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Ruhrkrise
und die Wahlen 1924/25

 

Ende Oktober 1922 müssen die meisten Bürger der Stadt die öffentliche Brotversorgung in Anspruch nehmen. Die Marken dafür teilt ein Büro in der Reichskrone aus. Ausgenommen sind Alleinstehende und Haushaltsvorstände mit einem steuerlichen Jahreseinkommen (1921) von über 30 000 Mark. Bei letzterer Gruppe werden für jede im Haushalt zu verpflegende Person zuzüglich 15 000 Mark berücksichtigt.

Für die Instandsetzung und Neuausstattung des Rathauses gibt die Stadtverwaltung im Sommer 1922 zu viel Geld aus. In Arbeiterkreisen schimpft man über die Verschwendungssucht. Für den Innenausbau sind 800 000 Mark bewilligt. Am 7. Juli 1922 beschliesst die Stadtverordnetensitzung weitere 80 000 Mark zuzuschiessen. Insgesamt summiert sich die Nachbewilligung für den Um- und Ausbau des Rathauses bereits auf 600 000 Mark. Man hat den Eindruck, als ob die Stadt in Geld schwimmt, äussern einige Stadtverordnete.

Walter Hege [1, 2] zeigt im Januar 1923 auf Volksschulabenden zum Thema Beseelte Steine mit Lichtbildern die Schönheiten des Naumburger Doms. Im Sommer 1924 organisiert er zusammen mit dem Pädagogen und Sozialdemokraten Alfred Reichwein (1898-1944) die Naumburgwoche, um die mittelalterliche Baukunst den interessierten Bürgern näherzubringen. Umsonst. Es gehen zu wenige Anmeldungen ein.

Ein schwerer Hagel sucht am 5. Mai 1923 die Region heim. Im August wird unter idealen Wetterbedingungen die Ernte eingebracht. Am 21. August rollt das Radrennen Rund um Naumburg.

Gegenüber den drei Kasernen in Weissenfelserstrasse 57 befinden sich die Gebäude des ehemaligen Artillerie-Depots. Anfang Mai 1924 erwerben die Autowerke Peter und Moritz die etwa 100 Meter langen und 18 Meter breiten Wagenhäuser.

In Naumburg, Burg, Erfurt, Eisenach, Mühlhausen, Stendal und Schleusingen treten die Bauarbeiter in den Streik. Am 17. April 1924 wird er beendet. Als Stundenlohn vereinbarte man bei Verhandlungen in Halle für die Provinz Sachsen und Anhalt 60 Pfennig. Die Reichskrone ist in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, was einer kleinen Mitteilung, die zugleich etwas über die politische Stimmung in der Stadt verrät, zu entnehmen ist:

"Herr [Kaufmann Friedrich] Hagemann - Decksoffizier a. D.- verhandelt wegen Verkaufs der Schaubühne mit Ausländern. (Tzschecho-Slowaken!)"

Ab 9. Juli 1924 verkehrt erstmals neunmal am Tag der Omnibus auf der Personen-Kraftwagen-Verkehrs-Linie Naumburg - Bad Kösen - Saaleck. Die Fahrzeit beträgt vierzig Minuten.

In diesem Jahr zählt man in der Stadt Naumburg 29.375 Einwohner. Bis 1933 wird sie noch um 7 Prozent anwachsen.

 

Ruhrkrise

Ab Mitte Januar 1923 steht das politische Naumburg im Zeichen der Ruhrkrise. Französische und belgische Truppen besetzen am 11. Januar 1923 das Ruhrgebiet. Die Franzosen sichern sich damit 72 Prozent der Steinkohleförderung, 54 Prozent der Roheisenherstellung und 53 Prozent der Rohstahlproduktion ihrer deutschen Konkurrenten. Die Kohlezechendirektoren, darunter Fritz Thyssen und Generaldirektor Tengelmann, werden von ihnen gefangen genommen und vor ein Kriegsgericht gestellt.

"Französische Eisenbahner im Ruhrgebiet.
(Zeichnung von E[duard]  Thöny [1866-1950]"
"Ein Glück, dass wir zum Zerstören hier sind, und nicht zum Organisieren!" Aus: Simplicissimus. 27. Jahrgang, Nummer 47, München, den 19. Februar 1923, Seite 656

Den politischen Hintergrund für die Ruhrbesetzung bildet das Scheitern der Verhandlungen über den Aufbau eines lothringisch-rheinisch-westfälischen Montantrusts. Mehr Anlass als Ursache waren hingegen die Rückstände der Cuno-Regierung bei der Zahlung der Reparationsleistungen mit 2 Millionen Tonnen Kohle und Koks, 130 000 Telegrafenstangen und 20 000 Raummeter Holz.

Gegen die Besetzung kommt es zu scharfen öffentlichen Protesten.

Aus einigen Städten der Sowjetunion hört man von Solidaritätskundgebungen. Das Zentralrussische Exekutivkomitee protestiert gegen die „Vergewaltigung der Selbstbestimmung des deutschen Volkes“. Das Rheingebiet erhält Getreide und Geldspenden.

Die deutsche Regierung fordert zum passiven Widerstand gegenüber den Besatzern auf. Reichswehr und andere organisierte Gruppen führen mit Sprengstoffanschlägen einen begrenzten Krieg gegen die Besatzer. Es kommt zu Demonstrationen und gewaltsamen Auseinandersetzungen. In Essen schiessen die Franzosen am 13. April 1923 mit Maschinengewehren auf die Arbeiter. 48 Todesopfer sind zu beklagen.

 

Reaktionen in Naumburg

Ein

"Rechtsbruch des Westens"

sei die Ruhrbesetzung, formuliert am 13. Januar 1923 Vorsteher Oberlandesgerichtsrat Alfred Cludius (Luisenstraße 5) den mehrheitsfähigen Standpunkt der Stadtverordnetensitzung. Das Naumburger Tageblatt veröffentlicht die Solidaritätsspenden der Bevölkerung. Auf dem Markt findet

am 18. Januar 1923

unter dem Motto:

„Keiner, der sein Vaterland lieb hat
und abkommen kann, darf fehlen!“

eine Protestkundgebung statt.

Die Ruhrkrise greift tief in den Alltag der Bürger ein. Aufgrund der „Gewaltmaßnahmen der Gegner“ wird ein Verbot aller „Tanzlustbarkeiten“ erlassen. Übertretungen ahndet das Polizeistrafgesetzbuch. 11 Uhr abends beginnt die Polizeistunde.

Das Naumburger Gewerkschaftskartell lädt für den

18. Januar 1923
zur Volksversammlung in den Ratskeller

ein. In der Diskussion fordert Kaufmann Friedrich Hagemann (Jägerplatz 69) vom Bürger-Wirtschaftsblock die Arbeiterschaft auf, einen nationalen Standpunkt einzunehmen. Und ein Justizsekretär setzt noch drauf: "Stinnes ist ein Mann von deutscher Art." Dies, so stellt sich bald heraus, teilt die Mehrheit der Arbeiter nicht, weshalb unter dem Aufruf die Unterschrift von SPD, KPD und dem örtlichen Gewerkschaftskartell fehlt. Sie begreifen, wie in der Volksversammlung am 18. Januar deutlich wird, den Konflikt als Ausdruck der Konkurrenz zwischen den deutschen und französischen Großindustriellen. Für sie bedeutet die Ruhrkrise eine zunehmende Kriegsgefahr.

"Wie der letzte Krieg verloren wurde, so könne auch ein neuer nichts Gutes bringen",

war ihre Meinung.

Zum Ende der Versammlung trägt Walter Fieker (KPD) noch eine Entschließung vor. Sie verurteilt die Gewaltbereitschaft der Franzosen und überbringt den Kommunisten in Frankreich die besten Kampfesgrüsse. Wie kaum anders zu erwarten, lehnen dies die meisten Teilnehmer ab.

"Deutsche und französische Besetzung
(Zeichnungen von Wilhelm Schulz [1865-1952])"
"(1923). General Laignelot in Recklinghausen: "Die Bevölkerung ist uns vollständig gleichgültig. Wenn sie sich nicht meinen Willen beugt, dann werde ich zu immer schärferen Massregeln greifen, bis sie mir aus der Hand frisst." Aus: Simplicissimus. 27. Jahrgang, Nummer 49, München, den 5. März 1923, Seite 885

Kein Nationalstandpunkt, wohl aber Propaganda für die Kommunistische Partei mit Redner Altemann aus Halle, äussert drei Tage später das Naumburger Tageblatt dazu seine Meinung. Ganz so war es nicht. Immerhin hatte eine nicht unerhebliche Zahl der Bürger den Willen zur friedlichen Beilegung des Konflikts und zum Abbau der Feindseligkeiten gegenüber Frankreich bekundet. Das war mit der Revisionspolitik nicht vereinbar und machte die politischen Gegensätze in der Stadtgesellschaft sichtbar.

Erfreulich war, dass auf dieser Volksversammlung Bürger aus allen sozialen Schichten und Klassen der Stadtgesellschaft in einen Dialog traten. Eine politische Kultur, die sich bald verflüchtigt.

