hören: Wir verlangen, dass alle in Mitteleuropa wohnenden Deutschen zu einem grossen deutschen Kaiserreich vereinigt werden. Sollte uns das nicht gelingen, so mögen unsre Kinder erfolgreicher sein."

Vor dem Moltke-Statu in Halle hörte das Jenaer Volksblatt: "Wir brauchen keine Revanche! Wir Deutschen haben auf allen Schlachtfeldern einer Welt von Feinden gegenüber siegreich standgehalten; wir verlangen aber - und das soll nicht nur Deutschland, nicht nur Europa, sondern die ganze Welt hören, auf Grund des ersten aller Völkerrechte, auf Grund des Selbstbestimmungsrechts die Wiedervereingung aller in Mitteleuropa geschlossen lebenden Deutschen zu einem neuen grossen Deutschen Reiche."

Viele Kommentatoren erwärmten sich am Duesterberg Gedanken vom Preussen-Deutschland. Denn war erst Zucht und Ordnung im inneren hergestellt, konnte sie in äusseren Angelegenheiten schnell in den "bescheidenen" Wunsch nach der Neuordnung Europas gewendet werden. Das war dann die ersehnte Befreiung Deutschlands. Erstaunlich wie freundlich die Zeitung der Deutschen Demokratischen Partei aus Jena diese Passagen vom Stahlhelm aus Halle aufnahmen.

Vom Deutschen Tag in Halle ertönte der Ruf des falschen Nationalismus nach der Neuordnung Europas. Das verhiess Krieg. Die deutschnationale Presse jubelte. Für sie war der Deutsche Tag in Halle ein beachtlicher Schritt zur nationalen Selbstbestimmung und Selbstbefreiung.

Alsdann fiel die Hülle des Denkmals. Am Himmel kreist ein Flugzeug und wirft einen Kranz ab.

 

Parade auf der Rennbahn

"Beim Abmarsch der Fahnendelgationen [in Richtung Pferderennbahn] benahm sich die bürgerliche Bevölkerung Stellenweise geradezu wahnsinnig. Heilrufe durchgellten die Strassen. Man streute Berge von Blumen." (VSM 13.5.1924) Vornan läuft die Generalität. Erich Ludendorff schaute "wie ein pompös aufgezäumtes Zirkuspferd" aus. "Mit der Pose eines spanischen Granden empfing er die Heilrufe der wahnsinnig gewordenen Jungmannen und Jungfrauen von Halle." (Lübecker Volksbote) Dann folgten die Kameraden von den vaterländischen Verbänden und die Nationalsozialisten, zum Teil mit Hakenkreuzfahnen (Kügler 84). Die Volksstimme (Magdeburg) schätzte die Zahl der Stahlhelmer und Hakenkreuzler auf 50 000.

Besonders dem schwarz-weiss-roten und völkischen Bürgertum imponierte das martialische Gebaren der rechten Wehrverbände, die sich anschickten, innenpolitisch eine eigene Rolle zu übernehmen. Mit ihr die Reichswehr, die Kompanie des Reichswehrregiments Graf von Moltke Nr. 382.

Vorbeimarsch der Vaterländischen Verbände, Kriegervereine und anderer Organisationen an der Tribüne auf der Rennbahn zum Deutsche Tag in Halle am 11. Mai 1924. (Quellenangabe unten)

Auf der Rennbahn-Tribüne nahmen die Ehrengäste Platz. Hier "spürte man nichts", schrieb am nächsten Tag die DAZ, "von dem traurigen Vorfall den die Hetze der kommunistischen Zentrale in Böllberg, einem Vorort von Halle, auf dem Gewissen hat". Gegen 3 ½ Uhr begann die Parade. Erich Ludendorff nimmt die Parade ab. Er, der als General der Infanterie und ehemaliger Erster Generalquartiermeister den Siegfrieden plante, die Engländer niederringen wollte, an den Triumpf der deutschen U-Boote glaubte und, woran heute hier niemand denken will, mit seiner Kriegszielpolitik das deutsche Wirtschaftsleben gründlich ruinierte. Tags zuvor gastierte der Reichstagsabgeordnete für die Freiheitspartei beim Hochschulring deutscher Art. Seine Ausführungen gipfelten in der Aussage:

"Reden nützt nichts, wir wollen handeln.
Seine Majestät, der deutsche Kaiser, er lebe hoch!"