Die kleine politische Initiative der Linken kontert die Ortsgruppe der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) mit einer Einladung an den Reichstagsabgeordneten Professor Martin Spahn (1875-1945). Er unterzeichnete am 4. Oktober 1914 den Aufruf An die Kulturwelt, der jede Kriegsschuld Deutschlands leugnete und wieder aller Tatsachen behauptete: "Es ist nicht wahr, daß wir freventlich die Neutralität Belgiens verletzt haben." 1921 wechselte er von der Zentrumspartei zur Deutschnationalen Partei. Oberlandesgerichtsrat Doktor Fritze eröffnet

am 22. Januar 1923

im Ratskellersaal die Versammlung. Der "Vorkämpfer des nationalen Gedankens" erhält das Wort. Ihm ist, als ob die Zeit, spricht der Professor für Geschichte an der Universität Köln (1920-1940), des Erfüllens und Zurückweichens vorbei ist. Die alte Feindschaft zu Frankreich lebt wieder auf. Denn:

"Wir müssen darauf gefasst sein, dass der Franzose noch weiter und tiefer ins Land einfallen wird, wir müssen darauf gefasst sein, dass er seine Truppen vorwärts führen wird, auch von der Ostseite her, wo der Pole und Tscheche schon auf der Lauer liegt."

Erneut entsteht mit der politischen Konstitution einer

gefahrvollen Mittellage von Deutschland

in Europa ein Angst- und Bedrohungsgefühl. Geschickt formatiert es der Referent zu einem neuen historischen Optimismus, aus dem das Bewusstsein von Siegen und Heldentaten aufsteigt. Was für eine vortreffliche politisch-moralische Zuarbeit für die Revisionspolitik! Von diesen Ambitionen getrieben, betreibt Martin Spahn dann Weltpolitik, erörtert das Wiedererstarken der Türkei, den bolschewistischen Umbruch (1917), die europäischen Interessen Frankreichs, die Erschliessung des deutschen Absatzmarktes durch die Amerikaner, um dann den politischen Lehrsatz zu formulieren:

"Wir Deutschen stehen jetzt in der Welt allein."

Was hilft da noch? Ein Wille, ein "neuer Hauch von Kampfwissen, der uns mächtig macht und Widerstand gibt". Und deshalb, schliesst der Referent, stehen wir hinter der Regierung Cuno.

 

Am 23. Januar 1923 eröffnet Oberlandesgerichtsrat Alfred Cludius (Luisenstraße 5) die Stadtverordnetensitzung mit einem Protest

„gegen den schweren Rechtsbruch
der Feinde im Westen“.

Den Tag darauf erscheint in der Presse der

Aufruf an alle Bewohner Naumburg Stadt
und Land zur Sammlung der Ruhrhilfe!

"Der kriegerische Einbruch französischer und belgischer Truppen in das friedliche, ungeschützte deutsche Arbeitszentrum trifft unser ganzes Volk. Gegenwehr erfordert Opfer von jedermann. Rücksichtslose Requisitionen steigern, die Knappschaft der Lebensmittel zu bitterster Not. .... Nur wirklich reichlich Gaben können wirksam helfen." - Die Erklärung unterzeichneten der Allgemeine Arbeitergeberverband (Siebold), Richterbund Naumburg (Kosok), Naumburger Anwaltsverein, Naumburger Ärzteverein (Grüneisen), Verein der Oberlandesgerichtsanwälte, Gewerkschaftsbund der Angestellten (Wirth), Naumburger Beamtenbund (Meyerhoff, Ortskartell), Arbeitgeberverband der Kammindustrie (Müller), Land- und fortwirtschaftlicher Arbeitgeberverband Naumburg-Camburg (Tippe), Landrat (von Deines) und Oberbürgermeister (Dietrich).

Steinweg (2006)

Die Stadtverordnetensitzung am

6. März 1923

dominieren zwei Themen: Die Arbeitslosenfrage und die Ruhr-Hilfe. Ausserdem wird Friedrich Blüthgen (Lützowstraße 17) als Ersatz für Ernst Heinrich Bethge in die SPD-Fraktion eingeführt.

Die Stadt will sich laut einer Vorlage an der Ruhrhilfe mit einer Million Reichsmark beteiligen. Ein Stadtverordneter sieht darin eine Möglichkeit, etwas gegen die Erwerbslosigkeit zu tun. Denn wenn das dort schiefgehe, so argumentiert er, wächst die Beschäftigungslosigkeit in ganz Deutschland.

Otto Grunert (Steinweg 14) von der SPD wendet sich gegen die chauvinistische Art und Weise wie die Rechtsparteien die Ruhrhilfe betreiben. Er unterstützt zwar die Vorlage, hält jedoch dagegen:

„… die Arbeiter wollten nicht für den deutschen Kapitalisten die Kastanien aus dem Feuer holen.“

Seine Parteifreunde schließen sich diesem Standpunkt an.

Stadtverordneter Bley meint hingegen, dass die eine Million vor Ort bleiben müsse. Dieses Geld muß für die Arbeitslosen in Naumburg eingesetzt werden, fordert der KPD-Abgeordnete.

Es ist deutlich zu spüren, dass während der Ruhrkrise der militante Nationalismus in Naumburg erstarkt und sich verfestigt. "In der [Wahlver-] Versammlung der Nationalsozialisten", heisst es in einem öffentlichen Bericht vom 2. Dezember 1924, "ist wohl jeder gepackt worden von dem Sehnen nach nationaler Einheit und Freiheit."

 

Politische Krise

Wilhelm Cuno (1876-1933) war  am 14. November 1922 ohne vorherige Wahl durch den Reichspräsidenten der Republik zum Reichskanzler ernannt worden. Die Ruhrkrise zerrüttet endgültig die Währung. Es beginnt die Zeit der Hyperinflation oder der galoppierenden Inflation. Streiks greifen um sich. Der ehemalige HAPAG-Direktor tritt am 12. August 1923 als Reichskanzler zurück. Tags darauf führt Gustav Stresemann (1879-1929) die Regierung. Bei den nächsten Wahlen macht die DVP Reklame, sie hat Ordnung nach Sachsen und Thüringen gebracht, den Beginn für die Freiheit an Ruhr und Rhein gelegt. Zunäst setzt die Koalition von DVP, SPD, Zentrum und DDP den Kurs des Widerstandes gegen die Franzosen fort, bis alle grosse Parteien, ausser der DNVP, am 24. September 1923 den Vorschlag über die Beendigung des passiven Widerstands im Rheinland zustimmen.

Mit Einführung der Rentenmark am 15. November
1923 gelingt der Reichsregierung die Stabilisierung der Währung.

Am 3. Oktober tritt die Regierung zurück. Reichspräsident Friedrich Ebert betraut Stresemann erneut mit der Regierungsbildung. Am 23. November 1923 verliert er im Reichstag die Abstimmung über die Vertrauensfrage, welche die SPD aufgrund des unterschiedlichen Verhaltens der Reichsregierung gegenüber Bayern und Sachsen beantragt hatte.

 

 

Die Wahlen zum
Reichstag und der Preußischen Gemeinderäte
am 4. Mai 1924

Den Kampf um die Reichstagswahlen am 4. Mai 1924 charakterisierte Hugo Heimann (1859-1950) als durch die Aufwertungsfrage bestimmt. Im Jahr zuvor entwertete die Hyperinflation die Sparguthaben und Geldanlagen. Gläubiger fielen oft in Armut und verfluchten das Unrecht, das ihnen wiederfahren. Hingegen erfreuten sich die Schuldner und Sachwertbesitzer nicht selten eines kolossalen Vermögenszuwachses. Viele der Geschädigten hofften auf eine Korrektur, weshalb allein die Losung "volle Aufwertung" die Emotionen hochschwappen liess. Es begann, was Gustav Winter den Schlusskampf mit der Reichsbank nennt.

In diesem Moment läft Georg Wilhelm Schiele (Naumburg) lädt im März 1924 (11) zur Probeverkostung des deutschnationalen Denkens ein:

"Also liebe Deutsche Arbeiterschaft und Industrie - ruhig Blut, zähe Arbeit, niedrige Löhne, niedrige Preise, und - Durchhalten, wie im Schützengraben ...."

Die Deutsche Demokratische Partei (DDP) warb mit dem Spruch: Die Hausfrau endlich wieder lacht, / Wer hat Befreiung ihr gebracht / Von Geld und Lebensmitteljagd? / Die Rentenmark von unserm Schacht! [1234] 3,2 Prozent der Wähler unterstützen dies am 4. Mai mit ihrer Stimme. In Naumburg sind es ein paar Zehntel mehr.

Eigentümlicherweise mieden die Wahlkämpfer der Parteiene in Naumburg das Thema Hyperinflation, Aufwertung und Geldpolitik allzu gern. Gekonnte Ausweichmanöver vermengten sich bei arrivierten Politikern mit dem oft beklagten Hang zur Bequemlichkeit. In Anbetracht der sozialen und ökonomischen Lage, kann man darin ein weiteres Zeichen für die tief gestörte Beziehung zwischen Bürgern und Parteien sehen.

Im Rückblick auf die Wahlen zum Reichstag und der Preußischen Gemeinderäte am 4. Mai 1924 entsteht der Eindruck, dass die Annahme der Sachverständigenvorschläge durch die Reparationskommission am 17. April 1924 in Paris, was tags darauf der Vorwärts (SPD) als

"vielleicht das größte politische Ereignis
seit dem Friedensschluss"

kommentierte, den Parteien nicht ungelegen kam. Denn die finanziellen, sozialen, wirtschaftlichen und moralischen Folgen der Hyperinflation waren längst nicht austherapiert. Millionen litten unter schweren sozialen Blessuren, die ihnen die Geldentwertung und -politik zugefügt hatte. So konnte eine "öffentliche Debatte" über die Sachverständigenvorschläge gut von den materiell-finanziellen Sorgen - die den Bürger plagten - ablenken. Natürlich ist die Haltung der Parteien zum Beschluss der Reparationskommission vom 17. April 1924 unterschiedlich. SPD und bürgerliche Mittelparteien wollen in kürzester Frist die Gesetze und Verordnungen herausbringen, um den neuen Mechanismus der Reparationszahlungen in Gang zu setzen. Hingegen wüteten Völkische, Kommunisten und Deutschnationale gegen Aussenminister Stresemann und das Kabinett Marx I (30. November 1923 bis 26. Mai 1924).

Wenn aufgrund der Wahlergebnisse eine neue Regierung zustande kommt, die das von den Vorgängern gegebene Wort nicht hält, warnt eindringlich der bereits oben zitierte Vorwärts (SPD), wird ein neuer Sturm gegen das Deutsche Reich losbrechen. Daher ist es ein Verbrechen am deutschen Volke, unter solchen Umständen für Parteien zu stimmen, die die angebahnte Verständigung zerschlagen. Aber dies hatten wohl nur wenige gelesen. Mit einem Prozentpunkt Vorsprung vor der DNVP, nämlich mit 20,5 Prozent gewinnt die SPD die Reichstagswahlen. 1920 waren es immerhin 1,4 Prozent mehr.

Doktor Oskar Hergt versicherte dem Wahlvolk, dass er bei Regierungseintritt die Erfüllungspolitik beendet.

Der Vorsitzende der Deutschnationalen Volkspartei (1918-1924) wurde am 22. Oktober 1869 in Naumburg (Saale) als Sohn von Frau Klara Hergt, Mädchenname "Teichgräber", und Kaufmann Gustav Hergt geboren. Nach dem Domgymnasium studiert er Rechtswissenschaften in München, Würzburg und Berlin. Anschliessend ging es zügig der Karriereleiter hinauf: Gerichtsreferendar, Assessor, Amtsrichter, Verwaltungsbeamter im preussischen Finanzministerium, Geheimer Finanzrat, Geheimer Oberfinanzrat und 1917/18 preußischer Finanzminister. Schon öfter erregte seine politische Lage-Beurteilung allgemeine Aufmerksamkeit. Zum Beispiel als er am 16. Januar 1918 im Preussischen Abgeordnetenhaus ausklingelte:

"Da wird von der amerikanischen Gefahr geredet. Meine Herren, beruhigen' Sie sich: die Amerikaner können nicht fliegen und nicht schwimmen. Sie werden nie über das große Wasser kommen."

Es war nur so, die Amerikaner waren bereits im Juni 1917 mit mehr als 10 000 Soldaten in Frankreich angelandet. "Hergt war, seit er dieses grosse Wort gelassen ausgesprochen hatte, der Liebling der Rechten." (Fischart)

1922 kommt Hergt mit einen angeblich für subversive Zwecke gebildeten geheimen DNVP-Fonds zur Vorbereitung eines Aufstandes der radikalen Rechten ins Gerede (Heydeloff 1984, 385). Im Wahlkampf macht der Jurist gerne deutschvölkische Avancen und angelt mit fremdenfeindlichen Sprüchen nach Stimmen. Nach der Inflation versprach er den Rentnern eine Aufwertung der Altersbezüge. Als Reichsjustizminister (1927/1928) besann er sich nicht mehr dran.

Was war von seinem Versprechen zu halten, die Erfüllungspolitik zu beenden? Was kommt diesmal? Im Wahlkampf wurde wohl keine völkische und deutschnationale Rede gehalten, beobachtete Hugo Heimann (1926, 12, 26), in denen den gespannt aufhorchenden Massen nicht die weitestgehenden Versprechungen gemacht, ja, "volle Aufwertung" zugesichert wurde. Speziell die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) erklärte, dass sie am Tage der Machtübernahme weitergehende Aufwertungsentwürfe einbringen würde. In den ersten Märztagen 1924 stellte sie sogar den Antrag die Steuernotverordnung zum 31. März aufzuheben. Im Regierungs-Programm äusserte die DNVP den Willen, zur Erfüllungspolitik eine Verständigung zu erreichen. Als die Wahl vorbei, überlegte es sich Hergt noch mal. Nun hiess es, was wir den Bürgern vor der Wahl sagten, darf nicht ernst genommen werden. Dies nimmt am 8. August 1924 die Volksstimme (Magdeburg) zum Anlass, um den Leser auseinanderzusetzen:

Hergt garantiert ein Zweites Versailles.

Der Reichstag stimmt am 29. August 1924 mehrheitlich für die Annahme des Dawes-Plans an. Auch etwa die Hälfte der DNVP-Fraktion stimmt zu. Oskar Hergt tritt am 23. Oktober 1924 Parteivorsitzender zurück.

 

Wähler entscheidet Euch!
Stinnesdiktatur oder Diktatur des Proletariats?.
KPD-
Werbung zur Reichstagswahl Mai 1924.
Plakat etwa 71,8 mal 92,6 Zentimeter. Friedrichstadt-Druckerei, Berlin. Als Autor kommt nach Helmut F. Pfanner (2008, 41) Karl Jacob Hirsch (1892-1952) in Frage.
Das Plakat durfte meines Wissens nicht öffentlich angebracht werden.

Links im Hintergrund steht der bösartig wirkende Kapitalist Hugo Stinnes. Wer das zu decodieren wusste, konnte darin die Anklage gegen die Geldpolitik à la 3. Steuernotverordnung vom 14. Februar 1923 zugunsten des Grosskapitals erkennen. Links vor dem bedrohlichen Schwarzen Mann, ist Hans von Seeckt zu sehen. Als Inhaber der Exekutivgewalt zur Sicherung des Reiches gegen innere Unruhen vom 8. November 1923 bis 28. Februar 1924 erliess er am 23. November 1923 ein reichsweites Verbot von NSDAP, DVFP und KPD. Rechts neben ihm Wilhelm Groener, eine Anspielung auf den Ebert-Groener-Pakt 1919. Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) leckt ihre Stiefel. An den Beinen der Generäle reckt freudig Gustav von Kahr (BVP) die Arme in die Höhe.

Auf der rechten Bildseite eine Gruppe bewaffneter Arbeiter. Sie wirkt nicht angriffslustig, strahlt aber Selbstbewusstsein aus und suggeriert, dass militärische Gewalt in politische Kraft, sprich Fortschritt, übersetzt werden kann. Wenn die Revolution die Ausbeutung und Unterdrückung abschafft, lehrt die Parabel von Bertolt Brechts Die Maßnahme (1930), ist Gewalt - ein letztes Mal? - gerechtfertigt. In dieser (Geschichts-) Perspektive ist der Tod des Feindes nicht nur im Krieg gerechtfertigt.

Und was machen die Kommunisten? Sie beteten schon manchmal die Revolution herbei. Doch diesmal ist die soziale, politische und vor allem währungspolitische Lage wirklich prekär. Hugo Stinnes (DVP), auf dem Plakat Wähler entscheidet Euch! in, übergrosser, furchterrender Pose dargestellt, wendet sich am 9. November 1922 vor dem Reichswirtschaftsrat entschieden gegen den Versuch der Stabilisierung der Mark. Die Herausgabe der Goldschatzanweisung, wie es das Wirth-Kabinett am 10. November 1922 beschliesst, hält der Grossindustrielle für nutzlos und schädlich. Die Lösung sieht er im Aufschub aller Leistungen an die Entente und die Einführung des Zehn-Stunden-Tages. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass die geldpolitischen Interessen der grossen Sachwertbesitzer eine existentielle Gefahr für die Stabilität der Gesellschaft darstellten. Insoweit ist es nicht ohne Realitätssinn, wenn die KPD 1924 im Wahlkampf das Grosskapital als Bedrohung vorführt. Das sieht die SPD ähnlich. Im Vorwärts (Berlin) vom 10. November 1922 wirft sie Hugo Stinnes vor: "Er will unter keinen Umständen eine Stabilisierung der Mark ...." Um so mehr verwundert es, dass die KPD-Naumburg die Folgen der Hyperinflation und unsozialen Geldpolitik nicht in den Mittelpunkt des Wahlkampfes stellt. Sie konzentriert sich, oder sollte man besser sagen "beschränkt sich", um eine Wählerentscheidung zu ihren Gunsten herbeizuführen, auf das Klassenkampfthema und den Widerstand gegen Rechts(-extrem). Warum konzentrierte sich die KPD darauf? Es ist doch so, die meisten historischen Ereignisse können, wenn überhaupt, meist nur mit Schwierigkeiten und hohen Aufwand rekonstruiert werden. An diese Situation gewöhnt, übersieht man dann gelegentlich die einfachste Antwort: Mittellos, Arm waren sie, die Kommunisten. Vor der Hyperinflation und danach ebenso. Aus ihrer Lebenspraxis fehlte ihnen der Zugang zu Zins, Wechselkursen, Devisen und was da sonst noch alles war. Und mit den "Herren dort oben", waren sie längst fertig. Von "Klassenkampf" und "Rechtsentwicklung", das war Teil ihres Lebens. - Die KPD erreichte bei den Reichstagswahlen am 6. Juni 1920, 4. Mai 1924 und 7. Dezember 1924 folgenden Anteil an den insgesamt abgegebenen Stimmen:

2,1 - 12,6 - 9,0 Prozent.