Kriegervereine, Schutztruppler, Bund Oberland, Blücherbund, Bund Wiking, Deutscher Offiziersbund, Stahlhelm, Wehrwolf, Jungdeutscher Orden, Bund Reichsflagge, der Bund der Aufrechten marschierten auf und eine Kompanie des Reichswehrregiments Graf von Moltke Nr. 38. Beim Anblick der Tropenuniformen von Lettow-Vorbeck`s Schutztruppler geriet die Masse in Entzücken. An der Tribüne vorbei paradierten Halloren, Turner-, Ruder- und Schwimmvereine, Marineangehörige, Studentenschaften und Knappschaftsverbände vorbei.

"Länger als 10 Kilometer dehnte sich der Aufmarsch der Verbände" (Graff 53) vorbei an der Tribüne auf der Rennbahn. "Um vor Beginn der Dunkelheit mit dem Vorbeimarsch fertig zu werden", registrierte die Vossische Zeitung, "formierten sich die Reihen zu 12 Mann." Um 7 Uhr abends war der Aufmarsch noch immer im Gange. Als sie schliesslich doch irgendwann endete, begaben sich die Ehrengäste zu einem festlichen Essen in die Loge zu den drei Degen.

 

Von kleinen Zwischenfällen abgesehen, so besagen es die Nachrichten der Vossischen Zeitung, verlief die Nacht bis 2 Uhr ruhig. Dann schmeissen Unbekannte im Gewerkschaftshaus die Schaufensterscheiben der sozialistischen Buchhandlung ein. Etwa um die gleiche Zeit erscheinen vor dem Verlagsgebäude vom "Klassenkampf" an die einhundert junge Leute und werfen Steine in die Wirtschaftsräume. Aus einem der oberen Geschoße des Gebäudes werden zwei Schüsse aus einem Maschinengewehr abgegeben. Von der abends eiligst von der Kommunistischen Partei in den Volkspark einberufenen Versammlung, ergeht die Forderung nach einem Generalstreik. Hier liefen Gerüchte um, dass die Mitglieder der Vaterländischen Verbände das Verlagsgebäude des "Klassenkampfes" in der Lerchenstrasse stürmen wollten. Bereits nachmittags ereignete sich dort ein Zwischenfall, als ein Polizist Flugblätter beschlagnahmen wollte. Prompt wurden er von Arbeitern bedroht, dem Beamten Pistole und Tasche von der Koppel gerissen. Daraufhin nahm die Polizei mehrere beteiligte Personen fest und zerstreute die Menschenmenge.

 

Ein blutiger Tag Vorwärts (Berlin)

Die "vaterländische Kundgebung" rief in linkstehenden Kreisen, so fing das Prager Tagblatt die Stimmung ein, Aufregung und Erbitterung hervor. (a) Ihr Ärger richtete sich in erster Linie gegen die Preußische Regierung, die es in der Hand hatte, diese Demonstration zu verbieten. (b) Für Empörung sorgte, dass das Reichswehrkommando der nach Halle entsandten Traditionskompanie die Teilnahme an der großen Parade gestattete. (c) Viele Kommunisten wurden nicht in die Stadt gelassen, während aber die Rechtsradikalen in hunderten von Zügen ankamen. (d) Die Behörden erlaubten alle völkischen Kundgebungen und "unterdrückten mit den schärfsten Mitteln jede Gegenreaktion."

Schwarz-Weiss-Rot eroberte Halle, triumphierte am Tag danach die Deutsche Allgemeine Zeitung (DAZ). In der Tat, es kam so, wie es viele befürchtet hatten: Zwischen den politischen Gegnern entstanden wechselseitig starke Abwehrreaktionen. Theodor Duesterberg (1875-1950) vom Stahlhelm heizte die Atmosphäre mit seiner Festrede am Moltke-Denkmal noch auf, wenn er ausführte:

"Sollte heute der rote Terror sein Haupt erheben, so hoffen wir, dass er niedergeschlagen wird." (Strassenkämpfe)

"Die Faschisten bewegten sich", beobachtete die Volksstimme aus Magdeburg, "ziemlich zwanglos in den Strassen. Zugweise marschieren war verboten, aber die Polizei war bei dem Massenaufgebot der Hakenkreuzler stellenweise machtlos. An anderer Stelle gelang die Auflösung einzelner Züge."

"Die den Vaterländischen Verbänden zugehörigen Bünde waren mit einem so starken Waffenaufgebot vertreten," bemerkte der Korrespondent der Deutschen Allgemeinen Zeitung, "dass sie vollkommen bis in die Vorstadt hinaus das Straßenbild beherrschten und das Aufkommen einer Gegenbewegung von vornherein keinen Gestaltungsraum hatte finden können."

Bereits eine Stunde vor dem Hakenkreuzrummel (Volksstimme, Magdeburg), kommt es zu einer ersten Konfrontation zwischen Polizei und Demonstranten. "Eine Abteilung Polizeibeamter, die den Auftrag hatte, die für den nationalsozialistischen Rummel freigegebene Rennbahn zu sichern, stiess auf einen 100 Mann starken kommunistischen Zug, der sich jedoch ohne grosse Schwierigkeiten zurückdrängen liess." (Völkische)

Am Volkspark versammeln sich reichlich Kommunisten. Als eine Abteilung von etwa 100 Mann des Bundes der Frontsoldaten vorbeiziehen, kommt es zur Kollision. Einige Kommunisten durchbrechen die Absperrkette und entreissen den Stahlhelmern die Hakenkreuzfahne. Unverzüglich entsteht eine allgemeine Prügelei.

Erheblich ernster war der Zusammenstoss zwischen der Schutzpolizei und den Kommunisten vor den Toren Halles. Die Beschreibungen zur Lageentwicklung konvergieren, weichen aber im Detail etwas voneinander ab. Es könnte sich etwa so zugetragen haben: Kurz vor der Enthüllung des Denkmals drang die Nachricht vom Kampf der Kommunisten mit der Schupo zu den Massen. Das war gegen 1/2 1 Uhr. Die Volksstimme (Magdeburg) nennt es

das Hauptunglück des Tages.

Im südwestlich gelegenen Stadtteil Böllberg / Wörmlitz hatte sich eine Gruppe von Kommunisten gebildet, der etwa 2 000 Mann aus Eisleben, Mansfeld und Leipzig angehörten. Auf Zug in die Stadt stoppte sie die Schupo. Nach Durchführung anderer Sicherungsmassnahmen, wandte sie sich wieder dieser Gruppe zu. Beim Versuch sie zu zerstreuen, fielen seitens der Demonstranten Schüsse. Daraufhin machten die Sicherheitskräfte von der Waffe gebrauch. Aus einem Demonstrationszug mit wenigstens 400 Personen soll dann ein regelrechter Angriff auf die Schutzpolizei erfolgt sein. Ein Panzerauto kam zum Einsatz. Aus den Häusern prasselten Gewehrkugeln hernieder, woraufhin die Schutzpolizei einige von ihnen durchsuchte. Sie tat alles, um das weitere Vordringen der Kommunisten in die Stadt verhindern. So entbrannte ein heftiger Kampf.