Für Naumburg Stadt:

0,6 - 12,5 - 10,6 Prozent.

 

Vier Tage vor der Reichstagswahl um 8 Uhr abends bringt DNVP-Ortsvorsitzender Oberlandesgerichtsrat Doktor Fritze im Ratskeller von Naumburg das deutschnationale Propaganda-Grossgeschütz

Theodor Duesterberg

in Stellung. Wenn er am 11. Mai 1924 seine Propaganda-Reden auf dem Deutschen Tag in Halle gehalten, legt er seine Funktion als Geschäftsführer der Deutschnationalen Partei nieder und seine Karriere als Stahlhelm-Führer des Landesverbandes Mitteldeutschland sowie Vorsitzender der Vereinigten Vaterländischen Verbände des Bezirkes Halle a. d. S. beginnt. Heute kürt er den Kampf gegen die Unterjochung und Fremdbestimmung zur wichtigsten Frage der Mai-Wahlen. Das ist nur möglich, betonte der Oberstleutnant ausser Dienst,

wenn wir uns die Wehrhaftmachung
unseres Volkes nicht nehmen
lassen.

Was für ein famoses Vorgehen! Nicht der wirtschaftliche Ruin von Millionen Bürgern und soziale Verfall grosser Bereiche der Gesellschaft infolge Hyperinflation und Geldpolitik bereitete Sorgen, sondern die Pflege alter Feindschaften. Dazu kredenzte Duesterberg dem herzenden Publikum eine weitere Torheit aus dem deutschnationalen Geschichtsbuch: "Das Staatssystem muss zu einem jeden Volke passen, für uns passt das parlamentarische System nicht." Na dann, so der ihm zugeneigte Bürger, sollten wir jetzt die Politiker wählen, von denen wir am ehesten die Demontage der Demokratie erwarten können.

 

In die gleiche Kerbe schlägt der Völkisch-soziale Block (VSB), den

Lokomotivführer Richard Gläsel (Wiesenstraße 3)

anführt. Er wirbt mit Sprüchen wie:

"Das ist die Mission unserer Bewegung:

Hakenkreuz oder Sowjetstern!

Internationale Weltdespotie oder das Heilige Reich deutscher Nation!
Ein Deutschland muss geschmiedet werden von denen, die weder
Bürger noch Proletarier sein wollen, sondern nur Deutsche!
Wir sind die Bewegung, die noch jugendfrisch ist, die in ihrem
Glauben nur eines kennt:

Deutschland den Deutschen!

Wir lehren euch nicht vornehme, bürgerlich, gedämpft, nicht national
zu sein mit Mäßigkeit,

sondern deutsch zu sein mit heiss verzehrender Glut!

An alle Volksgenossen ergeht unser Ruf!
Werktätiges Volk am Pfluge und am Amboss, Offiziere und
Soldaten der alten stolzen Armee, Beamte, ihr berufene Diener des
Staates und ihr alle, die ihr Schaffende und nicht Raffende seid, hört
unsere Mahnung,

reicht Euch die Hände."

 

Die Deutsche Demokratische Partei (DDP) antwortet.

"Die Völkischen verlangen einen neuen Krieg."

Gerichtet an den Bürger, fragt sie weiter:

"Wie werden wir ein einig Volk?

Nicht durch eine zügellose Hetze gegen politisch Andersdenkende.

Nicht dadurch, dass wir fortwährend zwei Drittel des eigenen Volkes als nicht national beschimpfen.

Nicht dadurch, dass wir die Jugend erziehen zur Rohheit und Maulheldentum und sie vorzeitig in den politischen Kampf hineinziehen.

Nicht dadurch, dass wir über mangelnde Staatsautorität jammern und gleichzeitig auf Schritt und Tritt die Vertreter des Staates lächerlich machen.

Nicht dadurch, dass wir in einer Notzeit den Kampf gegen die Republik entbrennen lassen und von der Wiedergutmachung des alten Kaiserreichs schwärmen."

Am 4. Mai plädieren durch Stimmabgabe 549 Naumburger für diesen Weg. Für den Völkisch-sozialen Block votierten hingegen 4.328 Bürger.

 

Zum 27. März lädt der VSB (Völkisch-soziale Block) zur Versammlung ins Schützenhaus ein und verkündet: Wir wollen nicht länger dem ausländischen Kapital dienen. Deshalb soll ihm der mühelose Zugang zum Ertrag deutscher Arbeit abgeschnitten werden.

Was der Völkisch-soziale Block begonnen, führt

Georg Schiele

von der Deutschnationalen Partei fort. Er kündigte am 28. April 1924 im Schützenhaus von Naumburg

"Das Ende der Erfüllungspolitik"

an. In einem zweistündigen Vortrag stellte er, "mit grösster Objektivität und Sachlichkeit", Zitat Naumburger Tageblatt, die Reparationsfrage dar. Die Ausführungen, die grossen Anklang fanden, gliederten sich in die Abschnitte:

Wirtschaft = "Durch Opfer zur Freiheit",
Innenpolitik = "Ihr habt ja keine Macht" und
Aussenpolitik = "Ihr habt ja keine Waffen".

 

Und so sahen die Wahlergebnisse aus.

 



Ergebnisse der Reichstagswahlen in Naumburg (Saale)
am 6. Juni 1920, 4. Mai 1924 und 7. Dezember 1924

 

             
 
Dtl.
Dtl.
Dtl.
Naumburg
Naumburg
Naumburg
 
6. Juni 1920
4. Mai 1924
7. Dez. 1924
6. Juni 1920
4. Mai 1924
7. Dez. 1924
 
Prozent
Prozent
Prozent
Stimmen
Prozent
Prozent
Stimmen
Prozent
Stimmen
                   

DNVP

15,1
19,5
20,5
3271
20,9
31,0
4866
40,4
6798

VSB/
DVFP

 
6,6
3,0
   
27,5
4328
10,8
1816

DVP

13,9
5,7
10,1
5146
32,9
9,3
1457
13,9
2345

DDP

8,3
3,2
6,3
1187
7,6
3,5
549
5,6
941

Zentr.

13,6
13,4
13,7
161
1,0
1,2
191
1,2
209

BVP

4,4
3,2
3,7
           

SPD

21,9
20,5
26,0
1958
12,5
10,6
1661
14,4
2425

USPD

17,6
0,8
0,3
3826
24,5
0,7
107
   

KPD

2,1
12,6
9,0
86
0,6
12,5
1957
10,6
1776

Andere

3,1
8,5
7,5
   
1,1
175
3,1
548

DHP

1,1
               

MP

         
2,7
422
   

Wahlbtg.

79,2
77,4
78,8
           

 

                 
       
15635
100
100
15713
100
16826

 

Zur Reichstagswahl am 7.12.1924, Spalte "VSB/DVLF", Ergebnis (= 1816 Wähler) für Nationalsozialistische Freiheitspartei.

BVP- Bayerische Volkspartei
DHP - Deutsch Hannoversche Partei
DDP - Deutsche Demokratische Partei
DNVP - Deutschnationale Volkspartei
DVP - Deutsche Volkspartei
DVFP - Deutschvölkische Freiheitspartei
VSB - Völkisch-sozialer Block
MP - Mittelstandspartei
SPD - Sozialdemokratische Partei Deutschlands
USPD - Unabhängige Sozialdemokratische Partei
KPD - Kommunistische Partei Deutschlands
WP - Wirtschaftspartei
Zentrum - Deutsche Zentrumspartei (Vertreter des politischen Katholizismus)

 

 

In Naumburg entschieden sich für den VSB 27,5 Prozent (= 4 328 Bürger). Der deutschnationale-nationalsozialistische Machtblock vertritt 1924 rein wahlarithmetisch bereits 58,5 Prozent der Wähler.

Hingegen erhielten die Träger der Verständigungspolitik diesmal lediglich 20,5 Prozent der Stimmen. Drei Tage später titelt die Leipziger Volkszeitung:

100 Sozialdemokraten im Reichstag.

Das ist nicht wenig, aber kaschiert, dass die SPD unter den Erwartungen ihrer Anhänger blieb. Auf "Vereinigungsparteitag" am 24. September 1922 in Nürnberg schloss sie sich mit der USPD zusammen. Und so durfte man eigentlich auf Wähler aus dem Sektor der USPD hoffen, was aber so nicht eintraf. Zugleich rechnet SPD-Blatt mit den Wählern der KPD ab. Weil durch ihre Wahl die Sozialdemokraten geschwächt in den Kampf ziehen, könnte es den Deutschnationalen gelingen, befürchtet am 8. August 1924 die Volksstimme (Magdeburg), zur Macht zu gelangen. Sie werden dann bald merken, dass sie eigentlich die Deutschnationalen ausgesucht hatten.

 

Zusammen mit den Reichstagswahlen am 4. Mai 1924 fanden die Preußischen Gemeinderatswahlen statt. Im Ergebnis zieht der Völkisch-soziale Block, was an anderer Stelle erörtert wird, und die KPD in die Naumburger Stadtversammlung ein. Landesweit konnten sich die Kommunisten gegenüber 1920 deutlich verbessern. Doch bis zu den erneuten Reichstagswahlen am 7. Dezember 1924, vermag die KPD das Tempo nicht zu halten und erreicht in Stadt und Land ihr Leistungsplateau. Ein Umstand, der aus vielen Gründen unbedingt Beachtung verdient.

 

 

Reichstagswahlen am 7. Dezember 1924

Dass nach den Mai-Wahlen gebildete Kabinett Marx II (Zentrum, DVP, DDP, BVP, Parteilose), stösst durch die Unterzeichnung des Londoner Schuldenabkommen, eben auch durch Teilen von der DNVP, bald auf unüberwindbare Schwierigkeiten. Zugleich gehen die bürgerlichen Parteien zunehmend auf Abstand zur SPD. Enorme Schwierigkeiten bereitete die Wiedereinführung der seit 1914 ausgesetzten Agrarzölle, wogegen die Linksparteien opponierten. Gleichzeitig stieg der Druck auf die Regierung von Wilhelm Marx von der bürgerlichen Rechten die Rücksichtnahme auf die Sozialdemokraten aufzugeben und die Regierung nach Rechts zu erweitern. Eine von ihm angedachte große Koalition unter Einschluss von SPD und DNVP war unrealistisch. Zudem musste der Reichskanzler immer wieder mit Widerstand von der DDP und Teilen des Zentrums rechnen. Koalitionsmöglichkeiten gab es - realistisch betrachtet - wenig bis keine. Reichskanzler Wilhelm Marx löste am 11. Oktober 1924 den Reichstag auf und setzte für den 7. Dezember 1924 Neuwahlen an.

Hierzu führt die

Deutschnationale Volkspartei

am 28. November 1924 in Naumburg eine Wahlversammlung durch. Sie wird vom 2. Vorsitzenden der Ortsgruppe Oberlandesgerichtsrat Andres geleitet, der zunächst, was für den Ablauf von Versammlungen etwas ungewöhnlich ist, eine längere Ansprache hält. Die Wähler, sagt er, bekommen 18 Listen zum Reichstag und 17 Listen zum Landtag vorgelegt. "Aber das deutsche Volk kann von diesen Kindereien nicht lassen: jeder will seine besonderen wirtschaftlichen Schmerzen zu Geltung bringen." Die Wirtschaftspartei will die Handwerkerinterssen zur Geltung bringen und vor allem die erdrückenden Steuern, die von der sozialistischen Regierung stammen, senken. Das kann man nur, wenn man die S o z i a l d e m o k r a t e n  zurückschiebt. Dazu bedarf es endlich eines "strammen Zusammenfassen" der Kräfte der Rechtsparteien, denn jede Zerspitterung kostet uns tausende von Stimmen, "die letzten Ende nur der Sozialdemokratie zugute kommen. "In der letzten Versammlung. "In der letzten Versammlung bei den N a t i o n a l s o z i a l i s t e n ist wohl jeder gepackt von dem Sehnen nach nationaler Einheit und Freiheit: es ist dieselbe Sehnsucht, die auch uns beherrscht. Warum also diese Zersplitterung, warum nicht durch das Eintreten in die geistesverwandte Deutschnationale Volkspartei [DNVP]) als rechter Flügel ein Stärken dieser Partei", fragt Oberlandesgerichtsrat Andres, betont aber gleich, die wirtschaftlichen Ziele der NSDAP können wir nicht mitmachen. Wohl erstreben wir ebenso wie sie einen freien Arbeiterstand, was aber unseres Erachtens nur durch Stärkung des bodenständigen Unternehmertums möglich ist. Die D e m o k r a t e n  reden dem Volke vor, dass die in der DNVP enthaltenen Elemente für den verlorenen Krieg verantwortlich sind. Doch, antwortet der stellvertretende Orts-Vorsitzende der DNVP, der Krieg hatte ganz andere Ursachen. Ein Fehler war, dass die Regierung gegen Ende des Krieges nicht gegen die zersetzenden Elemente vorgegangen ist. Obgleich uns an diesen verfehlten Maßnahmen keine Schuld trifft, fühlen wir uns verpflichtet, an dem Wiederaufbau nach besten Kräften mitzuarbeiten.

Dann spricht, angekündigt als einer der fähigsten Köpfe der Partei, der Reichstagsabgeordnete der Deutschnationalen Volkspartei,

Bernhard Leopoldt (1878-1972).

Unser Volk, so seine Eröffnungsrochade, steht vor schweren Entscheidungen. Die wichtigste ist die zwischen rechts und links. Alle anderen Fragen sind nebensächlich. Dabei ist Zersplitterung im rechte Lager sehr bedauerlich. Die Stoßkraft der rechten Front wird geschwächt. Tausende Stimmen gehen verloren.

Zum ihrem Wahlprogramm gibt die DNVP folgendes Statement ab:

Deutschnational ist: Christlich - Völkisch-National! - Sozial!

Deutschnational ist: Kampf gegen die Lüge der deutschen Kriegsschuld, der Quelle aller Not und alles Elends.

Deutschnational ist: Verwerfung des Klassenkampfes, Forderung nach Volksgemeinschaft.

Deutschnational ist: Schutz jeder ehrlichen Arbeit in allen Berufen und Ständen!

Deutschnational ist: Kampf für alle wohlerworbenen Rechte ....

Deutschnational verlangt deutschen, völkischen Geist; verlangt Deutschland für die Deutschen; verlangt Beseitigung sozialdemokratischer Misswirtschaft!

Wer Schwarz-Weiss-Rot will, wählt Deutschnational!

 

 

 

 

Eine Wahlwerbung der besonderen Art organisierte am 1. Dezember 1924 das Landgericht Naumburg für Walter Fieker, indem es eine Berufungverhandlung ansetzte, die sich mit einem Vorfall auf dem letzten Kirschfest befasste. Der in der Stadt gut bekannte Kommunist verwickelte, geschickt oder ungeschickt lassen wir dahingestellt, den Bürgermeister Karl Roloff verbal in eine, zu der an diesen Festtagen durchaus üblichen Saufereien. Angeblich erzählte ihn der Gastwirt Moritz, trägt er dem Gericht vor, dass der Bürgermeister 1/2 5 Uhr frühs von einem Polizeioffizier durch einen markierten Fusstritt aus dem Rösenbergsche Zelt hinausbefördert wurde. Roloff fiel es nicht schwer, dies unter Angabe guter Gründe zu widerlegen. Die Staatsanwaltschaft nahm die Geschichte Recht ernst, weil sie Fieker am 26. Juli in einer kommunistischen Versammlung im Ratskeller ausbreitete. Vor allem deshalb sah sie in diesem Verhalten eine Herabwürdigung der Person des Bürgermeisters gegeben und beantragte deshalb für den Angeklagent vier Wochen Gefängnis. Der Sachverhalt muss hier nicht weiter im Einzelnen seziert und bewertet werden. Darauf kommt es nicht an. Wichtig scheint hingegen, dass die Gerichtsverhandlung sechs Tage vor der Reichstagswahl in Naumburg stattfand und allgemein publik wurde, was den Erfolg der KPD gewiss schmälerte.

In die Zeit zwischen den beiden Reichstagswahen fällt im Juli 1924 die Gründung des Rotfrontkämpferbundes. Wohl begreift er sich in Konkurrenz zum am 22. Februar 1924 gegründeten Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Interessant ist, dass es in Naumburg doch zu einer Zusammenarbeit oder zumindest zum spontanen Miteinander dieser Organisatione aus Anlass verschiedener Aktionen kommt.

Plakat der SPD zu den Reichstagswahlen 1924: Arbeiter! Wählt Eure Partei. Die Sozialdemokratie"
Reichstagswahl
. Künstler: Georg Wilke

Die

Sozialdemokraten werben zur Reichstagswahl

mit einem Rükblick auf die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts nach 1918. Diesmal, heben sie hervor geht darum,

die Republik zu retten und

einen neuen Krieg zu verhüten.