Die Schupo war bei den Arbeitern verhasst. Erinnert sei an den Marsch von Weissenfels nach Naumburg vom 21. März 1920. Die zweihundert Schutzpolizei-Beamte der in Weissenfels stationierten Sammelgruppe Halle sollten ihren Standort nach Naumburg verlegen, um dort die Reichs- und Bürgerwehr, die im Prinzip auf Seiten von Kapp-Lüttwitz stand, zu unterstützen. Ausserdem musste das Gefängnis besser gesichert werden. "Nach hartem Kampf, nach Verschuss der Munition und starken Verlusten", heisst es in einem Dokument der Schutzpolizei Naumburg von 1926, gelang es den Arbeitern einen Teil des Gros und der Nachhut abzuschneiden. Der Sipo kostet dies einige Tote und viele Verwundete.

In Halle wurden hunderte Personen verhaftet. Nach Meldungen des Preussischen Pressedienstes vom 12. Mai wurden vier Beamte schwer und einer leicht verletzt. Ein Beamter erlitt Verletzungen durch Messerstiche. Einer erliegt, meldet die Polizei später, seinen Verletzungen. Mindestens sechs Kommunisten, schätzt die Volksstimme (Magdeburg), "blieben auf der Strecke". Die Deutsche Allgemeine Zeitung und das Neue Grazer Tagblatt sahen auf dem Böllberg zehn Tote. Laut Leipziger Volkszeitung kostete den Kommunisten Die Heerschau der Republikfeinde 12 Tote und 20 Verwundete.

Die Berliner Börsen-Zeitung machte sich am am 12. Mai tiefergehende Gedanken über die Ursachen der Zusammenstösse und Kämpfe in Halle, mit dem Ergebnis: "Die kommunistische Parteileitung hat ihr Massen gegen die Polizei gehetzt, weil sie zu ihrer Propaganda Blutopfer braucht."

Zu einer weiteren Konfrontation zwischen Gegen-Demonstranten und Sicherheitskräften kam es in der Engelhardt-Brauerei unweit des Paradeplatzes, wo sich wenigstens 1 000 Kommunisten festgesetzt hatten. Die Polizei räumte das Gebäude. Mehrere Beamte wurden verletzt. Das Salzburger Volksblatt zählt vier Tote Kommunisten.

Polizei und Schutzpolizei nahm viele hundert Demonstranten, die zumeist aus Berlin und Erfurt angereist, in Gewahrsam. Laut "amtlicher Darstellung" wurden insgesamt 450 bis 470 Kommunisten verhaftet, die zum Teil noch vor Mitternacht wieder freigelassen wurden.

Volkspark Halle, 1906 als Vereinshaus der SPD errichtet.
(Alte Ansichtkarte, Hersteller und Fotograf nicht bekannt.)

Parallel zur Parade auf der Rennbahn, hielten etwa 3 000 Kommunisten im Volkspark eine Versammlung ab. Seit der Eröffnung 1901 sah das Haus viele Veranstaltungen und Treffen, aber keine drohte so tief in Gewalt zu versinken wie die heutige. Gegen 11 Uhr vormittags umzingelt den Saalbau ein mit Maschinenpistolen und aufgepflanzten Bajonetten ausgerüstetes Aufgebot der Schutzpolizei. Sie schliessen die Anwesenden im Gebäude ein. Bald brodelt es im Saal. Nach Mitteilung der Volksstimme (Magdeburg) bot man den Kommunisten an, dass Objekt in ganz kleinen Gruppen verlassen zu können, was sie aber ablehnten. Über zwölf Stunden bleiben sie eingeschlossen. Gegen 2 Uhr nachts hebt die Polizei die Sperre auf.

 

Mehr Zucht und die Neuordnung Europas

Einst war Halle eine Hochburg der Kommunisten, erinnert der Lübecker Volksbote einen Tag nach der Einweihung des Moltkedenkmals. "Heute aber ist sie eine Stadt der Reaktion. Die Arbeiterklasse ist durch die fürchterliche Hetze zwischen rechts und links gelähmt und zerrissen." Die Deutsche Allgemeine Zeitung (DAZ), hervorgegangen aus der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung, einst Bismarcks Hauspostille, jetzt in den Händen von Hugo Stinnes, kommentiert: "Halle war seit Beginn der Revolution heisser Boden, hier hat der Bürgerkrieg seine schlimmsten Formen gezeigt, die Wahl hat erst wieder bewiesen, dass hier der kommunistische Agitationsstoff die offensten Ohren findet."