Keine einfache Sache, denn mittlerweile fühlen sich viele Bürger recht- und wehrlos und wollen wieder an die Waffen, was politisch und ideologisch unter Wehrhaftmachung firmiert.

Die

Nationalsozialistische Freiheitspartei (NSFP)

wirft sich in Vorbereitung der Wahlen auf die SPD. Friedrich Ebert macht sie für den Munitionsarbeiterstreik verantwortlich, schiebt ihen die Schuld an Versailles zu und behauptet, dass sie das Volk 1918 um den Sieg betrogen hat. Ebenso lasch bewegt sich gegenwärtig die Deutsche Volkspartei (DVP). Statt die Kriegsschuldfrage wieder aufzurollen, unterzeichnete der Stresemann den Dawes-Plan. Zu allem Überdruss trugen sogar Teile der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) diese Erfüllungspolitik mit. Daraus schlagen die Gegner der Republik weiteres politisches Kapital. Es kommt, was kommen musste: In sechs Jahren Parteienwirtschaft ist Deutschland verludert. Sie verrät und verschachert alles. Soll das so weitergehen? Mehr Frontkrieger ins Parlament, fordert die NSFP. Sie ruft:

Deutsches Volk halt ein in deiner Verblendung!
Fort mit der Jasage-Regierung!

Einen Tag nach Totensonntag lädt die Nationalsozialistische Freiheitsbewegung alle Bürger der Stadt zur Wahlversammlung ein. Vor den zwei Sälen des Ratskellers, die mittlerweile übervoll, herrscht weiter grosser Andrang. 8 Uhr abends eröffnet

Friedrich Uebelhoer

die Versammlung. Zunächst nutzt der ehemalige Weltkriegsoffizier, was in der Stadt mit den ehemals vielen Kasernen und der Kadette, immer gut goutiert wird. der Trauerstimmung des gestrigen Tages, um an die zwei Millionen Frontkämpfer und Opfer in München zu erinnern. Letztere starben "vor Jahresfrist unter den Kugeln Deutscher für Deutschlands Auferstehung". Wir müssen das Vermächtnis unserer Brüder bewahren. Unsere Zukunft wird, wie der Führer Ludendorff sagt, "völkisch sein oder nicht". Eindringlich wendet sich der Redner an die gebildeten Schichten, sich endlich mit der Bewegung zu befassen. Nicht Fichte, nicht Arndt haben vor einhundert Jahren Preussen befreit, auch nicht die Soldaten allein, sondern Preußens Auferstehen verdanken wir der Bauernbefreiung des Reichsfreiherrn von Stein. Unsere Befreiung, zelebriert Ubehöhoer, ist die "Befreiung des deutschen Arbeiters." Die nationalsozialistische Bewegung prangert damit einen Mangel der gebildeten Schicht und des satten Mittelstandes an, die sich um die Seele des deutschen Arbeiters bisher kaum kümmerte. "Und wie Luther vor den Toren Wittenbergs die Bannbulle des Pabstes verbrannte, so verbrennen wir den Aufruf der Regierung, der zu unserer Zertrümmerung aufforderte." Spontaner Beifall.

Dann spricht

Wolf-Heinrich Graf Helldorff aus Wohlmirstedt.

Unvermittelt verteufelt er die Annahme des Dawes-Plans. Dafür gaben 48 DNVP-Abgeordnete ihre Stimme her. Unverzeihlich, dieser Verrat der Männer von Schwarz-Weiss-Rot, was der Bewegung den Glauben an die Reinheit ihrer nationalen Idee nahm. Eine Schande!

Der NSDAP-Ortsgruppe Naumburg bot die Kampagne um den Dawes-Plan ein verzügliches ideologisches Aufmarschfeld. Zum Sprechabend am 30. August 1928, aus Anlass von

4 Jahre Dawesmonarchie

gibt sie eine Erklärung ab. Mit der Preisgabe der Währungs- und Finanzhoheit an die internationale Kontrollkommission legten "fremde Mächte die Hand an der Gurgel des deutschen Volkes". "Der Leitgedanke dieses Systems sei aber nicht der natürliche:

Erst Brot für unser Volk, dann Geld für die anderen."

Versklavt werden die Deutschen, hallt es durch den Ratskellersaal. Noch schlimmer erscheint dem Referenten, Deutschlands Aufsicht durch die "internationale Notenbank". Hinzukommt der Raub unserer Eisenbahn. Als Stinnes die Hand nach ihr ausstreckte, protestierten die Gewerkschaften. Und jetzt, was passiert jetzt? Schliesslich fordert er die Aufhebung der 3. Steuernotverordnung, weil sie den begangenen Raub und Diebstahl am deutschen Volk gutheisst. Eine sozial gerechte Aufwertung ist dringend geboten. Der Durchsetzung dieser Forderung nimmt sich besonders Landeserziehungsrat a. D. als Vorsitzender der Spitzenorganisation der Sparer- und Hypothekenaufwertungsverbandes Doktor Paul Seiffert (1866-1936) an. Er zieht auf der Liste der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung in den Reichstag ein, verlässt die Fraktion aber im Frühjahr 1927 und schliesst sich am 7. Februar 1928 der Volksrechtspartei an.

Wieder missbrauchten besonders die Rechten die nationale Frage als probates Mittel, um von durchgreifenden und wirklich wichtigen gesellschaftspolitischen Fragen, abzulenken.

Wohl wandte sich das liberal-demokratische Bürgertum gegen die Intentionen der völkischen und nationalsozialistischen Bewegung. Doch ist dieser Protest oft kaum wahrnehmbar. Arthur Graf von Posadowsky-Wehner (Naumburg) repräsentiert das konservativ-demokratische Bürgertum. Wo artikuliert es sich nachhaltig?

Von der

Deutschen Volkspartei (DVP)

findet am 4. Dezember abends ihr Landtags-Spitzenkandidat Heidenreich den Weg bis ins Schützenhaus von Naumburg. Zunächst weist er in seiner Rede scharf die Mittel zurück, zu denen die Demokraten greifen. Der politische Widersacher ist nicht mit Handgreiflichkeiten zu überzeugen. Hingegen monieren die Gegner der Volkspartei den Einfluss der Schwerindustrie." Unhaltbar lautet seine Antwort, denn "Die 2,7 Millionen Wähler der Volkspartei im Mai können wohl nicht lauter Schwerindustrielle gewesen sein ….". Das wirft mehr Fragen auf als es beantwortet. Der Referent stellt sich klar auf die Seite der Demokratie und die Ergebnisse vom November 1918. Losung lautet: "Schwarz-rot-gold die Farben der Nation, schwarz-weiss-rot die Mörderfarben." In Naumburg sind damit schwer Stimmen zu gewinnen. Als wenn das Raunen vernommen, sagt er: "Die Volkspartei ist monarchisch gesinnt, arbeitet aber bewusst mit im republikanischen Staate, weil sie zuerst das Vaterland erhalten will." Eine unbestimmte Formel, die absichtlich zu viel offen lässt. Im Dezember 1929 eignet sich die Partei zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise die vom Reichsverband der Deutschen Industrie (RDI) herausgegeben und mit der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (VDA) abgestimmten Denkschrift "Aufstieg oder Niedergang?", an. Ihre wichtigsten Forderungen lauteten: Steuererleichterungen für Unternehmer, Abschaffung der Zwangsschlichtung, Senkung der Staatsausgaben und Reform der Arbeitslosenversicherung durch "Ersparnismaßnahmen, nicht aber durch erhöhte Beiträge". 1931 bietet DVP-Vorsitzender Eduard Dingeldeys (1886-1942) in einem persönlichen Brief Adolf Hitler "die Möglichkeit einer wirklichen Zusammenarbeit" an. Zu den Juli-Wahlen 1932 wird die Partei eine Listenverbindung mit der DNVP eingehen.

Zwei Tage vor der Wahl, war am politischen Himmel ein kleines, hoffnungsvolles Wetterleuchten zu sehen. Die Sparkasse Naumburg teilt mit, dass laut 3. Steuernotverordnung und der hierzu erlassenen Durchführungsbestimmungen die Sparer bis zum 31. Dezember 1924 ihre Guthaben zur Aufwertung angemeldet haben müssen. Nun wird es bald besser. Alles nicht so schlimm. Oder doch?

Im Ergebnis der Wahlen erhalten SPD und DVP mit ihren Ergebnissen die Hoffnungen, weiter als gestaltende politische Kraft zu wirken. Ein Vergleich ihrer Stimmenanteile bei den Reichstagswahlen 6. Juni 1920 - 4. Mai 1924 - 7. Dezember 1924 ergibt folgende Zahlenreihe:

21,9 / 20,5, / 26,0 für die SPD

und

13,9, / 5,7 / 10,1 für die DVP.

Offenbar gelang es der DNVP in Naumburg einige Wähler von der Deutschen Volkspartei (DVP) abzuwerben.