Nun ist interessant zu sehen, wie das monarchistische, völkische und vor allem deutschnationale Bürgertum in Naumburg (Saale) auf den den Deutschen Tag in Halle reagiert. Zwei Tage nach Aufbietung des völkischen Heerbanners präsentiert es in der Stadtzeitung seine Einschätzung:

"Es bedeutet einen besonderen Fortschritt, dass diese symbolische Handlung [der Einweihung des Moltkedenkmals] in Halle, dem Zentrum des kommunistischen Mitteldeutschlands vor sich ging" und versinnbildlicht, "dass Zucht und Ordnung wiedergekehrt sind und dass die Erinnerung an Deutschlands große und stolze Zeit wieder eine Heimstätte auf deutschem Boden hat."

Redaktion, Verlag und Druck des Naumburger Tageblatts befanden sich am Topfmarkt in Naumburg, geleitet von Heinrich Sieling (1870-1944), ab einem bestimmten Zeitpunkt von Paul Sieling (*1903). Ihr Umsatz stieg, als die Bevölkerung von Naumburg zunahm und die Stadt sich nach 1932 wirtschaftlich erholte. Die 1847 gegründete Firma H. Sieling stand der Deutschnationalen Volkspartei nahe und war dann der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei hörig. Am 23. Juni 1942 führte der Kampf gegen den Bolschewismus in Sowjetrussland den hochgeschätzten Betriebsführer, den Verleger des Naumburger Tageblatts und Leiter des Bezirkes Süd-Saale im Reichsverband der Deutschen Zeitungsverlage, den Gefreiten Paul Sieling in den Heldentod.

Er wurde 39 Jahre alt.

 

 

Etappensieg

Antirepublikanern, militant Deutschnationalen, Monarchisten, Völkischen und Nationalsozialisten gelang ein schwerer Schlag gegen die Republik. Trotz Warnungen von maßgeblicher Seite verstand es die Reichs- und Landesregierung nicht, dem mit Rechtsmitteln entgegenzutreten.

Der Deutsche Tag 1924 verlieh der Hakenkreuz-Bewegung in der Region Halle-Merseburg-Naumburg ernorme politische, ideologische und organisatorische Impulse. Er war gut organisiert und ein Etappensieg des Nationalsozialismus von unten. Er vermochte sich allgemein als eine kritische und dem Volk zugewandte Bewegung darzustellen.

 

Ein heftiger Stoss in die Rippen

Den Deutschen Tag 1924 nennt der Vorwärts (SPD, Berlin) einen blutigen Tag und der Lübecker Volksbote (SPD) spricht vom Blutbad in Halle. Für die Berliner Börsen-Zeitung war es Der grosse nationale Tag in Halle. Hingegen klagt der Arbeiterwille aus Graz an: Das Moltke-Denkmal mit dem Blute von zehn Arbeitern eingeweiht. Zweifellos genoss das alldeutsche, national-monarchistische, deutschnationale und völkische gesinnte Bürgertum von Halle die Wiedergutmachung für den Brunnensturz in der Neujahrsnacht 1922/23. Aus der Revanche war eine Heerschau der Republikfeinde (LVZ) und ungeheuere militaristische Orgie geworden, was im Ausland tiefes Misstrauen über die Friedenswilligkeit der Deutschen wecken musste.

Der Deutsche Tag in Halle artikuliert die fehlende und mangelnde Friedenswilligkeit jener Deutschen, die nicht gewillt sind, dass Feindbild 14/18 zu demobilisieren. Sie bringen die schwarz-weiss-roten Fahnen an, Gebärden sich wie die Zukurzgekommenen, organisieren militärische Aufmärsche und halten die Reden über die Wehrhaftmachung. Quer durch alle soziale Gruppen und Klassen vagabundiert die verunstaltete Kriegsschuldfrage, was veheerende Auswirkungen auf die gesellschaftliche Moral zu Frieden und Krieg hatte.