1 816 Bürger (= 10,8 Prozent) entscheiden sich für die Nationalsozialistische Freiheitspartei (NSFP). Gegenüber den Mai-Wahlen bedeutet dies in Naumburg einen drastischen Rückgang (4.3328 / 1.816), also von 28 auf 11 Prozent Stimmenanteil. Wahrscheinlich liegen die primären Ursachen dafür in den innerparteilichen Auseinandersetzungen über den politischen Kurs. (Siehe Kapitel: Die NSDAP in Naumburg).

 

Die DNVP verbessert ihr Ergebnis im Reich von 1920 bis Ende 1924 von 15,1 / 19,5 auf 20,5 Prozent. In der Geburtsstadt von Oskar Hergt schnitt sie mit

20,9 / 31,0 / 40,4 Prozent (= 6 789 Wähler)

noch besser ab. Bei den Dezember-Wahlen stimmen für sie nochmal 1 600 Bürger mehr als zu den vorhergehenden Reichstagswahlen. Im Vergleich zum Juni 1920 verdoppelt sie damit sogar ihren Stimmenanteil.

Im Wahlbezirk Merseburg, wozu der Stadtkreis Naumburg (Saale) gehört, votieren für die Deutschnationalen 195 659 Personen. 1920 waren es 132 330. Der Völkisch-soziale Block (VSB) erhielt 61 756 Stimmen. (Die SPD 110 963.)

Bedenkt man einerseits die Erwartungen der politischen Rechten an die DNVP und andererseits, dass die Hälfte ihrer Reichstagsfraktion am 29. August 1924 dem Dawes-Plan trotz der enthaltenen Souverenitätsbeschränkungen zustimmte, dann überraschen die Naumburger mit der Vergabe von 40 Prozent der Stimmen an diese Partei. Eine Erklärung bietet die Tatsache, dass die Hyperinflation moralisch und finanziell in der Bevölkerung nicht verarbeitet ist. Die politischen Auseinandersetzungen darüber, besonders zur Aufwertung, dauern an. Wie in ihrem Naumburger Wahlaufruf zu sehen war, neigt sie sich zumindest in ihrem Aufruf vom 24. November 1924 den Sorgen der Inflationsgeschädigten zu und fordert: "Soweit es irgend in seinen Kräften steht, muss der Staat das furchtbare Unrecht wieder gut machen, dass es durch unehrliches Geld und ungerechte Gesetze den Volksgenossen zufügte, die ihm vertrauensvoll ihre Ersparnisse hingaben."

Viele Stimmen zog der ehemalige Oberlandesgerichtspräsident von Darmstadt und DNVP-Reichstagsabgeordnete Doktor Georg Best (1855-1946) auf sich, der für die Aufwertung der Währung eintrat. Er wurde gewählt, doch sabotierte die DNVP-Fraktion im Interesse der Industrie und Landwirtschaft seinen Gesetzesentwurf, weshalb er sich im Juni 1925 der Völkischen Arbeitsgemeinschaft anschloss. (Bernd 2004, 382)

Möglicherweise verhalfen der DNVP noch zwei andere politische Dauerthemen zu ihrem passablen Ergebnis: Der Widerstand gegen die ausländische Militärkontrolle und der Protest gegen die Verpfändung der Reichsbahn.

Überdies trug die einschmeichelnde Wahlorganisation der Partei ebenfalls zum Erfolg bei. „Diejenigen unserer Mitglieder, die aus Gesundheitsrücksichten nicht zur Wahl können,“ annonciert die DNVP am 17. November 1924 im Naumburger Tageblatt,

„bitten wir, sich rechtzeitig zu melden, damit die Wagen bereitgehalten werden können.“

Die Rechtsparteien konnten im Wahlkampf auf erhebliche finanzielle Mittel zurückgreifen, die Deutschland in dieser Höhe bisher überhaupt nicht kannte. Die Grossagrarier und die Industrie, von denen sich viele während der Inflation entschulden konnten, geizten nicht mit Zuwendungen. Zur Finanzierung des Wahlkampfes erhob die Schwerindustrie unter ihren Mitgliedern eine Steuer von 2 bis 4 Mark pro Kopf des beschäftigten Arbeiters. (Vgl. Heimann 1925, 13)

Viele Kommentare zu den Reichstagswahlen im Dezember 1924 drehen sich um die Nationalsozialistische Freiheitspartei und Kommunistische Partei Deutschlands. Dabei wird dann manchmal übersehen, dass die in Naumburg so einflussreiche Deutschnationale Volkspartei (DNVP) eine eminent radikale Organisation verkörperte. Sie war viel einflussreicher und mächtiger als die KPD. Von einem übersteigerten und aggressiven deutschen Nationalismus durchsetzt, kehrt mit ihr verstärkt die Rassenfrage in den Alltag zurück. Bereits am 2. September 1921 auf dem DNVP-Parteitag in München erklärte Oskar Hergt den Delegierten, dass die Judenfrage eine Rassenfrage sei. (Bernd 2004, 120). Gekonnt und massenwirksam bedient der Wahlaufruf der DNVP vom 25. November 1924 unter der Losung:

Christlich Völkisch-National Sozial!

völkische, nationalistische und antisozialistische Urinstinkte der Stadtbevölkerung.

 

 

1925: Die Grosse
Hindenburg-Mehrheit
in Naumburg

Jürgen Falter (1986, 17, 147) wies nach, dass der Wahlerfolg der Nationalsozialisten von 1932 mit keinem anderen Ergebnis stärker korreliert als mit der Hindenburg-Wahl von 1925.

Otto Braun kandidiert zur Reichspräsidentenwahl am 29. März 1925 als Nachfolger von Friedrich Ebert gegen Wilhelm Marx (Zentrum), Karl Jarres (DVP) und Ernst Thälmann (KPD).

Plakat: Fester Kurs für die Republik! Wählt Otto Braun.

Reichspräsidentenwahl 29. März 1925, Künstler: Gottfried Kirchbach.

Reichspräsident Friedrich Ebert war am 28. Februar 1925 gestorben. Daraufhin mussten Neuwahlen ausgerufen werden. Arthur Graf von Posadowsky-Wehner (Naumburg) bereitet die politische Reife des Bürgers Sorge. "Nach der Beteiligung an den öffentlichen Wahlen kann man das Gefühl der politischen Verantwortlichkeit und Reife eines Volkes beurteilen." Wer nicht zur Wahl geht ist ein "politischer Deserteur" und vernachlässigt in unentschuldbare Weise die vaterländische Pflicht.

Als Nachfolger von Friedrich Ebert stehen

am 29. März 1925

Karl Jarres (DVP/DNVP), Otto Braun (SPD), Wilhelm Marx (Zentrum), Heinrich Held (BVP), Willy Hellpach (DDP), Erich Ludendorff (Deutsch-völkisch bzw. NSDAP) und Ernst Thälmann (KPD) zur Wahl. Dafür interessierten sich 68,9 Prozent der politischen Bürger und verteilten ihr Stimmen so, dass keiner von ihnen die absolute Mehrheit erhielt.

Zum zweiten Wahlgang

am 26. April 1925

zieht Held (BVP) seine Kandidatur zurück. Wilhelm Marx vom republikanischen Volksblock kandidiert gegen Paul von Hindenburg, dem antirepublikanischen "Reichsblock". Der Kandidat der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), Ernst Thälmann ist Außenseiter.

Sozialdemokraten (SPD), Deutsche Demokratische Partei (DDP) und Zentrum bilden den Volksblock. Sie treten zum Kampf gegen die Hindenburgfront an.

 

 

Der Aufmarsch zur Wahlschlacht. Aus: "Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands". Berlin, den 24. April 1925, Seite 3

 

Hingegen unterstützt die Deutsche Volkspartei (DVP) den Sieger von Tannenberg. Ihre Ortgruppe lädt in Vorbereitung auf die Wahl

am 17. April 1925

zur Versammlung in den Rathaussaal von Naumburg ein. Pastor Zeidler hält die Rede:

„Es kann einem Übel werden von den Wahlen mit dem Parteiengezänk und dem Aufeinanderschieben der Schuld an unserem Elende. … Was verlangen wir vom neuen Reichspräsidenten? Wir brauchen einen Mann für das ganze Vaterland, einen geschulten und bewährten Mann. Marx, der Vorkämpfer für das katholische Zentrum, ist es nicht. …

Wir erwarten [von Hindenburg] Ordnung, und das deckt sich mit seinem Geiste. … Wir brauchen einen Staat, der uns Vertrauen einflößt. Bis jetzt ist die Konjunktur Objekt für ein paar Parteimänner. Sie haben den Staat so heruntergewirtschaftet, daß die Arbeiter vergeblich arbeiteten. Die Lappen, die sie verdienten, waren nichts wert für Frauen und Kinder. …

Wir brauchen Ordnung für alle Gebiete. Zu was für einem wahnwitzigen Durcheinander ist es im Schulwesen gekommen. …. Parteien müssen sein auf politischem Gebiete. Aber Hurrarufen hier und die Internationale dort, helfen nicht.“ (Wahlausschuss 1925)

 

Am Vorabend zum zweiten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl rufen in Naumburg die Vaterländischen Verbände zum Fackelzug auf.