Für die Deutschnationalen, Völkischen und Nationalisten war der Deutsche Tag ein Akt der Willensbildung im Dienst des Wiederaufstiegs der Nation. Die Ruhrkrise, so ihre eigentümliche Denkfigur, hatte jeden den "Fluch der Wehrlosigkeit" (1923) vor Augen geführt. Deshalb galt es jetzt, der deutschen Öffentlichkeit klar zu machen, "dass wir letzten Endes ein Opfer der pazifistischen Propaganda sind". Daraus folgt die Selbstermächtigung, diese internationale Ideenverseuchung auszurotten.

Max Benkwitz,geboren 1889 in Groitschen / Thüringen. Former, 1909 Mitglied der Gewerkschaft, 1912 SPD, 1917 USPD, 1920 KPD. Wohnort Zeitz. Beteiligung am Bergarbeiterstreik 1923. 1924 KPD Abgeordneter Reichstag, Leiter Rotfrontkämpferbund, 1928 Provinziallandtag Halle-Merseburg, 1933 illegale Arbeit. Verhaftung. Viele Jahre im KZ. 1945 Leiter KPD / SED Zeitz, 50er Jahre Abteilungsleiter beim Rat der Stadt Halle. Gestorben 1972.

Daran mitzuwirken, widerstrebte kritischen Bürgern mit demokratischen Einschlag, naturgemäss speziell den Sozialdemokraten, Anarchisten, Friedensbewegten, Freidenkern, Naturfreunden, aber auch sozialistisch und kommunistisch denkenden Menschen. In Halle erhielten die Uneinsichtigen, nicht nur im übertragenen Sinne gesprochen, einen heftigen Stoss in die Rippen. "So gab der 11. Mai 1924 den Anlass", erzählt KPD-Mitglied Max Benkwitz, geboren 1889, wohnhaft Zeitz, "eine organisatorische Kraft zu schaffen, die in der Lage war, den Bürgerkriegsgarden des Monopolkapitals mit aller Entschlossenheit entgegenzutreten. Im Frühsommer 1924 bildeten sich im Bezirk Halle-Merseburg und Thüringen die ersten Gruppen des roten Frontkämpferbundes." Jetzt gilt, schliesst der Lübecker Volksbote (SPD) seinen Bericht über das Blutbad in Halle:

"Kampf bis aufs Messer der Reaktion! Kampf bis aufs Messer den Machtansprüchen des Kapitalismus! Kampf bis aufs Messer der militaristischen und völkisch-nationalistischen Hetze!"

 

 

Abkürzungen

DAZ - Deutsche Allgemeine Zeitung

LVZ - Leipziger Volkszeitung

VSM - Volksstimme, Magdeburg

 

Benkwitz, Max: Bevor unsere Republik entstand. Erinnerungen. Zur Geschichte der Arbeiterbewegung im Bezirk Halle. Biographie und Erinnerungen. Heft 5. Herausgegeben von der Kommission zur Erforschung der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung bei der Bezirksleitung Halle der SED, Halle 1972, besonders Seite 32

Bisher zehn Tote. "Volksstimme. Tageszeitung der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei". Magdeburg, Dienstag, den 13. Mai 1924

Blutige Moltkefeier in Halle. "Die Neue Zeitung. Unabhängiges Tagblatt". Wien, den 12. Mai 1924

Blutiger Zusammenstoß in Halle. "Der oberschlesische Wanderer." Verlagsort Gleiwitz, Montag, den 12. Mai 1924

Blutiger Sonntag in Halle. "Vossische Zeitung. Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen." Berlin, den 12. Mai 1924

Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal - ein vergessener Monumentalbau. Die Geschichte eines Denkmals in drei Epochen deutscher Geschichte 1901- 1947. Schülerakademie Geschichte "Denkmal: Geschichte" der Frankeschen Stiftungen zu Halle.

Das Moltke-Denkmal mit dem Blute von zehn Arbeitern eingeweiht. "Arbeiterwille. Organ des arbeitenden Volkes für Steiermark und Kärnten". Graz, den 13. Mai 1924

Der Moltke-Tag in Halle. "Deutsche Allgemeine Zeitung. Tägliche Rundschau". [Kurz: DAZ]. Berlin, Montag, den 12. Mai 1924

Der grosse nationale Tag in Halle. Die Störungsaktionen der Kommunisten. 5 Tote und zahlreiche Verletzte. "Berliner Börsen-Zeitung", Montag, den 12. Mai 1924

Der "Deutsche Tag " in Halle. "Berliner Tageblatt und Handelszeitung. Abendausgabe". Berlin, Montag, den 12. Mai 1924

Der deutsche Tag in Halle. "Jenaer Volksblatt. Zeitung der deutschen demokratischen Partei". Jena, Dienstag, den 12. Mai 1924

Der deutsche Tag in Halle. "Salzburger Volksblatt", Salzburg, den 12. Mai 1924

Der Fluch der Wehrlosigkeit. "Naumburger Tageblatt". Naumburg, den 13. April 1923

Der grosse nationale Tag in Halle. Die Störungsaktionen der Kommunisten. 5 Tote und zahlreiche Verletzte. "Berliner Börsen-Zeitung". Berlin, den 12. Mai 1924

Der Sonntag in Halle. Eine Erklärung des Reichsministers des Inneren. "Vossische Zeitung. Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen." Morgen-Ausgabe, Berlin, den 13. Mai 1924

Deutscher Tag in Halle. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, Montag, den 12. Mai 1924

(Deutscher Tag) Wer ist verantwortlich. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, Dienstag, den 13. Mai 1924

Die blutige Denkmalsweihe in Halle. "Berliner Volks-Zeitung". Berlin, Montag, den 12. Mai 1924

Die Denkmalseinweihung in Halle. "Neues Grazer Tagblatt. Abendausgabe". Graz, den 12. Mai 1924

Die Heerschau der Republikfeinde. "Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten werktätigen Volkes". Leipzig, den 12. Mai 1924

Die Kommunisten im Saale eingeschlossen. (Unterabschnitt in "Strassenkämpfe in Halle"). "Volksstimme. Tageszeitung der Vereinigten sozialdemokratischen Partei." Magdeburg, Dienstag, den 13. Mai 2014

Die Sprengattentate in Halle. "Salzburger Volksblatt", Salzburg, den 10. Januar 1923

Duesterberg, Oberstleutnant a.D.: Rede am 11. Mai 1924 zur Einweihung des Moltke-Denkmals zum Deutschen Tag in Halle. Zitiert nach: Der "Deutsche Tag". "Deutsche Allgemeine Zeitung. Tägliche Rundschau." Ausgabe Gross-Berlin, 13. Mai 1924, Seite 1

Duesterberg, Oberstleutnant a.D.: Festrede (auf dem Deutschen Tag in Halle am 11. Mai 1924). Der Moltke-Tag in Halle. "Deutsche Allgemeine Zeitung. Tägliche Rundschau". [Kurz: DAZ]. Berlin, Montag, den 12. Mai 1924

Ein Jena der Republik. Der Schwarze Sonntag in Halle. (Von unserem Sonderberichterstatter). "Berliner Volks-Zeitung. Abendausgabe". Berlin, Montag, den 12. Mai 1924

Eine amtliche Darstellung der Zusammenstösse in Halle. "Berliner Volks-Zeitung". Berlin, Montag, den 12. Mai 1924

Einst und Jetzt. "Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten werktätigen Volkes". Leipzig, den 12. Mai 1924