 

 

Zu den Vaterländischen Verbände rechnen: Alldeutscher Verband (1891), Deutscher Kolonialverein (1904 gegründet), Deutscher Wehrverein (1911), Jungdeutschlandbund. Nach dem Kriege: Nationalverband Deutscher Offiziere (N.D.O.) (1918), Marine-Offiziersverband, Reichsoffiziersbund, Reichsbund ehemaliger Kadetten, Preußenbund, Deutscher Hochschulring, Deutsche Adelsgenossenschaft, [die Wehrverbände:] Wehrwolf, Bund Oberland, Jungdeutsche Orden, Bund Wiking, Reichsverband der Baltikumkämpfer, Deutsche Reichskriegerbund Kyffhäuser.

 

 

"Der deutsche Reichspräsident Hindenburg hurra, hurra", schallte es durch Naumburg. Begleitet von zwei Kapellen bewegt sich ein riesiger Menschenpulk vom Kaiser-Friedrich-Platz durch verschiedene Stadtteile zum Markt. Tausende Anhänger der Deutschnationalen, Alldeutschen und Deutschvölkischen waren gekommen. Kamerad Loewe vom Bund der Frontsoldaten hält die Rede. Er spricht über den Sieg bei Tannenberg und davon, wie Hindenburg den Erbfeind im Westen verjagte. Der Stahlhelmführer definiert die bevorstehende Wahl als einen Wendepunkt in der Geschichte. "Ein strammer Vorbeimarsch vor dem Führer auf der Vogelwiese beendet die eindrucksvolle Feier."


Ergebnis der
Reichspräsidentenwahl
vom 26. April 1925

   
 Naumburg Stadt
Naumburg Stadt + Land
   
  Paul Hindenburg
  Kandidat der Rechtsparteien
   
12641
19336
   
74,2 %
 

 

  Marx
  Kandidat von DVP, Zentrum und SPD
 

 

3170
4193
   
18,8 %
 

 

  Ernst Thälmann
  Kandidat der KPD
 

 

1152
1614
   
6,9 %
 

 

  Wahlbeteiligung im Reich
77,6 Prozent
   

Paul Hindenburg wird am 26. April 1925 im zweiten Wahlgang mit 48,3 Prozent der Stimmen (rd. 14 639 000) zum Reichspräsidenten gewählt. Die Rechtsparteien jubeln. In Naumburg Stadt und Naumburg Land können sie ihren Stimmenanteil im Vergleich zum ersten Wahlgang erhöhen. Thälmann und Marx verlieren etwa 10 Prozent der Stimmen.

Am Tag nach der Wahl titelt der sozialdemokratische Vorwärts (Berlin) auf Seite eins oben:

„Hindenburg von
Thälmanns Gnaden“.

"Hindenburg, monarchistischer Präsident einer Republik, die eine republikanisch gesinnte Mehrheit hat? Gellender Wahnsinn! Wahnsinn aus Moskaus Küche." Der Kommentar stellt darauf ab, dass der KPD-Wahlkampf dem Kandidaten Marx (rd. 13 753 000 Stimmen) die rund 1 932 000 Thälmann-Voten entzogen hat.

Warum Hindenburg? Worauf gründet sein mächenhafter Ruhm, fragt Carl von Ossietzky 1927. "Sein deutsches Publikum will Agamemnon, will den Helden. Und sieht deshalb die nüchterne Wirklichkeit in einer Verklärung von Kriegsglanz und Staatsmannsweisheit." ….. "Vergessen, dass sein beliebter Name ebenso wie der Ludendorffs die Politik der Kriegsverlängerung gedeckt hat."

An die "Die grosse Hindenburg-Mehrheit unseres Wahlkreises" knüpft das Naumburger Tageblatt die Forderung: "Scharen wir uns um den getreuen deutschen Ekkehard."

Um einen Kriegsverlängerer und Antidemokraten?

 

Der Magistrat, Stahlhelm, Jungdo, Wehrwolf und Kriegerverein rufen am Sonntag, den 2. Oktober 1927:

Kommt raus zum grossen Fackelzug!

Bad Kösen, ein Nachbarort von Naumburg, gedenkt den 80. Geburtstages des Ehrenbürgers Herrn Reichspräsident, Generalfeldmarschall v. Beneckendorff und u.v. Hindenburg.

 

 

[Aufruf] "An alle Bewohner von Naumburg Stadt und Land zur Sammlung der Ruhrhilfe". "Naumburger Tageblatt", Naumburg den 25. Januar 1923

Bernd, Hans Dieter: Die Beseitigung der Weimarer Republik auf "legalem" Weg. Die Funktion des Antisemitismus und der Agitation der Führungsschicht der DNVP. Dissertation. Angefertigt im Fachbereich ESGW. Neue Deutsche Geschichte, Fernuniversität Hagen. Aachen, Dezember 2004

Denkschrift über den Ausbau der Besteuerung von Inflationsgewinnen. Ausgegeben am 23. April 1925. Reichstagsprotokolle. N 803, 1924/ 28,17. Der Reichsminister der Finanzen. Herausgegeben vom Reichsfinanzministerium. Berlin, April 1925

Der Aufmarsch zur Wahlschlacht: Aus: Vorwärts. "Berliner Volksblatt. Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands". Freitag, den 24. April 1925, Seite 3

Der Wahlaufruf der Deutschnationalen Volkspartei. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 25. November 1924

Der Kampf um die Aufwertung. "Leipziger Volkszeitung. Organ für die Interessen des gesamten werktätigen Volkes." Leipzig, den 14. Juli 1925

[DDP] Wie werden wir wieder frei? [Wahlwerbung der Deutschen Demokratischen Partei, DDP]. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 3. Mai 1924

Die Sachverständigen-Gutachten: die Berichte der von der Reparationskommission eingesetzten beiden Sachverständigenkomitees vom 9. April 1924 nebst allen Beilagen. Einzige autorisierte Ausgabe in Auftrage des Auswärtigen Amtes amtlicher Text der Reparationskommission in französischer und englischer Sprache und amtliche deutsche Übertragung. Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte, Berlin 1924

Die grosse Hindenburg-Mehrheit unseres Wahlkreises. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 27. April 1925

Deutschnational kämpft für Schwarz-Weiss-Rot! [Wahlkampagne der DNVP] "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 6. Dezember 1924

[DVP] Das Programm der Stinnes Partei. "Leipziger Voklszeitung. Organ für die Interessen des gesamten Volkes.", Leipzig , den 11. November 1922

100 Sozialdemokraten. "Volksstimme. Tageszeitung der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei." [Abkürzung VS] Magdeburg, den 8. Mai 1924

Falter, Jürgen, Thomas Lindenberger und Siegfried Schumann: Wahlen und Abstimmung in der Weimarer Republik. Materialien zum Wahlverhalten 1919-1933. Verlag C.H. Beck, München 1986

Fischart, Johannes: Oskar Hergt. Die Weltbühne, XVIII. Jahrgang, 26. Januar 1922, Nummer 4, Seite 85 bis 88

[Heidenreich] Landtagskandidat Heidenreich über "Das wahre Gesicht der Deutschen Volkspartei". "Naumburger Tageblatt". Naumburg, den 6. Dezember 1925

Heimann, Hugo: Der Kampf um die Aufwertung. Von Helfferich bis Hindenburg. Verlag J. H. W. Dietz Nachf., Berlin 1925

Heydeloff, Rudolf: Staranwalt der Rechtsextremen. Walter Luetgebrune in der Weimarer Republik. In: Vierteljahres Hefte für Zeitgeschichte. München, 32 (1984) Heft 3, Seite 373 bis 421

Heydeloff, Rudolf: Staranwalt der Rechtsextremen. Walter Luetgebrune in der
Weimarer Republik. In: Vierteljahres Hefte für Zeitgeschichte. München, 32 (1984) Heft 3, Seite 373 bis 421

Hindenburg von Thälmanns Gnaden. Vorwärts. Berliner Volksblatt. Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei. Berlin, den 27. April 1925

Holzbach, Heidrun: Das "System Hugenberg". Die Organisation bürgerlicher Sammlungspolitik vor dem Aufstieg der NSDAP. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1981

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Schiele, Georg Wilhelm: Währungsverfall und Reparationen. Reichenbachsche Verlagsbuchhandlung. März 1924

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Über die Wahlversammlung der National-Sozialistischen Freiheitspartei. "Naumburger Tageblatt", Naumburg, den 25. November 1924

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Plakat: Arbeiter! Wählt Eure Partei. Die Sozialdemokratie. Reichstagswahl 4. Mai 1924 oder 7. Dezember 1924. Künstler: Georg Wilke. Friedrich-Ebert-Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

Plakat: Wahlwerbung der KPD zur Reichstagswahl am 4. Mai 1924. Friedrich-Ebert-Stiftung. Archiv. www.fes.de, Archiv der sozialen Demokratie, Download Angebote, 2008

 


Autor:
Detlef Belau


Geschrieben: April 2005. Aktualisiert: 18. Juni 2008
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