Flugblatt der KPD gegen den Deutschen Tag in Halle und gegen die SPD-Politik. Originaltitel: "An die Arbeiter! An die SPD.-Arbeiter! An die Schupo!" Herausgeber: Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), Friedrichstadt-Druckerei. Berlin, den 11. Mai 1924. Online Website Deutsche Historisches Museum (Berlin), Objektdatenbank: https://www.dhm.de/datenbank/dhm?seite=5&fld_0=D2004496

Graff, Sigmund: Gründung und Entwicklung des Bundes. In: Seldte, Franz (Herausgeber): Der Stahlhelm. Erinnerungen und Bilder aus dem Jahre 1918-1933. Band 1. Stahlhelm-Verlag GmbH Berlin 1934, Seite 19 bis 107

Harrison, Ted: "Alter Kämpfer" im Widerstand. Graf Helldorff. Die NS-Bewegung und die Opposition gegen Hitler. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart, 45 (1997) 3, Seite 385 bis 423

Heidenreich [, Robert]: Über "Das wahre Gesicht der Demokratischen Partei". "Naumburger Tageblatt. 1. Beilage zu Nummer 287. des Naumburger Tageblatts". Naumburg, den 6. Dezember 1924

Kügler, Tobias: Vom Kaiserdenkmal zum "Fahnenmonument" der Oktoberrevolution: Der Hansering als Ort der politischen Erinnerungskultur (1901-1967). In: Jahrbuch für hallische Stadtgeschichte. Herausgegeben in Verbindung mit dem Verein für Hallische Stadtgeschichte e.V. von der Stadt Halle (Saale), 2004, Seite 77ff.

Kurzer Abriss über den Aufbau, die Tätigkeit und die Auflösung der Schutzpolizei. Naumburg an der Saale. 1926 [Ein Dokument der Schutzpolizei.]

Ludendorff herrscht in Halle. "Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands". Berlin, den 12. Mai 1924

Nachwehen des Deutschen Tages. "Vossische Zeitung. Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen." Berlin, den 13. Mai 1924

[Sieling, Todesanzeige] Zeitungsverleger Paul Sieling. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 9. Juli 1942

Studiengruppe Naturalismus. Studiengruppe "Naturalismus, völkische Subkulturen, Ethik und Politik seit 1900 / Ludendorff-Bewegung". Einhunderttausend Deutsche auf dem "Deutschen Tag" in Halle, Mai 1924. http://studiengruppe.blogspot.de/

Strassenkämpfe in Halle. "Volksstimme. Tageszeitung der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei". Magdeburg, Dienstag, den 13. Mai 1924

Todesopfer in Halle. Kämpfe zwischen Kommunisten und Polizei. "Prager Tagblatt". Prag, den 13. Mai 1924

[Versammlung] Nationalistendemonstration in Halle. "Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands", Berlin, den 8. Januar 1923

Völkische Provokationen. (Unterabschnitt in "Strassenkämpfe in Halle"). "Volksstimme. Tageszeitung der Vereinigten sozialdemokratischen Partei." Magdeburg, Dienstag, den 13. Mai 1924

10 Tote bei den Kommunisten. "Neues Grazer Tagblatt. Abendausgabe". Graz, den 12. Mai 1924

Zweierlei Mass. (Unterabschnitt in "Strassenkämpfe in Halle"). "Volksstimme. Tageszeitung der Vereinigten sozialdemokratischen Partei." Magdeburg, den 13. Mai 1924

 

Bildnachweis

Moltke-Denkmal, 11. Mai 1924, "Deutscher Tag". Einweihung. Bundesarchiv, Bild 102-00400 / CC-BY-SA

Vorbeimarsch an der Tribüne. Deutsche Tag in Halle, 11. Mai 1924
Bundesarchiv, Bild 102-00403 / CC-BY-SA 3.0

Aufstellung der Generalität. Deutsche Tag in Halle, 11. Mai 1924
Namensnennung: Bundesarchiv, Bild 102-00399 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0

Autor: Detlef Belau

6. Juni 2010